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Goethes «Torquato Tasso» und die historische Dichtergestalt

Reinhard Travnicek

Der historische Tasso ist mehr als stoffgeschichtliche Quelle für Goethes Drama. Mit kenntnisreicher EinfMit kenntnisreicher Einfühlung in das Krisenhafte einer historischen Spätzeit hat Goethe den italienischen Renaissancedichter zum Sinnbild für die gesellschaftliche, existentielle und künstlerische Problematik des modernen Dichters gemacht. Anhand der Dichtungskonzeption lassen sich epistemologische Konvergenzen, aber auch Divergenzen zwischen Renaissance und Goethezeit untersuchen. Die Renaissance kennt noch keinen autonomen Subjektsbegriff und auch keine vom höfischen Repräsentationsanspruch freie Kunst. Goethes Tasso erhebt gerade diese Forderungen zur Maxime und ebnet dadurch den Weg zu Romantik und Moderne.
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3. Zerrissenheit als epochale Befindlichkeit

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3.1Krise und Identitätsdiffusion

Die aus dramaturgischer, aber auch aus psychologischer Sicht zentrale Szene ist das Gespräch Tasso-Antonio im zweiten Aufzug. Ihr kommt quasi eine katalysatorische Funktion im Hinblick auf Ausbruch und Verlauf der Krise zu, die Tasso durchläuft. Zwar konnte oben gezeigt werden, dass auch Antonio (wie die Prinzessin) kein einheitliches Charakterprofil aufweist, sondern selbst ihn widersprüchliche und zu seinem beherrschten Auftreten gegenläufige Regungen bestimmen;179 im Gespräch mit Tasso verkörpert er jedoch eindeutig die nüchterne und pragmatische Seite des Hofmanns. Tasso hingegen begegnet ihm, ohne Rücksicht auf höfische Zurückhaltung, überschwänglich und trägt ihm augenblicklich seine Freundschaft an. Er nimmt Antonio lediglich aus der eigenen Perspektive wahr und setzt seine Vorstellung von idealer Ritterwelt und edlem Menschentum implizit bei dem älteren voraus. An gesellschaftliche Normen fühlt er ← 87 | 88 → sich Antonio gegenüber nicht gebunden, hat er ihm doch gleich zu Beginn „Herz und Hand“ (V. 1200) geboten. Antonio reagiert brüskiert und hält umso entschiedener an den Umgangsformen des höfischen Verhaltens fest, zumal da die strikte Wahrung des Dekorums für den Hofmann ja Wesen und Fortbestand der Gesellschaft sichert. Die Unmäßigkeit und das Ungestüm in Tassos Auftritt disqualifizieren ihn in den Augen Antonios daher von Beginn an. Im Übrigen ist der junge Dichter für den erfahrenen Diplomaten kein ebenbürtiger Gesprächspartner. Sein Ansinnen, mit ihm eine Geistes- und Seelenfreundschaft anzubahnen, weist Antonio kühl...

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