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Multimodale Kommunikation im Social Web

Forschungsansätze und Analysen zu Text–Bild-Relationen

Series:

Christina Margrit Siever

Multimodalität ist ein typisches Merkmal der Kommunikation im Social Web. Der Fokus dieses Bandes liegt auf der Kommunikation in Foto-Communitys, insbesondere auf den beiden kommunikativen Praktiken des Social Taggings und des Verfassens von Notizen innerhalb von Bildern. Bei den Tags stehen semantische Text-Bild-Relationen im Vordergrund: Tags dienen der Wissensrepräsentation, eine adäquate Versprachlichung der Bilder ist folglich unabdingbar. Notizen-Bild-Relationen sind aus pragmatischer Perspektive von Interesse: Die Informationen eines Kommunikats werden komplementär auf Text und Bild verteilt, was sich in verschiedenen sprachlichen Phänomenen niederschlägt. Ein diachroner Vergleich mit der Postkartenkommunikation sowie ein Exkurs zur Kommunikation mit Emojis runden das Buch ab.
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10 Fazit und Ausblick

10  Fazit und Ausblick

Die in der vorliegenden Arbeit analysierte Foto-Community Flickr ist eine für das Social Sharing und auch generell für das Social Web typische Anwendung: In der Community gibt es einige äußerst aktive Heavy User, denen eine große Anzahl von Nutzenden gegenübersteht, die nur gelegentlich Inhalte publizieren. Typische Merkmale der Kommunikation im Social Web sind, wie sowohl die bisherige Forschungsliteratur als auch die empirische Analyse gezeigt haben, die Multimodalität und der Multilingualismus. Voraussetzung für erstere ist die Verfügbarkeit von Kameras sowie schnelle Übertragungsraten bei der digitalen Kommunikation, Ursache der letzteren die Globalisierung und weltweite Vernetzung. Für die Forschung im Bereich Social Web zeitigt dies folgende Konsequenzen: Wer die Kommunikation im Social Web erforscht, kommt nicht um die Multimodalität herum, folglich ist grundlegende Forschung in diesem Bereich zwingend notwendig für weitergehende Analysen. Zudem sollten größere Forschungsprojekte im Bereich Kommunikation im Social Web einzelsprachübergreifend realisiert werden, wie dies beispielsweise in dem abgeschlossenen Projekt sms4science und dem geplanten What’s up, Switzerland? der Fall ist.492

Das in dieser Arbeit in den Fokus gerückte Social Sharing unterscheidet sich von anderen Aktivitäten im Social Web dadurch, dass veröffentlichte Inhalte mit Metadaten versehen werden. Das Social Tagging ist eine typische und vielgenutzte Komponente des Social Sharings: Die Analysen zeigen, dass auf 85 % aller Fotoseiten Tags anzutreffen sind. Im Gegensatz dazu ist die hier untersuchte kommunikative Praktik der Notizenkommunikation weniger populär, lediglich 5 % aller Fotoseiten sind mit Notizen versehen. Tags sind in 90 % der Fälle Substantive, davon wiederum sind 63 % Eigennamen; je hälftig handelt es sich bei den Tag-Bild-Bezügen um inhaltliche und formale Relationen. Seit Mai 2015 werden auf Flickr automatische Tags vergeben, die auf Objekterkennungssystemen basieren. Während manuell vergebene Tags einzelsprachabhängig sind, werden die auto-matischen Tags entsprechend der von den Nutzenden ausgewählten Plattform-Sprache übersetzt, Analoges könnte für die häufigsten manuell vergebenen Tags auch angeboten werden, um die Kommunikation in der multilingualen Community zu verbessern. Gerade am Beispiel des automatischen Taggings zeigen sich zwei wichtige Aspekte: Einerseits haben technische Neuerungen oftmals einen Einfluss auf Kommunikationspraktiken. So wäre zu untersuchen, inwiefern sich ← 411 | 412 → durch die Einführung der automatisch vergebenen Tags die Praxis des Social Taggings verändert, insbesondere dann, wenn die automatische Bilderkennung besser wird. Zurzeit sind die automatischen Tags oftmals entweder noch viel zu allgemein (und dadurch nutzlos) oder gar falsch. Um Veränderungen wie die oben genannte nachzuzeichnen, sind Analysen in der Art der vorliegenden als Vergleichsbasis unabdingbar. Vieles, was in dieser Studie erörtert wurde, wird sehr schnell veraltet sein, doch liegt der Wert dieser Arbeit vor allem auch darin, dass der Status quo qualitativ wie quantitativ festgehalten wird. Andererseits kann konstatiert werden, dass die genannten zu allgemeinen und falschen automatischen Tags den Wert von Folksonomien unterstreichen: Beim automatischen Tagging auf Flickr wurden beispielsweise dunkelhäutige Menschen teilweise mit den Tags monochrom, Tier und Affe versehen und Bilder eines Konzentrationslagers erhielten die Schlagwörter Sport und Klettergerüst.493 Kritikern des Social Taggings kann folglich entgegengehalten werden, dass eine laienhafte Verschlagwortung besser ist als eine fehlerhafte automatische oder gar keine. Zudem könnten Resultate von Analysen des Social Taggings nützlich sein, wenn Systeme der automatischen Verschlagwortung implementiert und abgeglichen werden, denn je mehr die automatischen Tags den Gewohnheiten der Nutzenden entsprechen, desto eher werden sie wohl von den Community-Mitgliedern akzeptiert.

Im Hinblick auf die Notizen-Kommunikation lässt sich feststellen, dass bei dialogischen Notizen die Notizfelder größtenteils in der gewohnten Leserichtung, d. h. nach rechts und unten, platziert werden. Dies zeigt, dass kulturell determinierte Gewohnheiten nicht leichtfertig aufgegeben werden. Bei Notiz-Bild-Relationen sind – im Gegensatz zu den meist redundanten Tag-Bild-Relationen – komplementäre Text-Bild-Relationen von besonderem Interesse. Die exemplarische Analyse zeigt, dass explizit deiktische Relationen häufiger vorkommen als implizite. In diesem Bereich der pragmatischen Text-Bild-Relationen wäre weiterführende Forschung vonnöten: An größeren Datenmengen sollte analysiert werden, welche Auswirkungen auf die Sprache festzustellen sind, wenn verschiedene semantische Rollen auf Text und Bilder verteilt sind. In diesem Zusammenhang wird ersichtlich, dass linguistische Termini wie beispielsweise Ellipse teilweise inadäquat sind, da ein Text zwar als elliptisch bezeichnet werden kann, wenn man ihn isoliert betrachtet. Tatsächlich fehlt die Information jedoch nicht, sondern ist lediglich in der anderen Modalität, dem Bild, realisiert. In künftiger Forschung sollte eine entsprechende Terminologie erarbeitet werden. Generell wären Text- ← 412 | 413 → Bild-Relationen eingehender zu untersuchen, die dem simultanen Muster folgen, d. h. bei denen extradiegetische Texte im Bild platziert sind, beispielsweise bei Postkarten oder Kommentaren auf Werbeplakaten. Im Anschluss daran könnten dann auch Vergleiche der Text-Bild-Relationen zwischen den verschiedenen Kommunikationsformen angestellt werden. Grundsätzlich ist anzumerken, dass Text-Bild-Relationen in (bei Postkarten und Werbung zumindest teilweise) laienhaft produzierten Kommunikaten ein Forschungsdesiderat darstellen.

Da es sich bei der vorliegenden Analyse der kommunikativen Praktiken des Social Taggings und der Notizenkommunikation um eine der ersten ihrer Art handelt, gibt es über die angesprochenen Desiderata hinaus zahlreichen weiteren Forschungsbedarf. Die in meinen Augen wichtigsten Aspekte seien im Folgenden genannt: Weil die vorliegende Studie produktorientiert war, müssten die vorliegenden Ergebnisse in einem weiteren Schritt durch produktions- und rezeptionsorientierte Analysen gegebenenfalls verifiziert oder modifiziert werden. In weiterführenden Arbeiten müssten zudem auch die Kommentare sowie ihre Relationen zu den Fotos näher analysiert werden. Insbesondere im Hinblick auf die Mehrsprachigkeit stellen die Texte bei Flickr einen untersuchenswerten Gegenstand dar. In bisherigen Studien zu Folksonomien beispielsweise ging man zumeist fälschlicherweise von Monolingualismus aus (Jung 2013: 60). Hier bietet sich ein interdisziplinäres Projekt mit Linguistinnen und Linguisten verschiedener Philologien an, in dem in sprachvergleichenden Analysen Text-Text- und Text-Bild-Relationen – auch im Hinblick auf eine allfällige Kulturspezifik – untersucht werden könnten.

Noch allgemeinere Forschungsdesiderate betreffen die Frage, inwiefern sich die Stellung der (Schrift-)Sprache durch die zunehmende Bedeutung von Bildern verändert. Diese Frage kann nur auf empirischer Basis und in einer diachronen Perspektive beantwortet werden. Außerdem sollten im Bereich der Bildlinguistik Forschungsergebnisse für andere Disziplinen bereitgestellt werden. Denn wie bereits erwähnt, kommt man in Bezug auf die Kommunikation im Social Web nicht umhin, Bilder zu beachten; als Beispiel seien Sentimentanalysen in der Marketingforschung erwähnt. Weitere Forschungsdesiderate werden in Zukunft hinzukommen, da sich die technischen Möglichkeiten im Hinblick auf die multimodale Kommunikation stets verändern. Exemplarisch sei dies im Folgenden als Ausblick in Bezug auf die Kommunikation mit Emojis dargelegt.

Text-Bild-Relationen in Foto-Communitys sind, wie in der vorliegenden Arbeit gezeigt wurde, komplex und vielfältig. Auf einer Fotoseite können sich verschiedene Texte wie Bildtitel, Bildbeschreibung, Tags, Kommentare und Notizen aufeinander sowie einzeln oder auch gemeinsam auf das Bild beziehen. ← 413 | 414 → Da in Unicode kodierte Bildzeichen wie beispielsweise image, image, image, image oder image in all diesen Texten vorkommen können, sind neben den genannten intertextuellen und intermodalen Bezügen auch interpiktoriale realisierbar. Seit 2014 und somit nach Abschluss der hier vorliegenden Analyse ist es zudem möglich, in der Foto-Community Flickr auch Emojis zu verwenden. Dadurch dürften die Text-Bild-Relationen noch vielschichtiger und komplexer werden. Anhand der Abbildung 127 soll dies beispielhaft aufgezeigt werden. Der Titel des ersten Bildes lautet Fotogenste Bibliothek image. Aus semantischer Perspektive handelt es sich hierbei um eine Holonymie-Relation, sofern man Bibliothek als »[große] Sammlung von Büchern« (Duden 2007b, Herv. CMS) auffasst. Das Bild zeigt eine Bibliothek, folglich liegt zwischen dem Wort Bibliothek im Bildtitel und dem Bild eine Äquivalenzrelation vor. Das Emoji Bücher hingegen steht als Pars pro Toto für die im Bild abgebildeten Bücher.

Beim zweiten Bild lautet der Titel: SEMF image. Auf dem Bild sind eine Menschenmenge und eine Lasershow zu sehen und man kann vermuten, dass es sich dabei um eine Musikveranstaltung handelt. Und in der Tat: Das im Titel verwendete Akronym SEMF steht für Stuttgart Electronic Music Festival. Dahinter sind drei Emojis platziert; die dazugehörigen offiziellen Beschreibungen lauten »Mehrere Musiknoten«, »Ok-Handzeichen« und »Lächelndes Gesicht mit herzförmigen Augen«. Mit dem Emoji image wird auf eine weitere Modalität verwiesen, die üblicherweise nur gemeinsam mit dynamischen Bildern auftritt, nämlich die Musik. Das darauf folgende Emoji image stellt eine Prädikation dar, die Musik ist »Ok«, wobei das »Ok-Handzeichen« im deutschen Sprachraum tendenziell gar in der Bedeutung »spitze« oder »super« gebraucht wird. Das »Lächelnde Gesicht mit herzförmigen Augen« schließlich kann ebenfalls als Prädikation verstanden werden, der Bildurheber liebt die Musik bzw. die Musikveranstaltung.

Das dritte Bild trägt den Titel Audimax image: Audimax ist ein »studentisches Kurzwort für Auditorium maximum« (Duden 2013), also den »größte[n] Hörsaal einer Hochschule« (Duden 2012). Die offizielle Beschreibung des Emojis image lautet »Doktorhut«. Da sich im Hörsaal jedoch weder Promovierte befinden noch ein Doktorhut abgebildet ist, liegt hier keine Nomination, sondern eine Assoziationsrelation vor: Der Doktorhut steht symbolisch für den Doktorgrad, den man an Hochschulen erwerben kann bzw. für die Wissenschaft oder Universität im Allgemeinen. ← 414 | 415 →

Abbildung 127:  Emojis in Bildtiteln494

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Forschungsdesiderate in Bezug auf Emojis betreffen einerseits die Musterbildung, d. h. in welchen Kontexten ein bestimmtes Emoji mit welcher Funktion verwendet wird. Es gilt hierbei zu prüfen, inwiefern sich (Bedeutungs-)Konventionen herausbilden, insbesondere im Hinblick auf die syntaktische Kombination mit Text. Andererseits bilden sich im Zuge solcher ikonographetischer Kommunikate, die sich auf Bilder – wie in Abbildung 127 auf Fotos – beziehen, neue und komplexere Relationen heraus, die zu erforschen sind. Wenn sich ikonographetische Kommunikate auf ein Foto beziehen, handelt es sich dabei nicht mehr um einfache Text-Bild-Relationen, sondern um komplexere Bild-Text-Bild-Relationen.

Multimodale Kommunikation im Social Web ist – wie die vorangehenden Ausführungen zeigen – ein sehr weites Feld. Das Ziel der vorliegenden Arbeit wäre dann erreicht, wenn die theoretischen Überlegungen und die Ergebnisse der empirischen Analysen zu Denkanstößen verhelfen würden und Impulse für weitere medienlinguistische Forschung in diesem Bereich geliefert werden könnten. ← 415 | 416 → ← 416 | 147 →


492   www.sms4science.org und http://www.whatsup-switzerland.ch/ (04.07.2015).

493   http://www.golem.de/news/unsensible-verschlagwortung-flickr-sorgt-mit-automatik-tags-fuer-aufregung-1505–114202.html (04.07.2015).

494   Bei den Abbildungen handelt es sich um Vorschaubilder, die in der Flickr-Suche angezeigt werden, weshalb die Titel hier innerhalb des Bildes statt – wie üblich auf einer Fotoseite – unterhalb stehen. Urheber der Fotos ist Tilo Hensel: https://www.flickr.com/photos/tilolit.