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Antisemitismus im Reichstag

Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik

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Susanne Wein

Die Studie untersucht erstmals judenfeindliche Äußerungen im Reichstag der Weimarer Republik und weist nach, dass Antisemitismus ein relevantes Deutungsmuster darstellte. Aus zahlreichen Beispielen der Themenfelder Ostjudendebatten, Barmat-Skandal und Reparationen sowie anhand des Umgangs mit Abgeordneten jüdischer Herkunft erarbeitet das Buch eine Sprache der Judenfeindschaft von manifester Propaganda bis hin zu kulturell eingeschriebenen Wendungen. Der antisemitischen Agitation der Rechtsextremen und den codierten Sprachmustern der Rechten stehen entweder ausbleibende oder zunehmend erlahmende Reaktionen der bürgerlichen und linken Parteien gegenüber. Sie verdeutlichen einen Mangel an Sensibilität für die Macht des Wortes und weisen auf ein Versagen von Teilen der Öffentlichkeit hin.
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III. Untersuchung der Debatten im Reichstag

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III.Untersuchung der Debatten im Reichstag

1.Ostjuden in Deutschland

Der Begriff Ostjude wird in dieser Studie als neutrale Bezeichnung für aus osteuropäischen Ländern und Russland zugewanderte Jüdinnen und Juden bzw. Personen jüdischer Herkunft übernommen, der größte Anteil kam aus Polen und Galizien.657 Zeitgenössisch hatte der Begriff zumeist eine negative Konnotation inne.658 Je nach Radikalität behauptete die judenfeindliche Propaganda, alle Juden in Deutschland seien zugewanderte Ostjuden und sollten unter Fremdenrecht gestellt werden. Die vorliegende Untersuchung betrachtet das von außen stereotyp aufgeladene Bild vom ‚Ostjuden‘ und beschäftigt sich nicht mit der jüdischen Binnensicht. Es gab in innerjüdischen Debatten unter den „ungleichen Brüdern“ (Steven Aschheim) von West- und Ostjuden ein ganzes Spektrum an Meinungen659, von den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens der CV-Richtung bis hin zu den Zionisten oder auch innerhalb ostjüdischer Gruppen vom Allgemeinen jüdischen Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland (Bund)660 bis zur Poale Zion.

Das Phänomen der Chiffrierung und Stereotypisierung von (Ost-)Juden hat keinen klar umrissenen Anfangspunkt. Alle Muster und Bilder haben tief in die Geschichte hineinreichende Wurzeln. Dennoch gab es zeittypische Veränderungen in judenfeindlichen Darstellungen und Abwandlungen traditioneller Stereotype. Für den Untersuchungszeitraum ist ein zentraler Aspekt das Bild vom ‚Ostjuden‘, der als deklassierter eindringender Fremder und als „lästiger Ausländer“ galt (Kap. III.A.1.). Die Debatten um eine Verhinderung der Massenzuwanderung, um Aus ← 145 | 146 → weisung und Inhaftierung und um Wohnungs- und Arbeitsplatzfragen...

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