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Antisemitismus im Reichstag

Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik

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Susanne Wein

Die Studie untersucht erstmals judenfeindliche Äußerungen im Reichstag der Weimarer Republik und weist nach, dass Antisemitismus ein relevantes Deutungsmuster darstellte. Aus zahlreichen Beispielen der Themenfelder Ostjudendebatten, Barmat-Skandal und Reparationen sowie anhand des Umgangs mit Abgeordneten jüdischer Herkunft erarbeitet das Buch eine Sprache der Judenfeindschaft von manifester Propaganda bis hin zu kulturell eingeschriebenen Wendungen. Der antisemitischen Agitation der Rechtsextremen und den codierten Sprachmustern der Rechten stehen entweder ausbleibende oder zunehmend erlahmende Reaktionen der bürgerlichen und linken Parteien gegenüber. Sie verdeutlichen einen Mangel an Sensibilität für die Macht des Wortes und weisen auf ein Versagen von Teilen der Öffentlichkeit hin.
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B. Das ‚internationale jüdische Kapital‘ verlangt „Tribute“

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Das Trauma der Niederlage im Weltkrieg saß in breiten Bevölkerungsschichten in Deutschland tief. Eine Methode, das beschädigte nationale Selbstbewusstsein zu stärken, war die Opferstilisierung, wonach der Versailler Friedensvertrag und insbesondere der sogenannte Kriegsschuldparagraf (s.u.) als Schmach und Unrecht galt. Damit einher ging ein beibehaltenes, manichäisches Denken, welches das Eigene, „Nationale“ als gut und das Ausländische, „Internationale“ – die Alliierten – als feindlich und schlecht zementierte.

Nachdem in der Nachkriegszeit von den Antisemiten mit der Stereotypisierung ‚des Ostjuden‘ ein wirkungsvoller Sündenbock und innerer Feind geschaffen worden war, stellt sich die Frage, wie vor diesem Hintergrund der Blick auf das Ausland konstruiert wurde. Dieses Kapitel untersucht die Reichstagsdebatten zur Außenpolitik und ihren zentralen Aspekt: die Kriegsreparationen. Gab es, neben anderen, auch antisemitische Deutungsmuster? Welche Rolle spielten sie in der Feindbildkonstruktion und bei der Betrachtung ökonomischer Verhältnisse der Weltwirtschaft? Welche Bildsprache benutzten die Reichstagsabgeordneten in diesem Diskurs? Wie reagierten die Abgeordneten der Parteien der Mitte auf die Invektiven aus den Flügelparteien gegen die außenpolitischen Verhandlungen? Zunächst wird der politisch kulturelle Hintergrund in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts dargestellt und auf das virulente Stereotyp der ‚internationalen jüdischen Kapitals‘ eingegangen, um dann die Situation nach dem Krieg bis zum letztlich erfolgreichen Abschluss des Dawes-Planes im August 1924 zu skizzieren (Kapitel B.1.). Dieser Kontext ist wichtig, um das hegemoniale Narrativ der deutschen Selbstwahrnehmung für die Struktur der Debatten sowie die Besonderheiten der II. Wahlperiode 1924 einordnen zu können. Kapitel B.2 analysiert...

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