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Antisemitismus im Reichstag

Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik

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Susanne Wein

Die Studie untersucht erstmals judenfeindliche Äußerungen im Reichstag der Weimarer Republik und weist nach, dass Antisemitismus ein relevantes Deutungsmuster darstellte. Aus zahlreichen Beispielen der Themenfelder Ostjudendebatten, Barmat-Skandal und Reparationen sowie anhand des Umgangs mit Abgeordneten jüdischer Herkunft erarbeitet das Buch eine Sprache der Judenfeindschaft von manifester Propaganda bis hin zu kulturell eingeschriebenen Wendungen. Der antisemitischen Agitation der Rechtsextremen und den codierten Sprachmustern der Rechten stehen entweder ausbleibende oder zunehmend erlahmende Reaktionen der bürgerlichen und linken Parteien gegenüber. Sie verdeutlichen einen Mangel an Sensibilität für die Macht des Wortes und weisen auf ein Versagen von Teilen der Öffentlichkeit hin.
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C. Abgeordnete jüdischer Herkunft im Reichstag

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Die meisten deutschen Jüdinnen und Juden waren progressiv eingestellt, begrüßten die Emanzipation und die Wahlberechtigten wählten im Kaiserreich überwiegend liberal.1322 Diese Haltung war seit den 1860er Jahren eng mit der Nationalliberalen Partei verbunden, die mit Eduard Lasker und Ludwig Bamberger zwei prominente jüdische Politiker in ihren Reihen hatte. Die Partei stand für eine deutsche Einigung unter Preußens Führung, die Rechtsgleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und trieb Wirtschaft und Industrie voran. Nach der Spaltung der Partei tendierten die jüdischen Wähler am Ende des Kaiserreichs zur fortschrittlichen Richtung.1323

Auch die 1890 in Preußen wieder zugelassene Sozialdemokratie bekam zunehmend Unterstützung von Juden, zum Teil weil sich die Sozialstruktur der jüdischen Bevölkerung änderte und die Angestelltenverhältnisse zunahmen. Überdies dokumentieren (auto-)biografische Zeugnisse aus deutsch-jüdischen Elternhäusern der (groß-)bürgerlichen Schicht eine Hinwendung zur Sozialdemokratie.1324

Das katholische Zentrum war für einen kleinen Teil der jüdischen Wählerschaft bereits während des Kaiserreichs interessant, weil es offiziell für Gleichberechtigung eintrat. Manche religiös eingestellte deutsche Juden sowie konservativ ländlich geprägte fühlten sich im Wertekanon der Zentrums-Partei mitunter aufgehoben, auch wenn an deren Basis und in den Partei-Zeitungen immer wieder antisemitische Äußerungen stattfanden.1325

Die positive Einstellung zum Liberalismus zeigte sich in der Wahl zur Nationalversammlung, bei der die DDP große Unterstützung von den jüdischen Wählern und (erstmals zur Wahl zugelassenen) W...

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