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Geschichte in Bildern – Bilder in der Geschichte

Fallbeispiele zur historischen Bildforschung

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Eugen Kotte

Seit den 1990er Jahren hat sich das Augenmerk der Geschichtswissenschaft zunehmend auf die Auseinandersetzung mit bildlicher Überlieferung gerichtet, eine Entwicklung, die ganz unmittelbar im Kontext des kulturwissenschaftlichen Iconic Turn zu sehen ist. Bilder werden seitdem grundsätzlich in die historische Forschung und Vermittlung einbezogen und weit über ihre bloße Illustrations- und Anschauungsfunktion als genuine Quellen, als Medien der Erinnerungskultur sowie als geschichtskulturelle Objektivationen wahrgenommen. Es interessieren neben ihrer artifiziellen Eigenart sowohl der Produktions- als auch der Rezeptionsprozess, nach deren jeweiligen Kontexten nun dezidiert gefragt wird. Dieser Visual History tragen die Beiträge dieses Bandes Rechnung, indem sie nicht nur verschiedene Zugriffe aufweisen und höchst unterschiedliche Inhalte thematisieren, sondern auch ein Spektrum unterschiedlicher Bildgattungen und Motive aufzeigen, die zu verschiedenen Zeiten in diversen Ländern Konjunktur hatten.
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Silke Horstkotte: Nach der Geschichte ist nach der Fotografie: Die Auslöschung der Fotografie als historisches Dokument in Reinhard Jirgls Die Stille

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Silke Horstkotte

Nach der Geschichte ist nach der Fotografie: Die Auslöschung der Fotografie als historisches Dokument in Reinhard Jirgls Die Stille

1. Nach der Fotografie

Fotografien haben sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts zu einem schier allgegenwärtigen Medium von Geschichte und Gedächtnis entwickelt. Spätestens mit dem Skandal um die erste Wehrmachtsausstellung ist auch der Geschichtswissenschaft deutlich geworden, dass die Funktion der Fotografie als problematisches und deutungsbedürftiges Zeugnis eine medien- und fotografietheoretisch inflektierte Historiografietheorie erfordert.1 Die Fotografie, so hat sich gezeigt, zeichnet nicht einfach auf, was ist, sondern es handelt sich beim fotografischen Bild um ein stets deutungsbedürftiges Konstrukt, dessen Produktion wie Rezeption in ein komplexes Gewebe von Wünschen, Interessen und Begierden eingebunden sind. Mit dieser Erkenntnis ändert sich an der Wende zum 21. Jahrhundert die Einstellung zur Fotografie und zu ihrem Wert als historischer Evidenz substantiell. Die Fotografie, das wissen wir heute, verursacht eine systematische Verzerrung unserer Wahrnehmung und unseres Weltzugangs. Ihre Einfachheit ist trügerisch: Wir denken, wir können in einen fotografischen Raum sehen, doch tatsächlich schauen wir über eine flache Oberfläche. Das Foto ist nichts weniger als ein „Spiegel“ – es ist eine der komplexesten und problematischsten Repräsentationsformen. Seine Gewöhnlichkeit und Allgegenwart verbergen eine tiefe Ambivalenz hinsichtlich seiner Beziehung zum Wirklichen.

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