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Kanon und Literaturgeschichte

Facetten einer Diskussion

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Edited By Ina Karg and Barbara Jessen

Kanonbildung ist mit Literaturgeschichtsschreibung und der Auswahlproblematik eng verbunden. Stets muss über die Aufnahme oder den Verzicht auf Werke und Autoren eine Sinn- und Bedeutungszumessung im Kommunikationsfeld Literatur vorgenommen werden. Dieser Aufgabe stellte sich die Sektion 11 des Germanistentages 2013 in Kiel. Die hier versammelten Tagungsbeiträge lassen sich folgenden Themenfeldern zuordnen: Zunächst wird Grundsätzliches zur Kanontheorie und Kanonbildung besprochen. Anschließend finden Orte der Vermittlung Erwähnung: Dichterhäuser, Literaturmuseen, Universitäten, Schulen, Theater. Schließlich beschäftigen sich die Beiträge mit übersehenen Epochen und Literaturen: Kinder- und Jugendliteratur, Mittelhochdeutsche Literatur, Drittes Reich, DDR-Literaturgeschichte, Theaterlandschaft um 1800, Interkulturelle Literatur und vergessene Autor(inn)en.
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Typische Texte. Überlegungen zu einem kulturwissenschaftlichen Kanonbegriff

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← 32 | 33 →Christian Kirchmeier

Der amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom ist der vielleicht profilierteste Fürsprecher des literarischen Kanons. Mit The Western Canon (1994)1 und Genius (2002; dt. 2004)2 hat er sich nachdrücklich dafür eingesetzt, einen Kanon der abendländischen Literatur um seinen Fixstern Shakespeare zu festigen. Nun ist Bloom aber zugleich einer der vehementesten Gegner der Kulturwissenschaften. Von angeblichen professors of hip-hop, von ideologues of gender und multiculturalists unlimited umzingelt, vermag er in den Kulturwissenschaften nur eine Balkanization of literary studies zu sehen.3

Bei Bloom lässt sich exemplarisch beobachten, dass die polemische Ablehnung der Kulturwissenschaften und die überzeugte Verteidigung der Kanonbildung keine zufällige Verbindung eingehen, sondern zwei Seiten derselben Medaille sind. Bei aller Polemik lässt sich in Blooms Argumentation doch eine Frage erkennen, die für die gegenwärtige Kanondiskussion zentral ist: Brauchen die Kulturwissenschaften, die den Kanon in den letzten Jahrzehnten bis an seine Belastungsgrenze ausgeweitet haben,4 diesen überhaupt noch?

Bloom beginnt seine Argumentation mit der nötigen Vorsicht. So vermeidet er den Kardinalfehler, Kanon auf Moral zu gründen. Er schreibt sogar, es sei die ‚dümmste Art‘ den westlichen Kanon zu verteidigen, wenn man in ihm unsere Werte und demokratischen Prinzipien verwirklicht sehen möchte. Schließlich seien es gerade die großen Autoren gewesen, die gegen solche Werte aufbegehrt ← 33 | 34 →hätten. Kein Mensch, ist sich Bloom sicher, werde durch die Lektüre des Kanons besser oder schlechter, kein Bürger...

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