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Kanon und Literaturgeschichte

Facetten einer Diskussion

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Ina Karg and Barbara Jessen

Kanonbildung ist mit Literaturgeschichtsschreibung und der Auswahlproblematik eng verbunden. Stets muss über die Aufnahme oder den Verzicht auf Werke und Autoren eine Sinn- und Bedeutungszumessung im Kommunikationsfeld Literatur vorgenommen werden. Dieser Aufgabe stellte sich die Sektion 11 des Germanistentages 2013 in Kiel. Die hier versammelten Tagungsbeiträge lassen sich folgenden Themenfeldern zuordnen: Zunächst wird Grundsätzliches zur Kanontheorie und Kanonbildung besprochen. Anschließend finden Orte der Vermittlung Erwähnung: Dichterhäuser, Literaturmuseen, Universitäten, Schulen, Theater. Schließlich beschäftigen sich die Beiträge mit übersehenen Epochen und Literaturen: Kinder- und Jugendliteratur, Mittelhochdeutsche Literatur, Drittes Reich, DDR-Literaturgeschichte, Theaterlandschaft um 1800, Interkulturelle Literatur und vergessene Autor(inn)en.
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Literaturgeschichte und Kanon der Kinder- und Jugendliteratur – Schul- und hochschuldidaktische Annotationen

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← 186 | 187 →Sebastian Schmideler

Der Fritz gab uns gleich am Anfang der Deutschstunde eine lange Leseliste. Schlimmer als der Einkaufszettel meiner Mutter! Das sollten wir in den Ferien alles lesen? Alle Autoren auf der Liste waren schon irre lang tot. Darf man überhaupt ein Buch von so ’nem Typ aufschlagen? Ist das nicht Grabschändung?

(Jaromir Konecny: Doktorspiele)

Im Mai 2012 schaltete der Privatfernsehsender Kabeleins in der Jugendzeitschrift NEON eine ganzseitige Anzeige für die Sendereihe Die strengsten Eltern der Welt. Dort sind zwei Ikonen der deutschsprachigen Kinderliteratur zu sehen: Max und Moritz. In Anspielung auf das erste Bild in Buschs Bildergeschichte in sieben Streichen zeigt die Anzeige, die auch als großformatiges Plakat an öffentlichen Plätzen ausgehangen wurde, das berühmte Figurenpaar aus Buschs Bilderbuch mit staunenden Mündern und weit aufgerissenen Augen. Darunter ist in fetten Lettern in ebenfalls deutlicher Referenz an Busch zu lesen: „Dieses war der letzte Streich!“ Die strengsten Eltern der Welt, so die Botschaft, spielen ihren Kindern derart schlimme Streiche, dass selbst Buschs „böse Buben“ das Staunen lernen.

Diese ganzseitige Werbeanzeige ist mit Blick auf die von öffentlicher Kommunikation gesteuerten Versuche der „Kanonisierung“ bzw. Wertung von deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur ein erstaunliches Phänomen. Sowohl die Sendereihe im deutschen Privatfernsehen als auch die Jugendzeitschrift NEON richten sich an ein ausgesprochen junges Publikum von Erwachsenen im Alter von 20 bis 35 Jahren, die bereits eine als „Mediensozialisation“ ← 187 | 188 →bezeichnete Adoleszenz durchlaufen haben,1 die...

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