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Kanon und Literaturgeschichte

Facetten einer Diskussion

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Edited By Ina Karg and Barbara Jessen

Kanonbildung ist mit Literaturgeschichtsschreibung und der Auswahlproblematik eng verbunden. Stets muss über die Aufnahme oder den Verzicht auf Werke und Autoren eine Sinn- und Bedeutungszumessung im Kommunikationsfeld Literatur vorgenommen werden. Dieser Aufgabe stellte sich die Sektion 11 des Germanistentages 2013 in Kiel. Die hier versammelten Tagungsbeiträge lassen sich folgenden Themenfeldern zuordnen: Zunächst wird Grundsätzliches zur Kanontheorie und Kanonbildung besprochen. Anschließend finden Orte der Vermittlung Erwähnung: Dichterhäuser, Literaturmuseen, Universitäten, Schulen, Theater. Schließlich beschäftigen sich die Beiträge mit übersehenen Epochen und Literaturen: Kinder- und Jugendliteratur, Mittelhochdeutsche Literatur, Drittes Reich, DDR-Literaturgeschichte, Theaterlandschaft um 1800, Interkulturelle Literatur und vergessene Autor(inn)en.
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Was man gelesen haben muss – und was gelesen wird. Mittelhochdeutsche Literatur gestern und heute

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← 206 | 207 →Andrea Schindler

Unter der Überschrift „Wenn Fruchtfliegen Shakespeare lesen. Wie Mathematiker das Ende des Kanons ermitteln wollen“ schilderte der Journalist Thomas Steinfeld in einem kurzen Artikel in der Süddeutschen Zeitung am 2./3. Juni 2012 zunächst das wissenschaftlich beobachtete Verhalten der Fruchtfliege, die bei Ermangelung eines Sexualpartners dem Alkohol nicht abgeneigt sei – was auf Menschen gelegentlich auch zuträfe –, um dann ironisch eine weitere der Empirie entrungene Erkenntnis vorzustellen:

Nun hat die Wissenschaft, genauer: Daniel Rockmore, Leiter des mathematischen Instituts am Dartmouth College in den USA (einer der acht Hochschulen der Ivy League) und ein paar Kollegen, festgestellt, dass die großen Werke der literarischen Tradition keine Bedeutung mehr für die Gegenwart besitzen. Auf Grundlage empirischer Untersuchungen des Wortgebrauchs […] sei man zu dem Schluss gekommen, dass sich der Einfluss der literarischen Tradition an jüngeren literarischen Werken zunehmend weniger geltend mache – ja zuletzt geradezu rasant ‚verfallen‘ sei.2

Basis dieser ‚Erkenntnis‘ bildete eine „vergleichende[] Analyse sprachlicher Muster, in der von allem Inhalt abgesehen“3 wurde. Stilistisch mag dieser Befund interessant sein, seine Aussagekraft in Bezug auf die (aktuelle) Bedeutung von (alter) Literatur lässt sich hingegen leicht hinterfragen mit einem Blick auf die schier unendliche Menge an Literatur, die wir Menschen über Jahrhunderte ← 207 | 208 →oder auch über ein Jahrtausend erhalten haben – dies sicherlich nicht allein aus Lust an der Traditionspflege.

Die zitierte Untersuchung führt aber durchaus neben der Frage nach dem Wandel der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu...

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