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Kanon und Literaturgeschichte

Facetten einer Diskussion

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Ina Karg and Barbara Jessen

Kanonbildung ist mit Literaturgeschichtsschreibung und der Auswahlproblematik eng verbunden. Stets muss über die Aufnahme oder den Verzicht auf Werke und Autoren eine Sinn- und Bedeutungszumessung im Kommunikationsfeld Literatur vorgenommen werden. Dieser Aufgabe stellte sich die Sektion 11 des Germanistentages 2013 in Kiel. Die hier versammelten Tagungsbeiträge lassen sich folgenden Themenfeldern zuordnen: Zunächst wird Grundsätzliches zur Kanontheorie und Kanonbildung besprochen. Anschließend finden Orte der Vermittlung Erwähnung: Dichterhäuser, Literaturmuseen, Universitäten, Schulen, Theater. Schließlich beschäftigen sich die Beiträge mit übersehenen Epochen und Literaturen: Kinder- und Jugendliteratur, Mittelhochdeutsche Literatur, Drittes Reich, DDR-Literaturgeschichte, Theaterlandschaft um 1800, Interkulturelle Literatur und vergessene Autor(inn)en.
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Deutsche Literatur 1933-1945 und Fragen der Kanonisierung

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← 228 | 229 →Jörg Schuster

Über die ‚kanonischen‘ Autoren und Werke des 20. Jahrhunderts besteht – trotz möglicher Abweichungen im Detail – in der literaturwissenschaftlichen Forschung ein weitgehender Konsens. Was die ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts betrifft, ist die Zugehörigkeit zum Kanon etwa bei Autoren wie Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Franz Kafka, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler oder Bertolt Brecht unbestritten. Ebenso wenig lohnt es sich, darüber zu diskutieren, ob etwa Heinrich Böll, Günter Grass, Paul Celan, Ingeborg Bachmann oder Max Frisch kanonische Autoren der Nachkriegsliteratur seien. Auch was die literarischen Werke betrifft, denen eine besondere literaturgeschichtliche Stellung zuerkannt werden kann, gibt es von den Buddenbrooks bis zu Faserland ausreichend Kandidaten. Das gilt allerdings nicht für jeden Zeitabschnitt des 20. Jahrhunderts gleichermaßen. Insbesondere für die Zeit zwischen 1933 und 1945 stellt sich – aus naheliegenden politisch-historischen Gründen – die Suche nach Texten, die für eine Aufnahme in den Kanon in Frage kommen, als schwierig dar.

Kanonisierungsprozesse fanden hier bislang nur im Hinblick auf die Exilliteratur oder die im Nationalsozialismus unerwünschte Dichtung statt. Als Beispiele können Volker Weidermanns 2008 erschienenes Buch der verbrannten Bücher oder die von Julius H. Schoeps herausgegebene Bibliothek verbrannter Bücher genannt werden, die „eine Auswahl der von den Nationalsozialisten verfemten und verbotenen Literatur“ (so der Untertitel) vorstellt.1 Ein ähnliches Bild liefern gängige epochenübergreifende Kanones. So enthalten etwa Fritz J. Raddatz’ Zeit-Bibliothek der 100 Bücher oder Marcel Reich-Ranickis Kanon als einzigen...

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