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Die Entstehung des modernen Erziehungsdenkens aus der europäischen Expansion

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Susanne Spieker

Die erziehungshistorische Forschung richtet ihre Analysen meist auf den Nationalstaat des 19. und 20. Jahrhunderts. Wird ihr Narrativ näher beleuchtet, zeigt sich eine Gründungserzählung, die den eigenen Forschungsbereich als Teil Europas und des Westens konstruiert. Die Autorin veranschaulicht mit zwei Studien zur Frühen Neuzeit den Beitrag der europäischen Expansion zur Herausbildung modernen Erziehungsdenkens: Bernardino de Sahagún (1499-1590) und John Locke (1632-1704) waren auf je unterschiedliche Weise an der Kolonialisierung Amerikas beteiligt. Neuere Ideengeschichte und Globalgeschichte leiten die Untersuchung; umfassend berücksichtigt werden zeitgenössische Kontexte und globale Verflechtungen. Spiekers Analyse führt im Ergebnis zu einer neuen Erzählung über Erziehung in der Moderne.
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4. Erziehungsdenken in der englischen Expansion – John Lockes Some Thoughts

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Für die Untersuchung meiner Frage zum Einfluss der europäischen Expansion auf das Nachdenken über Erziehung eignt sich John Lockes (1632–1704) Some Thoughts concerning education (1993) in besonderer Weise: England rückte in dieser Zeit aufgrund der Verschiebungen der Handelsströme – von Spanien und Portugal nach Holland und England – immer mehr in das Zentrum des Weltsystems (vgl. Dussel 1999, 12; dazu Wallerstein 1980/1998). Die Engländer waren zunehmend an der europäischen Expansion beteiligt. Spaniens Einfluss im Weltsystem nahm ab; England konnte seine Machtposition ausbauen. Mit John Locke greift diese Teilstudie einen Klassiker der frühen Erziehungstheorie heraus, der sich in diesen imperialen Bestrebungen seines Landes unmittelbar engagierte. Ein Zusammenhang von englischem Kolonialismus und Lockes Two Treatises of Government (1689) wird schon seit den späten 1990er Jahren diskutiert (vgl. dazu Arneil 1998, Mishra 2002; Armitage 2004).75 Locke gilt heute als Schlüsselfigur zur Erforschung der Verflechtungen zwischen liberalem und kolonialem Denken des 17. Jahrhunderts (vgl. dazu Armitage 2004, 603; Farr 2008, 496ff.; dazu Mishra 2002, 219–237). In der Geschichtsschreibung des politischen Denkens gehen WissenschaftlerInnen von einer grundlegenden Beziehung zwischen liberalem und kolonialem Denken der europäischen Expansionszeit aus. Seit dieser Zeit entwickelten europäische Theoretiker, die später als kanonische liberale Denker zusammengefasst wurden, ihre Texte für regionale wie für koloniale Kontexte (vgl. dazu Parekh 1995, 81–98; Pagden 2003, 171–199). Lockes Schriften entstanden zum Teil als Reaktion auf die neuen sozialen Herausforderungen eines im Atlantischen Dreieck expandierenden England. Diese Verflechtungen, die...

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