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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Edited By Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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„Dann sei dir darüber im Klaren, daß du auch ein Bruder bist“. Prämissen, Implikationen und Funktionen geschwisterbezogener Terminologie, Rezeption und Metaphorik – Versuch einer disziplinübergreifenden Systematisierung (Helga Völkening)

„Dann sei dir darüber im Klaren, daß du auch ein Bruder bist“1. Prämissen, Implikationen und Funktionen geschwisterbezogener Terminologie, Rezeption und Metaphorik – Versuch einer disziplinübergreifenden Systematisierung

Helga Völkening

Abstract

The present article provides a systematic overview on the diverse aspects of sibling relationships as seen from the perspective of different disciplines. Thereby it expounds the variety of definitions, etymological derivations and sociocultural influences, as well as historical and cultural receptions of sibling relations and of sibling metaphors.

In einem Interview für den Berliner Tagesspiegel konstatiert die Autorin Charlotte Link anlässlich ihrer 2014 erschienenen Publikation Sechs Jahre – Der Abschied von meiner Schwester2:

Dabei ist mir aufgefallen, dass man über Schwestern gar nicht so viel redet. Nicht, weil man sie schamhaft verschweigt. Aber wenn es eine gute Beziehung ist, ist das etwas Selbstverständliches im Leben. Man redet über Probleme mit Partnern, Eltern, Kindern. Schwestern kommen nicht vor. Vermutlich, weil sie so stabile Größen sind.3

Diese persönliche Einschätzung korrespondiert mit einer anhaltend marginalen Thematisierung von Geschwisterbeziehungen auf wissenschaftlicher Ebene. Erst seit kurzer Zeit wird diese mangelnde Reflexion vereinzelt problematisiert und angesichts der außergewöhnlichen Relevanz der Geschwisterrelationen für persönliche Biographien wie für die gesamte Kultur- bzw. Geistesgeschichte als Defizit bewertet. In der Kritik stehen nicht nur die lediglich sporadischen Fokussierungen der Geschwisterbeziehung innerhalb der Psychologie4 und Soziolo ← 15 | 16 gie5, sondern vor allem ihre ausbleibende oder seltene Behandlung respektive inadäquate Gewichtung in den Fachbereichen der Anthropologie6, Ethnologie und Pädagogik7 sowie in der Kunst-, Musik-, Medien-, Literatur- und Geschichtswissenschaft8. Letztlich beziehen sich die Vorwürfe somit auf nahezu alle human-, kultur- bzw. geisteswissenschaftlichen Disziplinen9, einschließlich der Theologie, Religions- und Rechtswissenschaft10. Bestenfalls wird einzelnen Fachvertreter_innen in diesem Zusammenhang zugestanden, dieses Desiderat ansatzweise erörtert und Schritte zur Kompensation präsentiert bzw. eingeleitet zu haben.

Konkret liegen bisher lediglich in der Individual- und Sozialpsychologie11 sowie bezüglich der Begriffsgeschichte12 umfangreichere, richtungsweisende Untersuchungen vor. Zugleich lässt sich eine zunehmende Präsenz der Thematik in den Medien feststellen: Neben einer Vielzahl aktueller Reportagen innerhalb der Tages- und Wochenpresse13 behandeln auch zahlreiche literarische Publika ← 16 | 17 tionen14 oder Kino- und Fernsehfilme15 in den letzten Jahren vermehrt Geschwisterbeziehungen.

Vor allem hinsichtlich der zuvor besonders vernachlässigten Schwesternbeziehung werden gegenwärtig seitens Kultur-, Literatur- und Sozialwissenschaftler_innen sowohl das Potenzial als auch die fächerübergreifende Prädisposition der Thematik betont16 und erste Ansätze eines interdisziplinären Dialogs initiiert17. Um diese nicht nur zusammenzuführen, sondern in jeweils möglichem Rahmen auch einen tatsächlichen, beflügelnden Austausch und nachhaltige Synergismen zu befördern, bedarf es jedoch der Ausweitung zu einem breiteren, fächerübergreifenden Diskurs sowie einer Systematisierung der Gegenstandsbereiche. Hierbei müssen nicht nur die unterschiedlichen methodischen Zugangsweisen, Erkenntnisinteressen und -grenzen der jeweiligen Wissenschaftsdisziplinen stets reflektiert und berücksichtigt werden. Auch unterschiedliche terminologische Prämissen und Definitionen – auf fachspezifischer Ebene oder infolge lokaler und kultureller Spezifika – bedürfen der expliziten Darlegung und Erörterung. Birgt doch die strukturelle Einbindung in fachinterne Konventionen ebenso wie der Sachverhalt, dass die Begriffe ,Geschwister‘, ,Bruder‘ oder ,Schwester‘ aus dem allgemeinen Sprachgebrauch vertraut sind und ihre inhaltliche Bedeutung selbstverständlich erscheint, die Gefahr, vorschnell eine ← 17 | 18 allgemeine semantische Übereinstimmung bzw. Übereinkunft vorauszusetzen, die keiner näheren Erläuterung oder Reflexion bedarf.18 Bei detaillierterem Blick auf die (Fach-)Literatur unterschiedlicher Provenienz und Betrachtung der jeweils tatsächlichen Anwendung bzw. Nichtverwendung der Termini in verschiedenen Ethnien und Kulturen19, zeitgeschichtlichen oder sozialen Kontexten lässt sich jedoch schnell eine durchaus heterogene Verwendung der Begriffe feststellen. Die folgende Zusammenführung der Geschwisterdefinitionen innerhalb verschiedener Sachgebiete soll daher einen ersten Überblick über disparate terminologische Prämissen und inhaltliche Implikationen ermöglichen.

Definitionen

Biologische Definition

Die genetische Abstammung von gemeinsamen Eltern gilt historisch und kulturübergreifend als das nächstliegende Kriterium, Geschwister zu bestimmen.20

Gemäß (des Grades) ihrer übereinstimmenden biologischen Herkunft wird im deutschsprachigen Sprachgebrauch zwischen „vollbürtigen“ bzw. „leiblichen“ Geschwistern, die gemeinsame Eltern haben, und „halbbürtigen“ Geschwistern mit nur einem übereinstimmenden Elternteil (Halbgeschwister) unterschieden.21 Eine Sonderstellung nehmen in diesem Zusammenhang eineiige ← 18 | 19 Zwillinge ein, da sie nicht nur dieselben Eltern aufweisen, sondern auch genetisch identisch sind.22

Dieser genetisch-genealogischen Grundlegung zufolge wird die geschwisterliche Relation somit vorgefunden bzw. vorgegeben und impliziert keine Wahlfreiheit oder Entscheidungsoption hinsichtlich des Beginns oder auch der Aufhebung der Geschwisterbeziehung bzw. der eigenen geschwisterlichen Identität.

Juristische Definition

Auch im Bürgerlichen Gesetzbuch wird zwischen vollbürtigen und halbbürtigen Geschwistern differenziert (§ 1307 BGB). Generell gelten Geschwister als in der Seitenlinie verwandt, da sie von (mindestens) einer gemeinsamen dritten Person abstammen.23 Der juristische Geschwisterbegriff ist somit ebenfalls primär biologisch-genetisch bzw. genealogisch determiniert.

Darüber hinaus lässt sich eine rechtliche Ausweitung des Geschwisterbegriffs feststellen, da adoptierten Kindern die gleiche rechtliche Stellung, mit entsprechenden Rechten und Pflichten, zugesprochen wird wie leiblichen Abkömmlingen der/s annehmenden Eltern/-teils.24 Folglich fällt beispielsweise eine Heirat oder eine eheähnliche bzw. sexuelle Verbindung zwischen angenommenen oder adoptierten und leiblichen Abkömmlingen mindestens eines Elternteils unter das Inzestverbot, sofern die Annahme in der Kindheit erfolgt ist. Während allerdings in diesem Fall die Möglichkeit besteht, das Eheverbot durch Auflösung des Annahmeverhältnisses zu umgehen (§ 1308 BGB), sieht die Gesetzgebung keine vergleichbare Option bei Personen gemeinsamer genetischer Abstammung vor – selbst wenn diese aufgrund einer Adoption oder einer anderwärtigen Annahme während der Kindheit nicht im selben Umfeld aufgewachsen sind und ihr Verwandtschaftsverhältnis folglich im rechtlichen Sinne erloschen ist.25 Die genetische Geschwisterbestimmung bleibt somit irreversibel konstitutiv und rechtsbindend. ← 19 | 20

Grundsätzlich wird folglich in deutschen Gesetzestexten terminologisch zwischen Halb-, Stief-, Adoptiv- und Pflegegeschwistern unterschieden, rechtlich gelten sie jedoch als (nahezu) gleichgestellt.

Soziokulturelle bzw. ethnologische Definition

Die juristische Geschwisterdefinition berücksichtigt neben der genetischen Disposition bereits zugleich die soziale Komponente des gemeinsamen Aufwachsens, der parallelen Erfahrung, Sozialisation und Prägung innerhalb des primären familialen Umfelds (oder weiterer übereinstimmender Kontexte). Dies korrespondiert mit der sozialwissenschaftlichen Akzentuierung der gesellschaftlichen Determinierung der Geschwisterdefinition,26 wonach Geschwister in erster Linie „als soziale Gruppe und als gesellschaftliches Produkt sozialhistorischer Prozesse“27 verstanden und analysiert werden. Hierbei wird vor allem betont, dass es sich bei dem Geschwisterverhältnis um ein Konstrukt bzw. um eine kulturelle Kategorie handelt, das/die durch soziokulturelle Festlegung, Beeinflussung sowie Ausgestaltung konstituiert und bestimmt wird. Die Feststellung, wer als Geschwister gilt bzw. wie sich die Geschwisterbeziehung definiert und charakterisiert, erweist sich demzufolge als Resultat einer innergesellschaftlichen Zuschreibung, Übereinkunft oder Erwartung.28 Sie ist somit in erster Linie sozial- und kulturgeschichtlich oder ethnisch geprägt und variabel, da die Begrenzungen oder Ausweitungen des Geschwisterbegriffs an die jeweiligen historischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Umstände, Kontexte, Erfahrungen und Werte gebunden sind.29 Demgemäß gehen Ethnologen gegenwärtig insbesondere der Frage nach, wie bzw. wann Verwandtschaft und hier konkret Geschwisterschaft konstruiert wird, welche sozialen Praktiken und Normen realiter dazu führen, dass sich Individuen als Geschwister wahrnehmen bzw. gesellschaftlich als solche definiert werden. In diesem Kontext werden neben der biologischen Herkunft insbesondere gemeinsame Erfahrungen30 (vor allem innerhalb der Kindheit bzw. Sozialisation, aber auch aufgrund spezifischer, Nä ← 20 | 21 he schaffender, prägender Momente)31 als potenziell übergreifende, transkulturelle bzw. transethnische Übereinstimmung mit ihren jeweiligen kulturellen oder lokalen Spezifika und Ausprägungen in den Blick genommen.

Gerade das Moment der (nicht-)geteilten Erfahrung und Sozialisation stellt sich jedoch in den (gegenwärtig) verbreiteten Patchworkfamilien32 respektive Stieffamilien als Problem dar: Da die neuen Familienmitglieder zumeist „keine gemeinsame Historie“33 haben, fehlen ihnen Gemeinschaftserfahrungen. Zumindest in der Anfangszeit des Zusammenlebens ist somit von einer gewissen Distanz unter den neu konstituierten Stief- oder Halbgeschwistern auszugehen, welche den gesellschaftlichen Zuschreibungen und Erwartungen an eine familiale Vertraut- und Verbundenheit (noch) nicht entspricht.34 Grundsätzlich bedarf es somit auch hier einer Differenzierung zwischen leiblichen Geschwistern und Halb-, Stief- oder Pflegegeschwistern sowie anderer sozialer Geschwisterbindungen.35

Individualpsychologische und -soziologische Definition

Auf individueller Ebene werden Geschwister bzw. Geschwisterbeziehungen in der Psychologie, Pädagogik und Sozialforschung insbesondere als persönlichkeitsprägende Faktoren verstanden. Entwicklungs- und Individualpsycholog_innen analysieren in erster Linie, inwieweit und auf welche Weise die Geschwisterkonstellation die emotionale, intellektuelle und soziale Entwicklung sowie Charakterbildung des Einzelnen beeinflusst und durch welche Momente ← 21 | 22 sie konkret geprägt wird (Rivalität, Verbundenheit etc.).36 Betont wird dabei in jüngeren Untersuchungen neben der Ambivalenz vor allem die Konstanz und Dynamik der Geschwisterbeziehung im Lebenszyklus.

Ulrich Schmidt-Denter definiert Geschwisterbeziehungen entsprechend als horizontale Beziehungen, die nicht freiwillig gewählt, sondern schicksalhaft sind. Sie gehörten zu den „verfügbarsten, intensivsten und dauerhaftesten sozialen Erfahrungen“37.

Konkretion

Etymologische Annäherung

1.    Geschwister, Bruder und Schwester

Der Begriff ,Geschwister‘38 geht auf westeuropäische Ursprünge zurück und wird bis zum Spätmittelalter ausschließlich als Plural zum Substantiv ,Schwester‘ verwendet.39 Ab dem 16. Jahrhundert ist er zudem im heute gebräuchlichen Sinne belegt, welcher ebenfalls Brüder einbezieht.40

Die Bezeichnung ,Schwester‘ wird gemeinhin auf die indoeuropäische Wurzel simagesēsor zurückgeführt.41 Die primäre Bedeutung lässt sich nicht mehr exakt bestimmen.42 Allerdings erwägt der Philologe Richard Kannicht einen sozialen Grundgehalt, insofern er annimmt, der Begriff habe sich ursprünglich auf ein ,weibliches Mitglied einer Gruppe‘ bezogen und somit zunächst kein biologisches Verwandtschaftsverhältnis vorausgesetzt.43 ← 22 | 23

Der äquivalente männliche Terminus leitet sich ebenfalls begriffsgeschichtlich von einer indoeuropäischen Wurzel her: bhrâter oder bhrātor.44 Während im Etymologie-Lexikon des Duden als Grundbedeutung „Bruder und Blutsverwandter“45 angeführt ist, mutmaßt Richard Kannicht auch hier, der Begriff habe sich im ersten Jahrtausend v.d.Z. ursprünglich auf ein „Mitglied einer clanartig organisierten sozialen Gruppe: eben eine ,Bruderschaft‘“46 in Griechenland bezogen. Ähnlich geht auch Schieder von einer Bezeichnung für einen „ursprünglich wohl religiöse[n] Verband mehrerer Familien“47 aus.

Eine genuin biologische Geschwisterschaft implizieren demgegenüber die gebräuchlichen frühgriechischen Termini ἀδελφός (adelphọs: „Bruder“) bzw. ἀδελφή (adelphæ: „Schwester“): „aus demselben Mutterleib (entsprossen)“, „denselben Uterus geteilt“.48 Sie verweisen folglich auf die gemeinsame leibliche Abkunft von einer Mutter, wobei die maskuline Pluralform ἀδελφοί (adelphoi) Schwestern mit einbezieht.49

2.    Bruderschaft und Brüderlichkeit, Schwesternschaft sowie Schwesterlichkeit

Im Rahmen der emanzipatorischen Bemühungen des Philanthropen Joachim Heinrich Campe, fremdsprachige Ausdrücke durch deutsche Synonyme zu ersetzen, erhielt auch die Übersetzung der französischen Revolutionsmaxime ,fraternité‘ mit dem Terminus ,Brüderlichkeit‘ Einzug in den deutschen Sprachgebrauch.50 Bereits Johann Kaspar Lavater (1776) hatte den Begriff der ,Brüder ← 23 | 24 lichkeit‘ in Abgrenzung zum gebräuchlichen Terminus ,Brüderschaft‘ (,Bruderschaft‘ oder ,Verbrüderung‘) verwendet.51 Während letzterer traditionell und fortan speziell eine institutionelle gesellschaftliche Organisationsform, konkret einen Personenverbund,52 bezeichnete, impliziert(e) der Neologismus ,Brüderlichkeit‘ nun in erster Linie eine konkrete Gesinnung in politischer, sozialer oder religiöser Hinsicht: eine als brüderlich identifizierte Grundhaltung, Programmatik bzw. Verhaltensweise.53

Campe führte in diesem Zusammenhang jedoch mit dem Terminus ,Schwesterlichkeit‘ auch den im französischen (und englischen) Sprachgebrauch fehlenden, äquivalenten weiblichen Begriff in den deutschen Sprachraum ein.54 Das zugehörige Adjektiv ,schwesterlich‘ wird sodann im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm ebenfalls auf die positiv konnotierte „Gesinnung und Eigenart“ „Empathie, Nähe und Hilfe“55 bezogen, ohne jedoch den politischideologischen Bezugsrahmen, der dem männlichen Pendantbegriff ,Brüderlichkeit‘ zugeordnet ist, einzuschließen. Er wird meist in Abgrenzung zum Terminus ,Schwesternschaft verwendet, welcher die biologische Abstammung von gemeinsamen Eltern56 oder soziale Institutionen bezeichnet. ← 24 | 25

Sozial- und kulturgeschichtliche Rahmenbedingungen

1.    Sprachgeschichtliche Kontexte

Bereits in frühgriechischen Quellen finden sich Belege für die Anwendung geschwisterlicher Vokabeln wie Bruder (ἀδελφός: adelphọs) sowie Schwester (ἀδελφή: adelphæ) hinsichtlich weiterer Verwandter (Cousins, Cousinen, Schwägerinnen, Schwäger).57 Auch im mittelalterlichen europäischen Sprachgebrauch wurden Schwägerinnen oder Schwäger zuweilen als Schwester bzw. Bruder bezeichnet.58 Hier liegt insbesondere bezüglich der Frau die Prämisse zugrunde, dass diese mit der Eheschließung in einen anderen Hausstand übergeht, d.h. von ihrer Herkunftsfamilie zu einer neuen Kernfamilie wechselt, in welche sie vollständig integriert wird.59

Vor allem seit dem Mittelalter lässt sich eine erweiterte Verwendung geschwisterlicher Metaphern in vielfältigen gesellschaftlichen Kontexten feststellen.60 Gabriela Signori konkludiert sogar, keine andere Metapher sei „im Mittelalter wirkungsmächtiger“ gewesen, „der Nähe zwischen zwei Personen Ausdruck zu verleihen, als die Begriffe Bruder oder Schwester“61. So seien insbesondere im Spätmittelalter enge Freunde als Schwestern oder Brüder bezeichnet worden.62 Signifikant sind auch die vielzähligen religiös-spirituellen und berufsstandbezogenen Schwestern- und Bruderschaften im mittelalterlichen Europa, deren Angehörige sich selbst als Schwester und Brüder angeredet haben bzw. von außen entsprechend bezeichnet worden sind.

2.    Sozialhistorische und soziokulturelle Konstellationen sowie Konsequenzen

Die oft als Novum und Charakteristikum der Postmoderne betrachtete Patchworkfamilie war in vorindustrieller Zeit und in späteren Jahrhunderten noch vor ← 25 | 26 allem in Adelsfamilien63 weit verbreitete Lebenswirklichkeit. Aufgrund der hohen Sterblichkeit der (Ehe-)Partner sind die Kinder, so Vera Bollmann, seltener als zumeist angenommen in stabilen Großfamilien, sondern zu einem großen Teil in neu gebildeten Stieffamilien aufgewachsen.64 Als weitere Folge der hohen Geburts- und Mortalitätsrate müsse der zu dieser Zeit nicht ungewöhnliche große Altersabstand zwischen den (Stief-)Geschwistern Berücksichtigung finden. Dieser habe des Öfteren einer egalitären Geschwisterbeziehung entgegengestanden und hierarchische Verhältnisse der Fürsorge und Belehrung protegiert.65 Zudem sei aufgrund des zeitlich durchschnittlich früheren Auszugs älterer Geschwister bei Beginn einer beruflichen Ausbildung, zwecks standesgemäßer Erziehung66 oder infolge der Gründung eines eigenen Hausstands der Auf- oder Ausbau einer nahen geschwisterlichen Beziehung zusätzlich erschwert gewesen.67 Insgesamt bestanden somit „schlechte Voraussetzungen für die Herausbildung einer als einheitlich wahrnehmbaren sozialen Gruppe und einer engen sozialen Beziehung zwischen Geschwistern“68. Bollmann folgert daraus, „dass Geschwister als soziale Beziehungen ein eher neuzeitliches Phänomen darstellen.“69 Erst im 17. Jahrhundert habe sich das Familienleben in gehobenen Schichten „mit der Verbreitung von schulischen und universitären Einrichtungen“70 grundlegend gewandelt.

Ab dem 18. Jahrhundert entstanden im Rahmen des nun in den Mittelpunkt gerückten Gesellschaftsmodells der bürgerlichen Familie, welche der öffentlichen Außenwelt als privater, intimer Gegenpol entgegengestellt wurde,71 sowie infolge der ,Entdeckung der Kindheit’ im 17. Jahrhundert als eigenständige, zu ← 26 | 27 berücksichtigende Lebensphase auch neue Konditionen für die Konstituierung einer (engeren) Geschwisterbeziehung in bürgerlichen bzw. gehobenen Kreisen. Exemplarisch nennt Bollmann in diesem Zusammenhang die Trennung der Arbeits- und Familienbereiche im 18. und 19. Jahrhundert als Folge der Industrialisierung sowie die damit verbundene Einführung von Kinderzimmern, in denen Kinder „mit ihren Geschwistern, fern und unabhängig von der Erwachsenenwelt, viel Zeit zusammen verbrachten und eine eigenständige Beziehung zueinander aufbauen konnten.“72

Bildete die bürgerliche Kernfamilie73 vor allem im 19. Jahrhundert bis Mitte oder Ende des 20. Jahrhunderts (1950er und 1960er Jahre) ein Ideal und die meist als selbstverständlich vorausgesetzte sowie praktizierte Lebensform in den westlichen Industrienationen, so charakterisieren und prägen Individualisierung der Lebensentwürfe und Pluralität der Lebenswelten die Postmoderne. Neben nicht selten temporären und variablen Konstellationen innerhalb des Familienlebens74 ist die Haushaltsgröße insgesamt gesunken. Hatte sich die Kinderzahl ab Ende des 19. Jahrhunderts bereits auf zumeist drei bis vier reduziert und betrug in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchschnittlich zwei bis drei,75 so ist bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts ein weiterer Rückgang festzustellen: Seit Ende der 1990er Jahre beträgt die jährliche Geburtenrate in Deutschland relativ konstant 1,4 Kinder pro Frau.76 Laut Erhebung des Statistischen Bundesamts wuchs 2012 in 42 Prozent der Familien in Deutschland ein Kind allein auf (Ein-Kind-Familien). In 43 Prozent der Familien lebten zwei und in 15 Prozent drei oder mehr minderjährige Kinder.77 Trotz Zunahme von Ein-Kind-Familien78 ← 27 | 28 überwiegt somit noch immer die Sozialisation mit einem oder mehreren Geschwister(n), so dass auf demographischer Basis zwar ein Rückgang, aber noch keine ,geschwisterlose Gesellschaft konstatiert werden kann.79 Zudem verbringen Geschwister gegenwärtig durchschnittlich mehr Zeit gemeinsam,80 da sich der Auszug aus dem Elternhaus vor allem aufgrund verlängerter Ausbildungszeiten81 (vielleicht auch wegen des größeren, zur Verfügung stehenden privaten Wohnraums und zumeist liberalerer Erziehungsmethoden) zeitlich nach hinten verschiebt. Infolge der statistisch höheren Lebenserwartung dehnt sich der Zeitraum der Geschwisterbeziehung zudem bezüglich der gesamten Lebensspanne weiter aus.82

Auf persönlichkeitsbezogener Ebene wird derzeit vermehrt der Einfluss der Geschwistererfahrung und -beziehung auf die soziale Entwicklung des Einzelnen bzw. auf die individuelle Sozialisation (beispielsweise hinsichtlich des Erlernens und Eingehens sozialer Beziehungen und der Übernahme spezifischer Rollen83) untersucht. Fokussiert werden dabei neben den insgesamt heterogenen familialen Ausgangssituationen84 und dem zumeist längeren Verbleib innerhalb der Kernfamilie auch veränderte demographische Entwicklungen in Industrieländern wie Deutschland oder innerhalb von Ländern mit restriktiver politischer Reglementierung der Bevölkerungszahl (z.B. die Ein-Kind-Politik in China). Hier stehen neben der Reflexion über die Auswirkungen einer verminderten Geschwisteranzahl oder gänzlich fehlender Geschwister auf gesamtgesellschaftliche Verhältnisse vor allem die Konsequenzen für die individuelle persönliche bzw. soziale Entwicklung im Vordergrund: So wird beispielsweise der Frage ← 28 | 29 nachgegangen, welche Konsequenzen sich aus dem Sachverhalt ergeben, dass Kindern bzw. Jugendlichen ohne Geschwister das soziale ,Übungsfeld‘ auf horizontaler Ebene fehlt, sie somit unter Umständen Kompetenzen, sich gegenüber anderen zu behaupten, Konflikte auszutragen bzw. zu bewältigen sowie Rollenidentitäten auszubilden, nicht entwickeln können.85

Kulturgeschichtliche Rezeption

Geschwisterliche Ideal- und Leitbilder

Stereotype und Idealvorstellungen hinsichtlich der Geschwisterbeziehung scheinen einerseits kultur- und zeitübergreifende Kontinuität zu besitzen, andererseits werden diese jeweils lokal oder zu unterschiedlichen Zeiten betont bzw. einzelne Momente erhalten eine verstärkte Relevanz, Priorität oder Modifikation. Letztlich kommt ihnen eine zweifache Funktion zu: Sie sind Ausdruck der sozio- bzw. kulturgeschichtlichen Situation und prägen diese zugleich.86 So spiegelte der ab 1800 in vielen deutschsprachigen literarischen bzw. künstlerischen Werken enthaltene Topos der Geschwisterliebe einerseits das Aufklärungsideal oder konkret das neue bürgerliche Familienbild, andererseits beeinflusste es als zeitgenössisches Leitbild selbst die kulturellen Werte sowie die Lebensorientierungen der Zeitgenossen.87

1.    Die Bruder-Schwester-Beziehung

Der lateinische Grammatiker Verrius Flaccus erörtert in seinem einflussreichen Glossar De verborum significatu88 die Geschwisterbeziehung anhand des Begriffs der amita, der Tante väterlicherseits. Dabei fokussiert er die besondere affektive Nähe und Harmonie zwischen Bruder und Schwester (zwischen Vater und Tante aus Sicht der Nachkommen). Diese sieht er bereits terminologisch ← 29 | 30 verankert, da er amita – linguistisch zweifelhaft – von amata, Geliebte/Freundin (des Bruders), herleitet.89 Ann-Cathrin Harders resümiert:

Ausgehend von diesen Überlegungen kann also festgestellt werden, dass ein römischer Diskurs zu fassen ist, der der Bruder-Schwester-Beziehung eine zentrale Rolle in der Familienordnung zuweist. Dabei ist erstens zu konstatieren, dass dem geschwisterlichen Verhältnis eine besondere affektive Nähe zugesprochen wird. Affektivität darf dabei nicht mit Emotionalität gleichgesetzt werden; sie ist vielmehr als Rollenverhalten zu begreifen. Die enge Beziehung, wie sie in der römischen Gesellschaft zwischen Bruder und Schwester erwartet wird, mag demnach konstruiert sein, um spezielle Funktionen zu erfüllen, wie sie sich auch in anderen, die agnatischen Grenzen überspringenden Verwandtschaftsbeziehungen in Rom feststellen lassen: In diesem Fall interfamiliale Verantwortung und Kooperation.90

Schon die altgriechische Literatur (Herodot), aber auch frühe buddhistische Schriften enthalten darüber hinaus das Motiv der Schwester, die ihren Bruder bevorzugt, wenn sie gezwungen wird, lediglich eine Person auszuwählen, die gerettet werden kann. Sie entscheidet sich – so die übereinstimmende Quintessenz – weder für ihren Ehemann noch für ihre Kinder, weil nur der Bruder für sie nicht ersetzbar ist. Einen Ehemann könne sie demgegenüber ebenso erneut finden wie Kinder bekommen.91 Besondere Relevanz und Verbreitung erhielt dieser Topos sodann in seiner Antigone-Ausgestaltung innerhalb der Tragödie des Sophokles, der in der Literatur- und Kunstgeschichte vielfältig adaptiert worden ist: Antigone widersetzt sich dem Verbot, ihren Bruder Polyneikes zu bestatten und wird zur Strafe lebendig begraben. ← 30 | 31

In Märchen wie Brüderchen und Schwesterchen oder Hänsel und Gretel wird dann entsprechend des Öfteren der besondere Zusammenhalt, die Fürsorge, Verbundenheit und Ergänzung aufgrund komplementärer Fähigkeiten und Lösungsansätze – jenseits von entzweiender Polarität und Rivalität – betont.92

2.    Die Brüderbeziehung

In seinem Handbuch historischer Exempla, den Facta et dicta memorabilia,93 behandelt der römische Schriftsteller Valerius Maximus das ethisch gebotene Verhältnis zwischen Brüdern innerhalb der Abschnitte zu den virtutes (Tugenden) konkret unter dem „Aspekt der ,pietas‘, des pflichtgemäßen Verhaltens“. So führt er in Kapitel 5,5 solidarische Brüderpaare94 an, welche exemplarisch für die Verwirklichung dieser römischen Haupttugend stehen. In der Zeit der römischen Republik zählten zur pietas gegenüber Brüdern vor allem das „gemeinsame[n] Management des Familienvermögens“, der „Umgang und [die] Sorge für die Familienmitglieder“ sowie die „brüderliche[n] Kooperation in rechtlichen wie politischen Belangen“95.

Plutarch thematisiert die Geschwisterbeziehung, speziell die Bruderliebe, sodann im Rahmen seiner moralphilosophischen Diskurse zur allgemeinen Menschen- oder Freundesliebe. So hebt er mittels der (Statuen der) Dioskuren, Castor (Kastor) und Pollux (Polydeukes)96, in De fraterno amore insbesondere die Freundschaft bzw. Liebe (φιλία) als signifikantes Charakteristikum des idealen Verhältnisses zwischen Brüdern mahnend hervor. Genau genommen schreibt er der Liebe unter Brüdern als erster Liebe neben der Eltern-Kind-Verbindung ← 31 | 32 eine archetypische bzw. paradigmatische Relevanz für alle weiteren Liebes- bzw. freundschaftlichen Beziehungen zu, welche er letztlich als Abbilder jener Urbeziehungen versteht.97 Diese Ähnlichkeit plausibilisiere zudem die Verwendung geschwisterlicher Metaphern für enge freundschaftliche Bindungen (innerhalb sozialer Gruppen), implizieren jene doch seiner Auffassung zufolge Solidarität, Wohlwollen, Liebe, Verbundenheit, Fürsorge, Schutz und Respekt.98 Allerdings sei der familialen (Bruder-)Beziehung stets höhere Priorität beizumessen als der Freundschaft (491 B),99 wie bereits Hesiod in seinen Hauslehren betont hat.100 Konfliktpotenzial sieht Plutarch in der Ungleichheit der Brüder aufgrund verschiedener Anlagen und gegensätzlicher Entwicklungen. Demgegenüber würden „[…] Brüder, die gegen einander Liebe und Zuneigung haben, und die, so sehr auch die Natur sie dem Körper nach getrennt hat, in allen Affecten und Handlungen sich zu vereinigen suchen, die gemeinsam mit einander ihre Zeit in die Wissenschaft und in die Erholung theilen, […] die Bruderliebe zu etwas Süßem und Beseeligendem“101 machen.

3.    Die Schwesternbeziehung

Beziehungen zwischen Schwestern standen aufgrund der historisch zumeist eingeschränkten Teilhabe und weniger exponierten Rolle der Frauen im öffentlichen Leben102 seltener im Fokus kulturwissenschaftlicher oder gesellschaftspo ← 32 | 33 litischer Diskurse. Bis in die jüngste Zeit wurden Schwestern somit unter anderem in der Geschichts- oder Literaturwissenschaft allenfalls vereinzelt behandelt bzw. motiv- oder zeitgeschichtlich analysiert.103

Dennoch konstatieren Onnen-Isemann und Rösch traditionell verfestigte gesellschaftliche Vorstellungen und Ideale, die gemeinhin mit Schwesternbeziehungen verbunden waren und sich darüber hinaus am jeweils historisch-kulturell vermittelten Frauenbild orientierten.104 Als charakteristische Zuschreibungen nennen sie u.a. „Harmonie und gegenseitige[s] Verständnis“105, ähnliche Verhaltensweisen,106 enge emotionale Verbundenheit, Zusammengehörigkeit, Sanftheit und Fürsorge sowie Mitgefühl, d.h. kooperative und kommunikative Fähigkeiten, die stereotyp speziell mit Frauen assoziiert worden seien.107

Zudem habe die literarische, musikalische bzw. weitere künstlerische Darstellung von Schwesternbeziehungen im zeit- und geistesgeschichtlichen Kontext der Aufklärung ihrer Auffassung zufolge zumeist gesamtgesellschaftlichen pädagogischen Zwecken gedient: Mittels des harmonischen Schwesternverhältnisses sollte nicht selten Programm und Möglichkeit des aufklärerischen Ideals der Humanisierung der Gesellschaft aufgezeigt und zu einer entsprechenden Nachahmung auf sozialer Ebene angeregt werden.108 ← 33 | 34

Polarität – Geschwister als Antagonisten

Während innerhalb gemischtgeschlechtlicher Geschwisterkonstellationen konträre Eigenschaften und Fähigkeiten meist als komplementäre Ergänzung positiv bewertet werden, führen diese bei Geschwistern gleichen Geschlechts im Drama oder innerhalb der Opernhandlung oft zu einer verhängnisvollen Eskalation bzw. werden in ihrer Polarität besonders akzentuiert.109

Bereits die Gegensätzlichkeit von Schwestern stellt ein durchgehendes (kulturgeschichtliches) Motiv dar. Ihr wurde allerdings gewöhnlich nicht das gleiche Ausmaß folgenschwerer dramatischer Zuspitzung zugeschrieben wie dem gleichgeschlechtlichen brüderlichen Pendant. In der Hebräischen Bibel findet sie sich bereits in Gestalt der Ahnfrauen Lea und Rahel (Gen 29.30.35), im Neuen Testament mittels der Schwestern Maria und Martha umgesetzt – letztere als Repräsentantinnen verschiedener Glaubens- und Lebensweisen, der Vita activa und Vita contemplativa (Lk 10,38-42). Diese sind ebenso wie weitere konträre Schwesterngestalten leitmotivisch in diversen kunst- und kulturgeschichtlichen Werken110 abgebildet. Besonders augenscheinlich ist die Polarität innerhalb der Volksmärchen ausgestaltet, da hier die äußerliche Kontrastierung zumeist mit einer antithetischen Verschiedenheit in charakterlich-ethischer Hinsicht einhergeht (vgl. z.B. Goldmarie und Pechmarie in Frau Holle).111 Eine signifikante Verfestigung dichotomischer Ausgestaltungen von Schwesterpaaren konstatiert Andrea Bartl konkret für die deutschsprachige Literatur im Laufe des 19. Jahrhunderts, im Anschluss an ihre überwiegend harmonische Aufnahme in den Epochen der Aufklärung und Empfindsamkeit.112 ← 34 | 35

Die gegensätzliche Darstellung von Brüdern führt in der Literatur- und Kulturgeschichte des Öfteren zu einem Konflikt, zu offen ausgetragener Konkurrenz sowie Aggression, die bis zum Brudermord eskalieren kann. Letzterer stellt vor allem innerhalb des antiken Mythos meist das Resultat einer Rivalität um Herrschaft und Thron dar (Romulus und Remus, Polyneikes und Eteokles, Osiris und Seth), um eine Frau (vgl. z.B. die biblischen Söhne Davids, Absalom und Amnon, in 2 Sam 13) oder um die elterliche oder göttliche Anerkennung, die Segen und Erbe impliziert (Kain und Abel sowie letztlich ohne Eskalation im Brudermord: Isaak und Ismael113, Jakob und Esau oder Josef und seine Brüder114). So betrifft der Konflikt meist nicht allein die individuelle, emotionale Befindlichkeit, sondern tangiert zugleich übergeordnete patriarchale sowie gesellschaftliche Momente von Erbe, Macht und Herrschaft.115 Magda Motté sieht im Brudermord als „Urmuster zwischenmenschlicher Konflikte“ eine „abendländische Tradition“ und betont, kaum ein anderes biblisches Motiv sei so häufig rezipiert worden wie die Brudermorderzählung von Kain und Abel.116

Insgesamt wird nicht nur die Geschwisterliebe um 1800 in der Literatur auffällig häufig propagiert, auch das Gegenmotiv der feindlichen Brüder ist signifikant verstärkt aufgenommen. Speziell das Kain-und-Abel-Motiv erhält sodann in der Literatur des 20. Jahrhunderts besondere Aufmerksamkeit und Rezeption.117

Metaphorische Verwendung

Die übertragene Verwendung von Geschwistertermini118 erweist sich als äußerst umfangreich, vielfältig und tief im kulturellen Gedächtnis verankert. Bereits in der griechischen Antike und dann besonders im Mittelalter finden sich zahlrei ← 35 | 36 che Belege für die Anwendung geschwisterlicher Begriffe im weiteren oder übertragenen Sinne. Allerdings bezieht sich der metaphorische Transfer nicht stets auf ein betontes Moment oder appliziertes Charakteristikum der Geschwisterbeziehung. Vielmehr scheinen jeweils verschiedene Aspekte des Verhältnisses konstituierend und prägend gewesen zu sein und bedürfen somit der näheren, systematischen Differenzierung. Eine solche soll im Folgenden unter dem Vorbehalt, nicht jegliche Nuance lokaler, historischer und kultureller Provenienz anführen zu können oder Vollständigkeit zu beanspruchen, dargelegt werden.119 Auch sind angesichts der Komplexität der semantischen Konnotationen bildimmanente Überschneidungen nicht auszuschließen.

Geschwisterschaft als Status und Prädisposition

1.    Universal-menschliche Geschwisterschaft als conditio humana

Der Stoiker Epiktet thematisiert Geschwisterschaft im Kontext seiner Reflexionen innerhalb der Diatriben (Dissertationen), auf welche Weise der Mensch Eudämonie, d.h. Glückseligkeit bzw. seelisches Wohlbefinden, erlangen kann. Er setzt hierbei eine genuine bzw. natürlich vorgegebene Geschwisterschaft aller Menschen voraus, welche sich im gemeinsamen Ursprung in Gott begründe und konstituiere (Diatr 1,13).120 Diese impliziere die Gleichheit und Freiheit aller Menschen und verpflichte zu einem geschwisterlich‘-solidarischen, sittlichem Verhalten gegenüber Mitmenschen – jenseits realgesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen oder Verfügungsgewalt über Sklaven.121

Ein universal-menschlicher Geschwistergedanke lässt sich ebenfalls aus monotheistischen Traditionen ableiten. So kann auch im Judentum, Christentum und Islam aus der apriorischen Glaubensprämisse, dass ein Gott jeden Menschen und alles andere geschaffen hat, gefolgert werden, dass alle Menschen oder auch jegliche Geschöpfe Geschwister sind. In der Hebräischen Bibel erscheint dies mittels der beschriebenen Abstammung aller Menschen von einem, von Gott erschaffenen Urmenschenpaar narrativ umgesetzt. Auf eben diese biblische Schöpfungstradition rekurriert auch der christliche Aufklärer Theodor Gottlieb ← 36 | 37 von Hippel, wenn er feststellt: „Die Menschheit ist wahrlich eine große Brüderschaft, unter die Gott die Erde getheilt hat!“122 Zuvor hat bereits Franz von Assisi in seinem Sonnengesang die Geschwisterschaft auf die gesamte Schöpfung ausgedehnt, indem er auch die Elemente (Wind, Wasser, Feuer, Erde) und Gestirne (Sonne, Mond), selbst den Tod, als Schöpfungswerke als „Bruder“ oder „Schwester“ anredete.123 Diese universale Geschwisterschaft gründet ihm zufolge somit konkret in der göttlichen Schöpfungstat resp. in Christus und aktualisiert sich in der jeweils gelebten Bruder- bzw. Schwesternschaft.124

Letzteres erhält schließlich vor allem zur Zeit der Reformation eine exponierte Akzentuierung.125 So führt beispielsweise Christian Fürchtegott Gellert in einem Kirchenlied die aus der gemeinsamen Herleitung von einem Schöpfergott gefolgerte gegenseitige Verantwortung und grundsätzliche Egalität (vor Gott) als ethisches Postulat an: „Wir haben einen Gott und Herrn, / Sind eines Leibes Glieder; / drum diene deinem Nächsten gern, / Denn wir sind alle Brüder.“126 Wird die universell-menschliche Geschwisterschaft ernst genommen, so müsse dies zwangsläufig Konsequenzen im sozialen Umgang und im realpolitischen Bereich nach sich ziehen, insofern ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse nicht mehr akzeptiert bzw. hingenommen werden. Letzteres setzt beispielsweise der Philanthrop Christian Gotthilf Salzmann implizit voraus:

Da singen sie: Wir sind Bürger einer Welt, Kinder eines Vaters – Brüder!… Ach Gott! statt dessen kommen die Elenden, die von nichts als Bruderliebe reden, predigen, singen, und brauchen ihre Waffen um die schwachen Brüder zu schrecken… behalten ihren Reichthum für sich und reißen dem Dürftigen seinen Bissen Fleisch aus dem Munde.127 ← 37 | 38

Notwendige sozialpolitische Auswirkungen spricht auch Chr. G. Otto in seinen verbreiteten, in das Kommersbuch eingegangenen Liedversen an:

Wir Menschen sind ja alle Brüder, / Und jeder ist mit uns verwandt, / Die Schwester mit dem Leinwandmieder, / Der Bruder mit dem Ordensband… / Der Mann auf seinem Throne lebe, / Mit allem, was ihm angehört, / Und unser Vaterland umschwebe / Der Friedensengel ungestört. / Der Fürst sei Mensch, der Sklave frei, / Dann eilt die goldne Zeit herbei.128

Johann Gottfried Herder leitet die Bruderschaft aller Menschen schließlich nicht mehr von einem personalen, monotheistischen Schöpfergott ab, sondern setzt die gemeinsame Teilhabe an einer Weltseele bzw. Weltvernunft voraus.129

2.    Geschwisterschaft qua sozio-politischer bzw. nationaler Zugehörigkeit

Ebenfalls auf eine Prädetermination – hier in Folge nationalpolitischer Konstellationen – geht die Definition einer übertragenen Geschwisterschaft aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Nation, einem Land o.Ä. zurück. So setzt beispielsweise Plato in seinem Frühdialog Menexenos eine nationale Brüderschaft voraus, welche alle Griechen (Volksgenossen) umfasst.130 Seinen Ausführungen zufolge begründet sich das Bruderverhältnis der Griechen in der Isogonia (Isogonie), der gleichen, d.h. gemeinsamen Abstammung (von einer Mutter; konkret: von der Erde/dem Land). Hieraus leitet er den Grundsatz bzw. das Postulat der Gleichheit aller Griechen vor dem Gesetz (Isonomia, Isonomie) ab, welche sich laut Plato jedoch lediglich auf die genuine Ausgangslage jedes Einzelnen bezieht. Eine Nivellierung und Teilhabe an der politischen Macht aller, im Sinne einer Demokratie, lehnt er ab und befürwortet stattdessen eine Differenzierung und Auslese nach Weisheit, Fähigkeit und Leistung (d.h. konkret eine Aristokratie im Sinne der Auswahl der Tüchtigsten bei der Verteilung staatstragender Ämter).131

Ähnliche Gedanken äußert er in seinem Entwurf eines idealen Staats (Politeia). Um potenzielle künftige Regenten zu überzeugen, Regierungsver ← 38 | 39 antwortung zu übernehmen, solle diesen, so Plato in seiner Staatsutopie, eine phönikische Sage erzählt werden. Dieser zufolge ist die Stellung jedes Einzelnen in der Polis bereits von göttlicher Seite vorherbestimmt, indem künftigen Herrschern bei der Bildung seitens der Gottheit Gold beigemischt worden ist, den Wächtern, als Vertretern der künftigen exekutiven Gewalt, Silber und den Bauern, Handwerkern bzw. übrigen Arbeitern Eisen und Erz oder Kupfer (Politeia 415a). Auch hier werden alle Bürger – konkret die Einwohner der Polis – als Brüder bezeichnet, da sie sich von einem Schöpfer ableiten. Dennoch kommen laut Plato jedem unterschiedliche Fähigkeiten und somit verschiedene soziale Entwicklungsmöglichkeiten resp. Zukunftsperspektiven innerhalb der Polis zu. Die individuelle Anlage solle dabei laut dieser platonischen Konzeption die Stellung im Staatswesen bestimmen, nicht die soziale oder familiale Herkunft.132 Demzufolge verlieren die tatsächlichen genetisch-genealogischen Bindungen in seinem idealen Staat letztlich ihre Relevanz zugunsten der Staatsräson. Dies zeigt sich auch in der platonischen Befürwortung einer staatlich organisierten gemeinschaftlichen Erziehung der Anwärter der jeweiligen Herrscher- bzw. Wächterstände. Abgesondert von ihren Familien bzw. Eltern, die ihnen nicht bekannt sind, müssen sie prinzipiell jeden in der unmittelbaren Umgebung als potenziellen Verwandten bzw. als Bruder oder Schwester ansehen. In der Konsequenz sollen sich somit innerhalb eines Standes alle als Geschwister oder weitere Verwandte anreden und behandeln.

3.    Geschwisterschaft als Ausdruck entstehender oder bestehender Differenz bzw. Hierarchie

Nicht Egalität und Nivellierung, sondern Divergenz stehen vorrangig im Mittelpunkt, wenn disparate Entwicklungen, Altersunterschiede oder unterschiedliche Geschwisterrangpositionen betont werden. Hier liegt einerseits die Vorstellung der Trennung, der Entscheidung für verschiedene (Lebens-)Wege von einer gemeinsamen Ausgangsbasis zugrunde. In diesem Sinne werden somit beispielsweise Religionen eines Ursprungs, wie das Juden- und Christentum, als Bruderreligionen bezeichnet oder Völker mit gemeinsamen Wurzeln Brudervölker genannt. ← 39 | 40

Demgegenüber impliziert die Akzentuierung unterschiedlicher Ausgangssituationen innerhalb der Geschwisterposition (z.B. großer und kleiner Bruder, ältere und jüngere Schwester) zumeist ein Moment des Ungleichgewichts, der Hierarchie bzw. der einseitigen Überlegenheit und Dominanz. Dies findet im positiven Sinne in der Unterweisung, Fürsorge und Hilfe, in seiner negativen Ausformung in der Kontrolle bzw. Disziplinierung seitens der älteren Geschwister seinen konkreten Ausdruck.133

Ein vertikal helfender resp. fürsorgender oder altruistischer Aspekt kommt darüber hinaus bei der Anwendung geschwisterlicher Termini im karitativen Bereich bzw. in der Pflege zum Tragen. So nannten sich die bereits in der Spätantike in Großstädten verbreiteten (christlichen) Fürsorgevereinigungen zumeist „Bruderschaften“. Sie wirkten vor allem auf karitativ-seelsorgerlichem Gebiet der Krankenpflege und des Bestattungswesens134 und erhielten spätestens im hohen und späten Mittelalter maßgebende, multifunktionale Bedeutung.135 Bis dato ist der unterstützende, fürsorgliche, manchmal selbstlos-altruistische Aspekt in den Anreden und Selbst- bzw. Organisationsbezeichnungen enthalten bzw. ersichtlich: (Kranken-)Schwestern sowie „Schwestern mit Herz“, „Die mobilen Schwestern“ etc.136

Des Weiteren verweist der Titel und die Agenda des 1904 in New York gegründeten und von 2007 bis 2013 auch in Deutschland realisierten Programms Big Brother Big Sister auf den nachhaltig positiven Aspekt der Unterstützung älterer Geschwister im Sinne der Fürsorge, der Lebenshilfe und des Beistands. Zunächst als Hilfsaktion zur Wiedereingliederung entlassener Straftäter seitens Mentoren gegründet, stellt es gegenwärtig ehrenamtliche Personen, die sozial benachteiligte Kindern bei der Bewältigung alltäglicher Lebensaufgaben unterstützen.137

Eine negativ konnotierte hierarchische Rolle kommt demgegenüber dem in einer Zuschauerposition befindlichen Kollektiv, Big Brother, in George Orwells ← 40 | 41 Werk 1984 oder im gleichnamigen privaten Fernsehformat zu. Bei Orwell noch eine literarisch-futuristische Fiktion einer alle Bereiche des menschlichen Lebens umfassenden Überwachungs-, Kontroll- und Reglementierungsinstanz, bietet die ,Reality‘-Fernsehsendung Big Brother den Zuschauern eine distanzierte, bequem-überlegene Beobachtungsposition, die Voyeurismus ebenso wie Parteinahme, überhebliche Kritik oder Schadenfreude, Spott sowie Hohn bedient und protegiert.

Geschwisterschaft als Status und Auftrag, zwischen Prädisposition und dynamischer Verschwisterung

Da bei Israeliten bzw. Juden zumeist Abstammung, Volks- und Religionszugehörigkeit zusammenfällt, bezeichnet auch der hebräische Begriff ,Bruder‘ (images aimages, griech. ἀδελφός) schon in der Bibel im weiteren, übertragenen Sinne sowohl ein Mitglied der Volksgemeinschaft als auch einen Vertreter derselben Religion (Glaubensbruder).138 Des Öfteren wird jedoch die primäre Bedeutung in der Zugehörigkeit zur selben Religionsgemeinschaft eruiert.139 Joseph Ratzinger hebt in diesem Zusammenhang das Selbstverständnis Israels als Bundesgemeinde Gottes hervor, von dem sich die „Idee der Brüderlichkeit“ ableite und stellt jenes Moment der göttlichen Zuneigung und Erwählung des Volks als „erstgeborener Sohn“140 der platonischen Herleitung von einem gemeinsamen Ursprung aus einer Mutter Erde gegenüber.141 Eine außergewöhnliche, Israel geltende liebende Zuwendung Gottes wird auch insbesondere im biblischen Prophetenbuch Hosea in poetischer Metaphorik dargelegt, indem im Anschluss an Unheilankündigungen die Verheißung angeführt wird, die Söhne Israels würden wieder „Söhne des lebendigen Gottes“ genannt werden bzw. sein. Hierauf folgt die Aufforderung, die (Bundes-)Brüder „Ammi“ („Mein Volk“) und die (Bundes-)Schwestern „Ruchama“ („Erbarmen“) zu nennen (Hos 2,3). Das Verhältnis Gottes zu seinem ← 41 | 42 Volk konstituiert somit auch die metaphorische Identifikation und Anrede der anderen Mitglieder des Gottesvolkes als Geschwister. Laut Günther verweist die Verwendung der Geschwisterbegrifflichkeiten an dieser Stelle auf einen Übergang hinsichtlich des Sprachgebrauchs: von der leiblichen zur geistlichen Bruderschaft.142

In sozialrechtlichen biblischen Texten werden sodann von den Religionsund Volksgenossen ethische bzw. soziale Verhaltensweisen gefordert, welche gemeinhin vorrangig innerhalb familialer Relationen zwischen Geschwistern vorausgesetzt bzw. postuliert werden: Solidarität, Fürsorge und tätige Hilfe.143 Vorrangig gilt dieser Aufruf zu einem entsprechend mitmenschlichen Umgang allerdings hinsichtlich denjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die besonderer Unterstützung bedürfen: Arme, sozial Benachteiligte sowie Schwache und Wehrlose. In Ex 23,4f. umfasst der tätige Unterstützungsappell dann sogar Mitglieder feindlicher Völker. Nicht zuletzt erhält das in Lev 19,17f. vorgetragene Verbot des Hasses gegen den brüderlichen Mitisraeliten und der Anordnung, den Nächsten wie sich selbst zu lieben144, in dem Gebot, den Fremden, der im Lande lebt, so zu lieben wie sich selbst (Lev 19,34), einen erweiterten Bezugsrahmen145 bzw. Anwendungsbereich.

Geschwisterwerdung als Postulat und Prozess

1.    Universale Verschwisterung und rechtspolitische Egalisierung

Friedrich Schillers Ode An die Freude146 enthält einen universalen Verbrüderungsgedanken. Obwohl in dieser durchaus noch ein „lieber Vater“, der „überm ← 42 | 43 Sternenzelt“147 wohnt, vorausgesetzt ist, erscheint die Bruderschaft nicht mehr primär oder explizit von der gemeinsamen Herkunft von einem Schöpfergott abgeleitet. Statt einer vorgefundenen, feststehenden Prädisposition werden Bruderschaft bzw. Verbrüderung in der Ode vielmehr als dynamische, säkularhistorisierte Prozesse definiert und begrüßt: „Bettler werden Fürstenbrüder, wo dein sanfter Flügel weilt“ (1786) bzw. „Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt“ (1803). Menschen sind folglich nicht zwangsläufig bzw. von vornherein Brüder, sie werden erst zu solchen,148 konkret durch die sie vereinigende bzw. verbindende Freude,149 Freundschaft, Liebe und Sympathie.150 Die Ode kann daher in erster Linie als ein Appell zu einem geschwisterlichen Zusammenschluss aller Menschen verstanden werden.151

Im Kontext der Französischen Revolution bezog sich die geforderte Brüderlichkeit auf die rechtspolitische Nivellierung oder explizite Abschaffung von Klassen- bzw. Standesunterschieden. Konkret beinhaltete die ,Fraternité‘ das bürgerlich-jakobinische Programm des gleichberechtigten (brüderlichen) Zusammenwirkens über Stände- und Nationengrenzen hinweg. Sie war somit auf die praktische Realisierung der revolutionären bürgerlichen Ziele der selbstbestimmten Freiheit und sozialrechtlicher Gleichheit – liberté und égalité – ausgerichtet.152

Generell lässt sich im Zuge der Französischen Revolution und Aufklärung eine Säkularisierung und Entinstitutionalisierung des Geschwister-, konkret des Bruderbegriffs feststellen. Mit „der aufgeklärt freisinnigen Abwertung von Insti ← 43 | 44 tutionen“ ging auch eine „institutionelle Lockerung des modernen Bruderdenkens“153 einher. Fortan, so Schieder, „bürgerte sich ein, die gesinnungsmäßige ,Brüderlichkeit‘ (oder auch ,Bruderliebe‘) von ,Verbrüderung‘ als Institution begrifflich und sachlich zu trennen“154.

2.    Verschwisterung aufgrund homogener sozialer Konstellationen

Zuvor bezeichneten sich vorwiegend Personen auf gleicher oder ähnlicher gesellschaftlicher Ebene, von gleichem Status oder Beruf im übertragenen Sinn als Geschwister. So belegen schon akkadische, altägyptische, hellenistische sowie biblische Quellen die wechselseitige Anrede der Herrscher als Brüder.155 Auch im griechischen oder lateinischen Abendland galt die Bezeichnung ,Bruder‘ als hierarchisch streng genormter höfischer Würdetitel, dem der Gedanke der ,Brüderlichkeit‘ bzw. der brüderlichen Verbundenheit der Monarchen zugrunde lag.156

Auch die Übertragung geschwisterlicher Termini auf Amts- oder Berufskolleg_innen ist früh belegt: Bereits in der Hebräischen Bibel werden Priester bzw. Leviten oder Personen weiterer übereinstimmender Berufsgruppen Brüder genannt.157

Ferner wurden insbesondere innerhalb beruflicher Genossenschaften in Südeuropa (collegia) nicht nur geschwisterliche Anredeformen und Titel für unmittelbare Berufskollegen oder Personen des gleichen Berufsstands angewandt, sondern auch die Bezeichnungen der übergeordneten institutionalisierten Organisationsformen der Zusammenschlüsse stammten oft aus dem Bereich der Geschwisterbeziehung. In erster Linie ist hier der Begriff fraternitas158 bzw. Bruderschaft zu nennen. Angelehnt an familiale sozial- und rechtsbezogene ← 44 | 45 Strukturen organisiert, stand bei diesen vor allem die solidarische, gemeinsame Haftung, die gegenseitige Unterstützung und Fürsorge im Vordergrund.159

Max Weber führt konkret die Konzeption und Ausgestaltung der Handelsgesellschaft auf die langobardisch-germanische Rechtstradition der erbenden Söhne zurück. Jener zufolge sei das ungeteilte Vermögen des verstorbenen Vaters ebenso wie seine Haftungsverpflichtungen im Gegensatz zur römischen Praxis gemeinschaftlich auf die Söhne als brüderliche Solidargemeinschaft übergegangen.160 Ähnlich hätten auch die Handelsgesellschaften in erster Linie das „unmittelbare wirtschaftliche Ziel“ gehabt, „Kapital und Handelstätigkeit zur Kooperation zusammenzuführen“161 und somit letztlich die Unabhängigkeit, Emanzipation bzw. Ablösung von verwandtschaftlichen oder familialen Bindungen bewirkt.162 (Städtische) Gilden und Zünfte bildeten im Mittelalter, der Blütezeit institutioneller Bruderschaften, darüber hinaus wirtschafts- und berufsbezogene Zusammenschlüsse, die unter anderem als fraternitas, confraternitas oder confratria bezeichnet wurden.163 Ebenfalls an brüderlichen Rechtsprinzipien orientiert, bestand die Funktion der Gilden und Zünfte zusammenfassend darin, außerhalb der Familie im gemeinsamen Berufsstand „Schutz nach außen und Hilfe nach innen zu gewähren“.164 Für die Zünfte konkretisiert Monika Escher-Apsner diese Hilfestellung als „Regelungen und Maßnahmen zur gegenseitigen Absicherung von Unterstützung und Pflegeleistungen“ bis hin zur „Teilnahme ← 45 | 46 an Begräbnissen verstorbener Mitglieder“,165 Unterstützung beim Totengedächtnis, in Form von moralischer Integrität und religiöser sowie gemeinschaftsbildender Zusammenkünfte und Rituale.166

Gilden und Zünfte stellten somit nach paritätischen Prinzipien organisierte rechtliche Institutionen dar. Sie setzten sich aus einer sozial weitgehend homogenen Mitgliedschaft zusammen, deren Interaktion den Normen eines Verhältnisses unter Geschwistern zugrunde lag.167 Gerhard Dilcher sieht in diesen Zusammenschlüssen explizit „zwei verschiedene Formen des bruderschaftlichen Prinzips“ enthalten bzw. realisiert:

[…] das Prinzip der im Friedensgedanken und in Gleichheit charismatisch geeinten christlichen Gemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Herkunft und das Prinzip eines sozial homogenen, rechtlich institutionalisierten bruderschaftlichen Verbandes.168

Zusammengehörigkeit, Freundschaft und Frieden wurden innerhalb der Verbände schließlich durch regelmäßige gemeinsame Feste, Mahle, gemeinschaftliches Geld für gemeinsame Zwecke und in Gedenkveranstaltungen für verstorbene Mitglieder rituell gefestigt.169

3.    Geschwisterschaft innerhalb religiöser und kultischer Gemeinschaften

Gemeinschaftstiftende, -konsolidierende, aber auch abgrenzende Momente lassen sich zudem hinsichtlich spiritueller, kultischer sowie religiöser Gruppen feststellen. Bereits in altorientalischen Religionsgemeinschaften (vor allem unter Anhängern syrischer Baalskulte), innerhalb Mysterienkulten in römischer Zeit (z.B. im Mithraskult) sowie in gnostischen Sekten war der Bruder- oder Geschwisterbegriff für die Religions- bzw. Kultmitglieder verbreitet. Konstituiert wurde die religiös-kultische Geschwisterschaft zumeist durch Initiationsriten und Einweihungszeremonien, mittels derer die neuen Mitglieder bzw. Mysten in die Kultgemeinschaft oder -geschwisterschaft (φράτρα, φράτορες oder lat. fratres) aufgenommen wurden.170

Angelehnt an den Sprachgebrauch der Hebräischen Bibel werden auch die Anhänger Jesu, Mitchristen und Glaubensgenossen (sowie Juden) innerhalb des Neuen Testaments im übertragenen Sinn als Brüder oder Schwestern bezeich ← 46 | 47 net.171 Die Kirchenväter Justin und Tertullian knüpfen schließlich die Zugehörigkeit zur Geschwistergemeinschaft an die Taufe.172 So konstatiert Tertullian, nur bzw. „erst der Getaufte ist vollbürtiges Mitglied der christl. Familie.“173 Mit dem Glauben an Gott bzw. durch die Nachfolge Jesu, konstituiert in der Taufe, werden demnach neue, verbindliche ,geschwisterliche‘ Bande geknüpft.

Die durch Neugeburt erlangte Geschwisterschaft zieht jedoch nicht nur Konsequenzen im rechtlichen, gesellschaftlichen und ethischen Bereich nach sich, indem beispielsweise Unterschiede hinsichtlich der sozialen, genealogischen, ethnischen und kulturgeschichtlichen Herkunftsverhältnisse irrelevant bzw. aufgehoben werden (Gal 3,28). Für den Einzelnen ergeben sich des Weiteren ethisch-moralische Verpflichtungen, die im urchristlichen Postulat und Ideal der geschwisterlichen Liebe (φιλαδελφία [Philadelphia], „Bruderliebe") zusammengefasst sind. Im Sinne der Eintracht, der gegenseitigen Verbundenheit, Achtung, Zuneigung, Fürsorge, der tätigen Hilfe, Barmherzigkeit und Demut unter den Glaubensgenossen verstanden (vgl. z.B. Röm 12,9-21; 1 Petr 3,8), findet sie schließlich in der Anrede Brüder und Schwestern (in Christus) ihren direkten Ausdruck (u.a. Röm 12,1.19). Darüber hinaus wird aber ebenfalls der bedürftige Mitmensch bzw. der Nächste, in Anlehnung an die Anordnungen hinsichtlich der geforderten Solidarität und Fürsorge bezüglich der mittellosen Religionsund Volksgenossen und Mitbewohner des Landes im Buch Deuteronomium (Dtn 15,1-12), als (geringster) „Bruder“ bezeichnet (vgl. Mt 25,31-40).

Eine Anrede der Glaubensgenossen als Brüder bzw. Glaubensschwestern ist zugleich unter Muslimen verbreitet.174 Sie wird unter Berufung auf die Abschiedspredigt Mohammeds in Mekka (632) religionsethisch fundiert und auch ← 47 | 48 hier werden entsprechende Konsequenzen für die Praxis des mitmenschlichen Umgangs abgeleitet:

O ihr Menschen, höret, was ich sage, und begreift es: ihr solltet wissen, daß der Muslim dem anderen Muslim ein Bruder ist und daß alle Muslime untereinander Brüder sind. Keiner ist berechtigt, etwas von seinem Bruder wegzunehmen, es sei denn, dass er dies völlig freiwillig gegeben hat. Unterdrückt euch nicht gegenseitig!175

Im Christentum beziehen sich geschwisterliche Bezeichnungen bis in das 3. Jahrhundert vorwiegend auf die Gesamtheit der (getauften) Christen.176 Ab dem 4. Jahrhundert scheint sodann eine begriffliche Differenzierung oder Aufspaltung stattgefunden zu haben, indem die Bezeichnung ,Bruder‘ nun vermehrt zur gegenseitigen Anrede seitens der Bischöfe und Priester auf gleicher hierarchischer Ebene angewendet worden ist. Während jene von den anderen Gläubigen als ,Vater‘ tituliert wurden, beschränkte sich der Brudertitel offensichtlich auf den (gleichrangigen) geistlichen Amtsgenossen.177 Eine weitere Differenzierung bzw. Aufgliederung des Begriffs war mit der Anwendung desselben auf Personengruppen mit weiteren besonderen Diensten innerhalb der Gemeinde178 und als Fremd- sowie Selbstbezeichnung der Angehörigen der sich allmählich bildenden monastischen Gemeinschaften verbunden.179

4.    Geschwister qua gemeinsamer (geistlicher) Lebensführung

Mit der Entstehung monastischer Gemeinschaften als Intensivform eines christlichen Lebens mit und in der Nachfolge Christi avancierten die zuvor auf Christen oder Menschen allgemein bezogenen Begriffe ,Bruder‘ und ,Schwester‘zu formellen Titeln, Termini technici und Anredeformen für diejenigen Personen, die sich zwecks eines Gott geweihten, spirituellen Lebens klösterlichen Institutionen anschlossen.180 Jene wurden nicht nur als Brüder und Schwestern ← 48 | 49 bzw. Bruder- sowie Schwesternschaften bezeichnet, das gemeinschaftliche Zusammenleben der jeweiligen Mönche oder Nonnen sollte auch nach geschwisterlichem Vorbild, Ideal und Lebensmodell gestaltet sein (z.B. geschwisterliche Liebe, gemeinsamer Besitz, Fürsorge, Asexualität).181 Als prägend erwiesen sich dabei insbesondere die Ordensregeln des Basilius,182 in denen das monastische Leben bereits insgesamt als brüderliches Leben definiert wurde, der Orden explizit ,Brüderschaft‘ genannt und die Mönche zudem als Brüder bezeichnet wurden.183 Benedikt von Nursia rezipierte diese 540 für seine Ordensregel, welche sodann als Benediktinische Regel normative Bedeutung für die nachfolgenden Statuten in westlichen Klöstern erlangte.184

Auch in der Benediktinischen Regel werden im Rahmen der monastischen Familienmetaphorik die Mönche als Brüder angeredet.185 Damit ist allerdings keine vollständige Aufhebung der sozialen Unterschiede bzw. hierarchischer Strukturen verbunden. Vielmehr erweist sich die Klostergemeinschaft in Form einer Rangordnung organisiert, die sich laut Ordensregel aus der Länge des Zeitraums der Zugehörigkeit, der persönlichen Verdienste oder des Ermessens- und Verfügungsrahmens des Abtes bzw. der Äbtissin ergibt und von allen Mönchen oder Schwestern akzeptiert werden muss.186 Zudem wird ein geschwisterlicher Umgang unter den Mönchen in ,brüderlicher Liebe‘ gefordert, welche „sie einander in reiner Gesinnung erweisen“187 sollen. ← 49 | 50

Insbesondere ab dem 12. Jahrhundert orientierten sich schließlich viele der neu entstandenen, spirituellen und monastischen Reformbewegungen konkret an dem benediktinischen Brüderlichkeitsprinzip, das in seinem wahren Kern revitalisiert und realisiert werden sollte.188 Die Ordensregel der Klarissen, welche ihrer Ordensgründerin, Klara von Assisi, zufolge als sorores pauperum („arme Schwestern“) bezeichnet werden sollten, forderte schließlich sogar auf ordensrechtlicher Ebene die Schwesterlichkeit ein, indem von den Ordensfrauen verlangt wurde, sich wie Schwestern zu fühlen.189 Die Verantwortung und Verbundenheit gegenüber allen Mitschwestern des Konvents sollte sogar über derjenigen stehen, die hinsichtlich der tatsächlichen biologischen Verwandten vorausgesetzt wurde, denn die Kommunität bildete „quasi eine neue Kernfamilie, die die im Kloster zusammengekommenen Frauen besonders eng miteinander verband.“190

5.    Verschwisterung als Ausdruck friedlichen Einvernehmens

Bereits verbündete antike Herrscher redeten sich als Brüder an.191 Einer Verbrüderung im übertragenen Sinne entsprach auch die Heilige Allianz der Monarchen Russlands, Österreichs und Preußens, welche 1815 nach der Niederlage Napoleons in Abwehr der Freiheits-, Egalitäts- und Brüderlichkeitsbestrebungen der Aufklärer gegründet wurde. Die verbündeten christlichen Regenten versicherten sich in diesem Rahmen ihrer gegenseitigen Hilfe und des Schutzes gegen revolutionäre Kräfte. Sie rekurrierten hierbei explizit auf christliche Grundsätze und nahmen auch entsprechende Anleihen an christliche Geschwisterlichkeitsbezüge, -motive und -termini. Brüderlichkeit avancierte nun zu einem antirevolutionären, reaktionären Terminus bzw. Programm.192 ← 50 | 51

Demgegenüber beinhaltet die sogenannte Blutsgeschwister- bzw. Blutsbruderschaft193 ursprünglich einen archaischen, rituell-symbolischen Akt. Auf (magische) Rituale zurückgehend, wonach symbolisch oder real das Blut zweier Clans bzw. exemplarischer Kontrahenten vermischt und symbolisch oder tatsächlich durch „wechselseitiges Trinken vom Blut des anderen oder gemeinsames Eintauchen der Hand in Tierblut“194 ausgetauscht und mit einem gegenseitigen Treuegelöbnis verbunden worden ist, steht es für einen Friedensschluss bzw. eine Befriedungsmaßnahme sowie für eine anhaltend enge Verbindung.195 Das Austauschen des Bluts soll dabei sicherlich die nachträglich vollzogene, nicht aufhebbare „Blutsverwandtschaft“ symbolisieren sowie Frieden initiieren. Später entwickelte sich hieraus eine metaphorische bzw. pathetische Bezeichnung für eine ausnehmend intensive, bleibend verbindlich angelegte Wahlgeschwisterschaft.196

6.    Geschwister qua Gesinnung

Auch wenn Schillers Ode An die Freude sowie weitere, im freimaurerischen Umfeld entstandene Werke das Ideal einer universalen Verbrüderung postulieren und folglich alle Menschen als Geschwister angesehen werden,197 lässt sich unter den Freimaurern noch eine interne Verwendung des Geschwisterbegriffs feststellen, die sich lediglich auf die Mitglieder (und deren Familien)198 der ei ← 51 | 52 genen Loge oder mit dieser verbundenen Logen bezieht.199 Es handelt sich somit um eine exklusive Verbrüderung einer besonderen Gemeinschaft innerhalb der übergreifenden gesamtmenschlichen Geschwisterschaft, welche in der gemeinsamen Gesinnung und somit in einem Gefühl der tieferen Verbundenheit und jeweiligen Vervollkommnung gründet. So stellt die streng genormte und geheime Mitgliedschaft zu einer Loge die notwendige Vorbedingung dar, innerhalb dieser Gesellschaft als Bruder im engeren Sinne angeredet und behandelt zu werden. Laut dem Handbuch für die Brüder der Großen Landes-Loge der Freimauer von Deutschland soll die maurische „Verbrüderung […] ,zur Ehre Gottes, zur eigenen Veredlung und zur Veredlung der Brüder, zur Förderung der allgemeinen Liebe und Erhöhung der Würde und des Wohles der Menschheit‘“200 dienen. Sie ist somit zunächst auf die Logenbrüder als einsichtige Vordenker unter den Menschen201 und erst mittel- bzw. langfristig auf die gesamte Menschheit ausgerichtet.202 Hinsichtlich des Verhältnisses und des gegenseitigen Umgangs wird in Paragraph 18 eine Egalisierung postuliert: „[…] alle Unterschiede des Standes, Ranges und Besitzes [fallen demnach] weg“203. Konkret enthält das Handbuch darüber hinaus die Forderung, die grundsätzlichen Pflichten, welche „der Freimaurer allen Menschen gegenüber hat“, auf seine maurischen Mitbrüder in erhöhtem Maße anzuwenden.204 Entsprechend eindringlich ermahnen die maurischen Lieder zur Bruderliebe.205 Im Freimaurerlied Zu Eh ← 52 | 53 ren der besuchenden Brüder wird diese Harmonie und einende Liebe zudem mit der Nivellierung bzw. Aufhebung sozialer Rangunterschiede unter den Mitgliedern verbunden und die verbindende Mentalität betont:

Wie ist es im Kreise der Brüder so schön!

Weil hier keine Kasten und Kästchen bestehn;

Uns trennet nicht Meinung, nicht Rang und nicht Stand,

Wir sind uns ja innig als Brüder verwandt;

Uns einet der Liebe verklärender Schein;

Drum ist es so herrlich ein Bruder zu sein.206

Geschwisterschaft bzw. Geschwisterlichkeit wird somit in freimaurerischen Logen wie auch in anderen kollektiven Zusammenschlüssen oder Zuordnungen, die sich aufgrund gemeinsamer Anschauungen, Interessen und Werte verbunden fühlen,207 als Gesinnungsgemeinschaft verstanden, wodurch letztlich auch eine gewisse Abgrenzung von ,Andersdenkenden‘ impliziert, in Kauf genommen oder beabsichtigt wird.208

7.    Verschwisterung aufgrund emotionaler Verbundenheit und Nähe

Freundschaft und Verwandtschaft werden nicht selten als konträre Momente gegenübergestellt. Während Freundschaft gemeinhin als intensive Verbindung definiert wird, die optional, hinsichtlich Person, Art sowie Zeitraum frei wählbar (und entsprechend wieder aufhebbar) ist, stellt sich die Geschwisterbeziehung als nicht selten lebenslange, herkunftsbedingte, ambivalente Vorfindlichkeit des Menschen dar. Dennoch wurden und werden aber immer wieder beide Beziehungsformen gedanklich und begrifflich zusammengeführt, um eine besonders intensive und harmonische emotionale Beziehung bzw. Verbundenheit auszu ← 53 | 54 drücken. Bereits in der Hebräischen Bibel werden die Bezeichnungen ,Freund‘ und ,Bruder‘ an einigen Stellen (fast) synonym verwendet (Ps 35,14; 122,8) bzw. kombiniert.209

In der römischen Antike ähnelt der Bedeutungsrahmen der Freundschaft, amicitia, sogar in weitem Umfang dem der geistigen oder symbolischen Verwandtschaft.210 Für das Mittelalter konstatiert Katrinette Bodarwé dann eine „Ausdifferenzierung“ des Freundschaftskonzepts „in eine persönliche, eine politische und [als Novum] eine geistliche Dimension“211. Auch hier komme der Freundschaft Bodarwé zufolge eine ähnlich relevante Funktion zu wie leiblichen sowie geistig oder symbolisch konstruierten Verwandtschaftsbeziehungen: „Gewährung von Hilfe und Unterstützung in allen Lebenslagen und mit allen Kräften“212. Demzufolge könne die Freundschaft mit den Worten Gerd Althoffs zu „den ,gemachten‘ oder ,künstlichen‘ Verwandtschaften“213 gezählt werden.214

Ähnlich betont Sjaak van der Geest die inhärente Diskrepanz sowie Gemeinsamkeiten zwischen Geschwisterschaft und Freundschaft mit Blick auf die moderne Begriffsverwendung: „They are in one respect each other’s antipode, but they also share common sentiments of belonging and affection.“215 Auf dieser Basis wurden und werden die Bezeichnungen ,Bruder‘ und ,Schwester‘ in vielen Kulturen zur Akzentuierung besonders enger emotionaler Beziehungen sowie für Gefühle tiefer Solidarität, der Ähnlichkeit oder Gleichheit, auch außerhalb der biologisch konstituierten Verwandtschaft, verwendet.216 Hieraus ergibt sich allerdings ein Paradoxon:

„[…] Created sibling relationships are not only as good as natural ones, they are potentially better. They are an improvement on nature in the sense that they allow for the purest expression of ‘brotherly love’ […]” (Marshall 1977: 649). The paradox is that people choose kinship terms to express love and affection, apparently assuming that the truest love is found in kinship, such as between siblings. But, at the same ← 54 | 55 time, they recognize that a voluntarily chosen relationship is more precious and carries deeper emotional satisfaction than one that has been thrown on them.217

Insbesondere die Repräsentanten des 18. Jahrhunderts entwickelten – auch oder vor allem unter freimaurerischem Einfluss bzw. im Kontext aufklärerischer Ideale – einen Freundschaftskult, in dem „das Ideal ,echter‘, auf Tugend, Verstand und Ebenbürtigkeit gebauter Freundschaft“218 konstruiert wurde. Das transkulturell verbreitete Konzept der „Wahlverwandtschaft“ (Johann Wolfgang von Goethe) oder der „Seelenverwandtschaft“ (Geschwister im Geiste oder Herzen) entfaltete sich vor allem in der europäischen Klassik und Romantik.219 Als bürgerlicher Leitwert diente es in seinem Bedeutungsrahmen bzw. seiner moralischen Essenz insbesondere zur Abgrenzung von rational-berechnenden Zweckbündnissen, welche gemeinhin dem Adel zugeschrieben wurden.220

Problematisierung und Kritik

Die Hauptkritik an der Verwendung übertragener Geschwisterbegrifflichkeiten und -motive bezieht sich letztlich auf ihren inhärenten exklusiven bzw. exkludierenden Charakter. Wie bei tatsächlichen Geschwistern ist dieser – von der universalen Anwendung abgesehen – zumeist auf bestimmte Menschen begrenzt, schließt somit parallel andere aus und grenzt eine spezielle Gruppe von anderen ab.

Aus kommunistisch-sozialistischer Perspektive wurde insbesondere die realpolitische Bezogenheit und Beschränkung des aufklärerischen Programms der fraternité auf den bürgerlichen Stand kritisiert, attackiert und mit der stände- und nationenübergreifenden Ausrichtung des Sozialismus kontrastiert: Erst der Sozialismus werde die Ideale der französischen Revolution für die gesamte Menschheit realisieren bzw. die Nationen fraternisieren.221 Vor allem in der An ← 55 | 56 fangszeit übernahmen die Repräsentanten der deutschen Arbeiterbewegung somit noch die Brüderlichkeitstermini und -bezüge der französischen Revolution, indem sie die Arbeiterinnen und Arbeiter beispielsweise zur Verbrüderung resp. Fraternisierung, zum Zusammenschluss und zur gegenseitigen Unterstützung aufriefen.222 Allerdings lässt sich bald eine fortschreitende Distanzierung, Ablehnung und Vermeidung des Brüderlichkeitsbegriffs und seiner bürgerlichen Konnotationen in den öffentlichen Verlautbarungen, konkret seitens Friedrich Engels und Karl Marx, feststellen. An seine Stelle trat der weniger bürgerlichchristlich ,vorbelastete‘ Terminus ,Solidarität‘.223

Fehlende Solidarität auf internationaler Ebene wirft letztlich auch Clara Zetkin der überwiegenden Zahl der „bürgerlichen Frauenorganisationen aller Länder“ vor. Hätten sich diese doch trotz „ihrer feierlichen Festgesänge internationaler Schwesterschaft und brennender Friedensliebe“ „im Namen der ,Vaterlandsverteidigung‘ als fanatische nationalistische, mordspatriotische Durchhalterinnen des mehr als vierjährigen imperialistischen Völkergemetzels“224 erwiesen. Zwar gesteht Zetkin einigen bürgerlichen Vorkämpferinnen in Frankreich und Deutschland durchaus zu, im Rahmen ihrer Gleichberechtigungs- bzw. Emanzipationsbestrebungen225 auch für die „Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterinnen“ eingetreten zu sein. Dies sei aber nicht ← 56 | 57 aus einem „proletarischen Klassenstandpunkt“ motiviert gewesen, sondern auf der Grundlage bzw. „im Namen einer gefühlsseligen Humanität, die den ,armen Schwestern‘ von oben helfen, sie aber nicht zum selbsthelfenden Kampfe rufen wollte“226, geschehen. Hier ist somit eine hierarchische, soziale Unterschiede akzeptierende bzw. konsolidierende Konnotation der übertragenen Geschwistermotivik und -termini angesprochen227 – ein Charakteristikum, das bereits in christlichen, mittelalterlichen Fürsorgebruderschaften inhärent war und in der Begriffsverwendung des „Großen Bruders“ noch expliziter ausgedrückt ist.

In verstärktem Maße akzentuiert schließlich Hannah Arendt eben jene hierarchische Implikation in ihrer Gegenüberstellung der Bedeutungsinhalte des Brüderlichkeits- und Freundschaftsbegriffs. Ersteren expliziert sie als affektiven Terminus, der sich im Moment des Mitleids und somit in „finsteren Zeiten“ realisiere, da er ein Ungleich- bzw. Ausbeutungsverhältnis, ein Paria-Dasein voraussetze:

Die Brüderlichkeit, welche die Französische Revolution der Freiheit und Gleichheit, die seit eh und je die politische Sphäre des Menschen charakterisierten, hinzufügte, hat ihren natürlichen Ort in der Lebenssphäre der Unterdrückten und Verfolgten, der Ausgebeuteten und Erniedrigten […].228

Demzufolge stehe „die Menschlichkeit der Brüderlichkeit“ all denen nicht zu, welche „nicht zu den Erniedrigten und Beleidigten gehören und nur durch das Mitleid an ihr Anteil haben können“229. Dagegen impliziere die freigewählte Freundschaft eine horizontale, ranggleiche Beziehung „ohne falsche Überheblichkeit oder Minderwertigkeitskomplexe auf der anderen Seite“, mit der sich ← 57 | 58 somit tatsächlich „ein Stück Menschlichkeit in einer unmenschlich gewordenen Welt“230 verwirkliche.

Renate Liebold und Birgit M. Hack konstatieren ferner hinsichtlich moderner Frauenbewegungen die Tendenz, sich aus einer unterdrückten Position heraus gegen die erfahrene, geschlechtsbezogene Diskriminierung zu Schwesternbünden zusammenzuschließen und euphorisch die Gemeinsamkeit und Verbundenheit innerhalb dieser zu proklamieren.231 Gegenwärtig würden die geschwisterlichen Begrifflichkeiten und Bezüge jedoch postmodern dekonstruiert, indem beispielsweise der ausschließlich positive Bedeutungsrahmen des Begriffs ,Schwesterlichkeit’ entmythisiert bzw. in Frage gestellt würde und somit auch Differenzen, Hierarchien, Konkurrenz zwischen Frauen oder in weiblichen Zusammenschlüssen nicht mehr tabuisiert, sondern vermehrt thematisiert würden.232

Darüber hinaus schließt der aufklärerische Terminus der Brüderlichkeit zumindest nicht explizit den weiblichen Teil der Menschheit ein. Auf die exkludierende männliche Ausrichtung verweisen jedoch erst gegenwärtige Stimmen in verstärktem Maße.233 Bemerkenswert erscheint allerdings dabei, dass sich auch in heutiger Zeit, in der genderbedingte (sprachliche) Diskriminierungen in weitem Maße reflektiert werden, der alternative geschlechtsneutrale Begriff „Geschwisterlichkeit“ oder die weibliche Form ,Schwesterlichkeit’ noch nicht umfassend durchgesetzt haben.234

Resümee:

Inklusion und Exklusion, Nivellierung und Differenzierung

In Korrespondenz zu den vielfältigen Modalitäten und Erscheinungsweisen real erfahrener Geschwisterbeziehungen stellt sich auch die sozio-kulturelle Aufnahme geschwisterlicher Topoi und Begrifflichkeiten ambivalent dar. Dies gilt zunächst für künstlerische und ethische Rezeptionen von Geschwistern und geschwisterlicher Beziehungen, welche einerseits gesellschaftliche Erwartungen ← 58 | 59 an ein Harmonieideal innerhalb der Geschwisterbeziehungen spiegeln, andererseits aber auch eine Folie für die Darstellung antagonistischer Stereotypen bieten. Beide bilden somit die Realität tatsächlicher geschwisterlicher Relationen zumeist allenfalls partiell – mit jeweils besonderem Akzent auf die Rivalität oder Nähe unter Geschwistern – ab.

Die übertragene Verwendung geschwisterlicher Termini und Bezüge suggeriert demgegenüber zunächst eine ausschließlich positive Konnotation: Mit Begriffen wie ,geschwisterlich‘, ,brüderlich‘ und ,schwesterlich‘ werden gemeinhin Momente der Gleichheit, Zusammengehörigkeit, Solidarität, Unterstützung und Zuneigung verbunden.235 Allerdings gelten diese Werte idealiter, in erster Linie oder im ausschließlichen Sinne dem als Mitbruder bzw. Mitschwester definierten Gegenüber. Nach außen wirken dagegen, implizit oder intendiert, Abgrenzungsprozesse gegenüber denjenigen, die dem inneren (geistigen) Geschwisterkreis nicht zugerechnet werden, da sie einer anderen Nation, einem anderen Berufsstand, einer anderen Glaubensrichtung angehören, andere Interessen, eine alternative Gesinnung vertreten oder ein divergentes Leben führen. Die Distanzierungsmechanismen manifestieren sich konkret in der Betonung der Zusammengehörigkeit, der Ritualisierung gemeinschaftsstiftender oder –konsolidierender Praktiken, Regeln und Versicherungen oder Bekenntnissen, in gemeinschaftlicher Arbeit an der Durchsetzung kollektiver Interessen und Ziele. In erster Linie stehen somit die Gemeinsamkeiten, Homogenität und Einheitlichkeit – gegebenenfalls verbunden mit einer Nivellierung individueller Unterschiede – im Vordergrund. Dies gilt im Besonderen, wenn der geistigen Geschwisterschaft ein dynamischer, optionaler Prozess der Verbrüderung bzw. Verschwesterung zugrunde liegt, der eine Darlegung der Zugehörigkeit in Form von Initiation, Bestätigung und Bekräftigung impliziert – mit integrierender Funktion nach innen und abgrenzendem Moment nach außen.

Definiert sich die Gemeinschaft jedoch nicht primär auf der Grundlage gemeinsamer Anliegen, Interessen, Anschauungen und Werte, die Geschwisterlichkeit zum Resultat haben, sondern gilt das Geschwistersein vielmehr als vorgegeben bzw. ist es als statisch gesetztes Moment aufgrund eines gemeinsamen Ursprungs, der gleichen Herkunft beispielsweise von einem Schöpfer oder der Zugehörigkeit zu einem Staat konstituiert, so bedarf es nicht in gleicher Weise der besonderen Betonung gemeinschaftskonsolidierender Momente und außergewöhnlicher Homogenität oder Konformität. Gleichheit wird in diesem Zusammenhang in erster Linie auf die gemeinsame Abkunft und somit auf eine ← 59 | 60 grundsätzlich übereinstimmende, aber nicht frei gewählte Ausgangsposition bezogen, so wie sich auch die tatsächliche Geschwisterkonstellation in der Familie letztlich als fixiert und vorgefunden darstellt. Dies schließt folglich eine innere Differenzierung im Sinne einer heterogenen Entwicklung im Rahmen der Gemeinschaft nicht aus oder gilt sogar als selbstverständlich,236 wodurch die genuine geistige wie auch tatsächliche Geschwisterschaft nicht tangiert wird.

Grundsätzlich besteht offensichtlich eine Korrelation zwischen Säkularisierungstendenzen, in deren Folge die Prämisse einer übergeordneten universalen Gottheit bzw. eines höchsten, transzendenten Prinzips ausgeklammert wird, abnehmenden Bedeutungen nationaler Zugehörigkeiten und vermehrter Rückgriffe auf geschwisterliche Termini und Topoi im hier erörterten dynamischen, homogenisierenden Sinne. Die Versicherung und Festigung gemeinsamer Werte, Interessen und Implikationen, wie sie gemeinhin der Geschwisterbeziehung in ihrer Idealform zugeschrieben werden, scheinen letztlich vielleicht besonders geeignet, alternative säkulare und überstaatliche Gemeinschaft zu stiften.

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1      Epiktet, Dissertationes 2,10. Zit. nach: Epiktet – Teles – Musonius. Wege zum Glück. Auf der Grundlage der Übertragung v. Wilhelm Capelle neu übersetzt u. mit Einführungen u. Erläuterungen versehen von Rainer Nickel. Zürich, München 1991, S. 102.

2      In diesem Buch beschreibt Charlotte Link die letzten gemeinsamen Jahre mit ihrer Schwester Franziska, die 2012 infolge einer Krebserkrankung gestorben ist.

3      Charlotte Link. Interview mit Deike Diening und Julia Prosinger, in: Der Tagesspiegel. Sonntagsteil: Schwestern. Man sucht sie sich nicht aus – und liebt sie dann doch!? Ein Spezial. Sonntag, 14.09.2014, 22/165, S. 1.

4      Vgl. Onnen-Isemann, Corinna: Geschwisterbeziehungen aus soziologischer Perspektive, in: dies.; Rösch, Gertrud Maria (Hrsg.): Schwestern. Zur Dynamik einer lebenslangen Beziehung. Frankfurt/Main, New York 2005, S. 23-36, hier S. 23.

5      Vgl. z.B. Onnen-Isemann: Geschwisterbeziehungen, S. 23f.; Onnen-Isemann, Corinna; Rösch, Gertrud Maria: Einleitung, in: dies. (Hrsg.): Schwestern, S. 7-19, hier S. 8; Labouvie, Eva: Zur Einstimmung und zum Band, in: dies. (Hrsg.): Schwestern und Freundinnen. Zur Kulturgeschichte weiblicher Kommunikation. Köln u.a. 2009, S. 11-31, hier: S. 16.

6      Vgl. Thelen, Tatjana; Coe, Cati; Alber, Erdmute: The Anthropology of Sibling Relations. Explorations in Shared Parentage, Experience, and Exchange, in: dies. (Hrsg.): The Anthropology of Sibling Relations. Shared Parentage, Experience, and Exchange. New York 2013, S. 1-26, hier S. 4.

7      Vgl. Onnen-Isemann: Geschwisterbeziehungen, S. 23 u. Labouvie: Einstimmung, S. 16.

8      Vgl. Onnen-Isemann, Corinna; Rösch, Gertrud Maria: Schwesterherz – Schwesterschmerz. Schwestern zwischen Solidarität und Rivalität. Heidelberg 2006, S. 9.

9      Vgl. Labouvie: Einstimmung, S. 16.

10    Vgl. Hartmut Kasten: Die Geschwisterbeziehung. Bd. 1. Göttingen 1993, S. 9.

11    Zum gegenwärtigen Forschungsstand der Geschwisterpsychologie vgl. meinen Artikel „Themen, Kontexte und Perspektiven sozial- und individualpsychologischer Geschwisterforschung – Ein Überblick“ in diesem Band.

12    Diesbezügliche Verdienste und wegweisende Relevanz insbesondere im Hinblick auf die Wortfelder ,Bruder’ oder ,brüderlich’ kommen vor allem Wolfgang Schieder (Brüderlichkeit. Bruderschaft, Verbrüderung, Bruderliebe, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 1. Stuttgart 1992, S. 552-581) und hinsichtlich der antiken und religiösen Verwendung Karl Hermann Schelkle (Bruder, in: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 2. Stuttgart 1954, Sp. 631-640) zu.

13    So z.B. Schwestern. Man sucht sie sich nicht aus – und liebt sie dann doch!? Ein Spezial, in: Der Tagesspiegel. Sonntag, 14.09.2014, 22/165, S. 1-8; Braun, Maria: Geschwisterbeziehungen – das reinste Schicksal, in: Die Welt, 30.01.2011, http://www.welt.de/wissenschaft/article12372691/Geschwisterbeziehungen-das-reinste-Schicksal.html;

Röbke, Thomas: Geschwister. Wie sie uns lebenslang prägen, in: Seniorenratgeber. Juni 2011, S. 62-69; Baier, T.: Die längste Liebe des Lebens, in: Süddeutsche Zeitung, 03.03.2010, online: http://www.sueddeutsche.de/wissen/geschwisterforschung-die-laengste-liebe-des-lebens-1.6717; der Titelartikel im Spiegel 2/2006: „Geschwister. Die ewigen Rivalen“, darin: Thimm, Katja: Rivalen fürs Leben, 09.01.2006, online: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45280085.html (jeweiliger letzter Zugriff: 24.03.2015).

14    Vgl. Maria Rösch, Gertrud: Auf der Suche nach der anderen: Schwesternbeziehungen in der deutschen Gegenwartsliteratur, in: Onnen-Isemann; dies.: Schwestern, S. 184.

15    Exemplarisch seien hier genannt: „Die geliebten Schwestern“, ein Historiendrama von Dominik Graf (Deutschland/Österreich 2014); das Drama „Meine Schwestern“ von Lars Kraume (Deutschland 2014); das Familiendrama „My Sister’s Keeper“ (dt. „Beim Leben meiner Schwester“) von Nick Cassavetes (USA 2009); das Remake des dänischen Originals „Brothers – Zwischen Brüdern“ von Susanne Bier: „Brothers“ von Jim Sheridan (USA 2009); der Historienfilm „The Other Boleyn Girl“ (dt. „Die Schwester der Königin“) von Justin Chadwick (GB/USA 2008); die Filmtrilogie „Brüder“ von Wolfgang Murnberger (Österreich 2002.2003.2006) sowie das südkoreanische Kriegsdrama „Brotherhood“ von Je-gyu Kang (Südkorea 2004).

16    Vgl. Labouvie: Einstimmung, S. 20f. u. Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 7.

17    So z.B. 2003 in einem interdisziplinären Symposium, das an der Universität Regensburg unter Beteiligung der Fachgebiete der Sozial-, Kultur- und Literaturwissenschaft stattfand (vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 19). Vgl. auch den Sammelband von Labouvie (Hrsg.): Schwestern und Freundinnen.

18    So bietet selbst der Duden keine Begriffserklärungen für die Stichwörter ,Geschwister’, ,Bruder’ oder ,Schwester’. Vgl. Duden. Bd. 1: Rechtschreibung. Mannheim u.a. 2004.

19    Vgl. hierzu Kasten: Geschwisterbeziehung, S. 8; Kaiser, Peter: Schwestern im familialen Systemkontext, in: Onnen-Isemann; Rösch (Hrsg.): Schwestern, S. 65-88, S. 65 u. Bollmann, Vera: Schwestern. Interaktion und Ambivalenz in lebenslangen Beziehungen. Wiesbaden 2012, S. 44.

20    Vgl. Kasten: Geschwisterbeziehung, S. 8.

21    Vgl. Brockhaus. Enzyklopädie in 30 Bänden. Stichwort: Geschwister. Bd. 10. Leipzig, Mannheim 2006 u. Kaiser: Schwestern, S. 65.

Der seit dem 16. Jahrhundert oft verwendete Terminus der Blutsverwandtschaft, hier konkret der Blutsgeschwister, dem die Vorstellung gleichen Bluts bei leiblichen Verwandten zugrunde liegt, wird angesichts moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse, wonach ausschließlich die DNA das Erbgut enthält, in den Bereich der Halbwahrheit oder Metaphorik verwiesen. Vgl. Schmidt-Denter, Ulrich: Soziale Beziehungen im Lebenslauf. Lehrbuch der sozialen Entwicklung. Weinheim, Basel 2005, S. 53 u. Dilcher, Gerhard: An den Ursprüngen der Normbildung – Verwandtschaft und Bruderschaft als Modelle gewillkürter Rechtsformen, in: Krieger, Gerhard (Hrsg.): Verwandtschaft, Freundschaft, Bruderschaft. Soziale Lebens- und Kommunikationsformen im Mittelalter. Berlin 2009, S. 37-55, hier S. 37.

22    Zwillinge können in diesem Band leider nicht ausführlich berücksichtigt werden. Vgl. zur metaphorischen Anwendung des Zwillingmotivs den Artikel von Uta Lohmann „Sokrates und Mendelssohn – Zur Bedeutung der Zwillings-Metapher im Bildungskonzept von David Friedländer und Jeremias Heinemann“ in diesem Band.

Angesichts der modernen Reproduktionsforschung wäre in diesem Zusammenhang darüber hinaus zu fragen, inwieweit künstlich reproduzierte Klone als Geschwister bzw. Zwillinge gelten können, wären diese doch bei der hier angeführten Definition zunächst durchaus impliziert.

23    Verwandte in „gerader“ Linie stammen demgegenüber direkt von einer Person ab (Eltern-Kind-Verhältnis), vgl. § 1589 BGB.

24    Vgl. § 1754 BGB. Dies gilt lediglich für Kinder, nicht für Erwachsene (§ 1770 BGB).

25    Vgl. § 1307 BGB.

26    Vgl. z.B. Dilcher: An den Ursprüngen, S. 37.

27    Bollmann: Schwestern, S. 12. Vgl. auch Bodarwé, Katrinette: Befreundete Schwestern. Beziehungs- und Kommunikationskulturen klösterlicher Frauen im Frühmittelalter, in: Labouvie (Hrsg.): Schwestern und Freundinnen, S. 377-393, hier S. 381 u. Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 15.

28    Vgl. Thelen u.a.: The Anthropology, S. 6 u. Bollmann: Schwestern, S. 32.

29    Vgl. z.B. Bodarwés Explikation hinsichtlich der mittelalterlichen Verwandtschaftspraxis (Befreundete Schwestern, S. 381).

30    Vgl. Thelen u.a.: The Anthropology, S. 10.

31    Thelen, Coe und Alber nennen generell drei Möglichkeiten der Konstituierung von Geschwisterschaft: „Shared Parentage: Highlighting Intergenerational Significance“, „Shared Experience: Creating Feelings of Similarity“ sowie „Siblings through Exchange and Care: Living Difference and Mutuality“, dies.: The Anthropology, S. 7, 10 u. 12. Vor allem das in den verschiedensten Kulturen verbreitete Moment des gemeinsamen Nährens bzw. Essens, der Essensvergabe oder des Teilens der Mahlzeit als Verwandtschaft bzw. Geschwisterschaft begründender Akt wird hierbei des Öfteren betont. Vgl. ebd., S. 6f. Ähnliche Prämissen liegen der sogenannten Milchgeschwisterschaft (collactaneus) zugrunde. Unter Milchbrüdern bzw. Milchschwestern werden herkömmlich Personen verstanden, die nicht biologisch verwandt sind, aber von derselben Frau bzw. Amme genährt worden sind und folglich auch zumeist gemeinsam aufwachsen.

32    Hartmut Kasten betont in diesem Rahmen die steigende Zahl der Patchworkfamilien seit dem Ende des 20. Jahrhunderts: „Heute erleben weniger als die Hälfte der Kinder das 18. Lebensjahr in derselben Familie“. Zit. nach: Sitzler, Susann: Geschwister. Die längste Beziehung des Lebens. Stuttgart 2014, S. 168.

33    So der Soziologe Christian Alt, zit. nach: Sitzler: Geschwister, S. 177.

34    Vgl. ebd., S. 68.

35    Die verschiedenen Konstellationen werden in den letzten Jahren zunehmend berücksichtigt. Vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 16.

36    Vgl. hierzu die näheren Ausführungen in meinem Artikel „Themen, Kontexte und Perspektiven sozial- und individualpsychologischer Geschwisterforschung. Ein Überblick“ in diesem Band.

37    Schmidt-Denter: Soziale Beziehungen, S. 53.

38    Althochdeutsch: „giswestar“; mittelhochdeutsch: „geswister“.

39    Vgl. unter dem jeweiligen Stichwort „Geschwister“: Duden. Bd. 7: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Mannheim u.a. 1989 u. Brockhaus. Bd. 10.

40    Vgl. Bollmann: Schwestern, S. 43.

41    Von dieser Wurzel sind u.a. das Alt- und Mittelhochdeutsche Pendant „swester“ sowie die Begriffe „sister“ (englisch) oder „soror“ (lateinisch) abgeleitet. Vgl. Duden. Bd. 7: Etymologie, Stichwort: Schwester.

42    Vgl. Harders, Ann-Cathrin: Zwischen Kooperation und Repräsentation: Bruder-Schwester-Beziehungen in der römischen Republik und im frühen Prinzipat (2. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.), in: Historical Social Research, Vol. 30 (2005), S. 61-79, S. 65.

43    Vgl. Kannicht, Richard: Geschwisterbeziehungen in der griechischen Dichtung, in: Klosinski, Gunther (Hrsg.): Verschwistert mit Leib und Seele. Geschwisterbeziehungen gestern – heute – morgen. Tübingen 2000, S. 59-70, S. 59f.

44    Auf diese gehen sowohl die Bezeichnungen „bruoder“ (alt- und mittelhochdeutsch) als auch „brother“ (englisch), „frater“ (lateinisch) oder φράτηρ (griechisch) zurück. Vgl. Duden. Bd. 7: Etymologie, Stichwort: Bruder; Kannicht: Geschwisterbeziehungen, S. 59 oder Dilcher: An den Ursprüngen, S. 38.

45    Vgl. Duden. Bd. 7. Etymologie, Stichwort: Bruder.

46    Vgl. Kannicht: Geschwisterbeziehungen, S. 59.

47    Schieder: Brüderlichkeit, S. 553.

48    Es handelt sich hierbei um ein Kompositum (alpha-copulativum mit dem Substantiv δελφύς; „Gebärmutter, Mutterleib“). Vgl. beispielsweise Gemoll, Wilhelm: Griechischdeutsches Schul- und Handwörterbuch. München 1997, Stichwort ἀδελφός; Günther, Walther: ἀδελφός Bruder, Nächster, in: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament. Hrsg. v. Lothar Coenen u.a. Wuppertal 1967, S. 146-149, hier S. 146; Kannicht: Geschwisterbeziehungen, S. 60; Frey, Jörg: Brother, Brotherhood, I. New Testament, in: Encyclopedia of the Bible and Its Reception, Bd. 4. Hrsg. v. Hans-Josef Klauck u.a. Berlin, Boston 2012, Sp. 550-557, hier Sp. 551. Vgl. zur griechischen Begriffsbedeutung auch den Artikel von Rainer Kessler „Kinder Israels und Gottes Kinder – Geschwisterlichkeit in der Hebräischen Bibel und im Neuen Testament“ in diesem Band.

49    Vgl. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 146.

50    Die alternativ von Immanuel Kant vorgeschlagene Übersetzung „Selbstständigkeit“ konnte sich demgegenüber nicht langfristig durchsetzen. Vgl. Stupperich, Robert: Bruderschaften/Schwesternschaften/Kommunitäten, in: Theologische Realenzyklopädie. Bd. VII. Berlin, New York 1981, S. 195-206, S. 204.

51    Vgl. Stupperich: Bruderschaften/Schwesternschaften, S. 204 sowie Stammler, Wolfgang: Politische Schlagworte in der Zeit der Aufklärung, in: ders.: Kleine Schriften zur Sprachgeschichte. Berlin u.a. 1954, S. 48-100, hier S. 98.

52    Konkret werden diesbezüglich „[…] Freundschafts-, Amts- und Zunftverbindungen, oder auch die zu einer solchen Verbindung gehörigen Personen […]“ genannt. Heinric, Joachim: Wörterbuch zu Erklärung und Verdeutlichung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke. Ein Ergänzungsband zu Adelungs Wörterbuche. In zwei Bänden. Braunschweig 1801, S. 375; zitiert nach: Harders, Ann Cathrin: ,Sororitas‘? – Überlegungen zu einem Konzept der Schwesterlichkeit im antiken Rom, in: Labouvie (Hrsg.): Schwestern und Freundinnen, S. 243-261, hier S. 244.

53    Vgl. Stupperich: Bruderschaften/Schwesternschaften, S. 204.

Das Verb ,verbrüdern‘ war dagegen schon zuvor in Deutschland verbreitet, wurde es doch bereits „1711 als Übersetzung für: faire alliance de frère, faire fraternité, fraterniser““ (Stammler: Politische Schlagworte, S. 99) seitens des Lexikographen Rädlein erwähnt.

54    Vgl. Harders: Sororitas, S. 244.

55    Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 12 unter Bezugnahme auf das Deutsche Wörterbuch, Bd. 9, Sp. 2594, 2599 u. 2605.

56    Vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 12.

57    Vgl. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 147.

58    Vgl. Signori, Gabriela: Geschwister: Metapher und Wirklichkeit in der spätmittelalterlichen Denk- und Lebenswelt, in: Historical Social Research. Vol. 30 (2005), S. 15-30, hier S. 17. Diesbezügliche Spuren finden sich noch im gegenwärtigen französischen Sprachgebrauch, wenn Schwägerinnen und Schwäger als ,belle-sœuir‘ bzw. beau-frère“ bezeichnet werden (vgl. Bollmann: Schwestern, S. 44) oder im Rahmen des englischen Ausdrucks ,sister in law’ für die Schwägerin (vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 23).

59    Den durch den Wechsel veränderten sozialen und rechtlichen Status der Frau betont bereits der römische Jurist M. Antistius Labeo (gest. 10/11 n.d.Z.); vgl. Harders: Zwischen Kooperation, S. 65.

60    Vgl. Bodarwé: Befreundete Schwestern, S. 381.

61    Signori: Geschwister, S. 17.

62    Vgl. ebd. u. Bollmann: Schwestern, S. 43.

63    Zu den Familienkonstellationen im späteren Adel siehe den Artikel von Denise von Weymarn-Goldschmidt „Adlige Geschwisterbeziehungen im 18. und 19. Jahrhundert – Ideale und gelebte Praxis“ in diesem Band.

64    Bollmann bezeichnet in diesem Kontext die Vorstellung vorherrschender Großfamilien in der Zeit vor der Industrialisierung mit vielen Kindern als Mythos, da die hohe Zahl der Fehlgeburten sowie der Sterblichkeitsrate bei Säuglingen und kleinen Kindern infolge von Epidemien, Kriege und Hunger nicht berücksichtigt worden seien. Vgl. Bollmann: Schwestern, S. 21.

65    Vgl. ebd., S. 22.

66    Vgl. hierzu den den Artikel von Denise von Weymarn-Goldschmidt „Adlige Geschwisterbeziehungen im 18. und 19. Jahrhundert – Ideale und gelebte Praxis“ in diesem Band.

67    Vgl. Thelen u.a.: The Anthropology, S. 10 u. Bollmann: Schwestern, S. 22.

68    Ebd., S. 23.

69    Ebd.

70    Ebd. Insgesamt müssen bei der Analyse von Geschwisterbeziehungen auf historischer Basis die verschiedenen innergesellschaftlichen Verhältnisse und individuellen Ausgangslagen stärker berücksichtigt werden.

71    Vgl. Bollmann: Schwestern, S. 23f.

72    Ebd., S. 25.

73    „Spricht man im soziologischen Kontext von Familie, so ist in der Regel die Kernfamilie gemeint, die aus den Eltern und einem oder mehreren nicht mündigen und unverheirateten Kindern, die im gemeinsamen Haushalt leben, besteht und die sich in modernen Gesellschaften als Kleinfamilie relativ unabhängig vom übrigen Verwandtschaftssystem organisiert (Neidhardt 1974).“ Ebd., S. 15 [Hervorhebung im Original].

74    In der jährlichen Stichprobenerhebung des vom Statistischen Bundesamt erhobenen Mikrozensus wird dieser Pluralität Rechnung getragen, indem unter dem Begriff ,Familie‘ nun sowohl Ehepaare als auch Lebensgemeinschaften sowie alleinerziehende Mütter und Väter gefasst werden. Vgl. Ebd., S. 30.

75    Vgl. Bollmann, Schwestern, S. 25f. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert stellt die Zwei-Kind-Familie die verbreitetste Familienform dar. Ebd., S. 30.

76    Da die Zahl der potenziellen Mütter im Alter zwischen 26 und 35 Jahren aber real zurückgegangen ist, ist die Zahl der Geburten faktisch gesunken. Vgl. die Angaben des Statistischen Bundesamts unter: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Geburten/Geburten.html (letzter Zugriff: 24.03.2015).

77    Vgl. die Angaben des Statistischen Bundesamts unter: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/HaushalteFamilien/HaushalteFamilien.html (letzter Zugriff: 24.03.2015). Allerdings wird über den jährlichen Mikrozensus nicht die exakte Geschwisterzahl ermittelt, da z.B. bereits ausgezogene (erwachsene) Geschwister ebenso wie (Halb-)Geschwister, die in anderen Haushalten leben, statistisch nicht erfasst werden.

78    Laut Corinna Onnen-Isemann wuchs demgegenüber 2004 erst jedes dritte Kind (31%) in Deutschland ohne Geschwister auf, fast die Hälfte der minderjährigen Kinder (47%) hatte eine Schwester oder einen Bruder und 22% der Kinder mehrere Geschwister. Vgl. Onnen-Isemann: Geschwisterbeziehungen, S. 29.

79    Vgl. Bollmann: Schwestern, S. 29.

80    Dies gilt unter der Voraussetzung, dass die Familienkonstellation stabil bleibt oder Geschwister auch nach einer elterlichen Trennung weiterhin zusammen wohnen.

81    Vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 104 u. Bollmann: Schwestern, S. 31f.

82    Aufgrund der durchschnittlich höheren Lebenserwartung von Frauen wirkt sich diese temporäre Verlängerung insbesondere auf die Schwesternbeziehung aus. Vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 104 u. Bollmann: Schwestern, S. 17.

83    Vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 8.

84    Z.B. Sozialisation in Patchworkfamilien oder in nichtehelichen, alleinerziehenden oder gleichgeschlechtlichen Haushalten.

85    Vgl. Onnen-Isemann: Geschwisterbeziehungen, S. 32.

86    S. Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 10.

87    Vgl. hierzu Bausinger, Hermann: Geschwister gehen bis zum Rhein… Perspektiven der Volkstradition, in: Klosinski, Gunther (Hrsg.): Verschwistert mit Leib und Seele. Geschwisterbeziehungen gestern – heute – morgen. Tübingen 2000, S. 21-30, hier S. 24. Vgl. hierzu auch den Artikel von Anna Glowacka „Schwestern am Scheideweg – Zur Schwesternbeziehung in der Literatur der Restaurationszeit“ in diesem Band.

88    In diesem Werk erklärt er seltene Begriffe anhand grammatikalischer, tradierter oder etymologischer Bezüge, vgl. Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Bd. 5. München 1979, Stichwort: Verrius Flaccus, Sp. 1209f.

89    „‘Oder sie wird amita genannt, weil sie von meinem Vater geliebt wird. Denn Schwestern werden von ihren Brüdern mehr geliebt als Brüder von ihren Brüdern, sicherlich wegen der Unähnlichkeit der Personen, so dass weniger Uneinigkeit und umso weniger Rivalität zwischen ihnen sind.‘ [Fest. 13L].“ Zit. nach: Harders: Zwischen Kooperation, S. 67.

90    Harders: Zwischen Kooperation, S. 67. Auch nach der Eheschließung der Schwester blieben die sozialen Bindungen zur Herkunftsfamilie und hier besonders zum ältesten Bruder in römischer Zeit grundsätzlich bestehen. Harders betont in diesem Kontext die anhaltende Fürsorge des Bruders gegenüber der Schwester: „Aufgrund der hohen Mortalitätsraten rückte der Bruder nach dem Tod des Vaters als wichtige männliche Bezugsperson einer Frau auf und trat mit dem Ehemann in Konkurrenz. Es war die Aufgabe des Bruders, sich um die Schwester wie um ihre Nachkommen zu kümmern und diese auch vor dem Ehemann zu schützen.“ Harders: Sororitas, S. 248. Vgl. hierzu konkreter den Artikel von Sandra Kaden „Zwischen Macht und Ohnmacht – Zur Bedeutung der Kaiserschwestern im Principat von Augustus bis Commodus (27 v. Chr. – 192 n. Chr.)“ in diesem Band.

91    Vgl. Bausinger: Geschwister, S. 27.

92    Vgl. hierzu den Artikel von Jenny Vorpahl „,Hiermit Gott befohlen und seyd hübsch alle, ihr viere brüderlich, ihr zwei schwesterlich, getreu‘ – Die Darstellung von Geschwisterbeziehungen in den Kinder und Hausmärchen in ihrem soziokulturellen Kontext“ in diesem Band.

Auf den in der Kulturgeschichte ebenfalls verbreiteten Topos des geschwisterlichen Inzests als Potenzierung der harmonischen Beziehung oder Tabubruch zwischen Geschwistern kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

93    Das Kaiser Tiberius gewidmete Werk entstand nach 27 n.d.Z. Vgl. Der Kleine Pauly. Bd. 5, Stichwort: Valerius Maximus, Sp. 1117f.

94    Vgl. Harders: Sororitas, S. 247.

95    Harders: Sororitas, S. 248.

96    Die Söhne Ledas, der Ehefrau Tyndareos’, des Königs von Sparta, stehen in der Antike für die selbstlose, opferbereite geschwisterlicher Liebe. Habe doch Polydeukes, nach dem Tode seines Bruders, seine eigene Unsterblichkeit zur Disposition gestellt, um nicht von diesem getrennt zu sein und bei (seinem Vater) Zeus erreicht, dass beide ihre Tage gemeinsam – abwechselnd auf dem Olymp und im Hades – verbringen. Vgl. Tripp, Edward: Reclams Lexikon der antiken Mythologie. Stuttgart 2001, Stichwort Dioskuren/Dioskuroi, S. 164-165.

97    Vgl. Plutarch’s Werke. Ein und dreißigstes Bändchen. Moralische Schriften. Übersetzt von Joh. Christian Felix Bähr. 12. Bd. Stuttgart 1857; Ueber die Bruderliebe, S. 1489.

98    Vgl. Harland, Philip A.: Familial Dimensions of Group Identity: „Brothers“ (ΑΔΕΛΦΟΙ) in Associations of the Greek East, in: Journal of Biblical Literature 124/3 (2005), S. 491-513, hier S. 513.

99    „Davor müssen wir uns allerdings hüten, und selbst wenn wir einem Freunde eben so zugethan sind, doch dem Bruder immer die erste Stelle bei Aemtern, Staatswürden, bei Einladungen und Bekanntschaften mit Fürsten erhalten, so wie überhaupt bei Allem, was in den Augen der Menge Glanz und Ruhm verleiht, und auf diese Weise der Natur die gebührende Achtung und Würde einräumen.“ Plutarch’s Werke: Ueber die Bruderliebe, S. 1521f.

100    „Nicht gleich werde der Freund wie der leibliche Bruder geachtet.“ (Hauslehren 707, in: Hesiods Werke. Übersetzt von Johann Heinrich Voß. Tübingen 1911, S. 21-90).

101    Plutarch’s Werke: Ueber die Bruderliebe, S. 1491.

102    Die seltene Präsenz von Frauen im öffentlichen gesellschaftlichen bzw. politischen Leben bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erörtert bereits Simone de Beauvoir anhand der Termini Transzendenz und Immanenz: Während Männer Öffentlichkeit und Status vertreten hätten, seien Frauen auf den privaten Ort festgelegt worden, womit tendenziell eine „Abwertung von Freundschaften unter Frauen und eine[r] Aufwertung von Beziehungen zu Männern einher[gegangen sei].“ Liebold, Renate; Hack, Birgit M.:

Zwischen Verbundenheit und Differenz: Zum Mythos Schwesternschaft in weiblichen Zusammenschlüssen, in: Onnen-Isemann; Rösch (Hrsg.): Schwestern. S. 89.

103    Margaret Lanzinger führt dies konkret auf die vornehmliche historische Erörterung von Geschwistern „unter dem Aspekt von Macht und Erbe“ zurück, welche in erster Linie eine Domäne von Männern bzw. Brüdern darstellte. Vgl. Lanzinger, Margareth: Schwestern-Beziehungen und Schwager-Ehen. Formen familialer Krisenbewältigung im 19. Jahrhundert, in: Labouvie (Hrsg.): Schwestern und Freundinnen, S. 263-282, hier S. 263 sowie Harders: Sororitas, S. 249. Auch Harders betont, Schwestern seien in historischen Untersuchungen, wenn sie denn erwähnt worden seien, zumeist mit ihren Brüdern assoziiert worden. Vgl. Harders: Sororitas, S. 248. Vgl. zu diesem Phänomen zudem den Artikel von Sandra Kaden „Zwischen Macht und Ohnmacht – Zur Bedeutung der Kaiserschwestern im Principat von Augustus bis Commodus (27 v. Chr. – 192 n. Chr.)“ in diesem Band.

104    Vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 13f.

105    Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 16.

106    Vgl. ebd., S. 18.

107    Vgl. ebd., S. 19 u. 23.

108    Vgl. Onnen-Isemann; Rösch: Einleitung, S. 14; Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 22 u. Bartl, Andrea: Ungleiche Zwillinge: Adalbert Stifters ,Zwei Schwestern‘ – mit einem anthropologischen Seitenblick auf Ernst von Feuchtersleben, in: Onnen-Isemann; Rösch (Hrsg.): Schwestern, S. 153-169, S. 153. Siehe hierzu die entsprechenden Beispiele im Artikel von Anna Glowacka „Schwestern am Scheideweg – Zur Schwesternbeziehung in der Literatur der Restaurationszeit“ in diesem Band.

109    Dies korrespondiert mit den Ergebnissen der individualpsychologischen Geschwisterforschung, wonach Rivalität und Konflikte in erster Linie und in verstärktem Maße unter gleichgeschlechtlichen Geschwistern anzutreffen sind. Zur musikalisch-dramatischen Umsetzung brüderlicher Polarität vgl. u.a. den Artikel von Yael Kupferberg „Moses und Aron in der musikalischen Rezeption Arnold Schönbergs“ in diesem Band.

110    Siehe die diesbezüglichen Beispiele im Artikel von Constanze Musterer „Der schöne Schein – Untersuchungen zu Geschwisterdarstellungen in der Kunst des 20./21. Jahrhunderts“ in diesem Band.

111    Vgl. hierzu den Artikel von Jenny Vorpahl „,Hiermit Gott befohlen und seyd hübsch alle, ihr viere brüderlich, ihr zwei schwesterlich, getreu‘ – Die Darstellung von Geschwisterbeziehungen in den Kinder und Hausmärchen in ihrem soziokulturellen Kontext“ in diesem Band.

112    Diese stehen aber im Kontext einer ohnehin häufigeren Erwähnung von Schwestern, wie sie Gertrud Maria Rösch für den Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Jahrhundertwende feststellt. Vgl. Rösch: Auf der Suche, S. 171. Vgl. hierzu ebenfalls den Artikel von Anna Glowacka „Schwestern am Scheideweg – Zur Schwesternbeziehung in der Literatur der Restaurationszeit“ in diesem Band.

113    Zur Ausgestaltung und Bedeutung dieser im Islam vgl. den Artikel von Hans-Michael Haußig „Isaak und Ismael in der islamischen Überlieferung – Ein widersprüchliches Bild“ in diesem Band.

114    Vgl. die Darlegungen im Artikel von Daniel Vorpahl „Geschwisterlichkeit als sozialethische Matrix des Volkes Israel in der Tora“ in diesem Band.

115    So ebenfalls der Freiburger Germanist Gerhard Kaiser. Vgl. Sitzler: Geschwister, S. 98f.

116    Vgl. Gen 4. und dazu Motté, Magda: „Brudermord als abendländische Tradition“. Kain und Abel – Urmuster zwischenmenschlicher Konflikte, in: Schmidinger, Heinrich M. (Hrsg.): Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Mainz 2000, S. 64-79, hier S. 64. Vgl. hierzu auch die exemplarischen Verweise von Ulrike Schneider im Vorwort dieses Bandes.

117    Vgl. Motté: Brudermord, S. 67ff.

118    Die metaphorische Rezeption von Geschwisterbezeichnungen könnte auf die mit dem verwandten Adjektiv implizierten übertragenen Wortbedeutungen ,verwandt‘, ,ähnlich‘, ,übereinstimmend‘ zurückgehen. Vgl. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 147.

119    Im Folgenden wird in erster Linie die abendländische Tradition im Vordergrund stehen.

120    In dem Abschnitt „Wie man bei jedem Tun den Göttern gefallen kann“ heißt es entsprechend: „Du Sklave, kannst du deinen eigenen Bruder nicht ertragen, der Zeus zum Vorfahren hat und wie ein Sohn aus demselben Samen und demselben Ursprung im Himmel hervorgegangen ist wie du? Und da willst du, wenn du in eine ähnliche Stellung über andere gesetzt bist, dich gleich als Tyrann aufspielen? Vergißt du denn ganz, was du bist und über wen du herrschst? Daß es Verwandte, von Natur aus Brüder und Kinder Gottes sind?“ (Diatr. 1,13). Zit. nach: Epiktet – Teles – Musonius, S. 170.

121    Epiktet (50–120 n.d.Z.) steht hiermit im Kontext des umfassenden stoischen Humanitätsund Gerechtigkeitsgedankens. Vgl. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 147.

122    Zit. nach: Stammler: Politische Schlagworte, S. 99.

123    So heißt es beispielsweise: „Sei gepriesen, mein Herr, durch alle deine Geschöpfe, besonders Herrin Schwester Sonne […]. Herr, sei gelobt durch Bruder Mond und die Sterne […].“ Zit. nach Doyle, Eric: Von der Brüderlichkeit der Schöpfung. Der Sonnengesang des Franziskus. Zürich 1987, S. 53 (vgl. auch S. 81f.). Vgl. zudem Atwood, Craig D.: Brother, Brotherhood, V. Christianity, in: Encyclopedia of the Bible and Its Reception. Bd. 4, Sp. 557-564, hier Sp. 559.

124    Vgl. Doyle: Von der Brüderlichkeit, S. 9. Eine transhumane Ausweitung des Geschwisterbezugs ist bereits im neuplatonischen und neupythagoreischen Denken angelegt. So stellt beispielsweise Plotin fest, „alle Dinge der Welt“ seien Brüder bzw. Geschwister. Vgl. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 147. Des Weiteren vertreten neupythagoreische Repräsentanten eine „Bruderschaft“ oder ein Einssein von Mensch und Tier. Vgl. Krause, Gerhard: Antike Collegia, Stichwort: Bruderschaften/ Schwesternschaften/ Kommunitäten, in: Theologische Realenzyklopädie. Bd. VII. Berlin, New York 1981, S. 195.

125    Vgl. hierzu z.B. die angeführten Beispiele bei Stammler: Politische Schlagworte, S. 97.

126    Zit. nach: ebd.

127    Carl von Carlsberg V 1787, S. 123. Zit. nach: Stammler: Politische Schlagworte, S. 98.

128    Zit. nach: ebd.

129    Vgl. ebd., S. 99.

130    Vgl. Menexenos 239a. Die übertragene Verwendung des Begriffs ,frater‘ für Volks- und Stammesgenossen ist zudem in klassischen lateinischen Quellen bei Vergil oder Horaz belegt. Vgl. Schelkle: Bruder, Sp. 632.

131    „Wir aber und die Unseren, als Brüder von einer Mutter stammend, wollen einander weder Sklaven noch Herren sein, sondern die Gleichheit unserer Abstammung nötigt uns, auch nach der Gleichheit vor dem Gesetz zu trachten und uns einer dem andern nur dann unterzuordnen, wenn dieser im Ruf steht, ein tüchtiger und kluger Mann zu sein.“ (Menexenos 239a). Zit. nach: Platon: Frühdialoge. Eingeleitet von Olof Gigon, übertragen von Rudolf Rufener. Zürich, München 1974, S. 358.

132    Im Kontext der Sage heißt es diesbezüglich: „Wenn ihr Sproß Erz oder Eisen mitgemischt erhalten hat, dann dürfen sie [die Herrscher] sich in keiner Weise erbarmen, sondern müssen ihm die seiner Natur zukommende Stellung geben und ihn zu Handwerkern und Bauern verstoßen. Wenn aber von diesen Ständen ein Kind Gold oder Silber in sich trägt, dann müssen sie es ehren und emporführen zum Stand der Wächter die einen, zum Stand der Gehilfen die andern […].“ (Politeia 415b-c) Zit. nach: Platon. Der Staat (Politeia). Übersetzt u. hrsg. v. Karl Vretska. Stuttgart 2012, S. 202.

133    Beide Momente sind auch immanent, wenn ein politisch, sozial oder wirtschaftlich dominierender Staat mit Blick auf einen, von jenem abhängigen, meist protegierten Staat als ,Großer Bruder‘ bezeichnet wird.

134    Vgl. Stupperich: Bruderschaften/Schwesternschaften, S. 196.

135    Vgl. Escher-Apsner, Monika: Mittelalterliche Bruderschaften in europäischen Städten. Funktionen, Formen, Akteure / Medieval confraternities in European towns. Functions, forms, protagonists. Eine Einleitung (An introduction), in: dies. (Hrsg.): Mittelalterliche Bruderschaften in europäischen Städten. Funktionen, Formen, Akteure. Frankfurt/Main 2009, S. 9-27, hier S. 9 u. 15.

136    Vgl. zu den Beispielen: Sitzler: Geschwister, S. 86.

137    Vgl. ebd., S. 210. Vgl. zur Big-Sister-Ghetto-Organisation auch Fishel, Elizabeth: Schwestern. Liebe und Rivalität innerhalb und außerhalb der Familie. Berlin u.a. 1979, S. 280.

138    Als Beispiele für die beidseitige Ausrichtung des Begriffs führt Schelkle exemplarisch die Verse Ex 2,11; Lev 10,4; Dtn 15,3.12; 17,15; 18,15; Jud 14,3; Ps 49,20; Jer 22,18; Neh 3,2 sowie 2 Chron 31,15 an. Vgl. Schelkle: Bruder, Sp. 635.

139    Zur Bezeichnung des Volksgenossen wird eher images („ra“, griech. πλησίον) verwendet. Vgl. Schelkle, Bruder, Sp. 635; Soden, Hans Freiherr von: ἀδελφός, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. Erster Band. Hrsg. v. Gerhard Kittel. Stuttgart 1949, S. 144-146, S. 145; sowie Ratzinger, Joseph: Erwägungen über die christliche Brüderlichkeit, in: Aufderbeck, Hugo; Fritz, Martin (Hrsg.): Bruderschaft und Brüderlichkeit. Pastoral-Katechetische Hefte. Heft 22. Leipzig 1964, S. 9-35, hier S. 9. In rabbinischen Schriften wird dann terminologisch präzise zwischen Volks- sowie Religionsgenossen unterschieden. Vgl. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 147.

140    Ratzinger: Erwägungen, S. 10.

141    Vgl. ebd., S. 9f.

142    Vgl. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 147.

143    Vgl. z.B. Dtn 22,1-4 ,siehe auch Seow, Choon-Leong: Brother, Brotherhood, I. Hebrew Bible/Old Testament, in: Encyclopedia of the Bible and Its Reception. Bd. 4. Hrsg. v. Hans-Josef Klauck u.a. Berlin, Boston 2012, Sp. 540-546, hier Sp. 541. Vgl. hierzu den Artikel von Daniel Vorpahl „Geschwisterlichkeit als sozialethische Matrix des Volkes Israel in der Tora“ in diesem Band.

144    Hier erscheinen folglich ,Bruder‘ und ,Nächster‘ als Synonyme.

145    Diese Erweiterung spricht gegen den von Doyle unter Berufung auf Joseph Ratzinger konstatierten eingrenzenden Bedeutungsgehalt: „Im Alten Testament wird es [das Wort ,Bruder’] für die Mitglieder des jüdischen Volks gebraucht, das heißt für die, die die gleiche Volkszugehörigkeit und den gleichen Glauben hatten. In all diesen Fällen hat das Wort eine eingrenzende Bedeutung; es ist in seinem Gebrauch durch eine Grenze, ja ein Hindernis bestimmt, sei es die Grenze der Stadt, der Nation, der Religion oder die der Klasse. Alle andern sind Ausländer, Feinde, Tölpel, Heiden oder Barbaren und werden nicht durch den Namen Bruder geehrt. [Josef Ratzinger, Die christliche Brüderlichkeit, München 1960, S. 11-25].“ Doyle: Von der Brüderlichkeit, S. 81.

146    Die erste Fassung entstand 1786, die zweite 1803.

147    „Brüder – überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen.“ (in beiden Fassungen). Zit. nach: Schillers Werke. Nationalausgabe. Zweiter Band, Teil I. Hrsg. v. Julius Petersen u. Friedrich Beißner. Weimar 1983, S. 169, S. 185.

148    Vgl. Dilcher: An den Ursprüngen, S. 38.

149    „Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus Elisium, / Wir betreten feuertrunken / Himmlische, dein Heiligtum. / Deine Zauber binden wieder, / Was die Mode streng getheilt, / Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt.“ (1803). Zit. nach: Schillers Werke: Petersen; Beißner, S. 185.

150    „Wem der große Wurf gelungen, / Eines Freundes Freund zu seyn, / Wer ein holdes Weib errungen, / Mische seinen Jubel ein! / Ja – wer auch nur Eine Seele SEIN nennt auf dem Erdenrund! / Und wer’s nie gekonnt, der stehle / Weinend sich aus diesem Bund! / Was den großen Ring bewohnet / Huldige der Simpathie!“ (1803). Zit. nach: Schillers Werke, Petersen; Beißner, S. 185.

151    Der mit dem Freimaurer und Herausgeber seiner Werkausgabe, Christian Gottfried Körner, befreundete Friedrich Schiller verfasste diese Ode ursprünglich für die Tafel der Freimaurerloge „Zu den drei Schwertern“ in Dresden. Der Gedanke einer universalmenschlichen Verbindung entsprach dem freimaurerischen Ideal.

152    Vgl. Dilcher: An den Ursprüngen, S. 39; Onnen-Isemann; Rösch: Schwesterherz, S. 20 u. Stupperich: Bruderschaften/Schwesternschaften, S. 204.

153    Ebd.

154    Schieder: Brüderlichkeit, S. 569.

155    Vgl. zu den akkadischen und ägyptischen Texten: Seow: Brother, Brotherhood, S. 545. Exemplarisch für die Bibel: 1 Kön 20,32.

156    Vgl. Schelkle: Bruder, Sp. 640 bzw. ders.: Brüderlichkeit der Fürsten, in: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 2. Stuttgart 1954, Sp. 641-646.

157    Vgl. zu den Priestern (Kohanim: Lev 21,10; 2 Kön 23,9; Neh 3,1, konkret zu den Leviten: Num 16,10 oder zwischen Kohanim und Leviten: Num 18,6; 2 Chron 29,34). Vgl. Seow: Brother, Brotherhood, Sp. 545.

158    Diese Begriffsverwendung belegen unter anderem römische Inschriften, welche Berufsgenossenschaften erwähnen, die sich durch fraternitas verbunden fühlen. Vgl. Schieder: Brüderlichkeit, S. 553; vgl. auch Krause: Antike Collegia, S. 195.

159    Gerhard Krause expliziert hinsichtlich der Funktion und Organisation dieser Genossenschaften: „Bei wirtschaftlich Schwachen (collegia tenuiorum) handelte es sich vor allem um Beerdigungskasten. […]. Sie dienten sozialen und wirtschaftlichen, teils auch geselligen Aufgaben (Plinius, Ep. 10, 93ff). […] Arme versammelten sich zum collegium in einer Taverne, Reiche oft in eigenen Häusern (scholae) mit Versammlungs-, Speise- und Kultraum mit Altar. Die Mitglieder [… ] nannten sich Brüder und Schwestern.“ Krause: Antike Collegia, S. 195.

160    Vgl. Dilcher: An den Ursprüngen, S. 40f.

161    Ebd., S. 53.

162    Vgl. ebd., S. 42.

163    Vgl. ebd., S. 43. Dilcher betont allerdings ebenfalls, dass der Terminus Bruderschaft (fraternitas) lediglich „bei Verbänden mit religiöser Zweckrichtung“ die hauptsächliche Bezeichnungsweise gewesen sei, während er sonst zumeist nur ein Synonym für weitere Benennungen darstellte, wie „Gilde und Zunft, Kommune, auch collegium, societas, universitas [im Original collegium, societas und universitas: kursiv]“. Ebd., S. 53.

164    Dilcher verweist in Hinblick auf die Unterstützungsmaßnahmen in den Gilden auf die „kollektive Unterstützung bei der Austragung von sozialen Konflikten“ im Rahmen gewaltsamer Fehden oder vor Gericht sowie auf die „Hilfe bei Bedürfnis und Not“. Ebd., S. 44.

165    Escher-Apsner: Mittelalterliche Bruderschaften, S. 15.

166    Vgl. ebd., S. 16.

167    Vgl. Dilcher: An den Ursprüngen, S. 45.

168    Ebd., S. 50.

169    Vgl. ebd., S. 54.

170    Vgl. Schelkle: Bruder, Sp. 633 u. Günther: ἀδελφός Bruder, S. 147.

171    Vgl. Soden, ἀδελφός, S. 145. Während ἀδελφός, Bruder, laut Jörg Frey insgesamt an 343 Stellen im Neuen Testament im biologischen oder metaphorischen Sinne vertreten ist, findet sich das weibliche Pendant lediglich an 26 Stellen. Der männliche Plural bezieht allerdings – vor allem in übertragener Verwendung – auch Schwestern mit ein. Vgl. Frey: Brother, Brotherhood, Sp. 550f. Vgl. hierzu den Artikel von Rainer Kessler „Kinder Israel und Gottes Kinder – Geschwisterlichkeit in der Hebräischen Bibel und im Neune Testament“ sowie den Artikel von Ulrich Engel „,Unsere Demokratie soll Ausdruck unserer Brüderlichkeit sein‘ – Eine theologische Rekonstruktion von Geschwisterlichkeitskonzeptionen in katholischen Ordensgemeinschaften am Beispiel des Ordo Praedicatorum“ in diesem Band.

172    Vgl. Stupperich, Bruderschaften/Schwesternschaften, S. 196.

173    Schelkle: Bruder, Sp. 639.

174    So ist auch im Koran (Sure 49, V. 10) formuliert: „Die Gläubigen sind Brüder; so stiftet Frieden unter euern Brüdern und fürchtet Allah; vielleicht findet ihr Barmherzigkeit.“ Zit. nach: Der Koran. Aus dem Arabischen übersetzt von Max Henning. Einleitung und Anmerkungen von Annemarie Schimmel. Stuttgart 2010, S. 498.

175    Zit. nach: Rassoul, Muhammad Ahmad: Die Brüderlichkeit im Islam. Köln 1983, S. 66.

176    Vgl. Schelkle: Bruder, Sp. 639.

177    Vgl. Atwood: Brother, Brotherhood, Sp. 639.

178    Vgl. Stupperich: Bruderschaften/Schwesternschaften, S. 196.

179    Vgl. Atwood: Brother, Brotherhood, Sp. 558 u. Schelkle: Bruder, Sp. 639f.

180    Vgl. Atwood: Brother, Brotherhood, Sp. 558 u. Bodarwé: Befreundete Schwestern, S. 382. „Ordensfrauen sprachen sich untereinander als Schwestern oder lateinisch mit soror oder consoror (Mitschwester) an. Weibliche Angehörige geistlicher Orden wurden Kloster-, Konvents-, Ordens-, Chor-, Profess-, Laien-, Nonnen und Mitschwestern genannt. Der mittelalterliche Ausdruck Schwesternschaft stand für die Gesamtheit dieser Schwestern, der weiblichen Personen, der Nonnen eines Klosters.“ Knackmuß, Susanne: Leibhaftige Klosterschwestern. Schwesternbeziehungen von Nonnen um 1500, in: Onnen-Isemann, Corinna; Rösch, Gertrud Maria (Hrsg.): Schwestern. Zur Dynamik einer lebenslangen Beziehung. Frankfurt/Main, New York 2005, S. 131-152, hier S. 131. [Hervorhebungen im Original].

181    Diese doppelte Bezugnahme akzentuiert auch Ulrich Engel in seinem Artikel „,Unsere Demokratie soll Ausdruck unserer Brüderlichkeit sein‘ – Eine theologische Rekonstruktion von Geschwisterlichkeitskonzeptionen in katholischen Ordensgemeinschaften am Beispiel des Ordo Praedicatorum“ in diesem Band.

182    Sie wurden 358 bis 359 als Entwurf verfasst und nach seiner Bischofsernennung veröffentlicht (nach 370). Vgl. Die großen Ordensregeln. Hrsg. v. Hans-Urs von Balthasar. Einsiedeln u.a. 1948, S. 29-31.

183    Vgl. z.B. den Abschnitt „Vom gemeinsamen Leben“, in: Die großen Ordensregeln, S. 50ff.

184    Vgl. diesbezüglich den Artikel von Ulrich Engel „,Unsere Demokratie soll Ausdruck unserer Brüderlichkeit sein‘ – Eine theologische Rekonstruktion von Geschwisterlichkeitskonzeptionen in katholischen Ordensgemeinschaften am Beispiel des Ordo Praedicatorum“ in diesem Band.

185    Vgl. Die großen Ordensregeln, S. 137-145 sowie S. 150f.157.

186    Vgl. hierzu das dreiundsechzigste Kapitel: Von der Rangordnung in der Klostergemeinschaft, in: Die großen Ordensregeln, S. 207f.

187    Die großen Ordensregeln, S. 215. Diese wird zuvor wie folgt expliziert: „Sie sollen einander mit Ehrerbietung zuvorkommen. Körperliche oder geistige Gebrechen anderer sollen sie in aller Geduld ertragen; in heiligem Wettstreit sollen sie einander gehorchen.

Keiner strebe nach dem, was er für sich selbst, sondern für den andren von Vorteil hält.“ Ebd.

188    Zu diesen gehörten beispielsweise die Zisterzienser, aber auch die Beginen und Begharden bzw. Lollarden (als Schwestern und Brüder des freien Geistes) sowie die Franziskaner. Vgl. Atwood: Brother, Brotherhood, Sp. 559.

189    Vgl. Knackmuß: Leibhaftige Klosterschwestern, S. 132. Vgl. auch Onnen-Isemann; Rösch: Schwestern, S. 13.

190    Bodarwé: Befreundete Schwestern, S. 382. Vgl. hierzu auch Signori: Geschwister, S. 17.

191    Vgl. zu den akkadischen und ägyptischen Texten: Seow: Brother, Brotherhood, S. 545.

192    Dies gilt umso mehr, da sich die Brüderlichkeit nach Korrektur des ursprünglichen Vertragsentwurfs seitens des österreichischen Kanzlers Klemens Wenzel Fürst von Metternich nur noch auf die jeweiligen Monarchen der Länder bezog Vgl. Schieder: Brüderlichkeit, S. 571.

193    Ein weiblicher Pendantbegriff ist nicht übergreifend gebräuchlich.

194    Brockhaus. Enzyklopädie. Bd. 4, Stichwort: Bruder; vgl. auch den Artikel zum Stichwort Blutsbrüderschaft.

195    Vgl. Fishel, Schwestern, S. 281 u. Sitzler: Geschwister, S. 207.

196    Als eine „enge freundschaftl. Verbindung zweier nicht miteinander verwandter Männer in Form eines ,Bundes’ mit den Rechten und Pflichten von leibl. Brüdern“, wird die Blutsbrüderschaft entsprechend im Brockhaus. Enzyklopädie (Bd. 4, Stichwort: Blutsbrüderschaft) definiert. Vgl. hierzu auch Sitzler: Geschwister, S. 207.

197    Entsprechend heißt es in einer freimaurerischen Informationsschrift: „Wer aber seines eigenen Ursprungs aus Gott gewiß ist, dem ist die ganze Welt göttlichen Ursprungs, und er sieht in jedem Menschen seinen Bruder, der mit ihm innerlich wesenseins und nur in der Erscheinung von ihm getrennt ist.“ Was sind die Freimaurer und was wollen sie? Ein Wort zur Wehr und Lehr über Ursprung, Wesen, Bedeutung und Ziele der Freimaurerei. Von einem Br. Freimaurer. Lissa i. P. 1906, S. 63f.

198    In ihrer traditionellen Form bleibt die Zugehörigkeit zu den Freimaurern Männern vorbehalten. Erst ab 1945 entstanden vermehrt Logen für Frauen. Vgl. Sitzler: Geschwister, S. 342. Familienangehörige (v.a. Ehefrauen) der Freimaurer werden zwar in Statuten und Liedern gelegentlich als Schwestern bezeichnet, gelten aber nicht als vollständig eingeweihte, reguläre Mitglieder und werden allenfalls einer Schwesternloge zugeordnet. Vgl. Gesetz=buch der gerechten und vollkommenen St. Johannes=Loge Friedrich August zu den drei Zirkeln im Orient Zittau. Reichenau 1921, § 91, S. 24.

199    So z.B. im Handbuch für die Brüder der Großen Landes-Loge der Freimaurer von Deutschland. Eine Übersicht ihrer Einrichtungen. Berlin 1898.

200    Handbuch für die Brüder, S. 1.

201    „Daher sucht die Freimaurerei ,die Einsichtsvollen aller Bestandteile der menschlichen Gesellschaft zu einer Gemeinschaft zu vereinigen, innerhalb welcher sie sich als Glieder einer Familie betrachten lernen, und in welcher sie, ohne einander in der freien Ausübung ihrer persönlichen Anschauungen in sozialen, politischen und religiösen Fragen zu beschränken, sich dazu verpflichten, vor allem das Sittengesetz zur Grundlage gegenseitiger Achtung zu machen und so von kleinen Kreisen aus eine Versöhnung der Gegensätze anzubahnen […]‘.“ Was sind die Freimaurer, S. 60.

202    Vgl. Stammler: Politische Schlagworte, S. 98.

203    Handbuch für die Brüder, S. 7. Organisatorisch-strukturell werden die einzelnen Logenmitglieder jedoch hinsichtlich des Grades der Einweihung und ihrer Befugnisse unterschieden. Vgl. ebd., S. 745-748.

204    Vgl. das Handbuch für die Brüder, S. 7.

205    So heißt es entsprechend einer Eröffnung-Hymne zum hundertjährigen Stiftungsfest: „Wenn Gottesfurcht im Herzen thront / Und Bruderliebe in uns wohnt, Wird unser Werk auch nie vergehn, – / Und felsenfest der Tempel stehn. […]

Ist uns’re Bruderliebe echt / Und unser Wandel winkelrecht, Dann wird auch Segen und Gedeih’n / Der Loge bleibend Erbtheil sein.“ Schweitzer, Ludwig: Gesänge und Sprüche für Brüder Freimaurer. Leipzig 1877, S. 11.

206    Schweitzer: Gesänge und Sprüche, S. 81.

207    Ähnlich erklärt sich auch die Anwendung der Zwillingsmotivik auf Sokrates und Mendelssohn. Vgl. den Artikel von Uta Lohmann „Sokrates und Mendelssohn – Zur Bedeutung der Zwillings-Metapher im Bildungskonzept von David Friedländer und Jeremias Heinemann“ in diesem Band.

208    Dies gilt zudem in besonderem Maße für die gegenwärtige Hip-Hop-Kultur, in der in besonders signifikanter Weise auf geschwisterliche Termini und Bezüge rekurriert wird.

So ergeben beispielsweise Internetanfragen anhand der Stichwörter ,Bruder‘ und ,Hip-Hop‘ ca. 490.000; ,bruda‘ und ,Hip-Hop‘ ca. 488.000 und die interne Abkürzung für ,brother‘, ,bro‘ und ,Hip-Hop‘ 19.200.000 Ergebnisse (letzter Zugriff: 24.03.2015). Die zwecks exklusiver Zuordnung zu einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Anschauungen und Lebensweisen verwendeten, übertragenen geschwisterlichen Begriffe und Motive finden sich exemplarisch im Liedtext „Wie ein Bruder“ (2013) von Kayef & Liont angewendet: „Du denkst das Gleiche wie ich, hast den gleichen Instinkt, gleiche Sprache, gleiche Art, nur nicht das gleiche Gesicht. Wahre Liebe gibt es nur unter Brüdern […]“.

209    Letzteres bezieht sich vor allem auf die in der Bibel als besonders nahe Freundschaft geschilderte Beziehung zwischen David und Jonathan. Dessen Liebe sei David – dem Klagelied nach dem Tod Jonathans zufolge – lieber gewesen als die Liebe der Frauen. Gleichzeitig wird jener von ihm als „mein Bruder Jonathan“ bezeichnet (2 Sam 1,26).

210    Vgl. Der Kleine Pauly. Bd. 1, Stichwort: Amicitia, Sp. 299f.

211    Bodarwé: Befreundete Schwestern, S. 379.

212    Ebd.

213    Ebd.

214    Vgl. in diesem Kontext auch den Artikel von Dagmar Bruss „Geschwister, Geschwisterlichkeit und Serien bei Robert Walser“ im vorliegenden Band.

215    Geest, Sjaak van der: Kinship as Friendship. Brothers and Sisters in Kwahu, Ghana, in: Alber, Erdmute u.a. (Hrsg.): The Anthropology of Sibling Relations. Shared Parentage, Experience, and Exchange. New York 2013, S. 51-70, hier S. 51.

216    Vgl. hierzu Geest: Kinship as Friendship, S. 52 u. Thelen u.a.: The Anthropology, S. 4.

217    Geest: Kinship as Friendship, S. 69.

218    Baumgärtel, Bettina: Angelika Kaufmann und der Freundschaftskult der Künstlerinnen. Bildtypologien der Freundschaft um 1800, in: Labouvie, Eva (Hrsg.): Schwestern und Freundinnen. Zur Kulturgeschichte weiblicher Kommunikation. Köln u.a. 2009, S. 221-240, hier S. 221.

219    Allerdings war hiermit in der Regel wohl keine „geschlechtsübergreifende Kategorie der Menschenliebe“ verbunden. Vielmehr wurde es wie in Michel de Montaignes Essay „Über die Freundschaft“ aus dem 16. Jahrhundert zumeist „als Leitwert für den Umgang unter Männern definiert“. Baumgärtel: Angelika Kaufmann, S. 221f.

220    Vgl. Sitzler: Geschwister, S. 133.

221    So konstatiert beispielsweise August Bebel: „Die menschliche Gesellschaft hat in Jahrtausenden alle Entwicklungsphasen durchlaufen, um schließlich dahin zu gelangen, von wo sie ausgegangen ist, zum kommunistischen Eigentum und zur vollen Gleichheit und Brüderlichkeit, aber nicht mehr bloß der Gentilgenossen, sondern aller Menschen. Das ist der große Fortschritt, den sie macht. Was die bürgerliche Gesellschaft vergeblich erstrebte und woran sie scheitert und scheitern muss, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen herzustellen, wird der Sozialismus verwirklichen.“ Bebel, August: Die Frau und der Sozialismus. Berlin 1990, S. 520, vgl. auch S. 522. [Hervorhebungen im Original kursiv]; siehe zudem Zetkin, Clara: Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands. Frankfurt/Main 1978, S. 150f.

Für die Literaturhinweise zum sozialistischen Diskurs danke ich Ulrike Schneider.

222    Vgl. z.B. das Grundstatut der Allgemeinen deutschen Arbeiter-Verbrüderung von 1850: „Die Arbeiterverbrüderung hat den Zweck, unter den Arbeitern aller Berufsarten eine starke Vereinigung zu begründen, welche, auf Gegenseitigkeit und Brüderlichkeit gestützt […] [sein] soll.“ Schieder: Brüderlichkeit, S. 575 [dort kursiv].

223    Vgl. Stupperich: Bruderschaften/Schwesternschaften, S. 204 u. die ersten beiden Kapitel in Danzer, Doris: Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen (1918–1960). Göttingen 2012.

224    Zetkin: Zur Geschichte, S. 151. Zetkin akzentuiert in diesem Zusammenhang generell die gewalttätige, schuldbelastete Vergangenheit als potenzielle Implikation des Brüderlichkeits-Programms. Vgl. ebd. sowie Heinz, Rudolf: „Alle Menschen werden Brüder…“. Mytho-philosophische Anmerkungen zum Geschwisterproblem, in: Sohni, Hans (Hrsg.): Geschwisterlichkeit. Horizontale Beziehungen in Psychotherapie und Gesellschaft. Psychoanalytische Blätter, Bd. 12. Göttingen 1999, S. 55-66, insb. S. 58-60.

225    Die rechtliche Gleichstellung der Frau als Konsequenz der Egalität und Brüderlichkeit aller Menschen postuliert auch August Bebel aus sozialistischer Perspektive. Vgl. hierzu: Bebel: Frau und Sozialismus.

226    Zetkin: Zur Geschichte, S. 150.

227    Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen zur Kritik am feministischen Sisterhoodbegriff in dem Artikel von Katharina Gerund „Wie Schwestern? Freundschaft in Ann Brashares’ Sisterhood-Reihe“ in diesem Band.

228    Arendt, Hannah: Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Rede am 28. September 1959 bei der Entgegennahme des Lessing-Preises der Freien und Hansestadt Hamburg. Hamburg 1999, S. 25.

229    Arendt: Von der Menschlichkeit, S. 28. „Durch das Mitleid versuchte die revolutionär gesinnte Humanität des achtzehnten Jahrhunderts, sich mit dem Unglück und dem Elend zu solidarisieren, gleichsam in die Sphäre zu dringen, in der die Brüderlichkeit beheimatet ist. Dabei stellte sich sehr bald heraus, daß diese Art der Menschlichkeit, wie sie in ihrer reinsten Ausprägung ein Vorrecht der Parias ist, nicht übertragbar ist und von denen, die nicht dazugehören, nicht ohne weiteres, auch nicht durch den Affekt des Mitleids oder selbst des Mitleidens, angeeignet werden kann. Auf das Unheil, das das Mitleid in die modernen Revolutionen getragen hat, weil es versuchte, die Unglücklichen glücklicher zu machen, anstatt für alle Gerechtigkeit zu etablieren, können wir hier nicht eingehen.“ Ebd., S. 26.

230    Arendt: Von der Menschlichkeit, S. 41.

231    Vgl. Liebold; Hack: Zwischen Verbundenheit, S. 91. Vgl. hierzu auch die Vorstellung der politischen Utopie der Schwesterlichkeit in den modernen Frauenbewegungen in: Rösch: Auf der Suche, S. 171.

232    Vgl. Liebold; Hack: Zwischen Verbundenheit, S. 91f.

233    So z.B. Heinz (Alle Menschen, S. 59f.), der auch einen tatsächliche Ausschlussintention hinsichtlich Frauen erörtert.

234    So führt beispielsweise der Duden die Begriffe „brüderlich“ und „Brüderlichkeit“ an, während die Adjektive „schwesterlich“ und „geschwisterlich“ zwar bereits Eingang gefunden haben, nicht aber die jeweils substantivierten Formen „Schwesterlichkeit“ und „Geschwisterlichkeit“. Vgl. Duden. Bd. 1: Rechtschreibung. Mannheim u.a. 2004.

235    Sitzler (Geschwister, S. 86-88) nennt darüber hinaus: „Verlässlichkeit, Reinheit, Integrität und Beständigkeit“ sowie „Altruismus und Friedfertigkeit“, „Rücksicht und Selbstlosigkeit“.

236    Dies gilt ebenso für die Schwesterngesellschaft in der Wirtschaft wie für den von Platon entworfenen idealen Staat.