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Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
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Der schöne Schein – Untersuchungen zu Geschwisterdarstellungen in der Kunst des 20./21. Jahrhunderts (Constanze Musterer)

Der schöne Schein – Untersuchungen zu Geschwisterdarstellungen in der Kunst des 20./21. Jahrhunderts

Constanze Musterer

Abstract

This article is a first contribution to chart the sibling motif within the 20th/21st century arts, to analyse the variations in depicted siblings, taking into account their respective (art-)historical contexts. The adaptations of the sibling motif presented in this article cover various media of the visual arts and were selected based on whether they have an allegorical, ideological or idealistic impetus as well as on the relationships between the siblings that are conveyed.

Einleitung

Geschwister als Sujet in der Bildenden Kunst ist ein bisher kaum analysiertes Thema der Kunstgeschichte bzw. Kunstwissenschaft. Die vorliegende Studie bietet einen ersten Überblick zu Geschwisterdarstellungen in der Bildenden Kunst ab dem 20. Jahrhundert bis heute. Sie untersucht die grundsätzliche Frage, ob es Darstellungen von Geschwistern in diesem Zeitraum gibt, die über das reine Porträt (im Sinne einer formalen Inszenierung zur Repräsentation) oder die Interpretation schriftlicher Quellen, wie der Bibel oder anderer Literatur, hinausgehen. Vordergründig für diese Recherche von Geschwisterdarstellungen als Sujet in unterschiedlichen Medien der Bildenden Kunst war der Aspekt, welche Beziehung zwischen den Geschwistern vermittelt wird und ob diese einen allegorischen, ideologischen oder idealisierenden Impetus haben. Es wurden hierbei nur Kunstwerke ausgewählt, bei denen aus dem Titel oder aus Quellen ersichtlich ist, dass es sich um Geschwister handelt bzw. dass Geschwister gemeint sind. Die Auswahl bezieht sich vorrangig auf Deutschland und Europa. Ziel ist es, die Spannbreite des Geschwistermotivs und die Variationen der künstlerischen Umsetzungen zum Thema zu untersuchen und zusammenzutragen.

Im Gegensatz zu Geschwisterdarstellungen in Kunstwerken weckten die Person des Künstlers und seine realen wie ideellen Geschwister, wie etwa Künstler-Bruderschaften, bereits verschiedentlich das Interesse der Kunsttheorie wie im ersten Abschnitt vorgestellt wird. Im zweiten Abschnitt erfolgt ein zusammenfassender historischer Blick auf künstlerische Bildtraditionen, der sich darin begründet, dass in vorherigen Jahrhunderten Geschwisterdarstellungen wesentlich häufiger vorkommen, jedoch in Familien- und Genrebilder eingebettet sind. Mit der späteren Entwicklung der Fotografie werden diese Gattungen der Malerei vorwiegend von Fotografen übernommen, wodurch die Künst ← 253 | 254 ler_innen sich anderen Themen zuwenden. Folge der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im 19. Jahrhundert ist, dass Geschwisterdarstellungen zwar aus der bisher dominierenden Einbindung in das Familienbild herausgelöst werden und fortan verstärkt als separates Motiv existieren, dieses jedoch im Œuvre der meisten Künstler_innen ein singuläres und als Sujet in der Bildenden Kunst ab Beginn des 20. Jahrhunderts ein marginales bleibt. Geschwisterdarstellungen sind also ab dieser Zeit Einzelmotive und in dieser Konsequenz bisher kein Forschungsthema der Kunstwissenschaft.

Um das Spektrum und die Vielfältigkeit der singulären Geschwistermotive zu verdeutlichen, werden im dritten Abschnitt einige Bildbeispiele besprochen. Die Chronologie steht dabei hinter dem formalen Aspekt. Einen Schwerpunkt der Analyse bildet die Frage, ob der schöne Schein der Darstellungen von Geschwisterbeziehungen aus dem 19. Jahrhundert, d.h. Stereotypen von implizierter Geschwisterliebe, durchbrochen wird und Momente etwa von Distanz oder Aggression in das Motiv einfließen. Geschwisterdarstellungen in der Kunst der Moderne, im politischen und ideologischen Kontext sowie abschließend von einer jüngeren Generation von Künstler_innen werden in den folgenden Abschnitten beispielhaft untersucht.

Forschungsüberblick zu Geschwistern in der Kunst

Bisher werden Geschwistermotive in kunsttheoretischen Forschungen vorrangig unter anderen Prämissen als der Beziehung der Geschwister zueinander oder eines möglichen übergeordneten Symbolgehalts analysiert. In Künstlermonographien oder Ausstellungskatalogen werden Kunstwerke mit Geschwisterdarstellungen vor allem im Hinblick auf den biographischen oder sozialhistorischen Kontext des Künstlers beschrieben, zumeist ohne mögliche inhärente Aussagen der dargestellten Beziehungen im Geschwistermotiv selbst zu analysieren.

Häufiger waren in der Forschung zum Thema Geschwister in der Kunst bereits die Künstler_innen selbst Gegenstand der Analyse. Immanent ist hier insbesondere die Frage nach der Vererbbarkeit von sogenannter kreativer Genialität und den sozialpsychologischen Auswirkungen von Kreativität in Künstlerfamilien, aus denen zumeist Künstlergeschwister stammen.1 Untersucht wurde beispielsweise, ob Künstlergeschwister zusammenarbeiten, ob sie gleiche oder andere künstlerische Wege gehen oder sich gar von der Kunst abwenden, da dieses Feld bereits durch ein Geschwisterkind besetzt ist. Vorherrschend ist hier somit ein genetischer, biographischer, psychologischer und sozialer Ansatz in der Erforschung von Künstlergeschwistern durch die Historie, der sich auf die ← 254 | 255 Beziehung untereinander, nicht aber auf eventuelle Geschwistermotive in deren Werken bezieht.2

Bereits in den 1990er Jahren waren unter diesem Aspekt Künstlerzwillinge ein Thema, das von der Psychoanalyse, die sich mit dem Zwillingsphänomen verstärkt seit Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigt, in die Kunstwissenschaft hinüberglitt. So stellte beispielsweise die Fachzeitschrift Kunstforum International3 in ihrer Ausgabe zu Künstler-Paaren Künstlerzwillinge in einem gesonderten Kapitel vor.4

Ebenfalls auf die Person des Künstlers beziehen sich umfassendere kunsthistorische Forschungen zu ideellen Bruderschaften, den Künstlergruppen. Vor dem 20. Jahrhundert wird der Terminus Künstler-Bruderschaften auch direkt verwendet, z.B. bei den Präraffaeliten oder anfänglich bei den Nazarenern im 19. Jahrhundert,5 was sich aus dem christlich-religiösen wie oft auch sozialen Impetus dieser Vereinigungen im künstlerischen Schaffen herleitet.6 Spätestens ab dem 20. Jahrhundert nannten sich die Künstlergruppen nicht mehr ,Bruderschaft‘, auch wenn die Mitglieder untereinander, in Briefen oder Schriften, durchaus die Begrifflichkeiten ,Brüder‘, ,brüderlich‘ oder ,Schwester‘ benutzten.7← 255 | 256

Geschwisterdarstellungen: Vom Familienbild zum Einzelmotiv

Im Hinblick auf künstlerische Auseinandersetzungen in Darstellungen von Beziehungen mit der Mutter, dem Vater oder auch der Familie, die zum Ende des 20. Jahrhunderts durch kunsttheoretische Analysen8 thematisiert und hervorgehoben wurden, ist das Auslassen der Geschwisterbeziehung eine auffällige wie bemerkenswerte Tatsache. In der Kunstgeschichte sind Geschwisterdarstellungen in der Familien- und Genremalerei ab Ende des 16. Jahrhunderts zu finden, die dem Sujet Geschwister eine quasi natürliche Erscheinungsform in der Darstellung von Alltagsszenerien bot. Zur Alltags- und Arbeitswelt gehörten selbstverständlich Kinder, die im Allgemeinen mehrere Geschwister hatten. Sie dienten dem Erhalt oder der Versorgung der Familie als das wesentliche und prägende Umfeld. Entsprechend spiegelte die Kunst diese Verhältnisse. Genrebilder waren dabei durchaus allegorisch gemeint in dem Sinne, dass sie bestimmte moralische, didaktische und repräsentative Lebensanschauungen vermitteln sollten. Die verschiedenen Stände (bäuerlich, bürgerlich, höfisch) abbildend, hatten sie warnende oder vorbildhafte Wirkung9 und somit neben dem oft vordergründig humorvollen oder unterhaltsamen Gehalt10 eine direkte Funktion. Die Beziehungen der Geschwisterkinder untereinander haben hier jedoch kaum Relevanz, auch ist das Geschwistermotiv selten separiert, sondern bleibt in der Regel im Kontext von Familie und Alltag.

Während die Genremalerei einen scheinbar eingefangenen Moment aus dem Alltag suggeriert und somit einen Identifikations- und Wiedererkennungswert intendiert, dienen Familienbilder vordergründig der Repräsentation.11 Sie sind ← 256 | 257 ein konstruiertes und konzipiertes Arrangement der Szenerie, in der sich die Personen nach formalen Vorgaben und Konventionen präsentieren. Entsprechend gehören Familienbilder in die Kategorie Porträtbilder. Diese Konventionen lockerten sich zunehmend, als sich die starren Hierarchien in den Gesellschaften zu lösen begannen und Künstler nicht mehr an einzelne Auftraggeber gebunden waren. Die Entwicklung der Fotografie trug weiterhin wesentlich zu einer künstlerischen Befreiung bei, infolge derer sich viele Künstler nun vorrangig mit der Auslotung der Grenzen ihres künstlerischen Mediums beschäftigten, mit Darstellungsformen, wissenschaftlichen Beziehungen und anderen Kulturen bis hin zu philosophischen Fragestellungen ihres und des künstlerischen Seins in der Welt. Porträtbilder gab es weiterhin, doch bei vielen Künstlern stand nun nicht mehr die Repräsentation oder eine Didaktik, sondern der künstlerische Stil im Vordergrund. Klassische Porträt- und Familienbilder wurden nun zunehmend von Fotografen gemacht. In diesen Weiterentwicklungen hin zur künstlerischen Moderne des 20. Jahrhunderts begründet sich zudem, warum auch Geschwisterdarstellungen seltener werden oder nicht mehr eindeutig als solche identifizierbar sind.

Geschwisterdarstellungen ab dem 20. Jahrhundert

Mit Beginn der Moderne ist auffällig, dass Geschwistermotive insbesondere als Einzelmotive auftreten, d.h. das Sujet ist zumeist einmalig im Œuvre einer Künstlerin/eines Künstlers, und es gibt selten Werkserien zu diesem Thema. Dennoch bzw. wohl deswegen fällt im 20./21. Jahrhundert für das Sujet Geschwister eine Vielfältigkeit in der Darstellung auf, schließt man das Porträtbild als Gattung aus. Formal führen zunächst die Künstler_innen einerseits die kompositorischen Traditionen, d.h. konzipierte Arrangements der Szenerien und Platzierung der Personen, fort, wie sie zuvor von der Fotografie aus der Malerei adaptiert und weitergeführt wurden: Eine Mischung aus Genre- und Familienbild, die eine natürlich wirkende, in dem Moment eingefangene Präsentation der Personen zeigt, mit den inhaltlich entsprechenden klassischen Konnotationen einer Geschwisterbeziehung von Liebe, Schutz und Hilfe. Hingegen unterliegen malerische Ausarbeitung und Duktus der Sujets dem eigenen oder vorherrschenden Stil der Künstler bzw. der Künstlergruppe.12

In der Moderne entstehen zahlreiche Porträts von Freunden, Freundinnen oder Gleichgesinnten, Geistesbrüdern und -schwestern also, die sich gleichwohl in Künstlergruppen zusammenschließen und für künstlerische Ideale engagie ← 257 | 258 ren.13 Porträts freundschaftlicher Beziehungen lösen in den Avantgarden die Familienbilder ab, Freundschaften unter dem Aspekt einer übereinstimmenden Weltanschauung und gleicher künstlerischer Ideale scheinen wichtiger als die Konstrukte familiärer Situationen. Hieraus ergibt sich, dass auch Geschwisterdarstellungen seltener werden und nur noch als Einzelmotive in einem künstlerischen Gesamtwerk entstehen.

Aus dem Überblick zu Geschwistermotiven in der Bildenden Kunst ab dem 20. Jahrhundert sollen im Folgenden einige Beispiele die Vielfältigkeit der Geschwisterdarstellungen demonstrieren, die sich in dieser Singularität begründet. Die Präsentation erfolgt in lockerer Chronologie, die hinter die formalen Aspekte tritt. Dabei werden die Darstellungen in Bezug auf die inhärente Beziehung der Geschwister und eines etwaigen Symbolgehalts mit der Frage analysiert, ob stereotype Konnotationen der Geschwisterbilder vorheriger Jahrhunderte durchbrochen werden.

Beispiele des Geschwistermotivs in der Moderne

Das 20. Jahrhundert zeugt von mehreren künstlerischen Avantgarden und man könnte vermuten, dass sich die gewollte Abgrenzung der Künstler_innen von bisherigen formalen Bildtraditionen auch auf Inhalte des Geschwistersujets auswirkt. Künstler der frühen Moderne wie Edvard Munch, Lovis Corinth oder André Derrain beispielsweise bleiben jedoch in ihren Geschwistermotiven nahe am traditionellen Bildaufbau und in den klassischen Inhalten14 verhaftet, obwohl sie als Avantgardisten neue Bildsprachen und Bildmomente einführten. Beispielsweise ebnete Lovis Corinth mit seinem kraftvollen Pinselstrich dem Expressionismus den Weg, während Edvard Munch Vorreiter der Abstraktion war und allgemeine Gefühlszustände allein mit seiner neuen Farbigkeit zu vermitteln versuchte. Pablo Picasso bricht in seinem Geschwisterbild diese Bildtradition: Er malte in seiner ,Rosa Phase‘ zwei Varianten des Bildes Die beiden Brüder (1906). Ein nackter, schreitender älterer Junge trägt seinen kleinen Bruder auf dem Rücken. Picasso adaptiert hier zum einen die christliche Ikonografie mit ← 258 | 259 dem Motiv der Heimsuchung des Christophorus15 und rezipiert zum anderen die Antike in der Nacktheit der Jünglinge, die er in ein Bewegungsmotiv übersetzt und mit eigenen stilistischen Elementen koppelt.16 Die bildlichen Experimente mit der Rezeption historischer Motive ergeben bei Picasso eine formale Neuerung in der Darstellung des Geschwistermotivs. Eine inhaltliche Interpretation desselben erweist sich als schwierig. Der Künstler referiert auf die Lehren der Antike wie auf die Visionen des Christentums mit deren körperbewussten wie körperfeindlichen Ansichten und setzt diesen seine Suche nach neuen künstlerischen Darstellungsmöglichkeiten von Mensch, Raum und Bewegung hinzu. Die Aufopferung und Hilfe könnte als Metapher für eine ideale Geisteshaltung gelesen werden und würde hier das klassische Geschwisterbild noch überspitzen.

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Abb. 1:     Edvard Munch, Die Söhne des Dr. Linde, 1903, Öl auf Leinwand © Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus← 259 | 260

Die Künstler des Expressionismus nahmen das Sujet Geschwister in Relation zu anderen avantgardistischen Kunstströmungen häufiger auf. Die Mitglieder der Künstlergruppe Die Brücke wollten mit expressivem Malstil inhaltlich sowohl zu einer Erneuerung der Kunst als auch neuen Lebens- und Gesellschaftsformen führen. Ihre Ideale waren kurzgefasst ein naturverbundenes, unbefangenes Leben entgegen bürgerlichen Konventionen. Die Wiedergabe von Geschwisterbeziehungen als ein ungezwungenes, vertrautes, nicht hierarchisches Miteinander unter dem Deckmantel der Geschwisterliebe passten also gut in die von der Gruppe proklamierte und angestrebte neue Lebensgestaltung. Beispiele für Darstellungen sind das Gemälde von Max Pechstein Geschwister mit Mutter (1913), in dem der kleine nackte Bruder in die Arme der älteren, ebenfalls nackten Schwester läuft, sowie das Gemälde von Otto Müller Zwei Schwestern (1919), der zwei Frauen mit nacktem Oberkörper porträtierte. Sie stehen mit dem Blick zum Betrachter eng aneinander, leicht zueinander gewandt, so dass sich ihre Brustwarzen zu berühren scheinen. In ihrer Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit vermittelt sich durch den Blick des Künstlers zusätzlich ein erotisches Moment.17 Die Künstler präsentieren anhand der Darstellungen der Geschwisterbeziehungen die Ideologie der Künstlergruppe. In der Nacktheit der vornehmlich jungen Frauen oder Mädchen sind die angestrebten Ideale eines Urzustandes verkörpert. Die scheinbar eingefangenen Momente der Beziehungen bedienen inhaltlich vorrangig die traditionellen Stereotype von Geschwisterbeziehungen wie Fürsorge für das jüngere Geschwisterkind und körperliche Unbefangenheit, auch wenn die Künstler stilistisch neue künstlerische Ausdrucksformen schaffen.18

Einen anderen Aspekt der Geschwisterbeziehung zeigt Oskar Kokoschka 1914 mit seinem Gemälde Die Geschwister19 in einem expressiven Duktus. Die beiden Kinder sitzen auf einem Bett, der Bruder links im Bild wirkt regungslos mit gesenktem Kopf und Blick. Die Finger der rechten Hand haben eine verkrampft wirkende Haltung, als hielten sie gerade noch etwas fest, das es nun nicht mehr gibt. Das Mädchen schaut ernst mit geneigtem Kopf auf zum Betrachter. Ihre Finger halten etwas Gelbes, blau Umrandetes, und wiederholen dabei die Handhaltung des Jungen. Die Szene wirkt bedrückend und die Kinder verharren in einer deprimierenden Leere. Ein Verlust oder Mangel, ob materiell ← 260 | 261 oder persönlich, scheint hier beschrieben, der als das verbindende Moment die Beziehung der Geschwister als eine Schicksalsgemeinschaft zu definieren scheint.

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Abb. 2:     Oskar Kokoschka, Bruder und Schwester, 1914, Öl auf Leinwand, Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren, Foto: Peter Hinschläger © Fondation Oskar Kokoschka/ VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Einer der wenigen Künstler, der in seiner Schaffensperiode häufiger das Geschwistermotiv in differierenden Variationen aufgreift,20 ist Erich Heckel. Der Holzschnitt Geschwister von 1913 tritt hier mit einer besonderen Bildsprache hervor. Er adaptiert das klassische Mutter-Kind-Motiv, bei dem das Kind auf dem Schoß der Mutter sitzt – eine Darstellung, die Schutz, Fürsorge, aber auch Zukunft impliziert.21 Bei Heckel sitzt der kleine Bruder auf dem Schoß des älteren Bruders. Weiterhin vermittelt die Szene eine liebevolle Umarmung, wie sie bei Paardarstellungen vorkommt. Die vermeintliche Bruderliebe irritiert durch die Diskrepanz zwischen schutzspendender und gleichzeitig vereinnahmender Pose sowie dem erwachsen wirkenden Ausdruck des auf dem Schoß Sitzen ← 261 | 262 den.22 Es scheint eine der wenigen frühen Darstellungen zu sein, in denen eine Ambivalenz in einer Geschwisterbeziehung gelesen werden kann, die über die vordergründige Geschwisterliebe hinausgeht. Der fürsorgliche, schutzspendende Anteil wird durch die harten Kontraste des Holzschnitts gebrochen.

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Abb. 3:     Erich Heckel, Geschwister, 1913, Holzschnitt, Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Im Gegensatz hierzu benutzt beispielsweise Emy Roeder das Mutter-Kind-Motiv in seiner klassischen Konnotation für ihre Geschwisterdarstellungen sowohl in der Skulptur Geschwister (1933/34) als auch in ihren Zeichnungen Geschwister (1947). Das jüngere Geschwisterkind ist auf dem Arm des älteren und schmiegt sich mit seinem kleinen Körper an dessen Oberkörper. Das beschützende Moment, das Vertrauen und der Zusammenhalt prägen offensichtlich ← 262 | 263 die Beziehung in dieser liebevollen Umarmung der Darstellungen.23 Historisches Umfeld dieser Kunstwerke ist die Zeit des Nationalsozialismus bzw. die Nachkriegszeit, in der ideologisch die Frau auf die Rolle der Mutter reduziert, aber in der Umkehrung dessen durch die Verherrlichung der Mutterschaft als ,Mutter der Nation‘ gefeiert wurde.24 In der künstlerischen Auseinandersetzung Roeders scheint im Widerspruch zu dem, der gemeinsame Zusammenhalt gegen dieses herrschende Umfeld versinnbildlicht zu sein. Diese Schlussfolgerung legt die Titulierung „Geschwister“ nahe, anstelle der beim Namen zu nennenden offensichtlicheren Mutter-und-Kind-Darstellung.

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Abb. 4:     Emy Roeder, Geschwister. Mädchen, von einem Kleinkind umhalst, 1933/34 © Museum im Kulturspeicher, Würzburg← 263 | 264

Eine aktive Beziehung unter Geschwistern zeigt Ernst Ludwig Kirchner in dem Gemälde Zwei Brüder M. (1921). Zwei Männer wandern im Gebirge in modischer Kleidung einen steilen Pfad hintereinander empor und sind offensichtlich im Gespräch. Der perspektivisch hintere Bruder hebt den Kopf und redet auf den vorauslaufenden Bruder ein, der als Zuhörender seinen Kopf im Profil leicht zu ihm senkt. Der Zuhörende scheint der ältere Bruder zu sein, womit die Tradition des Wortrechts des Älteren hier unterlaufen wäre. Das vertraute Gespräch, die Diskussion und Reflexion scheinen hier der wesentliche Moment in der Darstellung der Bruderbeziehung zu sein, eine Beziehung auf Augenhöhe.

Die Künstler des Surrealismus der frühen 1920er Jahre waren von der Psychiatrie und Psychoanalyse, insbesondere von Sigmund Freud, inspiriert. Giorgio de Chirico malte Die Schwestern (1915), Max Ernst sein gleichnamiges Gemälde im Jahr 1926.

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Abb. 5:     Max Ernst, Zwei Schwestern, 1926, Öl auf Leinwand, The Menil Collection, Houston, Foto: Paul Hester © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Bei beiden Künstlern stehen die abstrahierten Figuren versetzt hintereinander, trotz ihrer klaren Körperlichkeit sind sie gesichtslos. Die Vertreter der Surrealisten adaptieren hierfür das Geschwistermotiv als Schatten- und Doppelgänger- ← 264 | 265 Motiv.25 In ihrer Komposition des Hintereinander-Stehens bei gleichwertiger visueller Präsenz ergibt sich die Frage, welche Figur die ,reale‘ und welche der ,Schatten‘ ist, stellvertretend können sie für das Bewusste und Unterbewusste verstanden werden. Frauen waren für die Surrealisten Muse und Inspiration, vor allem aber war für sie die Weiblichkeit der Zugang zum Unbewussten. Damit kann die Betonung auf die Frau als Schatten- oder Doppelgänger-Motiv erklärt werden, das in der Literatur des 19. Jahrhunderts noch ausschließlich von Männern besetzt war.26 Diese Darstellungen des Geschwistermotivs referieren auf die unbewusst prägenden und abhängigkeitsstiftenden Aspekte in einer untrennbar gegebenen Beziehung, gleichzeitig ist es eine Metapher für das Unterbewusste im eigenen Ich.

Geschwisterdarstellungen im politischen und ideologischen Kontext

Die Herrschaft des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und die daraus folgende Teilung Deutschlands in Ost und West bringen einen weiteren Aspekt in die Darstellungen von Geschwistern: Die metaphorische, allegorische oder ideologische Nutzung des künstlerischen Geschwistermotivs in einem politischen Kontext. Vereinzelt gab es diese Zuschreibungen bereits nach dem Ersten Weltkrieg, vorherrschend waren in dieser Zeit jedoch die Darstellungen von Familienkonstellationen wie das Mutter-Kind-Motiv oder die Vater-Mutter-Kind-Gruppe zur künstlerischen Verarbeitung des Kriegstraumas, von Gewalt und Trauer. Bekannteste Vertreter_innen sind sicher Käthe Kollwitz, die sich mit ihren zahlreichen Mutter-Sohn-Darstellungen nicht ideologisch funktionalisieren ließ, sondern stellvertretend mit ihrer Kunst mahnend und kritisch gegen Krieg und Diktatur positionierte, sowie Henry Moore mit seinen verschiedenen abstrakt-figurativen Familiengruppen. An der Grenze der Motivzuschreibung befindet sich hier die zuvor erwähnte Künstlerin Emy Roeder mit ihren Geschwisterdarstellungen. Ihre künstlerische Formulierung des Motivs adaptiert eindeutig das Mutter-Kind-Thema, das sie jedoch über den Titel in den Geschwisterkontext überführt. Einige Künstler_innen gingen in der Zeit des Nationalsozialismus in die ,innere Emigration‘ und schufen ,harmlose‘ Darstellungen ← 265 | 266 von Familie, Landschaft oder Stillleben.27 Drastisch veränderte beispielsweise der bereits genannte frühere Avantgardist Erich Heckel seine Malweise in seinem Gemälde Zwei Brüder von 1937.28

Andere Künstler umgingen Verbote oder Einschränkungen der künstlerischpolitischen Freiheit und Kritik, indem sie sich auf die Allegorie besannen. Beispiel für eine der bekanntesten Allegorien für Krieg, Unrecht und politischen Verrat ist hier aus seiner Geschichte heraus das biblische Bruderpaar Kain und Abel, das in den Zeiten der Weltkriege von einigen Künstlern zitiert wurde. Lovis Corinth, Karl Hofer und George Grosz nahmen in ihrer Kunst mit dem gewaltvollen Kain-und-Abel-Motiv Stellung zu den vor allem brutalen Kriegserlebnissen.29

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Abb. 6:     Karl Hofer, Kain und Abel, 1946, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2015← 266 | 267

Dargestellt ist bei allen der Moment des Erschlagens oder kurz danach. Diese Implikationen von Hass, Aggression oder Wut in der Geschwisterbeziehung scheint lange Zeit einzigartig und hier in ihrer Extremform, des Tötens des Anderen, nur darstellbar, weil sie eine schriftliche Quelle rezitieren. Später in der DDR nahmen der Maler Wolfgang Mattheuer und der Bildhauer Wolfgang Kuhle das Motiv der biblischen Erzählung erneut auf.30

Künstlerische Konsequenzen zog der französische Maler Fernand Léger aus seinen persönlichen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und änderte seinen Stil des späten Kubismus ab Mitte der 1930er Jahre komplett. Seine Bilder sollten fortan ohne elitäre Codes unmittelbar für die breite Öffentlichkeit lesbar sein. So sind auch seine Geschwisterbilder Zwei Schwestern (1935) und Die drei Schwestern (1952) der Versuch, ein neues demokratisches Menschenbild zu gestalten.31 Die Beziehung der Geschwister zueinander ist nicht unmittelbar thematisiert, die Darstellung des Geschwisterpaars bzw. der Personengruppe ist eine moderne Allegorie für das ideale (schwesterliche) Miteinander in einer neuen Gesellschaftsform, die für Léger der Kommunismus zu sein schien.

Die metaphorische und ideologische Nutzung des Geschwistermotivs für politische Inhalte in der Kunst wird subtil bei einigen Künstlern in der DDR deutlich. Verwendet werden hier die idealisierenden Stereotype von Geschwisterbeziehungen wie Fürsorge, Hilfe und Schutz unter der Prämisse der Geschwisterliebe. Die gefundenen Darstellungen sind Beispiele aus der Bildhauerei,32 in denen immer ein älteres Geschwisterkind in der liebevollen Verantwortung eines jüngeren steht, es auf den Schulter trägt (Lore Plietzsch Geschwister, 196033), bei den ersten Gehversuchen hilft (Siegfried Krepp Geschwister, 1959) oder Trost spendet in der Umarmung (Gerhard Thieme Geschwister Peter und Gerd, 1963). Die Darstellungen implizieren Zusammenhalt, Hilfe für vermeintlich Schwächere und Geborgenheit in einem vertrauensvollen Miteinander. Hieraus kann durchaus die ideologisch gewollte Repräsentation der ← 267 | 268 Regierung der DDR zum Aufbau des Sozialismus, die insbesondere die Jugend vereinnahmen wollte, abgeleitet werden.34

An der Grenze des Themas Geschwisterdarstellungen liegt qua Titel zwar das Gemälde Der Zwilling (1984) von Ralf Kerbach,35 doch ergänzt es die vorherigen Ausführungen um die kritische Formulierung, die als politische Allegorie zu lesen ist.

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Abb. 7:     Ralf Kerbach, Der Zwilling, 1984, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Zwei blutrote, an Embryonen erinnernde Figuren stehen Rücken an Rücken und scheinen hier wie am Kopf miteinander verwachsen. Geknebelt ist der eine, der ← 268 | 269 andere fletscht die Zähne, beide schauen zwangsläufig voneinander weg und sind in dieser Darstellung unfähig, sich zu bewegen. Kerbach definiert selbst sein Zwillingsmotiv als eine Allegorie für die Deutsche Teilung im Kalten Krieg. Das Gemälde wurde wegen seiner politischen Bildsprache seinerzeit von Eberhard Roters für die Berlinische Galerie angekauft.36

Weitaus subtiler hingegen ist die Skulptur von Thomas Schütte Vier Schwestern im Bad (1989). Sie kann aus dem Wissen um die Arbeit des Künstlers, dessen Intention für seine künstlerischen Werke vor allem eine politischgesellschaftskritische ist, als Metapher für die vier Himmelsrichtungen im Sinne politischer Systeme gelesen werden. Als deutscher Künstler könnte er hier ironisch auf die Frage einer neuen Weltordnung anspielen, die sich nach dem Fall der Mauer 1989 zukünftig ergeben könnte: Die vier Schwestern als Allegorien für Ost und West, Süden und Norden sitzen, anstatt am Verhandlungstisch, im Bade mit Blick auf das große Meer, einstige Systeme scheinen hier untergegangen.

Diesen ideologischen Inhalten diametral entgegen steht die Skulptur Schwester (1968) von der ungarischen Künstlerin Erzsébet Schaár. Sie ist formal wie inhaltlich eine Ausnahme und zeigt eine vielschichtig reflektierende Position in ihrem Werk. Die Künstlerin kreiert eine Rücken-an-Rücken-Komposition, eine Abwandlung des Schattenmotivs, das hier insbesondere einen Erinnerungsmoment zu beschreiben scheint. Die Spiegelung der beiden nahezu identischen Frauengestalten am Rücken lassen diesen zu einer Wand werden, die jegliche Kommunikation oder Kontaktaufnahme unmöglich macht. Dabei ist die Präsenz der ,gleichen’ Anderen permanent gewiss. Ein psychologisches Moment tritt hier im Geschwistermotiv hervor: Durch das Rücken-an-Rücken-Motiv kann sowohl die Annäherung wie auch die Lossagung nur in einer Ausweglosigkeit oder einem extrem gewaltvollen Akt enden. Die Arbeit kann als Metapher für einen Verlust gelesen werden, indem die zweite Frauengestalt das bleibende Bild einer Erinnerung an jemanden darstellt.37← 269 | 270

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Abb. 8:     Erzsébet Schaár, Sister, 1968 © Szépművészeti Múzeum / Museum of Fine Arts Budapest

Beispiele dargestellter Geschwisterbeziehungen in der aktuellen Kunst

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts werden Darstellungen von Geschwistern in der Bildenden Kunst seltener. Viele von ihnen sind formal dem Porträt zugehörig oder sind Inszenierungen nach bestimmten formalen Vorgaben. Sie sagen daher über die Beziehung der Geschwister untereinander genauso wenig aus wie über eine etwaige Inanspruchnahme als Metapher, Allegorie oder biographische Bildgebung.38 Die Schwierigkeit in der zeitgenössischen Kunst besteht zuneh ← 270 | 271 mend darin, Geschwisterdarstellungen seltener über den Titel identifizieren zu können. Der Ausblick mit einigen Beispielen auf eine jüngere Künstlergeneration zeigt aber, dass, trotz der Vereinzelung des Geschwistermotivs in der aktuellen Kunst, durchaus die Vielschichtigkeit einer Geschwisterbeziehung in deren Werken reflektiert und deren stereotype Konnotationen analysiert werden.

Der Fotograf Nicholas Nixon (*1947 Detroit/USA) ist einer der wenigen, der das Geschwistermotiv in einer Werk-Serie präsentiert. Für die Foto-Serie The Brown Sisters hat er vier Schwestern von 1975 bis 2011 jedes Jahr fotografiert. Die Reihenfolge der Frauen im Bild ist stets die gleiche: Heather, Mimi, Bebe (seine Frau) und Laurie, sie waren zu Beginn der Serie im Jahr 1975 zwischen 15 und 25 Jahre alt. Die Schwestern entschieden selbst, wie sie sich präsentieren wollten. Mit der über 36 Jahre fortlaufenden Serie hebt Nixon hervor, dass sich Beziehungen verändern und nicht frei sind von äußeren Einflüssen. Neben den unterschiedlichen Moden, angedeuteten Lebensphasen (z.B. Schwangerschaft) und dem Prozess des Älterwerden, deuten hier vor allem die unterschiedlichen Gesten das Verhalten und das Verhältnis der Geschwister untereinander zu verschieden Zeiten an.

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Abb. 9:     Nicholas Nixon, The Brown Sisters, 2005 © Nicholas Nixon, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco← 271 | 272

Die Künstlerin Sabine Dehnel (*1971 Ludwigshafen/D) griff das Geschwistermotiv bereits dreimal in ihrem künstlerischen Schaffen auf. Der Vergleich der Bilder deutet eine interessante Verschiebung in den dargestellten Beziehungen der Geschwister untereinander an, die sich zum einen im Älterwerden der Protagonisten spiegelt, aber ebenso übertragbar ist auf die Entwicklung des Geschwistermotivs in der Kunstgeschichte. Im Gemälde Geschwister (2006) laufen die große Schwester und der kleine Bruder als Rückenfiguren umarmt nebeneinander. Die Schwester führt dabei den Bruder, beide neigen die Köpfe, als entdeckten sie etwas im Gras oder müssten ein Hindernis überwinden. Die vertraute Beziehung mit der helfenden, schützenden Geste der älteren Schwester gegenüber dem jüngeren Bruder steht hier im Vordergrund und referiert inhaltlich auf die klassische und meist verwendete Konnotation in der Darstellung von Geschwisterbeziehungen im 20. Jahrhundert. Sie ist jedoch mit den Rückenfiguren formal weiterentwickelt und offenbart in dieser Typisierung die Stereotype, die dadurch ins Bewusstsein treten.

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Abb. 10:   Sabine Dehnel, Geschwister, 2006, Acryl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Im Gemälde Stillschweigen (2007) stehen sich zwei Schwestern frontal gegenüber, ihr Blick von Angesicht zu Angesicht wird allerdings je zur Hälfte von einem Baum verdeckt. Für den Betrachter ist nur der Hinterkopf der einen, Wange, Haare und die linke Schulter der anderen zu sehen. Die Figuren bleiben so anonym, nur die Körperhaltung verrät, dass die beiden noch Mädchen sind. ← 272 | 273 Diese Komposition kann als eine Umdeutung des Schattenmotivs gelesen werden: Sabine Dehnel wendet die passive, beinahe ohnmächtige Gewissheit der verfolgenden Schwester im Hintergrund in ein aktives Sich-Auseinandersetzen in der Beziehung durch die Konfrontation und mit dem Bewusstsein des ,blinden Flecks‘ oder der Differenz in der Gleichheit gegenüber der Anderen – versinnbildlicht durch den die Gesichtspartien verdeckenden Baum. Im Geschwisterbild Spandau (2010) sind die Unterkörper zweier pubertierender Mädchen in einer Turnhalle zu sehen. Offensichtlich ,verkleidet‘ mit hochhackigen Schuhen und Leggings deutet sich ein verspielter, tänzerischer Kampf an, bei dem eine mit der Hand eine Pistole nachahmt – zwei Großstadt-Cowgirls, die die vorgegebenen Linien der irrealen Turnhalle durchbrechen wollen. Die Beziehung der Geschwister vermittelt sich in der Darstellung als eine auf Augenhöhe, in der mit den Ambivalenzen humorvoll und spielerisch umgegangen wird. Die Künstlerin interessiert an der malerischen Umsetzung der Geschwisterbeziehung genau diese spielerische Spannung und der Zustand des sich stets wiederholenden Bemühen-Müssens um den anderen, denn „die Geschwisterbeziehung ist die längste Teilung des Lebensweges“39.

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Abb. 11:   Sabine Dehnel, Stillschweigen, 2007, Acryl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2015← 273 | 274

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Abb. 12:   Sabine Dehnel, Spandau, 2010, Acryl auf Leinwand © Sabine Dehnel, VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Die Künstlerinnen Liesbeth und Angelique Raeven (*1971 Heerlen/NL) sind als eineiige Zwillinge geboren und arbeiten unter dem Künstlernamen L.A. Raeven seit 2000 zusammen. In ihrer Videoarbeit Love knows many faces (2005) thematisieren sie ihre Geschwisterbeziehung und sind dabei selbst die Protagonistinnen. Bei einem Bade in einem See durchläuft das Geschwisterpaar alle emotionalen Etappen einer Beziehung, vom Versuch einer der beiden Schwestern, ihre Doppelgängerin zu ertränken, bis hin zur suchenden Nähe und liebevollen Versöhnung. Die Schwestern zitieren dazu eine Passage aus dem Buch All or nothing von John Cowper Powys (1872–1963), dem Sohn einer vielköpfigen Künstlerfamilie. Ausschnitt aus dem Zitat:

Man nennt es Inzest, wenn Brüder und Schwestern einander wie Liebhaber begegnen, aber wie ich nicht nur aus diesem Fall gelernt habe, ist die Aussprache darüber für jedermann, gleich ob Eltern, Verwandte oder Außenstehende, gefährlich. Denn der Unterschied zwischen dem Gefühl von Liebenden und dem Gefühl von Bruder und Schwester ist so delikat, fein und von Leidenschaften durchkreuzt, dass äußerste Vorsicht und behutsames Vorgehen erforderlich sind.40

Die Videoarbeit von L.A. Raeven bringt eindrücklich die spannungsvolle Beziehung von Geschwistern auf die Endpunkte Liebe und Hass und den vielen ← 274 | 275 erschöpfenden Stadien dazwischen. Es ist einer der ehrlichsten Geschwisterdarstellungen, die die bisher nur selten benannte emotionale Spannbreite einer Geschwisterbeziehung offenlegt und zur Diskussion stellt.

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Abb. 13:   L.A. Raeven, Love Knows Many Faces, 2005, video, 6 min. loop, courtesy the artists and Ellen de Bruijne Projects Amsterdam © Liesbeth and Angelique Raeven

Zusammenfassung

Es kann aus den Beispielen gefolgert werden, dass idealisierende Darstellungen der Geschwisterbeziehung zu jeder Zeit präsent sind. Sie beinhalten vorrangig das liebevolle, vertraute, sich beschützende Miteinander und die gegenseitige Hilfe, insbesondere älterer Geschwister gegenüber jüngeren. Der Zusammenhalt ist hierbei eine wichtige Konnotation. Die allegorische Inanspruchnahme des Geschwistermotivs in der Kunst des 20. Jahrhundert ist nur marginal vorhanden. Hingegen wird es des Öfteren als Metapher verwendet und hier ideologisch für politische Konzepte gebraucht, um Werte wie Fürsorge, Hilfe, Schutz oder Verbundenheit (Bruderschaft) zu vermitteln. Vorherrschend sind insgesamt die stereotypen idealisierenden Darstellungen der Geschwisterbeziehung als eine sich von Natur aus liebende und verbündete Gemeinschaft. Zusammenfassend kommt diese Studie zu der Feststellung, dass die Darstellung von Geschwistern, ← 275 | 276 Brüdern und Schwestern für Künstler_innen bisher nicht wirklich ein Thema ist. Die mindere Beachtung und Analyse des Geschwistermotivs seitens der kunstwissenschaftlichen Theorie resultiert sicher aus der Tatsache, dass aufgrund einer mangelnden Zahl an Werken und einer fehlenden historischen Rückführung, da Geschwistermotive bisher in Familien- und Genrebildern integriert sind, keine gesonderte Kategorie aufgemacht wurde.

Es stellt sich somit zunächst die Frage, wie sich Geschwisterbeziehungen definieren und warum sie so wenig von Künstlern bearbeitet wurden und werden. Von beziehungsklärenden Auseinandersetzungen, wie sie mit dem Vater oder der Mutter geschehen, scheinen Geschwisterbeziehungen weitgehend verschont. Sie stehen unter dem natürlichen Schutzmantel der gegenseitigen Solidarität, der meist tatsächlich als Verbündete gegen die Eltern seit frühestem Kindesalter gewachsen ist. Geschwister sind es gewohnt, anders als beispielsweise Paare, Konflikte als temporär anzusehen und den anderen in seinem Sein (gezwungenermaßen) zu tolerieren. Hierbei scheint zudem das Dogma der Familie des 19. Jahrhunderts mit hermetischem Charakter zumindest bis in die 1990er Jahre ungebrochen, was einen implantierten, lebenslangen Zusammenhalt der Familienmitglieder impliziert. So ist zumindest auch bei konfliktreichen Geschwisterbeziehungen das versöhnende Argument der Familie, dieses Bündnis nicht zu brechen. Hierfür gibt es selbstverständlich zahlreiche Ausnahmen. Sieht man die Künstler_innen als Seismographen von gesellschaftlichen Veränderungen, ist die Beleuchtung der jeweiligen Gesellschafts- und Persönlichkeitsstrukturen von Relevanz. Demnach waren Geschwisterbeziehungen anscheinend bisher kein ausreichend ausschlaggebendes Moment für eine künstlerische Reflexion. Diese Recherche macht deutlich, dass es aber vereinzelte Schübe dieser Reflexion gab und gibt. Seit dem 21. Jahrhundert verstärkt sich die individualistische Gesellschaftsform weiter mit zunehmenden Migrationsbewegungen in Gesellschaften. Daraus entsteht die Diskrepanz, dass die Familien und Geschwister noch weniger reale Bezugspunkte sind, sie andererseits aus der Distanz aber mehr irrealen Raum als Erinnerungen, Gedanken, Wünsche in der Person selbst einnehmen. Die Distanz und Nähe lassen eine reflektierende Sichtweise zu, die durch die Distanz auch formuliert werden kann, ohne dass ein Konstrukt dabei zu Bruch geht, wie die Beispiele der neueren Generation an Künstler_innen zeigen.

Der schöne Schein der Geschwisterdarstellungen Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Konnotationen der sich zu jeder Zeit friedlich liebenden, beschützenden und gegenseitig helfenden Geschwistern hat spätestens im 21. Jahrhundert sein Ende. In der aktuellen Kunst zeigt sich die Wende hin zu analytischen, reflektierenden Darstellungen von Geschwisterbeziehungen seitens der Künstler_innen, die das Idealbild der Geschwisterliebe durchbrechen zugunsten eines ← 276 | 277 ehrlichen und souveränen Umgangs mit deren Ambivalenzen. Interessant wäre hierzu eine weitergehende Recherche zu außereuropäischen Kulturen mit anderen Familienbindungen, wie z.B. in afrikanischen oder lateinamerikanischen Ländern, wo zudem u.a. der Aspekt der Familie und die Anzahl der Geschwister als Wirtschaftsgemeinschaft vordergründig ist. In China gibt es einige Künstler, die ein Porträt oder ein Ich in ihren Bilder vielfach reproduzieren, das zum einen auf den entindividualisierten Menschen in China, aber auch auf eine Sehnsucht nach Geschwistern im Rahmen der Ein-Kind-Politik verweisen könnte, also ein anderes Resultat bei gleichem Motiv spiegelt.

Ein Desiderat wäre neben der weiteren Recherche von Kunstwerken des 19. und 21. Jahrhunderts auch eine umfassendere Analyse zu kunsttheoretischen Forschungen zum Geschwistermotiv.

Quellen und Literatur

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1      Vgl. Krempel, León (Hrsg.): Künstlerbrüder von den Dürers bis zu den Duchamps. Petersberg 2006.

2      Vgl. ebd. Die Ausstellung „Künstlerbrüder von den Dürers bis zu den Duchamps“ im Haus der Kunst, München, widmete sich im Jahr 2005 dieser Fragestellung. Die aufgeführten Künstlergeschwister reichen bis in die aktuelle Kunst mit einigen wenigen Künstlerschwestern als Beispielen.

3      Vgl. Kunstforum International 107 (1990).

4      1994 wurde die Ausstellung Künstler-Zwillinge, im Rahmen derer ein Symposium stattfand und der gleichnamige Katalog erschien, in Kloster Irsee, München und Engelhartszell, Oberösterreich, gezeigt: Jehl, Rainer; Terlinden, Roswitha (Hrsg.): Künstler-Zwillinge. München 1995.

5      Vgl. Zuch, Rainer: Nischen, Dyaden und das Geheimnis der Zwillinge, in: Krempel: Künstlerbrüder, S. 64f. Siehe z.B. auch: Köster, Gabriele: Künstler und ihre Brüder, Archivierung der Bruderschaften in Venedig ca. 1600. Berlin 2008 – eine der umfangreichen Untersuchungen zu Brudergemeinden unter Künstlern im Venedig des 16. Jahrhundert.

6      Vereinzelt waren Künstlerinnen Mitglieder dieser Künstlergruppen, das Pendant sog. Schwesternschaften gab es nicht. Die zweitälteste Künstlervereinigung, der Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin (heute: Verein Berliner Künstlerinnen), wurde bereits 1867 gegründet, kümmerte sich aber vorrangig um die Rechte und Chancen von Künstlerinnen und initiierte deren gesellschaftlich-politische Gleichberechtigung. Einen gemeinsamen künstlerischen Anspruch, wie bei männlichen Künstlergruppen, gab und gibt es dabei nicht.

7      Vgl. Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Expressionistische Grüsse. Stuttgart 1991.

8      Die Feministische Kunstgeschichte setzte sich z.B. kritisch mit dem Werk von Käthe Kollwitz auseinander, indem sie die Rolle der Mutter im Hinblick auf den Muttermythos analysierte. Der Beziehung zum Vater wurde die Ausstellung „Dein Wille geschehe. Das Bild des Vaters in zeitgenössischer Kunst und Wissenschaft“ im Haus am Waldsee Berlin, 2000, gewidmet; es erschien ein gleichnamiger Katalog. Vgl. hierzu auch die Fotoserie von Christian Borchert, in der er Familien in der DDR und nach 1989 fotografierte. Bei Familienbildern in Fotografie und Malerei im 20./21. Jahrhundert sind Geschwister weiterhin implizit.

9      Aufgrund der typischen Ausschnitte auch Sittenbild genannt. Vgl. Jahn, Johannes; Haubenreisser, Wolfgang: Wörterbuch der Kunst. Bd. 165. Stuttgart 1995. Die meisten Menschen konnten nicht lesen und schreiben, so waren Bilder entscheidend für Erziehung und Zusammenleben.

10    Bekannt und beispielhaft ist hier die Niederländische Malerei bis in das 18. Jahrhundert mit ihren ironischen und humorvollen Darstellungen von Familienalltag und Lebenssituationen.

11    Sie gehen auf die Darstellungen der Heiligen Familie im 15. Jahrhundert zurück, das Arrangement der Personen wird bis heute zitiert.

12    Z.B. die Gemälde von Edvard Munch „Die Kinder Esche“ (1905) und „Die Söhne des Dr. Max Linde“ (1903), von Lovis Corinth „Thomas und Wilhelmine“ (1916) und von André Derrain „Die zwei Schwestern“ (1914).

13    Z.B. malten die Künstler der Gruppen „Der Blauer Reiter“ und „Die Brücke“ häufig ihre Künstlerfreunde und Modelle als Freundinnen. Auch wurden Musen, insbesondere bei den Surrealisten, und Mäzene als Freunde und ideell Gleichgesinnte porträtiert.

14    Vgl. die Familien- und Genrebilder sowie Paardarstellungen, bei denen die Porträtierten stehend oder sitzend bestimmten Kompositionsmustern folgen. Munchs Geschwisterbild ist hier sowohl Porträt- als auch Genrebild. Die klassischen Bildkompositionen werden auch im 20. Jahrhundert immer wieder von Künstler_innen aufgegriffen und bestehen weiterhin fort.

15    Der Name bedeutet „Christusträger“. Vgl. zu den Legenden um Christophorus: Schäfer, Joachim: Art. Christophorus, in: Ökumenischen Heiligenlexikon. http://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Christophorus.htm, abgerufen am 29.08.2013.

16    Vgl. Walther, Ingo E. (Hrsg.): Pablo Picasso 1881–1973. Köln 1995, S. 134f.

17    Die „Zwei Schwestern“ hat Otto Müller auch mit Bluse porträtiert, dabei umarmt die eine die andere.

18    Vgl. hierzu auch das Gemälde von Erich Heckel „Die beiden Schwestern“ (1910), auf dem zwei Frauen nackt an einem Tisch sitzen und ein Brettspiel spielen.

19    In der Kokoschka-Retrospektive „Humanist und Rebell“ im Kunstmuseum Wolfsburg wird das Gemälde „Proletarierkinder (Bruder und Schwester)“ tituliert, Kunstmuseum Wolfsburg 26.04.–17.08.2014.

20    Die Gemälde: „Die beiden Schwestern“ (1910), „Die Geschwister“ (1911) und „Zwei Brüder“ (1937).

21    Vgl. die Darstellungen von Maria auf dem Thron mit dem segnenden Jesuskind als künftiger Heilbringer auf dem Schoß.

22    Es könnte sich um eine Anlehnung an oder einen Verweis auf die Darstellungen aus dem Mittelalter handeln, in denen das Jesuskind wie ein kleiner Erwachsener dargestellt wurde und oft die Insignien eines zukünftigen Weltherrscher hatte. Ob sich der erwachsene Ausdruck in der groben Technik des Holzschnitts begründet oder bewusst gestaltet ist, steht in Frage. Heckel war allerdings versiert in der Technik des Holzschnitts.

23    Die Bildhauerin Emy Roeder war Mitglied der Berliner Sezession und der Novembergruppe. Ihre Werke wurden als ,entartete Kunst‘ 1937 beschlagnahmt und Emy Roeder erhielt fortan Ausstellungsverbot in Deutschland. So kann der Fokus auf das beschützende Moment in der Geschwisterdarstellung durchaus aus den Restriktionen in Deutschland resultieren, auch wenn sie während des NS-Regimes in Rom lebte. Ab der NS-Zeit scheint das Sujet Geschwister deutlich seltener zu werden.

24    Vgl. hierzu: Horváth, Szilvia: Reorganisation der Geschlechterverhältnisse. Familienpolitik im faschistischen Deutschland, in: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hrsg.): Inszenierung der Macht. Berlin 1987, S. 129-142, hier insb. S. 136-138. Man beachte auch die Einführung des Feiertages ,Muttertag‘ 1934 und des ,Mutterkreuzes‘ im Jahr 1938 als besondere Anerkennung für das Gebären zahlreicher deutscher Kinder.

25    Das Schatten- und Doppelgänger-Motiv wurde häufig in der Literatur des 19. Jahrhunderts verarbeitet. Ab der Jahrhundertwende interessierte sich die Psychoanalyse für diese Thematik, woraus Sigmund Freud und Carl Gustav Jung ihre verschiedenen Theorien zum Unbewussten ableiteten, vgl. hierzu Zuch: Nischen, S. 88f.

26    Braun, Christina von: Frauenkörper und medialer Leib, in: Müller-Funk, Wolfgang; Reck, Hans Ulrich (Hrsg.): Inszenierte Imagination. Beiträge zu einer historischen Anthropologie der Medien. Wien u.a. 1996, S. 125-146, hier S. 139f.

27    Otto Dix ist hierfür ein bekanntes Beispiel.

28    Der Bruder von Erich Heckel stirbt im November 1936. Erich Heckel erhielt, wie alle Künstler_innen der Moderne, 1937 Ausstellungsverbot, obwohl er den Aufruf der Kulturschaffenden von 1934 unterzeichnet hatte, der ein Vertrauensbekenntnis zu Adolf Hitler bekundete und das diesem in der Konsequenz die Mehrheit für die Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und Reichspräsidenten 1934 brachte, vgl. Nachlass Erich Heckel, unter: http://www.erich-heckel-nachlass.de und Der Spiegel 23 (1989), S. 234f. Max Beckmann hingegen kommentiert aggressiv den politischen Wandel in seinem Gemälde „Geschwister“ (1933) und bleibt auch nach 1933 seinem künstlerischen Stil treu.

29    Lovis Corinth „Kain und Abel“ (1917), George Grosz „Kain oder Hitler in der Hölle“ (1944) und Karl Hofer „Kain und Abel“ (1946).

30    Wolfgang Mattheuer „Kain“ (1965) und Wolfgang Kuhle „Kain und Abel“ (1976).

31    Vgl. Müller, Hans-Joachim: Massigkeit gegen Massenschicksal, in: Die Zeit, Nr. 19 (06.05.1988); Léger trat 1945 in die Kommunistische Partei Frankreichs ein.

32    Diese Künstler schufen Skulpturen für den öffentlichen Raum, ihre Darstellungen richteten sich somit an die breite Bevölkerung in der DDR und spiegelten die idealistischen Proklamationen der SED, von der die Kunst im öffentlichen Raum genehmigt werden musste.

33    Hier wird die christliche Ikonografie des Christophorus für die weiblichen Figuren adaptiert.

34    Kinder werden oft als Allegorie für die Erneuerung einer Gesellschaft oder eines politischen Systems verwendet. In dem Jugendverband „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ) in der DDR kamen Kinder und Jugendliche unabhängig von den Eltern zusammen. Kinder bekamen Verantwortung, Autonomie, Zutrauen und Respekt vermittelt und erhielten eine, im Sinne der Ideologie der DDR, antifaschistische und demokratische Erziehung, die die FDJ parallel zur Schule übernahm. Die Einflussnahme der Eltern auf die Kinder wurde so vermindert und eine Erziehung im Sinne der Staatsideologie gefördert.

35    Ralf Kerbach wurde 1982 von der DDR ausgebürgert und ging nach West-Berlin.

36    Vgl. Gillen, Eckhart (Hrsg.): Deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten Land. Köln 1997, S. 19f.

37    Erzsébet Schaàr (1908–1975) war eine Ausschwitz-Überlebende. Ob Verwandte oder Freunde von ihr getötet wurden, war bisher nicht zu ermitteln, sicher aber wirkte sich diese Erfahrung auf ihre Kunst aus, vgl. auch das Werk „Die Strasse“. Der starke psychologische Aspekt im Werk von Erzsébet Schaár wird belegt in Schaár, Erzsébet: Die Strasse. Hrsg. v. Kunstmuseum Luzern. Luzern 1975, anlässlich der Ausstellung „Kunst in Ungarn 1900–1950“ von 1975 publiziert.

38    Beispiele sind Gerhard Richter „Drei Geschwister“ (1965), „Schwestern“ (1967); Andy Warhol „The two sisters (After de Chirico)“ (1982); Richard Avedon „Claude und Paloma Picasso (Pablo Picassos Kinder)“ (1966). Eine Ausnahme ist das abstrahierte Geschwistermotiv bei Louise Bourgeois „Brother and Sister“ (1949).

39    Zitat Sabine Dehnel, aus einem Gespräch mit der Autorin, Berlin 05.09.2013, unveröffentlicht.

40    Vgl. hierzu: Krempel: Künstlerbrüder, S. 272f.