Show Less
Open access

Zwischen Ideal und Ambivalenz

Geschwisterbeziehungen in ihren soziokulturellen Kontexten

Edited By Ulrike Schneider, Helga Völkening and Daniel Vorpahl

Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über die Darstellung von Geschwisterbeziehungen und die Verwendung geschwisterbezogener Termini innerhalb abendländischer sowie antiker nahöstlicher Kulturtraditionen. Zum einen erörtern die Autoren spezifische Darstellungsformen, Prämissen und Funktionen exemplarischer Geschwisterpaare in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Philosophie und historischer, gesellschaftspolitischer sowie religiöser Tradition. Zum anderen befassen sie sich mit den jeweiligen metaphorischen Rezeptionen und Adaptionen geschwisterlicher Termini, Motive und Zuschreibungen.
Show Summary Details
Restricted access

Vorwort

Extract



Im kulturellen Gedächtnis sind zahlreiche Geschwisterpaare durch mediale Überlieferungen ebenso verankert wie metaphorische Begrifflichkeiten aus dem Bereich der Geschwisterbeziehung. Beide Elemente bilden bis in die Gegenwart hinein einen unerlässlichen Bestandteil nicht allein der europäischen Tradition. Während biblischen Geschwistern, insbesondere im Buch Genesis, eine wichtige Funktion für die Etablierung eines sozial-rechtlichen und ethischen Rahmens zukommt, stellen Geschwister in weiteren antiken Texten ein wesentliches Element der Dramatisierung dar, über die auch gesellschaftliche Konflikte erörtert werden, die weit über familial begrenzte Prozesse hinausreichen. Erinnert sei nur an Sophokles’ Tragödie Antigone.

Eines der berühmtesten Brüderpaare, neben den in der römischen Mythologie beschriebenen Brüdern Romulus und Remus, ist zweifellos Kain und Abel aus dem Buch Genesis. Der damit verbundene Brudermord, der auch bei Romulus und Remus das wesentliche Motiv darstellt und durch den die Topoi Rivalität, Eifersucht und Schuld verhandelt werden, hat unzählige Adaptionen in der Literatur und der Bildenden Kunst erfahren, beispielsweise in Else Lasker-Schülers Poem Abel (1913) oder in Hermann Hesses Gedicht Das Lied von Abels Tod (1929). Zudem lässt sich für die westdeutsche Literatur eine erweiterte Verwendung des Kain-und-Abel-Stoffes feststellen, die über Gattungsgrenzen hinweg verläuft und unterschiedliche Standortbestimmungen von Schriftsteller_innen nach 1945 aufzeigt. So unternimmt die Lyrikerin und Remigrantin Hilde Domin 1969 über das Brüderpaar eine Befragung des deutsch-jüdischen Verhältnisses der Nachkriegszeit. In ihrem Appell zur Umkehrung des Brudermordes, impliziert durch den Imperativ Abel steh auf, der...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.