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Zeit und Tempus im Deutschen und Bulgarischen

Versuch einer kulturkontrastiven Betrachtung

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Mina Ioveva

Was ist die Zeit? Inwiefern bringen die deutschen und bulgarischen Tempora den Zeitbezug zum Ausdruck? Ist ein Zusammenhang des Satzrahmens im Deutschen mit dem Lebensraum der Germanen oder der Nacherzählformen im Bulgarischen mit der Kultur der Protobulgaren denkbar? Mit diesen Fragestellungen analysiert die Verfasserin, am Beispiel der deutschen und bulgarischen Tempora, kulturphilosophische Hintergründe für die Entwicklung sprachlicher Phänomene. Ideengrundlage der Untersuchung bildet Wilhelm von Humboldts Überzeugung, dass Sprachen Weltanschauungen und Tempussysteme Zeitvorstellungen widerspiegeln. Die interdisziplinär angelegte Arbeit umfasst ein breites Spektrum an Wissensbereichen von Sprachwissenschaft, interkultureller Grammatik, Kultur, Geschichte und Geographie bis zu Neurowissenschaften.
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Einführung

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1 Grund, Wesen und Ziele der Untersuchung

Ursprünglich verfügte das Althochdeutsche nur über zwei finite Tempusformen, nämlich über das Präsens (das a-temporale) und das Präteritum (das temporale)1. Die restlichen entstanden später und wurden bei ihrer grammatischen Beschreibung durch die uns heute bekannten lateinischen Bezeichnungen Perfekt, Plusquamperfekt, Futur kodifiziert. Letztere mögen zwar den Bedeutungen und Funktionen der lateinischen Tempusformen entsprechen, unterscheiden sich jedoch sowohl formal als auch funktional von den deutschen. So wurde „das im Grunde ungeeignete Lateinische […] zum Dogma für die Beschreibung der deutschen Sprache: Damit war das Dilemma geschaffen.“2 Aus dieser Diskrepanz zwischen grammatischer Beschreibung und tatsächlicher Bedeutung der deutschen Tempora resultiert die irreführende Gleichsetzung von Tempus und objektiver Zeit, von Zeitform und Zeitstufe sowie von Präsens mit Gegenwart, Perfekt mit Vergangenheit, Futur mit Zukunft.

So zum Beispiel wird das deutsche Präteritum in manchen Grammatiken und Lehrwerken auch Imperfekt genannt, vermutlich in Anlehnung an das lateinische imperfectum3. Es entspricht aber nur teilweise dem lateinischen Imperfekt, da es über dessen Funktionen hinaus auch solche umfasst, die mit dem griechischen Aorist vergleichbar sind4. Für einen Deutschlernenden, in dessen Sprache es ein Imperfekt für die nicht abgeschlossene Vergangenheit gibt, wie im Bulgarischen und den romanischen Sprachen Spanisch und Portugiesisch, kann diese Bezeichnung irreführend sein. Das betrifft auch das Futur, das im Bulgarischen vorwiegend für zukünftige Handlungen und Geschehnisse gebraucht wird, im Deutschen dagegen stärker modal gepr...

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