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Steiner neu lesen

Perspektiven für den Umgang mit Grundlagentexten der Waldorfpädagogik

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Edited By Ernst-Christian Demisch, Christa Greshake-Ebding and Johannes Kiersch

Die Anthroposophie Rudolf Steiners wird gegenwärtig neu erforscht, als historisches Phänomen ebenso wie als Impulsgeber für aktuelle Projekte in vielen Lebensfeldern. Dabei geht es auch um ein sachgemäßes Verstehen der zugrunde liegenden Quellentexte. Dieses Buch beleuchtet die dabei zu lösenden, bisher übersehenen hermeneutischen Probleme. Es diskutiert die besonderen Ausdrucksmittel, die Steiner in seinen Schriften und Vorträgen verwendet, revidiert die verbreitete Ansicht, dass es sich bei anthroposophischen Einsichten um ein Faktenwissen im Sinne empirischer Forschung der üblichen Art handle, und eröffnet damit Perspektiven für einen undogmatischen, offenen Umgang mit dem bis heute umstrittenen Werk des Pädagogen und Lebensreformers.
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Der Lehrer als „Rätsellöser“.

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Der Lehrer als „Rätsellöser“

Ernst-Christian Demisch

Merkwürdigerweise sehen sich die Waldorfschulen, die sich doch auf die Freiheitsphilosophie Rudolf Steiners berufen, immer wieder dem Verdacht ausgesetzt, Kinder durch ideologisch motivierte Festlegungen zu diskriminieren. Hochbegabte, so wird behauptet, werden dort benachteiligt, indem man sie in altershomogene Jahrgangsklassen zwingt. Eine zweifelhafte Entwicklungsstufenlehre bewirke ein Lernen im Gleichschritt und vernachlässige dadurch die notwendige spezielle Förderung. Steiners anthropologische Typologien1 werden als zweifelhafte Werkzeuge schematisierender Gruppenmanipulation kritisiert, besonders seine Lehre von den vier Temperamenten. Dass gerade diese viel diskutierte Besonderheit der Waldorfpädagogik, die Steiner als ein Hilfsmittel für die künstlerische Beweglichkeit der Lehrkräfte eingeführt hat,2 derart missverständlich aufgefasst wird, gibt zu denken. Könnte es sein, dass Steiners Ansichten bisher höchst einseitig rezipiert worden sind? Dass die seiner Freiheitsphilosophie und seiner Lehre vom Ich entsprechende Aufmerksamkeit auf die Individualität eines jeden Kindes bisher nicht hinreichend gewürdigt wurde?

Schon in seinen ersten öffentlichen Darstellungen pädagogischer Fragen seit 1904 hat Rudolf Steine über die Rätselhaftigkeit der Welt und ihrer lebendigen Erscheinungen gesprochen und damit wohl gemeint, dass es Aufgabe unseres Daseins sei, die Rätselfragen der Welt zu lösen, wozu auch natürlich der Mensch gehöre. So schließt er seinen öffentlichen Vortrag in Berlin am 30.März 1904 mit den Worten: „Ein Rätsel der Natur, das er zu lösen hat, soll jedes werdende Menschenwesen dem Menschen sein,...

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