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Gab es in Bremen im 19. Jahrhundert eine maritime Kultur?

Von kosmopolitischen Hanseaten und absonderlichen Seeleuten- Ein ethnohistorischer Beitrag zur Debatte über Küstengesellschaften

Jan C. Oberg

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Bremen eine beispiellose seewirtschaftliche Blüte. Die Studie geht den kulturellen Folgen dieser Entwicklung nach und verbindet ethnologische Methoden mit historischer Recherche. Der Autor schildert die wirtschaftliche Bedeutung der Seefahrt, das Selbstverständnis und die Alltagspraxen des Bremer Bürgertums sowie das Verhältnis der Bremer zu in- und ausländischen Seeleuten. Er entdeckt soziale, kulturelle und räumliche Praxen der Distinktion und Exklusion und zeichnet den Prozess nach, in dem die kulturellen Stereotypen von hanseatischen Weltbürgern und absonderlichen Seeleuten entstanden. Das Konstrukt einer kultivierten Hansestadt mit einer vulgären Hafenkolonie ist bis heute Bestandteil des Bremer Selbstbildes. Die Idee der Küstengesellschaft nach Braudel dechiffriert Oberg am Beispiel des Nordseeraums als mental map und Produkt nationaler und global/lokaler Historiographien.
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III. Küstengesellschaften

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Wer sich mit „Küste“ befasst, begibt sich auf gefährliches Terrain. Küste scheint von der Natur erschaffen, vom Meer umschlossen und bedroht, von seinen Fluten und Strudeln drangsaliert und der Brandung der See ausgesetzt, die zugleich die Ressource der Küstenbewohner ist. Ästhetisierende und dramatisierende Sichtweisen bestimmen bis heute den Tenor der meisten heimatkundlichen deutschen Küstenmonographien.417 Die See weist und entreißt den Küstenbewohnern auf mehr oder minder dramatische Weise ihren Platz, der von diesen in unermüdlichem Kampf mit der rohen Gewalt des Meeres immer wieder zurückerobert werden muss. Der Begriff „Küstengesellschaft“ impliziert, dass eine Gesellschaft geprägt ist durch den geographischen Raum, auf dem sie siedelt: Küste. Ob das Konzept der Küstengesellschaft dafür geeignet ist, so komplexe Prozesse und ambivalente Verhältnisse zu erklären, wie sie in Bremen im 18. und 19. Jahrhundert herrschten, ist offen. Das Ziel des dritten Teiles meiner Arbeit ist es, die Hauptannahmen des Konzeptes der Küstengesellschaft vor dem Hintergrund der Bremer Ergebnisse zu untersuchen. Der Geschichte und Argumentation des Konzeptes wird nachgegangen und seine Stärken und Schwächen werden ausgeleuchtet.

Küstentheoretiker schreiben Raumgeschichte. Während Geographen, Ethnologen und Volkskundler seit jeher über die räumlichen Dimensionen von Kultur diskutiert haben und in der Soziologie vor nicht allzu langer Zeit die räumliche „Entbettung“ von Kultur als „Konsequenz der Moderne“ diagnostiziert wurde (Giddens 1996), ist Raum als Kategorie seit einiger Zeit auch in den Geschichtswissenschaften wieder en vogue.418 Historiker...

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