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Gab es in Bremen im 19. Jahrhundert eine maritime Kultur?

Von kosmopolitischen Hanseaten und absonderlichen Seeleuten- Ein ethnohistorischer Beitrag zur Debatte über Küstengesellschaften

Jan C. Oberg

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Bremen eine beispiellose seewirtschaftliche Blüte. Die Studie geht den kulturellen Folgen dieser Entwicklung nach und verbindet ethnologische Methoden mit historischer Recherche. Der Autor schildert die wirtschaftliche Bedeutung der Seefahrt, das Selbstverständnis und die Alltagspraxen des Bremer Bürgertums sowie das Verhältnis der Bremer zu in- und ausländischen Seeleuten. Er entdeckt soziale, kulturelle und räumliche Praxen der Distinktion und Exklusion und zeichnet den Prozess nach, in dem die kulturellen Stereotypen von hanseatischen Weltbürgern und absonderlichen Seeleuten entstanden. Das Konstrukt einer kultivierten Hansestadt mit einer vulgären Hafenkolonie ist bis heute Bestandteil des Bremer Selbstbildes. Die Idee der Küstengesellschaft nach Braudel dechiffriert Oberg am Beispiel des Nordseeraums als mental map und Produkt nationaler und global/lokaler Historiographien.
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Gab es in Bremen im 19. Jahrhundert eine maritime Kultur?

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Bremer Kultur und Mentalität werden in der aktuellen Imageproduktion der Stadt gerne mit dem historischen Engagement der Bremer im Seehandel erklärt. „Bremens Geschichte ist die Geschichte seiner Häfen“, heißt es in einer Broschüre der Bremer Touristikzentrale (BTZ 1999: 32). „Handel bedingt Weltoffenheit“, erklärten Marketingfachleute in der Bremer Bewerbungsschrift für die europäische Kulturhauptstadt 2010 (BMG 2004: 133). „Was immer in der Hansestadt an der Weser vor sich geht, ist …Ausdruck ihrer Seehafen- und Seehandelsstellung“, lautet eine verbreitete Ansicht (Meyer 1986: 44). Maritime Tradition, Aufgeschlossenheit gegenüber Fremden und multikulturelle Realität gehören heute zur touristischen Imageproduktion vieler Hafen- und Handelsstädte, „offen für die Welt“ zeige sich auch Bremen (BTZ 1999a: 9).

Auch Historiker untersuchen seit geraumer Zeit Häfen und Küstenregionen als Zentren des Kulturaustauschs und einige Bestandteile des gängigen hafenstädtischen Marketingrepertoires stimmen in mancher Hinsicht mit dem kosmopolitischen Selbstverständnis stadtbürgerlicher Eliten im 19. Jahrhundert überein.

In der vorliegenden Arbeit wird dieser hypothetische Zusammenhang zwischen maritimer Wirtschaft, Seeschifffahrt, Handel und lokaler Kultur untersucht. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichten der Bremer Seehandel und die Bremer Reederei eine bis dahin beispiellose Blüte. Welche Spuren hat dieser wirtschaftliche Wandel in kultureller Hinsicht hinterlassen?

Der theoretische Rahmen: Die Debatte über Küstengesellschaften

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