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«Christian Rock» – Unterhaltung oder mehr?

Eine Betrachtung unter kulturanthropologischen und musikwissenschaftlichen Aspekten

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Wolfgang Kabus and Tobias Rux

Fast unbemerkt hat sich Christian Rock zu einem Phänomen entwickelt, an dem weder Musikwissenschaft noch Kirche vorbeikommen. Sein erklärtes Programm ist die Begegnung mit der Welt des Glaubens. Trotzdem wird er beargwöhnt, ja abgelehnt. So versucht der Autor ganz pragmatisch mit verschiedenen Fragestellungen den wirklichen Sachverhalten auf den Grund zu gehen: Was ist unter Christian Rock zu verstehen? Kann er in seiner musikalischen Grundstruktur überhaupt ein Ort der Gottesbegegnung, ein locus theologicus sein, wie seine Vertreter behaupten? Welche Werte transportiert er? Ist er nicht vielmehr von lasziven Kräften gesteuert, als dass er ein Botschafter christlichen Glaubens sein könnte? Sensibilisiert er für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Kunst, Kultur und Theologie, oder ist er nichts weiter als eine christlich-triviale Musizierpraxis zur Unterhaltung der Menschheit? Diesen Fragen wird in musikwissenschaftlichen sowie kulturanthropologischen Auseinandersetzungen nachgegangen.
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1. Erlebniskultur – die Suche nach Lebensglück

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Erlebnisorientierung ist eine unmittelbare Form auf der Suche nach Glück. Typisch für Menschen unserer Kultur ist das ›Projekt des schönen Lebens‹.1 Es ist alles gut, wenn es nur Spaß macht.2 Ein Glücksgefühl können nicht nur unzählige Vergnügungsparks, Festivals, Livekonzerte, Märkte, Ausstellungen, Shoppingcenter, Urlaubs- und Ferienangebote oder Anlässe vermitteln. Auch der dazugehörende ›Erlebnis-Kick‹ erreichte erst kürzlich mit einem Sprung des Extremsportlers Felix Baumgartner aus 39 km Höhe seinen bisherigen Zenit.3 Jahrhunderte lang war das Beziehungsgeflecht oder die soziale Stellung, in der man lebte, mehr oder weniger vorgegeben. Man trat den Beruf des Vaters an, eine Heirat erfolgte zu großen Teilen nach materiellen Gesichtspunkten von ›höherer Instanz‹ entschieden, und der Slogan ›My home is my castle‹ galt als allgemein hingenommen – ein Leben lang. Außerdem ließ ein ausgeprägtes Großgruppenbewusstsein, also die Involviertheit in Vereine, Gruppen und Institutionen, einer individuellen Lebensgestaltung nur wenig Raum. Mit einer Neuorientierung einer seit mehr als 200 Jahren bestehenden Industriegesellschaft, die Mitte des 20. Jahrhunderts begann, wurden die alten Muster, Begrenzungen und sozialen Kontrollen aufgesprengt. Die absolute Wahrheit gab es nicht mehr; es herrschte Wahrheitspluralismus. Ebenso geschah es mit der Orientierung (Friedrich Nietzsche), Kultur, Weltanschauung und Religion – alles bestand nun innerhalb einer Multioptionsgesellschaft (Peter Gross). Die Folge war Unübersichtlichkeit (Jürgen Habermas).4

Durch den Wegfall von scheinbar ausgedienten Werten und gleichzeitiger Entstehung neuer erlebnisorientierter Kriterien, wie Nonkonformismus, Spontaneität, persönlicher Stil in der...

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