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Innenansichten zur Wissenschaftsgeschichte

Vorläufige Bilanz eines Literaturwissenschaftlers

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Rainer Rosenberg

Ausgehend von der Skizzierung seines Lebenslaufs und der Auseinandersetzung mit den gängigen Identitätstheorien zieht Rosenberg die vorläufige Bilanz aus seinem Germanisten-Dasein. Als ein Literaturwissenschaftler hat er schon seit den 1980er Jahren zur Geschichte seiner Disziplin gearbeitet. Sein Augenmerk richtet sich nach den Tendenzen zu deren Neukonstituierung als Kulturwissenschaft nun auch auf ihre Hinwendung zu einer Geschichte der Wissensformen.
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Pläne und Zufälle

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Er hat von der Fremdheit gesprochen, mit der er seinem früheren Selbst in der Erinnerung begegnet. Wenn er etwa an das Selbstbewusstsein denkt, mit dem er angetreten ist, an so viel Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, dass es danach nur weniger werden konnte. Wenn er seine frühen Texte hervorkramt: diese Selbstsicherheit, dieses Schreiben im vollen Besitz der Wahrheit! Manchmal denkt er doch: Das muss ein anderer gewesen sein. Andererseits erinnert er sich im Nachdenken über seine augenblickliche Gemütslage oder die Reaktion auf bestimmte Ereignisse auch, in dieser Stimmung schon früher gewesen zu sein und auf die Ereignisse in der gleichen Weise reagiert zu haben. Zu nennen wäre hier – und wie kann das mit der besagten Selbstsicherheit zusammen gehen? – vor allem eine unbestimmte Angst, die ihn immer mit dem Schlimmsten rechnen lässt: mit dem Dachziegel, der ihm auf den Kopf fällt, oder dem Irren, der ihn verfolgt, wenn er auf die Straße geht. Die ständige Fluchtbereitschaft also und die Furcht, dass die multiple Sklerose, an der seine Mutter und zwei ihrer Geschwister gestorben sind, oder die Demenz, an der sein Vater schon mit Anfang sechzig erkrankte, auch ihn befällt, und die Überzeugung, dass sowieso alles schief geht. Kurz: die Lebensangst und der Pessimismus, die ihm von seinem früheren Selbst geblieben sind. Die er aber nach außen hin offensichtlich gut verbergen konnte, wunderten sich doch seine Mitarbeiter und Kollegen oft über seine vermeintliche Ruhe und Gelassenheit. So wie er...

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