Show Less
Restricted access

Erzähler – Text – Leser in Ovids "Metamorphosen

Henning Horstmann

Wer erzählt die Metamorphosen? Gibt es nur einen Erzähler? Muss man überhaupt zwischen Autor und Erzähler trennen? Und ist die Haltung des Erzählers nun distanziert-ironisch oder fromm-naiv? Die vorliegende Arbeit liefert mittels aktueller narratologischer und rezeptionsästhetischer Analyseverfahren eine Typologie der primären Erzählerfigur von Ovids Epos. Zudem zeigt sie anhand detaillierter Textinterpretationen, wie inkonsistent Ovid seinen Erzähler konstruiert hat. Im Ergebnis wird die Neuartigkeit von Ovids Erzählanlage gegenüber tradierten Formen epischen Erzählens deutlich: Seine Erzählerfigur ist schillernder und präsenter, zudem oftmals keineswegs allwissend und objektiv – und vor allem fehlt ihr vielfach die eigentlich zukommende Zuverlässigkeit und Autorität.
Show Summary Details
Restricted access

2.3 Dialogführung

Extract



2.3.1 Emotionale Appelle

Auch wenn etwa Wertungen und Urteile (s.o.) des Primärerzählers immer auch eine entsprechend beipflichtende Reaktion des fiktiven Adressaten provozieren und in diesem Sinne natürlich eine Appellfunktion besitzen, lohnt es sich doch, gesondert solche Erzähleräußerungen näher zu betrachten, die einen hohen affektisch-subjektiven Gehalt aufweisen und von besonderer Emotionalität getragen sind.252 Denn in solchen Passagen lässt sich ein bemerkenswerter Wechsel der Erzählhaltung feststellen: Während beispielsweise ein Mitleid oder Geringschätzung erregendes Urteil durchaus noch mit der Perspektive eines souveränen, sachlichen und seinem Stoff übergeordneten Erzählers vereinbar ist, verliert ein Erzähler, aus dem vermeintliche Gefühle abrupt hervorbrechen, kurzzeitig die Distanz zum epischen Stoff. Er lässt sich gleichsam mitreißen von dem geschilderten Geschehen und nimmt Anteil am Schicksal seiner Figuren. Aus erzähltheoretischer Sicht trägt ein solches Verhalten maßgeblich zum Aufbau einer funktionierenden Erzählillusion bei: Indem sich der Erzähler wie ein Rezipient des Textes verhält und dessen mögliche emotionale Reaktionen abbildet, wird der literarische Text als etwas Relevantes wahrgenommen, auf das man ebenfalls reagieren kann und soll.

Emotionale Appelle des Erzählers finden sich im ganzen Epos; sie scheinen sich jedoch in bestimmten Mythen konzentriert zu finden (vgl. z.B. Kap. B.2). Hier sollen die unterschiedlichen Formen solcher Äußerungen näher untersucht werden.

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.