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Erzähler – Text – Leser in Ovids "Metamorphosen

Henning Horstmann

Wer erzählt die Metamorphosen? Gibt es nur einen Erzähler? Muss man überhaupt zwischen Autor und Erzähler trennen? Und ist die Haltung des Erzählers nun distanziert-ironisch oder fromm-naiv? Die vorliegende Arbeit liefert mittels aktueller narratologischer und rezeptionsästhetischer Analyseverfahren eine Typologie der primären Erzählerfigur von Ovids Epos. Zudem zeigt sie anhand detaillierter Textinterpretationen, wie inkonsistent Ovid seinen Erzähler konstruiert hat. Im Ergebnis wird die Neuartigkeit von Ovids Erzählanlage gegenüber tradierten Formen epischen Erzählens deutlich: Seine Erzählerfigur ist schillernder und präsenter, zudem oftmals keineswegs allwissend und objektiv – und vor allem fehlt ihr vielfach die eigentlich zukommende Zuverlässigkeit und Autorität.
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5.2 Arachne (met. 6,1–145): Implizite Götterkritik trotz problematischer Heldin

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Die Arachne-Episode wird von einem Erzähler berichtet, der trotz der Hybris seiner Protagonistin Verständnis für jene weckt und die sie strafende Göttin bemerkenswert fragwürdig erscheinen lässt. Eine ablehnende Haltung der Erzählerfigur kommt hier nicht in aller Deutlichkeit zum Vorschein, wird aber durch verschiedene Textsignale und besonders die spezielle Kommentierung der beiden Webarbeiten der Kontrahentinnen verdeutlicht.

Expliziter Anschluss an den vorausgehenden Mythos

Die einleitenden Worte des sechsten Buches machen klar, dass die nun folgende Episode573 in engem Zusammenhang mit dem Vorhergehenden zu lesen ist. Der Erzähler informiert darüber, dass Minerva erst durch die von den Musen zuvor geschilderte – und von der Göttin gutgeheißene – Bestrafung der anmaßenden Pieriden (met. 5,662–678) dazu verleitet wurde, nun auch selbst gegen frevelhaftes Verhalten ihr gegenüber vorzugehen.574 Der kurze Monolog („laudare parum est, laudemur et ipsae | numina nec sperni sine poena nostra sinamus“; V.3f.) kündigt bereits indirekt eine Strafe an, weist Minerva jedoch auch als recht geltungsbedürftig aus.575 Das passende Opfer ist rasch zur Hand, denn die Göttin hatte von einer Lyderin namens Arachne gehört (audierat, V.7),576 die sich angeblich in der ← 283 | 284 → Webkunst für der Minerva ebenbürtig hielt – auf deren Untergang richtete sie jetzt ihren Geist (animum fatis intendit Arachnes, V.5).577

Negativzeichnung Minervas vs. Sympathiebekundung für Arachne

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