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Der Symbolbegriff im Denken Ernst Cassirers

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Catia Rotolo

In der philosophischen Debatte über den Status und die Funktion von Erkenntnis und Wissen spielt Ernst Cassirers Kulturphilosophie der symbolischen Formen eine wichtige Rolle. Sprache, Mythos, Wissenschaft und Kunst zählen zu den symbolischen Formen, die Cassirer untersucht, um die geistige Gestaltung des Wirklichen zu verstehen. Nahe an den Wissenschaften zeigt er, wie das Symbolische entsteht, indem dem Sinneseindruck ein Index, eine Ordnung und ein Ort zugewiesen und ein Name verliehen wird. Das Symbolische drückt eine bestimmte Orientierung, eine Grundtendenz und besondere Form des Denkens aus, auch im Feld der Begriffe der Wissenschaften. Cassirers Theorie des Symbols hat die erkenntnistheoretische Konzeption der bloßen nachahmenden Abbildung des Wirklichen überwunden. Das Erkennen hat die Funktion, der gegenständlichen Welt in ihrer komplexen Mehrdimensionalität in freier Tätigkeit des Geistes Gestalt und menschliche Bedeutung zu verleihen. Aus seiner Kritik an der aristotelischen Substanz-Ontologie und am dogmatischen Realismus entwickelt Cassirer seine funktionstheoretische Perspektive des Symbolischen, auf deren anti-deterministischer und zugleich nicht-relativistischer Basis von der epistemischen Freiheit des Menschen als animal symbolicum gesprochen werden kann.
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2 Zum Substanzbegriff

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2.1 Kritik des aristotelischen Substanzbegriffs

Cassirers eingehende Analyse des aristotelischen Substanzbegriffs6 zeichnet sich durch eine große theoretische Raffinesse und ein charakteristisches Erkenntnisverfahren aus, in das vielfältige innovative Überlegungen einfließen, die oft rein wissenschaftlicher Natur sind. In Cassirers Werken bildet das ›Kritisieren7 der Substanz‹ kein bloßes Sprungbrett zu den Begriffen Funktion und Symbol, sondern die unverzichtbare Bedingung, um den Wissensfeldern neue theoretische Dimensionen, ← 16 | 17 → unerwartete philosophische Verknüpfungen und komplexe logische Ordnungen zu erschließen.8 Eine solche Kritik verdient im Panorama der Philosophiegeschichte genauer verortet zu werden, da sie einen entscheidenden Bezugspunkt für die theoretische Wende darstellt, die neue Horizonte jenseits der Fallstricke des alten Dualismus eröffnet hat.9

2.1.1 Die ›Marburger Schule‹

Die cassirersche Kritik nahm ihren Anfang in Marburg,10 in – fast möchte ich sagen unvermeidlicher – Auseinandersetzung mit einem spezifischen Platon. Entsprechend den Marburger Interpretationslinien waren die antiken Philosophen und ← 17 | 18 → namentlich Platon Gegenstand eines nicht eben philologischen Interesses.11 Die Philosophiegeschichte wurde in einer wesentlich epistemologischen Perspektive verstanden und bewertet, das heißt im Sinn einer Untersuchung der Bedingungen und Gesetze der Objektivität wissenschaftlicher Erkenntnis.12 In diesem besonderen Zusammenhang wurde die platonische Ideenlehre als eine Theorie der Formen a priori gedeutet, die eine wissenschaftliche Erkenntnis von unschätzbarem Wert garantiere. Auch Aristoteles wurde aus einer epistemologischen Perspektive interpretiert, doch warf man ihm vor, er habe die platonische Theorie missverstanden und ihre grundlegende Bedeutung verkannt. Aufgrund dieses spezifischen Interpretationsschlüssels übertrieb die Marburger...

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