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Wer ist mein Nächster?

Das Soziale in der Ego-Gesellschaft- 15. Ökumenische Sommerakademie, Kremsmünster 2013

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Severin Lederhilger

Der aktuelle politische und philosophische Diskurs bewegt sich zunehmend zwischen den Polen eines individualistischen Egoismus und den verschiedenen Aspekten gesellschaftlicher Solidarität. Inwieweit egozentrische Tendenzen das Zusammenleben maßgeblich bestimmen oder ob nicht Formen der Solidarität das eigentlich evolutive Erfolgsmodell menschlicher Gemeinschaft darstellen, gehört mit zu den Grundfragen unserer Zeit. Individuelle Verantwortung und autonome Selbstbestimmung kennzeichnen schließlich nicht nur die persönliche Lebensgestaltung, sondern prägen ebenso die wirtschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Bereiche der Gesellschaft. Der überfordernde Zwang zur permanenten Selbst-Inszenierung und zur Verwirklichung des eigenen Ichs eröffnet aber zugleich einen neuen Zugang zur Rückfrage nach der Notwendigkeit alternativer Gestaltungen von Vergemeinschaftung, die Verlässlichkeit schenken und speziell der Dimension der Gerechtigkeit Rechnung tragen. Angesichts der anstehenden sozialen Probleme und veranlasst durch das Jubiläum von 10 Jahren «Sozialwort» des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich stellte sich die 15. Ökumenische Sommerakademie Kremsmünster 2013 provokant die biblische Nachfrage «Wer ist mein Nächster?» und erkundete so «das Soziale in der Ego-Gesellschaft».
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Ansgar Kreutzer. Riten und Symbole entgrenzter Solidarität: Der kulturelle Beitrag des Christentums zum sozialen Zusammenhalt

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Ansgar Kreutzer

Riten und Symbole entgrenzter Solidarität*

Der kulturelle Beitrag des Christentumszum sozialen Zusammenhalt

1.Einleitung: Was die Hochwasserkatastrophe über die Gesellschaft aussagt

„Es fällt überaus schwer, der jüngsten Hochwasserkatastrophe irgendetwas Gutes abzugewinnen. Doch gibt es bei all der Zerstörung, bei all dem persönlichen Leid, das die Wassermassen […] gebracht haben, etwas Positives zu konstatieren – die Solidarität der Menschen.“1 Einschätzungen wie diese – der Ostthüringischen Zeitung entnommen – waren anlässlich der Flutkatastrophe, die im Mai und Juni 2013 viele Regionen Mitteleuropas im Chaos versinken ließen, häufig anzutreffen. Das Hochwasser offenbarte Potenziale und Formen zeitgenössischer Solidarität: Menschen lassen sich von einer akut auftretenden und unverschuldeten Notlage betreffen und zum mitmenschlichen Engagement bewegen. Die punktuelle Hilfsbereitschaft ist hoch. Die kollektiven Hilfsaktionen zur Flutkatastro ← 73 | 74 → phe waren von großer Emotionalität begleitet, die sich in einer ausgeprägten Empathie der Helferinnen und Helfer mit den Opfern zeigte: „Da hat man durchnässte Familien-Fotoalben in der Hand – und überlegt, wie schlimm es ist, dass die ganz privaten Sachen weg sollen“, äußerte eine junge Fluthelferin ihr Mitleid.2 Aber auch positive Gefühle, zum Teil fast euphorischer Art, stellten sich ein. Das Helfen wurde als bereichernd empfunden, machte Freude, hatte geradezu einen „Funfaktor“. Ein Passauer Student formulierte überschwänglich: „Die Stimmung ist super“3. Schließlich ruft die Notsituation nicht nur Solidarität ab, sie bringt sie auch hervor. Kollektive Not und gemeinsames Helfen überwinden...

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