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Das fremde Japan: Ainu – Kami – Shinto

Die prähistorischen Wurzeln im Weltbild der Japaner

Ina Mahlstedt

Die unsichtbaren Kami sind auch im modernen Japan allgegenwärtig. Die vom Shinto verehrten Geistwesen der Natur prägen bis heute das Selbstverständnis der Japaner. Die Autorin stellt heraus, dass sich die religiösen Muster des Shinto auf das ungewöhnliche Weltbild der alten Ainu-Jäger zurückführen lassen. Nicht zuletzt anhand ihrer Schöpfungsgesänge, den Yukar, beleuchtet die Religionswissenschaftlerin die ursprüngliche Lebenswelt der prähistorischen Jäger. Schon die Ainu erklärten sich das Phänomen des Schöpferischen mit einer parallelen Welt, in der sich unsichtbare Kamui aus innerer Kraft in allen Formen der Natur materialisieren können. Auf der Grundlage dieses Weltbildes hat der Shinto ein organisiertes Ritualsystem entwickelt, das die Harmonie mit den Kami zum Wohle Japans sicherstellt.
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4 Teil: Die Kami im heutigen Japan

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4 Teil: Die Kami im heutigen Japan

Der Shinto lässt den Menschen frei und doch rücksichtsvoll den unsichtbaren Geistwesen seines Landes gegenüberstehen. Seine Kami forderten niemals Gehorsam, sie erwarteten keine devote Unterwürfigkeit von den Menschen. Anders als in den westlichen Offenbarungs -Religionen erließen die Kami keine Gebote oder Gesetze, die den Menschen eine Richtschnur für ihr Handeln hätten vorgeben können. Die Beziehung zwischen Mensch und Geistwesen ergibt sich aus einem Erklärungsmodell, bei dem Himmel, Mensch und Erde eine Schöpfungseinheit bilden und bei dem menschliche Mitwirkung notwendig ist. Die Kami verkörpern sich nur dann in Jagdtieren, Bäumen, im Reis oder auch in menschlichen Kulturwerken, wenn sie mit achtsamer, rücksichtsvoller Freundlichkeit und Harmonie in die Welt gelockt werden. Das wohl einmalige Kami-Konzept fußt mit anderen Worten auf dem partnerschaftlichen Zusammenwirken der schöpferischen Kräfte des Daseins.



Abb. 52 Schrein in Kyoto in Zwielicht

Andererseits hat sich jedoch aus diesem auf unbedingte Harmonie bedachten Lebensgefühl ein emotional reduziertes Sozialverhalten der ← 109 | 110 → Japaner entwickelt. Der Respekt vor den Kami schloss die individuelle Selbstverwirklichung weitgehend aus, denn sie barg immer die Gefahr einer Unstimmigkeit mit den Kami, die den inneren Frieden der Gemeinschaft gestört hätte. Auch die weithin bekannte Tapferkeit, Generosität und Ritterlichkeit der Samurai basiert auf einer Form von Selbstzurücknahme und Angepasstheit als einem Grundwert der japanischen Gesellschaft. Nur die Harmonie mit den Kami sicherte...

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