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Märchen, Mythen und Moderne

200 Jahre «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm – Teil 1 und 2

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Claudia Brinker-von der Heyde, Holger Ehrhardt and Hans-Heino Ewers

Im Dezember 2012 jährte sich zum 200. Mal das Erscheinen der Kinder- und Hausmärchen. Dieses Jubiläum nahm die Universität Kassel zum Anlass, einen internationalen Kongress mit dem Titel Märchen, Mythen und Moderne. 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zu veranstalten. Die vorliegenden Kongressbeiträge nähern sich dem populärsten Werk der Brüder Grimm sowohl literatur- und sprachwissenschaftlich als auch aus Sicht der Kinder- und Jugendliteratur, Psychologie und Pädagogik, Medienwissenschaft und interkulturellen Rezeptionsforschung. Über die Märchen hinaus finden sich Studien zum philologischen, lexikographischen, mythologischen und rechtshistorischen Werk der Brüder Grimm.
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Zeit – Zeiten – Erinnerung in Märchen Goethes und der Frühromantik: Ingrid Oesterle

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Ingrid Oesterle

Zeit – Zeiten – Erinnerung in Märchen Goethes und der Frühromantik

Das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch einen geschärften Zeitsinn.1 Er ist sprachlich fassbar in einer Unzahl neuer Kompositabildungen mit Zeit. Eine Fülle dicht aufeinander folgender Umsturz-, Kriegs-, Krisen- und Veränderungserfahrungen vermittelt den Eindruck einer in Bewegung geratenen, bislang nie dagewesenen Beschleunigung der Zeit in der geschichtlichen Welt. In der Alltagswelt der Arbeit und Familie bestimmen zunehmend nicht mehr primär naturzeitliche Rhythmen der Jahres- und Tageszeiten den Ablauf, sondern die abstrakte, mechanische, gezählte Zeit der Uhren. Mit ihrem Ticken setzt Novalis’ Roman Heinrich von Ofterdingen ein.2 Dass gleichwohl die gleichgetaktete Zeit auch ein rettendes Gehäuse im bürgerlichen Interieur bieten kann, dafür spricht die Standuhr als Zufluchtsort des siebten Geißleins vor dem Wolf im Grimm´schen Märchen Der Wolf und die sieben Geißlein.

Zwischen 1795 und 1800 entstehen daher wohl nicht von ungefähr drei Kunstmärchen, die sich dem Thema der Erfahrung, Wahrnehmung und Veränderung der Zeit widmen. Alle drei erzählen Erlösungsmythen. Sie sind Produkte der Phantasie, der „Einbildungskraft“, und wollen nicht, „was wirklich geschehen ist“, verarbeiten.3 Das Märchen Goethes von 1795 gibt das Losungswort: „Es ist an der Zeit!“ Mit ihm enden die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und laufen, wie Goethe an Schiller schreibt, „ins Unendliche aus“4. Dies könnte ein Stichwort für romantische Produktionen, insbesondere von Novalis sein, aber auch bedingt...

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