Show Less
Restricted access

Märchen, Mythen und Moderne

200 Jahre «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm – Teil 1 und 2

Series:

Claudia Brinker-von der Heyde, Holger Ehrhardt and Hans-Heino Ewers

Im Dezember 2012 jährte sich zum 200. Mal das Erscheinen der Kinder- und Hausmärchen. Dieses Jubiläum nahm die Universität Kassel zum Anlass, einen internationalen Kongress mit dem Titel Märchen, Mythen und Moderne. 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zu veranstalten. Die vorliegenden Kongressbeiträge nähern sich dem populärsten Werk der Brüder Grimm sowohl literatur- und sprachwissenschaftlich als auch aus Sicht der Kinder- und Jugendliteratur, Psychologie und Pädagogik, Medienwissenschaft und interkulturellen Rezeptionsforschung. Über die Märchen hinaus finden sich Studien zum philologischen, lexikographischen, mythologischen und rechtshistorischen Werk der Brüder Grimm.
Show Summary Details
Restricted access

Wunder als minimal kontraintuitive Konzepte. Ein Beitrag zur Klassifikation von Erfahrungswidrigkeit in den Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen: Christine A. Knoop und Thomas Nehrlich

Extract

Christine A. Knoop und Thomas Nehrlich1

Wunder als minimal kontraintuitive Konzepte. Ein Beitrag zur Klassifikation von Erfahrungswidrigkeit in den Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen

Kontraintuitivität als Strukturmerkmal?

Die Märchen der Brüder Grimm sind reich an Phänomenen, die in unserer empirischen Wirklichkeit keine Entsprechung haben. Eine sprechende Ziege; ein Tisch, der sich selber deckt; ein Vogel, der mit einer Maus und einer Bratwurst (die sich überdies als ausgezeichneter Koch erweist) eine Wohngemeinschaft bildet; ein Frosch, der sich in einen Jüngling verwandelt; und eine verzauberte Spindel, die einen hundertjährigen Schlaf auslöst: All diese Beispiele stellen Abweichungen von der Realität dar, die auf der Basis unseres Weltwissens eigentlich kontraintuitiv erscheinen müssten, im Gattungskontext des Märchens jedoch erwartbar sind – Wundersames ist dort alltäglich. Wenn also im Folgenden von ‚Wundern‘ oder ‚kontraintuitiven Phänomenen‘ die Rede ist, so bezieht sich dies auf die empirische Wirklichkeit; dass die betroffenen Phänomene innerhalb der Textwelt absehbar und sinnvoll sind, soll dadurch keineswegs in Abrede gestellt werden – der Begriff des Wunders wird hier ganz allgemein gefasst als „Einbruch eines Übernatürlichen in die gewöhnliche Wirklichkeit“2 des Lesers. Wir gehen davon aus, dass die Wunder trotz ihrer Erwartbarkeit im Gattungskontext besondere Eigenschaften haben müssen, die ihren kulturellen Erfolg und ihre ungewöhnliche inhaltliche und vor allem strukturelle Stabilität im notorisch dynamischen Prozess der mündlichen Tradierung gewährleistet haben.

Daher stellen wir uns die Frage, wie...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.