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Märchen, Mythen und Moderne

200 Jahre «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm – Teil 1 und 2

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Claudia Brinker-von der Heyde, Holger Ehrhardt and Hans-Heino Ewers

Im Dezember 2012 jährte sich zum 200. Mal das Erscheinen der Kinder- und Hausmärchen. Dieses Jubiläum nahm die Universität Kassel zum Anlass, einen internationalen Kongress mit dem Titel Märchen, Mythen und Moderne. 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zu veranstalten. Die vorliegenden Kongressbeiträge nähern sich dem populärsten Werk der Brüder Grimm sowohl literatur- und sprachwissenschaftlich als auch aus Sicht der Kinder- und Jugendliteratur, Psychologie und Pädagogik, Medienwissenschaft und interkulturellen Rezeptionsforschung. Über die Märchen hinaus finden sich Studien zum philologischen, lexikographischen, mythologischen und rechtshistorischen Werk der Brüder Grimm.
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„…was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?“ – Sprachenvielfalt und kulturelle Identität im deutschsprachigen Raum: Wolfgang Thierse

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Wolfgang Thierse

„…was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?“ – Sprachenvielfalt und kulturelle Identität im deutschsprachigen Raum

Dass ausgerechnet ein Politiker den letzten Vortrag auf dem internationalen Grimm-Kongress halten darf, verstehe ich als eine sehr spezielle Referenz an die Namensgeber dieser Konferenz – Jacob und Wilhelm Grimm. Die Brüder waren eben nicht nur berühmte Märchen-, Sagen-, Mythensammler und Sprachforscher, sondern auch politisch interessierte und politisch engagierte Zeitgenossen. Sie zählten ja zu jenen Professoren, die gegen den Verfassungsbruch ihres Königs Ernst August von Hannover protestiert hatten. Der Monarch enthob die Göttinger Sieben (1837) ihrer Ämter und verwies einige von ihnen des Landes. Ein politisches Exempel mit ungeahnten Folgen, wie der Philologe Wilhelm Scherer später bemerkte: „[O]hne die Göttinger Vertreibung, hätten wir das deutsche Wörterbuch nicht bekommen.“1

Die Idee der Brüder Grimm, eine Bestandsaufnahme der deutschen Sprache zu wagen, war – nicht nur, aber doch ganz wesentlich – politisch motiviert: Es war eine Reaktion des Unbehagens auf die deutsche Kleinstaaterei: „was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?“2, so fragte Jacob Grimm (im März 1854) im Vorwort zum ersten Band des Deutschen Wörterbuches, und konstatierte eine „in allen edlen schichten der nation anhaltende und unvergehende sehnsucht […] nach den gütern, die Deutschland einigen und nicht trennen“.3

Diese auf einen einheitlichen Nationalstaat gerichtete Zukunftshoffnung stand am Beginn der Arbeiten für das Deutsche Wörterbuch, das...

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