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Märchen, Mythen und Moderne

200 Jahre «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm – Teil 1 und 2

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Claudia Brinker-von der Heyde, Holger Ehrhardt and Hans-Heino Ewers

Im Dezember 2012 jährte sich zum 200. Mal das Erscheinen der Kinder- und Hausmärchen. Dieses Jubiläum nahm die Universität Kassel zum Anlass, einen internationalen Kongress mit dem Titel Märchen, Mythen und Moderne. 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zu veranstalten. Die vorliegenden Kongressbeiträge nähern sich dem populärsten Werk der Brüder Grimm sowohl literatur- und sprachwissenschaftlich als auch aus Sicht der Kinder- und Jugendliteratur, Psychologie und Pädagogik, Medienwissenschaft und interkulturellen Rezeptionsforschung. Über die Märchen hinaus finden sich Studien zum philologischen, lexikographischen, mythologischen und rechtshistorischen Werk der Brüder Grimm.
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Mit Grimm in den Klassenkampf. Zur Rezeption der KHM im ‚Proletarischen Märchen‘ des frühen 20. Jahrhunderts: Bernd Dolle-Weinkauff

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Bernd Dolle-Weinkauff

Mit Grimm in den Klassenkampf. Zur Rezeption der KHM im ‚Proletarischen Märchen‘ des frühen 20. Jahrhunderts

Die stetig wachsende Popularität der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm verhilft dem Märchen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Rolle der führenden kinderliterarischen Gattung im deutschsprachigen Raum. Getragen von durchaus unterschiedlichen pädagogischen Lehrmeinungen, halten sie allenthalben Einzug in den Schulunterricht. Dies verdanken sie zunächst den Vertretern einer neuen Richtung der pädagogischen Wissenschaft, der so genannten Herbart-Zillerschen Schule, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Grimm’schen Märchen an zentraler Stelle im Unterricht zu verankern. Das erste an eine breitere Öffentlichkeit gelangte märchendidaktische Programm der neuen Richtung wird 1867 von dem österreichischen Pädagogen Otto Willmann in einem Vortrag unter dem Titel Volksmärchen und Robinson als Lehrstoffe formuliert, dessen gedruckte Fassung 1869 erschien.

Das Märchen wird von Willmann und seinen Mitstreitern eingeordnet in das Programm eines ganzheitlichen Unterrichts, das, ausgehend von so genannten Konzentrationsstoffen, die in den einzelnen Klassen- bzw. Schulstufen zu erarbeitenden Lernziele realisieren sollte. Dem Herbart’schen Begriff des „Interesses“ folgend, zielte die pädagogische Arbeit auf Anknüpfung an angeblich objektiv bestimmbare psychische Entwicklungsstadien und Dispositionen des Schülers, die in Analogie zu bestimmten phylogenetischen Evolutionsetappen, „Kulturstufen“, gesehen wurden.1 Das Märchen war in diesem Zusammenhang als „Konzentrationsstoff“ des ersten Schuljahres vorgesehen, was bedeutete, dass das gesamte Unterrichtsgeschehen eines Jahres von einer Auswahl von etwa zwölf Märchen seinen...

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