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Serbien und das Modernisierungsproblem

Die Entwicklung der Gesundheitspolitik und sozialen Kontrolle bis zum Ersten Weltkrieg

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Indira Durakovic

Die Autorin wurde für diese Arbeit mit dem Andrej-Mitrović -Preis ausgezeichnet.

Als Bestandteil eines Modernisierungsprozesses von Staat und Gesellschaft war die Gesundheitspolitik für den angestrebten wirtschaftlichen, militärischen und sozialen Fortschritt Serbiens unerlässlich. Im Kontext einer europäischen Sozialgeschichte der Medizin beleuchtet diese Studie die Medikalisierung einer agrarisch und patriarchal geprägten Gesellschaft. Dabei ist die Analyse der medizinischen Sozialdisziplinierung sowie der hygienischen Erziehung zentral. Basierend auf eugenischen, gesundheitspolitischen sowie sanitärhygienischen Maßnahmen galt es eine effektive soziale Kontrolle zu etablieren. Die Diskrepanz zwischen den theoretisch fundierten Interventionen und ihrer Realisierung verdeutlichen medizinische Zeitschriften, Aufklärungsbücher sowie Archivdokumente aus Belgrad und Wien.
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Einleitung

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Wenn man bedenkt, dass Serbien Jahrhunderte hindurch unter dem Drucke türkischer Paschawirthschaft geseufzt, dass es erst vor wenigen Dezennien in die Reihe der europäischen Kulturstaaten getreten ist, und im Grunde genommen erst seit etwa einem halben Jahrhunderte überhaupt einen staatlichen Organismus darstellt, wenn man weiss, in welch‘ trostlosem Zustande das Sanitätswesen Serbiens bis vor kurzer Zeit sich befunden hat und zum Theile noch befindet, dann wird man den in den vorliegenden [Sanitäts-] Gesetzen zum Ausdrucke kommenden Kulturbestrebungen des seit verhältnissmässig kurzer Zeit die Freiheit geniessenden und rasch aufstrebenden serbischen Volkes […] vollste Anerkennung nicht versagen dürfen.1

Als 1881 der Arzt und spätere Chefredakteur der renommierten „Wiener Medizinischen Wochenschrift“ Heinrich Adler (1849–1909) die Fortschritte im serbischen Gesundheitswesen analysierte, stellte er die sanitären Neuerungen in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der kulturellen und zivilisatorischen Modernisierung des Landes. Damit spiegelte er die zeitgenössische Denkweise wider, die auch unter serbischen Ärzten dominierte. Demnach ließ sich ein nationales Gesundheitssystem nur durch die Neuorientierung an westeuropäischen Theorien und Modellen realisieren, die zugleich mit der Distanzierung von der ungeliebten osmanischen Vergangenheit einhergingen. Das unter dem Einfluss ökonomischer, militärischer und sozialer Aspekte aufgebaute Sanitäts ← 7 | 8 → wesen war ein Ausdruck der Modernisierungsbestrebungen2 des Landes. Mit der Gesundheitspolitik ging insbesondere eine sukzessive Bürokratisierung und Verwaltung des serbischen Staates einher. Während gesundheitspolitische Maßnahmen im restlichen Europa im Laufe des 18. Jahrhunderts einsetzten, lassen sie sich im Falle Serbiens ab dem Ende der 1830-er...

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