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Serbien und das Modernisierungsproblem

Die Entwicklung der Gesundheitspolitik und sozialen Kontrolle bis zum Ersten Weltkrieg

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Indira Durakovic

Die Autorin wurde für diese Arbeit mit dem Andrej-Mitrović -Preis ausgezeichnet.

Als Bestandteil eines Modernisierungsprozesses von Staat und Gesellschaft war die Gesundheitspolitik für den angestrebten wirtschaftlichen, militärischen und sozialen Fortschritt Serbiens unerlässlich. Im Kontext einer europäischen Sozialgeschichte der Medizin beleuchtet diese Studie die Medikalisierung einer agrarisch und patriarchal geprägten Gesellschaft. Dabei ist die Analyse der medizinischen Sozialdisziplinierung sowie der hygienischen Erziehung zentral. Basierend auf eugenischen, gesundheitspolitischen sowie sanitärhygienischen Maßnahmen galt es eine effektive soziale Kontrolle zu etablieren. Die Diskrepanz zwischen den theoretisch fundierten Interventionen und ihrer Realisierung verdeutlichen medizinische Zeitschriften, Aufklärungsbücher sowie Archivdokumente aus Belgrad und Wien.
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1. Die Anfänge nationaler Gesundheitspolitik

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[…] die Bevölkerung [tritt] schlechthin als der höchste Zweck der Regierung zutage; denn was mag im Grunde genommen der Zweck dieser letzteren sein? Sicherlich nicht zu regieren, sondern das Geschick der Bevölkerungen zu verbessern, ihre Reichtümer, ihre Lebensdauer, ihre Gesundheit zu mehren. Und als Instrument, das sich die Regierung gibt, um diese Ziele, die dem Feld der Bevölkerung gewissermaßen immanent sind, zu erreichen, fungiert im wesentlichen die Bevölkerung, die sie direkt durch Kampagnen oder wieder indirekt durch Techniken beeinflußt, die es ohne daß die Leute es allzusehr bemerken, beispielsweise erlauben, die Geburtenrate oder die Bevölkerungsströme zu stimulieren, indem sie sie in diese oder jene Region oder zu irgendeiner bestimmten Tätigkeit lenken. Eher als die Macht des Souveräns erscheint die Bevölkerung also als Ziel und Instrument der Regierung.79

Die Ausdehnung staatlicher Macht- und Interventionsmechanismen basierte primär auf ökonomischen Maximen, welche die Gesellschaft sukzessive durchdrangen. Das Wissen um den Wert einer gesunden Gesamtbevölkerung führte ab dem 18. Jahrhundert im europäischen Kontext zur graduellen Anwendung unterschiedlicher Strategien, die in ein Gesundheitssystem mündeten. Nachdem Serbien zeitverschoben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Volksgesundheit als unabdingbares staatliches Kapital definiert hatte, errichtete die serbische Ärzteschaft das Fundament zum Aufbau einer konzeptualisierten Gesundheitspolitik. Der damit eingeleitete Transformationsprozess rückte die Problematik von Gesundheit und Krankheit in den Mittelpunkt des Staatsinteresses. Dass infolgedessen die Gesellschaft vermehrt zu einem zentralen Objekt ärztlicher Eingriffe wurde, war ein zeitgen...

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