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«Æeneas i Carthago» von Joseph Martin Kraus

Oper als Spiegelbild der schwedischen Hofkultur

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Jens Dufner

Æneas i Carthago von Joseph Martin Kraus bildete das umfangreichste und langwierigste Opernprojekt am Hofe des schwedischen Königs Gustav III. Das Libretto verfaßte der Dichter Johan Henrik Kellgren nach einem Entwurf des Königs. Etwa ein Jahrzehnt, von 1781 bis 1792, wurde an dem opulenten Werk gearbeitet, ohne dass es zu einer Aufführung gekommen wäre. Das permanente Scheitern erweist sich freilich aus Sicht der heutigen Forschung als Glücksfall, da die reichhaltig überlieferten Quellen Entstehung und Entwicklung der Oper anschaulich dokumentieren. Jens Dufner untersucht die dramaturgische und musikalische Umsetzung des Aeneas-Stoffes am schwedischen Hof und analysiert anhand der Genese von Libretto und Musik die komplexen Rahmenbedingungen der «gustavianischen Oper».
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1 Einleitung: Æneas i Carthago und die gustavianische Oper

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1Einleitung: Æneas i Carthago und die gustavianische Oper

Die Auszeichnung »Wiederentdeckung des Jahres« vergab die Zeitschrift Opernwelt im Jahr 2006 für ein Bühnenwerk, das in jenem Sommer an der Stuttgarter Staatsoper aufgeführt wurde: die Oper Æneas i Carthago1, komponiert von Joseph Martin Kraus (1756–1792) zum Libretto des schwedischen Dramatikers Johan Henrik Kellgren (1751–1795). Die Oper nimmt sowohl in bezug auf Kraus als auch auf das Umfeld, in dem sie entstand, eine zentrale Rolle ein. Ihre Erforschung erhellt daher nicht nur das Bild einer interessanten Komponistenpersönlichkeit, sondern kann auch zum Verständnis der Oper beitragen, die für etwa zwei Jahrzehnte um den schwedischen König Gustav III. (1771–1792) florierte und die – abgeschnitten von der europäischen Musikwelt – Stockholm zu einer eigenwilligen Opernmetropole des ausgehenden 18. Jahrhunderts machte.

Æneas i Carthago ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Werk, das aus der breiten Masse des damaligen Opernrepertoires herausfällt. Bereits in der immensen Ausdehnung wird das deutlich: Mit einem Prolog und fünf Akten mag das Mammutwerk in der ungekürzten Fassung vielleicht fünf bis sechs Stunden dauern – wie lang genau, läßt sich nicht bestimmen, da niemand es bislang gewagt hat, das Werk ohne Streichungen aufzuführen, und weil bei manchen Nummern gar nicht eindeutig entschieden werden kann, ob sie Bestandteil des eigentlichen ›Werks‹ sind.2 Die Handlung ist dabei trotz ihrer Länge ausgesprochen kompakt, denn die Oper kommt ungeachtet ihres Umfangs weitgehend ohne Nebenhandlungen aus. Auch...

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