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Das Experiment Blum

Die Volksfront in Frankreich und das Ende der Dritten Republik 1936 – 1940

Elisabeth Bokelmann

Soziale Unruhen und politische Ausschreitungen kennzeichnen in den frühen 1930er Jahren die Vorgänge in zahlreichen europäischen Staaten, darunter auch Frankreich. Nach einem blutigen Aufstand antiparlamentarischer Kräfte in Paris, der die Instabilität der republikanischen Ordnung aufzeigt, erklären sich die Parteien des Mitte-Links-Spektrums zu einem Zusammenschluss bereit und gewinnen nach einem engagiert geführten Wahlkampf das Mandat der Wähler. Als Ministerpräsident der Koalition des Front populaire fungiert der Sozialist Léon Blum, der es sich zur Aufgabe macht, überfällige Reformen zu realisieren. Sowohl innenpolitische Zwänge als auch die außenpolitische Bedrohung durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland engen den Spielraum der Volksfront ein und tragen zum dramatischen Ende der Dritten Republik bei.
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1. Frankreich zu Beginn der 30er Jahre. Wirtschaft und Gesellschaft

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1.1. Merkmale der Spaltung

Der Erste Weltkrieg, „la Grande Guerre“, hatte Frankreich eines Zehntels seiner Bevölkerung beraubt und in vier Jahren Krieg und Besetzung den fünften Teil seines Gebietes verwüstet. Nach dem endlich errungenen Sieg sah die Bevölkerung in der Tatsache, dass die französische Republik sich gegenüber dem deutschen Gegner als verteidigungsfähig und schließlich siegreich erwiesen hatte, einen Beweis für die Effizienz seiner allgemeinen Ordnung. So vollzog sich der Wiederaufbau in einer Geisteshaltung, die die möglichst vollständige Wiederherstellung der zugrunde gegangenen Vorkriegswelt anstrebte, der Welt „des unantastbaren Goldfrankens, des kleinen vor sich hindämmernden Städtchens, der «ordentlichen Arbeit» und des kuscheligen Rentnerdaseins“9. Das französische Wirtschaftsleben vor allem auf dem Land und in den kleinen Städten blieb weiterhin gekennzeichnet durch die große Zahl von Klein- und Kleinstbetrieben, häufig als Familienbetriebe geführt und vom Vater als Patron geleitet, während in den anderen westlichen Staaten der Anteil der kleinen selbständigen Gewerbetreibenden stark zurückging. Die geringe Anzahl von entlohnten Beschäftigten in den Kleinbetrieben machte Arbeitnehmervertretungen entbehrlich und erklärt die Schwäche gewerkschaftlicher Strukturen im Frankreich der Zwanziger Jahre. Während andernorts, in den Nachbarstaaten, die gewerkschaftliche Einflussnahme längst zu einer wirksamen Sozialgesetzgebung geführt hatte, blieb das System der sozialen Sicherung im Bereich Arbeit, Beschäftigung, Alterssicherung und Vorsorge in Frankreich erheblich zurück.

Neben den traditionellen kleingewerblichen und bäuerlichen Strukturen vollzog sich...

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