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Das Experiment Blum

Die Volksfront in Frankreich und das Ende der Dritten Republik 1936 – 1940

Elisabeth Bokelmann

Soziale Unruhen und politische Ausschreitungen kennzeichnen in den frühen 1930er Jahren die Vorgänge in zahlreichen europäischen Staaten, darunter auch Frankreich. Nach einem blutigen Aufstand antiparlamentarischer Kräfte in Paris, der die Instabilität der republikanischen Ordnung aufzeigt, erklären sich die Parteien des Mitte-Links-Spektrums zu einem Zusammenschluss bereit und gewinnen nach einem engagiert geführten Wahlkampf das Mandat der Wähler. Als Ministerpräsident der Koalition des Front populaire fungiert der Sozialist Léon Blum, der es sich zur Aufgabe macht, überfällige Reformen zu realisieren. Sowohl innenpolitische Zwänge als auch die außenpolitische Bedrohung durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland engen den Spielraum der Volksfront ein und tragen zum dramatischen Ende der Dritten Republik bei.
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9. Achtzehn Monate Agonie

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9.1. Interessen-Kollision im Volksfront-Bündnis

Das große Konzept zur Überwindung der innenpolitischen, gesellschaftlichen und kulturellen Spaltung war damit gescheitert. Die nachfolgenden Regierungen, hauptsächlich aus radikalen Politikern gebildet, erhoben nicht mehr den Anspruch, die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen zu verändern. Zunehmend zeigte eine Verschiebung der politischen Prioritäten an, dass es fortan nicht darum ging, mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen, sondern mit dem Bestreben nach „Arbeit, Disziplin und Einheit“284 den Niedergang Frankreichs aufzuhalten. Angesichts der außenpolitischen Lage, die die totalitären Nachbarregime mit ständig neuen Drohgebärden und der Zurschaustellung militärischer Stärke immer bedrohlicher gestalteten, steigerte sich der Drang nach Sicherheit und wurde für alle diejenigen oberstes Gebot, die nicht direkt unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Benachteiligung standen. Daraus resultierte ein die abhängig Beschäftigten aussparender innenpolitischer Konsens, der auf die Wiederherstellung der „Ordnung“ bedacht war und auf die Abkehr von „Experimenten“. Den Bemühungen der Kabinette nach Blum, die sozialen Reformen von Matignon zu beschneiden oder rückgängig zu machen, setzte die Arbeiterschaft vehementen Widerstand entgegen, der zu fortdauernder sozialer Unruhe führte.

Die Endphase der Volksfront wurde wesentlich bestimmt durch die Verfestigung der Widerstände gegen die gesellschaftspolitische Reform. Diese Widerstände spiegelten sich in den Stellungnahmen und Zielsetzungen der Volksfront-Parteien wider, die ja schon von Beginn des linken Bündnisses an die Notwendigkeit sozialer Reformen sehr unterschiedlich bewertet hatten. ← 155 | 156 → Solange das Kabinett Blum bestand, war das Verhältnis der Parteien zumindest...

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