Show Less
Open access

Familiennamen zwischen Maas und Rhein

Series:

Edited By Peter Gilles, Cristian Kollmann and Claire Muller

Die Familiennamen im Gebiet zwischen den Flüssen Maas und Rhein stellen infolge der komplexen politisch-historischen Grenzziehungen und durch ihre Lage in der Kontaktzone zwischen Germania und Romania eine besonders vielfältige Quelle für die Namenforschung dar. Der Band umfasst komparative und systematische Beiträge zu den Familiennamenlandschaften in den Grenzregionen von Luxemburg, Belgien, Deutschland und Frankreich, die aus sprachhistorischen, kontaktlinguistischen und kartographischen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Artikelsammlung richtet sich damit sowohl an Sprachhistoriker wie auch an Kulturhistoriker.
Show Summary Details
Open access

Regionalismen in den Luxemburger Familiennamen

← 38 | 39 → Regionalismen in den Luxemburger Familiennamen

Cristian Kollmann

Abstract

Im Raum Luxemburg gibt es, wie in anderen Regionen, eine Reihe von Familiennamen, die regionale Merkmale aufweisen. Diese betreffen u.a. die Graphie, Phonologie, Morphologie, Wortbildung, den Sprachkontakt sowie die Lexik. Ebenso wie in anderen Regionen sind bestimmte Familiennamen in Luxemburg allein schon auf Grund ihrer Verbreitung als regionale Namen einzustufen, ohne dass diese aus linguistischer Sicht besonders hervortreten würden, man denke zum Beispiel an die Herkunftsnamen.

Im vorliegenden Beitrag liegt der Fokus auf jenen Familiennamen, die die häufigsten regionalen Auffälligkeiten speziell in der Graphie und Phonologie zeigen, wobei die zu untersuchenden Namen gleichzeitig die Voraussetzung der etymologischen Eindeutigkeit weitestgehend erfüllen müssen. Ausgewählte Kartierungsbeispiele sollen dabei illustrieren, in welcher Intensität und in welchem Radius ein jeweiliger Regionalismus in der Graphie bzw. Phonologie verbreitet ist.

1 Einleitung

Das Luxemburger Territorium bildet sprachgeschichtlich mit dem westmitteldeutschen Dialektraum ein Kontinuum.1 Besonders gut sichtbar wird dies in der Familiennamenlandschaft der Maas-Rhein-Region2 mit Luxemburg im Fokus. Wir haben es mit einer Region zu tun, die sich auch außerhalb des deutschen Staatsgebiets (Luxemburg, Deutschsprachige Gemeinschaft, Areler Land, Deutschlothringen) durch einen Familiennamenschatz auszeichnet, der als Ganzes betrachtet mehrheitlich deutscher Herkunft ist und in dem sich, besonders im nichtdeutschländischen Teil, gleichzeitig eine Reihe von Sprachkontaktphänomenen finden lassen.3 Eine Übereinstimmung der Staatsgrenzen mit den Verbreitungsgrenzen eines Familiennamens ist nur selten festzustellen, da die heutigen Staatsgrenzen mit den historischen Sprachgrenzen kaum übereinstimmen. Allein durch die bloße Gegenüberstellung des Luxemburgischen, des Standarddeutschen und Standardfranzösischen wird das sprachgeschichtlich zusammenhängende Territorium mit dessen mundartlichem Unterbau nicht fassbar − dies geschieht erst durch die Betrachtung der Familiennamen.

Zur Entstehungszeit der Familiennamen, dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit, waren das Deutsche und Französische noch nicht in dem Ausmaß standardisiert und vereinheitlicht wie heute. Regionale Spracheinflüsse hatten nicht nur mündlich, sondern auch in den jeweiligen Schriftsprachen noch einen größeren Anteil. Die germanophonen Familiennamen speziell im Raum Luxemburg entstanden auf westmitteldeutscher, ← 39 | 40 → im engeren Sinne mittelfränkischer und vereinzelt sogar moselfränkischer Grundlage. Während zu einem Teil dieser regionalsprachliche Hintergrund in den Familiennamen bis heute durchschimmert, gab es in anderen Fällen, stets im Bestreben, eine möglichst einheitliche, überregionale Sprache zu schaffen, Anpassungen an die jeweils sich herausbildende Standardsprache. Als solche existierte auf germanophoner Seite lange nur das Deutsche. Das Luxemburgische kam erst mit der Staatsgründung 1839 und dem gleichzeitigen Aufkommen eines luxemburgischen Nationalgefühls ins Spiel. Nur allmählich begann der auf Luxemburger Territorium gesprochene moselfränkische Dialekt, sich aus dem deutschen Sprachraum herauszulösen und sich als ‚Luxemburgisch‘ zu begreifen.4 Die Familiennamen dagegen, die bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend gefestigt waren, nahmen an der Ausgliederung des Luxemburgischen kaum noch teil. Nur vor diesem Hintergrund ist es zu erklären, warum heute die primäre Sprache der Luxemburger Bevölkerung, nämlich das Luxemburgische, als etwas anderes empfunden wird als jene Sprache, das Deutsche, in der ihre Familiennamen verschriftlicht wurden. Zwar zeigt dieses Deutsch durchaus tendenziell regionale Einschläge, doch sie dringen nur vereinzelt bis zum heutigen Luxemburgischen vor.

Anders stellt sich die Situation im mündlichen Gebrauch der Familiennamen dar: Einerseits gilt bei den meisten standarddeutsch geschriebenen Familiennamen de facto auch standarddeutsche Aussprache, wodurch sich der Name vom entsprechenden Appellativ deutlich abhebt: z.B. Schmit vs. Schmadd (Appellativ), Muller / Müller (beidemal mit ü zu sprechen) vs. Mëller (Appellativ), Weber vs. Wiewer (Appellativ). Andererseits, und das ist luxemburgspezifisch, gilt bei manchen Namen, trotz standarddeutscher oder zumindest nichtluxemburgischer Schreibung, eine luxemburgische Aussprache, besonders im luxemburgischen Kontext und vor allem dann, wenn der Unterschied zwischen der standarddeutschen und luxemburgischen Aussprache nicht erheblich ist: z.B. Behm = lb. Béim (ebenso Appellativ ‚Böhme‘), Kremer = lb. Kréimer (= ebenso Appellativ ‚Krämer‘), Schroeder = lb. Schréider (ebenso Appellativ für den Verlader von Wein- und Bierfässern; doch auch der Zuschneider für bestimmte Materialien käme in Frage5). Etwas größer ist der Unterschied zwischen Erpelding = lb. Ierpeldeng (Herkunftsname zu Erpeldingen, lb. Ierpeldeng für eine der drei gleichnamigen Ortschaften in Luxemburg), Glesener = lb. Gliesener (für den Glaser), Kieffer = lb. Kéifer (ebenso Appellativ „Küfer“ für den Böttcher), Krier = lb. Kréier (‚Krüger‘),6 Gutenkauf = lb. Guddekaf (Berufsübername für einen Kaufmann oder Krämer, bei dem man gut oder billig kaufen konnte).

Insgesamt treten derartige Fälle mit spezifisch luxemburgischen Aussprachen seltener auf als jene Regionalismen, die sich über die Graphie äußern und damit eine bestimmte Aussprache vorgeben. Diese kann, außer in jenen Fällen, in denen mit dem Standarddeutschen als Bezugssystem lediglich Schreibvarianz vorliegt, ebenso regional markiert sein und damit Hinweise auf die historische Phonologie der jeweiligen Mundarten liefern. Die Thematik rund um die Graphie und Phonologie soll im Folgenden konkretisiert werden.

← 40 | 41 → 2 Graphie

Da in Luxemburg neben dem Deutschen die Verwaltungssprache seit alters das Französische war, konnten deutsche Namen nach französischen Orthographieregeln oder zumindest „französisierend“ geschrieben werden, z.B. Schoumacher. Umgekehrt bestand für die französischen Namen, insbesondere nachdem diese auch phonologisch an das regionale Deutsche bzw. Luxemburgische angepasst waren, die Möglichkeit einer deutschen Graphie, z.B. Schiltz < afrz. Giles. Der größere Teil der Auffälligkeiten in der Graphie der Luxemburger Familiennamen ist jedoch weniger dem Sprachkontakt geschuldet, sondern bestimmten regionalen, insbesondere westmitteldeutschen Schreibgepflogenheiten, die sowohl den Vokalismus als auch den Konsonantismus betreffen.

2.1 Vokalismus

Das auffälligste Merkmal in der Graphie der Vokale besteht darin, dass statt ‹ä› und ‹ö› die Digraphe ‹ae› und ‹oe› verwendet werden, während ein Digraph ‹ue› für ‹ü› kaum vorkommt. Dies hat erstens historische, zweitens darstellungstechnische Gründe und liegt drittens am Einfluss des Französischen: In der Liste der Volkszählung des „Grossherzogthums Luxemburg“ von 18807 erscheinen für den ä- und ö-Laut bis auf wenige Ausnahmen die Ligaturen ‹æ› und ‹œ›.8 Der ü-Laut wird dagegen durchwegs mit ‹ü› wiedergegeben. In der Volkszählung von 19309 finden sich ‹æ› und ‹œ› nunmehr aufgelöst in den Digraphen ‹ae› und ‹oe›, und statt ‹ü› gilt durchwegs ‹u›, das sich somit an der französischen Orthographie orientiert. Die Darstellung der Ligaturen ‹æ› und ‹œ› war möglicherweise technisch nicht möglich und dürfte gleichzeitig als zu archaisch empfunden worden sein, weshalb ‹ae› und ‹oe› gewählt wurden. Technische Schwierigkeiten dürften ggf. ebenso die Graphien mit Trema ‹ä›, ‹ö›, ‹ü› bereitet haben, weshalb der Umlaut ‹ü› gemäß der französischen Graphie für [y] unmarkiert blieb. Dieselben Graphien wie bereits 1930, nämlich ‹ae›, ‹oe›, ‹u›, zeigen die Familiennamen der luxemburgischen Festnetzabonnenten von 2009. Der pauschalste Grund dafür ist, dass im Telefonverzeichnis alle Namen in Kapitallettern erscheinen und dabei auf Diakritika verzichtet wird. Außerhalb dieser (semi-)offiziellen Listen ist die Graphie ‹ü›, etwa in Müller, durchaus noch in Gebrauch, wenngleich sie nach 1945 auf Grund ihres deutschen Erscheinungsbildes an Popularität eingebüßt hat. Die genaue Anzahl der jeweiligen aktuellen Graphien mit oder ohne Diakritika kann jedoch nicht eruiert werden, da die offiziellen Volkszählungsdaten aus Datenschutzgründen selbst für Forschungszwecke nicht zugänglich sind. In der Volkszählungsliste von 1880 ist jedenfalls ausschließlich Müller und nie Muller aufgeführt.10

← 41 | 42 → Ein weiteres Merkmal in der Graphie der Luxemburger Familiennamen ist ‹y› in den Verbindungen ‹ey›, ‹ay›. Die Graphie ‹ey› reicht allgemein in ihren Ursprüngen in frühneuhochdeutsche Zeit zurück11 und hat sich in der Onymik in manchen Fällen halten können, während sie im Appellativschatz zugunsten von ‹ei› durchwegs aufgegeben wurde. Im Bereich der Familiennamen ist sie in Luxemburg im Gegensatz zu der deutschländischen Nachbarregion häufiger anzutreffen. Dabei spielt es keine Rolle, ob mhd. ī, ei oder ǖ, das über eu regionalsprachlich zu ei entrundet wurde, zu Grunde liegt.

Untenstehend nun Beispiele, die die genannten Graphien illustrieren.

2.1.1 ‹ae› für ‹ä›, ‹e› für den Primär- und Sekundärumlaut

Am häufigsten erscheint ‹ae› in Schaeffer (85)12 / Schaefer (61), Berufsname zu mhd. schǟfer ‚Schäfer‘, Jaeger (63), Berufsname zu mhd. jäger, jeger ‚Jäger‘, und Kraemer (58), Berufsname zu mhd. krǟmer, mhd.-md. krēmer ‚Krämer‘. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass gelegentlich der Umlaut mehrheitlich sowohl in Luxemburg als auch im übrigen Kartierungsgebiet als einfaches ‹e› notiert wird, etwa im Fall von Kremer (493).13 Ein ähnlicher Fall wie Kremer vs. Kraemer ist Glesener (88) vs. Glaesener (36),14 Berufsname zu mhd.-mslfrk. *gläsener ‚Glaser‘, umgelautete Variante von mhd. glaser, wobei das Vorkommen dieses Familiennamens auf Luxemburg beschränkt ist.15 In jenen Familiennamen, wo Primärumlaut vorliegt, ist die Notation ‹ae› bzw. in Deutschland ‹ä› extrem selten: Becker (496) vs. Baecker (3), Berufsname zu mhd. bėcker ‚Bäcker‘. Der Grund dafür ist, dass ‹ä› für den Primärumlaut erst im Neuhochdeutschen, und zudem sporadisch, nach dem Prinzip der Stammschreibung verwendet wird.

2.1.2 ‹oe› für ‹ö›

Am häufigsten zu Tage tritt die Graphie ‹oe› für ‹ö› in Goergen (249), flektiertes Patronym zu Görg als regionalsprachliche Variante von Georg, gefolgt von Goedert (230), Patronym zum gleichlautenden Rufnamen aus ahd.-mfrk. *Godihard mit Kompositionsvokal i wie z.B. in ahd. Godifrid. Am dritthäufigsten ist oe in Koenig (128), Übername zu mhd. künnic, künec ‚König‘.

← 42 | 43 → 2.1.3 ‹oe› hyperkorrekt für ä oder e

Im Luxemburgischen sind, wie in übrigen westmitteldeutschen Dialekten, mhd. ǟ (Sekundärumlaut von ā), mhd. ȫ (Umlaut von ō) sowie mhd. ē in éi zusammengefallen: vgl. lb. Stréisselchen ‚Sträßchen‘, béis ‚böse‘, Séil ‚Seele‘.16 Ferner hat in offener Silbe sowie vor bestimmter Mehrfachkonsonanz (mitunter nur lokal) ein Zusammenfall von mhd. ė (Primärumlaut von a), mhd. ä (Sekundärumlaut von a),17 mhd. ö (Umlaut von o) und mhd. e in ie stattgefunden: vgl. lb. Glieser ‚Gläser‘, Niecht ‚Nächte‘, Biedem ‚Böden‘, Fieldchen (stadtlb.) ‚kleines Feld‘. In einigen Luxemburger Familiennamen steht die Graphie ‹oe› demnach nicht für mhd. ȫ, ö, sondern hyperkorrekt für einen jener Vokale, die im Luxemburgischen auf synchroner Ebene von historischem ȫ, ö nicht unterschieden werden können. Einige der hierfür nicht besonders zahlreichen Beispiele sind: Stroesser (11), Berufsübername zu rhein. Strässer ‚Pflasterer‘ (RhWB), Goerens (71), flektiertes Patronym zu lb. †Géierend < Gērend als zerdehnte Form von Gernd, das aus einer Langform mit ahd. gēr ‚Speer‘ (Gērnand, Gērnōt) kontrahiert ist, Noesen (66), flektiertes Metronym zu lb. Néis als Kurzform von Agnes < Agnēs, Gloesener (23), dem, wie unter 2.1.1 bereits angemerkt, häufigeres Glesener (88), Glaesener (36) entspricht (siehe Karte 1). Kein Beispiel lässt sich für die hyperkorrekte Schreibung ‹oe› für mhd. ä (kurzer Sekundärumlaut von a) beibringen;18 ein lediglich historisches Beispiel für mhd. e ist dagegen Foeltgen, Wohnstättenname zu stadtlb. Fieldchen ‚kleines Feld‘ mit im Jahr 1880 insgesamt nur 3 Namenträgern.

2.1.4 ‹oe› für ö oder hyperkorrekt für ä, e?

Insgesamt am häufigsten erscheint ‹oe› in Schroeder (616). Jedoch ist ‹oe› in diesem Fall historisch zweideutig, denn bei diesem Familiennamen handelt es sich um eine Agensbildung einerseits zu mhd.-md. schrōden ‚hauen, schneiden, abschneiden‘ für den Zuschneider von Kleidern, Steinen, Metall oder Holz, andererseits zu mhd.-mfrk. schrāden ‚u.a. rollen, wälzen, besonders Wein- und Bierfässer auf- und abladen oder zu Wagen befördern‘, demnach für den Verlader von Wein- und Bierfässern; entsprechend gilt das Appellativ lb. Schréider (LWB) oder pfälz. Schräder (PfWB). Im zweiten Fall wäre die Graphie ‹oe› hyperkorrekt und erklärt sich wie unter 2.1.3 erwähnt dadurch, dass im Luxemburgischen mhd. ǟ, ē mit mhd. ȫ in éi zusammengefallen sind.

2.1.5 ‹ey›, ‹ei›, ‹ay›, ‹ai›

Beispiele mit der häufigsten Graphie ‹ey› sind Seyler (101) vs. Seiler (48), Berufsname zu mhd. seiler ‚Seilmacher‘, Weyrich (92) vs. Weirich (42), Patronym zum gleichlautenden Rufnamen aus ahd. Wīhrīh, sowie Ney (173) vs. Nei (9), Übername zu mhd. nǖwe ← 43 | 44 → ‚neu‘ für den Neusiedler. Allerdings rangiert die nicht entrundete Variante Neu (136) nicht besonders weit hinter Ney.19 Am allerhäufigsten innerhalb wie außerhalb des Großherzogtums gilt ‹ey› in Meyer (403), Standesname zu mhd. meier ‚Meier, Oberbauer‘. Mit großem Abstand weiter unten in der Rangliste erscheinen Mayer (80), Meier (41) und Maier (11).20 Die Graphie ‹ay› tritt dagegen am öftesten in Kayser (340) auf, Übername zu mhd. keiser ‚Kaiser‘. Weitaus seltener sind Kaiser (89), Keiser (56), Keyser (9). Kayser ist in Luxemburg die vorherrschende Form, gefolgt von Kaiser. Auf deutscher Seite und im Moseldepartement ist es umgekehrt, während sich im Elsass beide Formen die Waage halten. Überall dünn gestreut sind Keiser und Keyser (siehe Karte 2). Der zweithäufigste Name mit ‹ay› ist May (99), Übername zu mhd. meie ‚Mai‘, z.B. für einen im Mai geborenen Menschen, während sich die Variante Mai (7) im extrem niederfrequenten Bereich befindet. Eine Gegenüberstellung der Hauptvarianten Seyler, Meyer sowie Kayser, May zeigt, dass die Graphie ‹ay› nur dann verwendet wird, wenn das entsprechende Appellativ in der deutschen Standardsprache mit ‹ai› geschrieben wird (Seiler, Meier vs. Kaiser, Mai). Der Archaismus bei ‹ey›, ‹ay› kommt somit lediglich dem Graphem ‹y› zu.

2.2 Konsonantismus

Im Bereich des Konsonantismus sind die Graphien ‹ck›, ‹tz› und ‹ff› nach Konsonant und Diphthong hervorzuheben. Ähnlich wie bei ‹y› in ‹ey›, ‹ay› handelt es sich um eine archaische Schreibweise, die in frühneuhochdeutsche Zeit zurückreicht und in der Orthographie des Appellativschatzes aufgegeben wurde.

2.2.1 ‹ck› nach Konsonant und Diphthong

Am häufigsten zeigt sich ‹ck› in Franck (109), Patronym zum gleichlautenden Rufnamen oder Herkunftsname Franke, doch ist die Variante Frank (96) nur ungleich seltener. Größer ist der Frequenzabstand zwischen Fonck (98), Funck (65) vs. Funk (46), Fonk (3), Berufsübername zu mhd. vunke ‚Funke‘ für den Schmied oder Übername zum selben Appellativ für einen lebhaften Menschen. Die Graphien ‹ck› kommen überwiegend in Luxemburg, dem Areler Land und dem Moseldepartement vor (siehe Karte 3).21 Ein sehr klares Bild zeigen auch Leick (41), Leuck (19) vs. Leik (1), Herkunfts- oder Wohnstättenname zum Flussnamen Leuk bei Saarburg. Eine Ausnahme, doch mit geringem Häufigkeitsabstand, ist Winckel (26) vs. Winkel (29), Wohnstättenname zu mhd. winkel ‚Winkel, Ecke‘. Auch die niederfrequenten Formen Starck (3) vs. Stark (8), Übername zu mhd. starc ‚stark, gewaltig, kräftig, groß‘, sind als Ausnahme zu werten, wobei Starck zumindest in Belgien und dem Moseldepartement mit großem Abstand häufiger als Stark begegnet.22

← 44 | 45 → 2.2.2 ‹tz› nach Konsonant und Diphthong

Am repräsentativsten für diese Graphie sind Schiltz (405) vs. Schilz (21), Patronym zum gleichlautenden Rufnamen aus afrz. Giles, sowie Holtz (34) vs. Holz (13), Wohnstättenname zu mhd. holz ‚Wald, Gehölz‘. Eine Ausnahme ist u.a. Schultz (12) vs. Schulz (17), Scholz (9), Amtsname zu mhd. schultheiʒe ‚der Verpflichtungen befiehlt, Richter, Schultheiß‘, doch ließe sich diese dadurch begründen, dass der Familienname in Luxemburg überwiegend unsynkopiert als Scholtes (275) begegnet.23 Eine speziell für Luxemburg geringe Aussagekraft besitzt dagegen Schweitzer (70) vs. Schweizer (2), Herkunftsname Schweizer, da der Name in der Graphie mit ‹tz› auch in Westdeutschland weit verbreitet ist.24

2.2.3 ‹ff› nach Konsonant und Diphthong

Einige der zahlreichen Beispiele hierfür sind Kieffer (496) vs. Kiefer (45), Berufsname zu mhd. küefer ‚Böttcher‘ (siehe Karte 4),25 Wolff (237) vs. Wolf (53), Übername zu mhd. wolf ‚Wolf‘ oder Patronym zum gleichlautenden Rufnamen als Kurzform von Rufnamen mit ahd. wolf ‚Wolf‘, Peiffer (166), Pfeiffer (26) vs. Peifer (2), Pfeifer (6), Berufsname zu mhd.-wmd. pīfer = normalmhd. pfīfer ‚Pfeifer, Spielmann‘.26 Ebenso repräsentativ sind Familiennamen mit -dorff vs. -dorf wie Bettendorf (59) vs. Bettendorf (44), Herkunftsname zu Bettendorf (lb. Bettenduerf  ) für eine Luxemburger Ortschaft in der gleichnamigen Gemeinde.27

3 Phonologie

Archaischere bzw. aus der Perspektive des standardneuhochdeutschen Appellativschatzes auffällige Graphien wie ‹ae› für ‹ä›, ‹oe› für ‹ö›, ‹ey› für ‹ei›, ‹ay› für ‹ai› sowie ‹ck›, ‹tz›, ‹ff› für jeweils ‹k›, ‹z›, ‹f› nach Diphthong oder Konsonant bringen keine abweichende Aussprache der Familiennamen mit sich. Es handelt sich lediglich um graphische Varianten. Anders dagegen bei den phonologischen Varianten, die regionalsprachlich markiert sind: Die diesen zu Grunde liegende regionale Aussprache hat einen derart großen Einfluss, dass sie zuletzt auch über die Graphie an die Oberfläche tritt. Doch ist dies in Luxemburg, wie in anderen Regionen, eher die Ausnahme als die Regel. Regionalsprachliche Merkmale in der Phonologie konnten, falls überhaupt, nur zu Tage treten, wenn diese möglichst einem größeren Dialektraum eigen waren und sie somit zum Zeitpunkt der Fixierung der betreffenden Familiennamen noch nicht als ‚dialektal‘ im heutigen Sinne wahrgenommen wurden. Dies betrifft sowohl alte, aus dem Westgermanischen ererbte Merkmale, als auch bestimmte Neuerungen, die in spätmittelhochdeutscher und frühneuhochdeutscher Zeit schon weiträumig etabliert waren.

← 45 | 46 → 3.1 Vokalismus

Wenn man als Bezugsystem das Westgermanische heranzieht, handelt es sich bei den regionalsprachlichen Merkmalen im Bereich des Vokalismus durchwegs um Neuerungen. Sie können unterschiedlichen Alters sein und sind jedoch in der neuhochdeutschen Standardsprache vielfach nicht eingetreten. Je nach Phänomen reicht die Zeitspanne dieser Neuerungen vom Frühalthochdeutschen bis zum Frühneuhochdeutschen. Die wichtigsten bestehen in folgenden Vorgängen: Monophthongierung, Senkung, Diphthongierung, Hebung, Kürzung, Entrundung, Verdumpfung.

3.1.1 Monophthongierung

Die Monophthongierung betrifft im Folgenden mhd. ei, ou und dessen Umlaut öu. Jedoch sind entsprechende Reflexe in den Familiennamen äußerst rar.

3.1.1.1 Mhd. ei > lb. ee [eː]

Im Mitteldeutschen wird ei im 12./13. Jh. monophthongiert. Das Ergebnis u.a. im Mittelfränkischen ist ǟ oder ē.28 Im modernen Luxemburgischen gilt e, ee [eː], veraltend noch ä, ää [ɛː]: Seel, Säl ‚Seil‘, Rees, Räs ‚Reise‘.29 Eines der wenigen Beispiele für diesen Vorgang in Familiennamen ist Mesemburg (18), Mesenburg (1), wobei jedoch die Varianten Meysembourg (36), Meisenburg (5), Meysenburg (4) häufiger vorkommen. Zu Grunde liegt ein Herkunftsname zu Meysemburg (lb. Meesebuerg) für eine Ortschaft in der Gemeinde Fels. Nur vereinzelt und historisch belegt sind 1704 Reiser => 1735 Reser,30 Übername zu mhd. reiser ‚der eine Reise, einen Feldzug macht, Krieger‘ oder 1739 Selers => 1769 Seiler.31

3.1.1.2 Mhd. ou > lb. a, aa [aː]

In Teilen des Mitteldeutschen wird seit dem 12./13. Jh. ou zu ō monophthongiert,32 und dieses erscheint u.a. im heutigen Luxemburgischen weiter gesenkt zu a, aa [aː]: Bam ‚Baum‘. Ein sicheres Beispiel in Familiennamen ist Schambourg (30), Schamburger (1), wobei die Monophthongierung auch im zu Grunde liegenden Toponym gegriffen hat. Es handelt sich um einen Wohnstättennamen zu Schamburg < Schauenburg (zu mhd. schouwen ‚schauen‘) für eine Burg im Zentrum von Bartringen.

3.1.1.3 Mhd. öu > lb. ee [eː]

Mhd. öu, der Umlaut von ou, wird im Mittelfränkischen zu ȫ monophthongiert33 und ergibt durch Entrundung u.a. im Luxemburgischen ee [eː], veraltend ä, ää: Beemchen, ← 46 | 47 → Bäämchen ‚kleiner Baum‘. Dasselbe Appellativ hat auch einen Familiennamen hervorgebracht: Bemtgen, Wohnstättenname zu mhd. *böumchīn, Diminutivform von mhd. boum ‚Baum‘. Bemtgen ist ausschließlich in Luxemburg verbreitet. Im Saarland sowie vereinzelt im Rheinland erscheint der Familienname in der standarddeutschen Version Bäumchen. Bemtgen/Bäumchen ist eines der seltenen Beispiele dafür, wo die heutige Namengrenze mit der Staatsgrenze korreliert (siehe Karte 5).

3.1.2 Monophthongierung > Senkung > Diphthongierung/Hebung und Kürzung: Mhd. ie, uo, üe > mhd.-md. ī, ū, ǖ > mhd.-mfrk. ē, ō, ȫ > lb. éi, ou, éi / i, u, i

Im 11./12. Jh. fand im Mitteldeutschen die Monophthongierung ie > ī, uo > ū, üe > ü statt, und hieraus im 13. Jh. u.a. im Mittelfränkischen die Senkung ī > ē, ou > ō, üe > ȫ.34 Die Diphthonge mhd.-mfrk. ē, ō, ȫ haben in Luxemburg je nach Position unterschiedliche Ergebnisse erbracht, erscheinen einerseits diphthongiert als éi [eɪ], ou [oʊ], éi [eɪ]: léif ‚lieb‘, Fouss ‚Fuß‘, Féiss ‚Füße‘, andererseits, durch Hebung und Kürzung, als i [i], u [u], i [i]: richen ‚riechen‘, Brudder ‚Bruder‘, Bridder ‚Brüder‘. Für die Diphthongierung von mhd.-mfrk. ē, ō, ȫ > lb. éi, ou, éi in Familiennamen findet sich nur ein historisches Beispiel: 1793 Krier => 1833 Kreer,35 Berufsname zu mhd. krüeger ‚Schankwirt; Töpfer, Geschirrhändler‘.36 In Kreer wird man den Versuch der Wiedergabe der Aussprache lb. Kréier sehen dürfen.37 Für die Senkung und Kürzung von mhd.-mfrk. ē, ō, ȫ > lb. i, u, i ließe sich, obwohl Letztere nicht durch die folgende Doppelkonsonanz explizit markiert ist, Diderich (22), Diderrich (19), Patronym zum gleichlautenden Rufnamen aus ahd. Diederīch, beibringen, zumal selbst die mit großem Abstand häufigere Hauptvariante Diederich (317) im Luxemburgischen mit kurzem i gesprochen wird. Das Hauptverbreitungsgebiet von Diderich liegt in der südlichen Hälfte Luxemburgs und dem Areler Land, während Diderrich ausschließlich in Luxemburg auftritt (siehe Karte 6).38

3.1.3 Senkung

Die Senkung bezieht sich im Folgenden auf jene von frühahd.-mfrk. i und deren weitere Reflexe im Luxemburgischen sowie auf jene von mhd. o und u.

3.1.3.1 Frühahd.-mfrk. i > lb. é [e], ë [ə]; frühahd.-mfrk. ï > lb. a

Im Frühalthochdeutschen mittelfränkischer (und teilweise rheinfränkischer) Prägung fand die Spaltung des Phonems i in geschlossener Silbe statt: Stand in der Folgesilbe ein Mittel- oder Tiefzungenvokal oder folgte keine Silbe, wurde i zu einem offenen i gesenkt. In diesem Zusammenhang spricht man von i2, das im Folgenden als ï notiert wird. In den übrigen Fällen blieb i als geschlossenes i, das als i1 bezeichnet wird, ← 47 | 48 → erhalten. Das Ergebnis von ï (i2) in weiten Teilen des Westmoselfränkischen und damit auch im Luxemburgischen ist, außer vor h, r und sch, überwiegend a [ɑ]: ahd.-mfrk. *smïd ‚Schmied‘ > lb. Schmadd, jenes von i (i1) ist vor Velar é [e]: ahd. dicki ‚dick‘ > lb. déck, in den übrigen Fällen der Zentralvokal ë [ə]: frühahd.-mfrk. *smittja ‚Schmitte‘ > lb. Schmëtt.39 Der Weg von ï zu a im Westmoselfränkischen verlief über eine zentrale Zwischenstufe, deren Qualität in etwa derjenigen des heutigen Zentralvokals lb. ë entsprochen haben dürfte.40

Einen frühen Beleg für die Senkung ï > a im Luxemburgischen enthalten die für den Zeitraum zwischen 1388 und 1500 überlieferten Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg.41 Gleich mehrfach erscheint in den genannten Quellen das Toponym Lampach.42 Dieses ist mit heutigem Limpach, lb. Lampech, für eine Ortschaft in der Gemeinde Reckingen zu identifizieren. Als entsprechende Familiennamen gelten heute sowohl Lim-pach (38) als auch Lampach (20). Das Erstglied des Namens entspricht ahd.-mfrk. *lïnda (= normalahd. linda) ‚Linde‘, das lb. Lann ergab. Lediglich einen indirekten Beleg für die Senkung ï > a in den Rechnungsbüchern liefert zaimerman, tzaymerman,43 Berufsname zu mhd.-mslfrk. *zïmmerman ‚Zimmermann‘. In den Graphien ‹ai›, ‹ay› ist ‹i›, ‹y› Dehnungszeichen, das hyperkorrekt eingesetzt wurde. Als Familienname gilt heute durchwegs Zimmermann (26), als Appellativ lb. Zammermann, wobei jüngere Sprecher die bereits modernere Form Zëmmermann gebrauchen. Ebenso, um bei den Rechnungsbüchern zu bleiben, einen indirekten Hinweis auf die Senkung ï > a gibt smot,44 im Gegensatz zu den mit großem Abstand häufigeren ‚Normalbelegen‘ mit ‹i› oder ‹y› wie smit, smyt,45 Berufsübernamen zu mhd.-mslfrk. *smït ‚Schmied‘. In der insgesamt nur dreimal vorkommenden Graphie ‹o› darf möglicherweise eine Verschreibung für ‹a› gesehen werden, desgleichen in goltsmot, das ein einziges Mal auftaucht, neben frequenterem goltsmit, -smyt.46 Ein eindeutiger Beleg mit ‹a› in der Berufsbezeichnung für den Schmied taucht erst in einem Feuerstättenverzeichnis aus dem Jahr 1528 auf: der Smatt.47 Angesichts der historisch singulären Belege, die einen Reflex der Senkung zeigen, ist es nicht überraschend, dass heute die Formen mit ‹i› ausnahmslos gelten. Die frequentesten Varianten sind Schmit (1525), Schmitt (194), Schmidt (99).

← 48 | 49 → Keinen Niederschlag in den Rechnungsbüchern findet die Senkung ï > a in den hochfrequenten Formen fas-, faß-, vas-, vasßbender,48 Berufsnamen zu mhd.-mfrk. vaʒbinder ‚Fassbinder‘. Dies hat folgenden Grund: Speziell in Agensableitungen auf ahd. -āri (> mhd. -ǟre) mit ahd.-mfrk. ï (i2) als Stammvokal verhält sich dieses ï in seinem weiteren Verlauf wie einfaches i (i1) und fungiert als analoger Umlaut. Entsprechend lautet das luxemburgische Appellativ Faassbënner (vgl. WLM), demnach mit ‚Umlaut‘ im Gegensatz zum zu Grunde liegenden Verb lb. bannen ‚binden‘. Weitere sich ebenso verhaltende Agensbildungen sind das Simplizium lb. Bënner ‚Binder (von Garben)‘, ferner Spënner ‚Spinner‘ zu lb. spannen ‚spinnen‘, Sprénger ‚Springer‘ zu lb. sprangen ‚springen‘, Schwëmmer neben seltenerem umlautlosem Schwammer ‚Schwimmer‘ zu lb. schwammen ‚schwimmen‘ (vgl. LWB). Als Familienname erscheint der Fassbinder heute in Luxemburg sowohl mit dem dem neuhochdeutschen Standard entsprechenden Stammvokal: Fassbinder (17), Fasbinder (13), als auch mit ‹e›: Fassbender (13), Fasbender (5).49

Ein weiteres Beispiel für die Senkung i > ë ist Schmoetten (11), Wohnstättenname zu mhd. smitte ‚Schmiede‘ < frühahd. *smittja. Die Graphie ‹oe› steht hier nicht für historisches ö, sondern für jenen Zentralvokal lb. ë, der phonetisch einem ö sehr nahekommt. Dabei ist das Vorkommen der Variante Schmoetten auf Luxemburg beschränkt. Auf deutscher Seite entspricht ihr Schmitten (siehe Karte 7).

Ein sicheres Beispiel für die Senkung von ï (i2) > a in einem gegenwärtigen Familiennamen ist Schammel (25), Übername zu mhd.-mslfrk. *schïmmel = normalmhd. schim(m)el ‚Schimmel; weißes Pferd‘ (< ahd. skimbal) für einen Menschen mit grauer oder weißer Haarfarbe. Schammel kommt ausschließlich in Luxemburg vor, Schimmel ausschließlich in Deutschland, doch kaum in Grenznähe zum Großherzogtum (siehe Karte 8). Ein weiteres Beispiel ist Lanners (202), flektiertes Patronym zu †Lanner als personalisierter Herkunftsname zu Lannen für eine Ortschaft in der Gemeinde Redingen an der Attert. Allerdings begegnet die Senkung bereits im Toponym, das aus Linden stammt. Wie für Zimmermann und Schmit nur noch historisch bezeugt ist dagegen die Senkung ï > a im folgenden Familiennamen: 1656 Schlammen => 1692 Schlimmen,50 flektiertes Patronym, und dies Übername zu mhd.-westmslfrk. *slïm(p) = normalmhd. slim(p) ‚schief, schräg, verkehrt‘. Der Familienname erscheint heute noch unflektiert als Schlimm (8), das entsprechende Appellativ als lb. schlamm ‚hinkend, lahm; schief, krumm‘ (LWB).

Ein Beispiel für die Senkung i > e außerhalb des Gebietes der i-Spaltung ist Engeldinger (20). Hierbei handelt es sich um einen personalisierten Herkunftsnamen zu einem abgegangenen Toponym rheinfrk. Engeldingen für das spätere Hagendingen, jetzt amtlich nur noch frz. Hagondange, das eine Gemeinde im Moseldepartement bezeichnet. Innerhalb des Gebiets mit i-Spaltung musste das Toponym ahd.-mfrk. *Ïngoldingun ‚bei den Leuten des Ingold‘ lauten, woraus die u.a. 1526 bezeugte Form Angeldingen. ← 49 | 50 → Außerhalb des Gebiets mit i-Spaltung und somit im angrenzenden Rheinfränkischen lautete das Toponym ahd.-rheinfrk. *Ingoldingun, dem später u.a. 1583 Ingeldingen und 1473 Engeldingen entsprechen.51

3.1.3.2 Mhd. o > lb. a

Mhd. kurzes offenes o in geschlossener Silbe wurde in spätmittelhochdeutscher Zeit in Teilen des Westmoselfränkischen zu velarem a [ɑ] gesenkt, wenn der zu senkende Vokal nicht unmittelbar vor h, Liquid, Nasal oder sch stand: mhd. kochen ‚kochen‘ > lb. kachen. Erste, wenngleich nur sporadische Hinweise auf die Senkung von o zu a tauchen in den Rechnungsbüchern auf, doch findet sie dort nur in einem einzigen Begriff ihren besonderen Niederschlag, und zwar in Apperer ‚Gehilfe im Baugewerbe‘.52 Die Frequenz der Variante mit a ist dabei bemerkenswerterweise weitaus höher als bei Opperer. Der Begriff lässt sich auf ahd.-md. *opperāri zu lat. *operārius abbilden und begegnet heute im Luxemburgischen als Apperer ‚Handlanger‘ (LWB). Ein entsprechender Familienname kommt heute in Luxemburg nicht mehr vor. In den Rechnungsbüchern indirektes Zeugnis von der Senkung o > a gibt der Einzelbeleg kaich,53 Berufsname zu mhd.-mslfrk. koch ‚Koch‘. Wie bei ‹ai› in zaimerman ist ‹i› als hyperkorrektes Dehnungszeichen aufzufassen. Als Familienname gilt heute ausschließlich Koch (26), als Appellativ lb. Kach. Ein ebenfalls historischer Beleg für die Senkung mhd. o > lb. a findet sich 1880 in Rackenbrod (1) vs. Rockenbrod (13), heute nur noch Rockenbrot (2), Berufsübername zu mhd. rocke, rogge ‚Roggen‘ und brōt ‚Brot‘ für den auf Roggenbrot spezialisierten Bäcker. Sichere Beispiele für die Senkung in den gegenwärtigen Luxemburger Familiennamen sind dagegen in keinem Fall beizubringen.

3.1.3.3 Mhd. u > lb. o

Ausgehend vom Mittelfränkischen und Hessischen findet im Mitteldeutschen ab dem 12. Jh. die Senkung von kurzem u zu geschlossenem o statt.54 Konkret im Luxemburgischen erscheint dieses o, außer vor r und germ. h, als o: mhd. junc ‚jung‘ > lb. jong. In den Luxemburger Familiennamen lassen sich für diese Senkung zahlreiche Beispiele finden: Scholtes (275), Scholtus (34), Amtsname zu mhd. schultheiʒe ‚der Verpflichtungen befiehlt, Richter, Schultheiß‘. Scholtes konzentriert sich eindeutig in der Großregion, wobei außerhalb Deutschlands die Varianten mit o gar ausschließlich sind (siehe Karte 9).55 Mit wie auch ohne Senkung in Luxemburg erscheint Fonck (98), Fonk (3) vs. Funck (65), Funk (46).56

Ein Beispiel, in dem sich die Senkung dagegen kaum durchgesetzt hat, ist Juncker (35), Junker (57) vs. Jonker (4), Standes- oder Übername zu mhd. juncherre ‚junger Herr, junger (noch nicht Ritter gewordener) Adliger, Junker, Edelknabe‘.

← 50 | 51 → 3.1.4 Entrundung

Erste Anzeichen für die Entrundung in hochdeutschen Mundarten reichen in das 12.57 bzw. 13. Jh.58 zurück und finden sich zuerst im Bairischen. Das Moselfränkische wurde von der Entrundung erst in frühneuhochdeutscher Zeit erfasst, und in der am nächsten verwandten Dialektgruppe, dem Ripuarischen, ist die Rundung bis heute erhalten geblieben.

Beispiele für die Entrundung in den Luxemburger Familiennamen sind zahlreich. Im Einzelnen sind folgende am häufigsten:

3.1.4.1 Mhd. ö > e

Schlesser (84) vs. Schloesser (41), Berufsname zu mhd. *slöʒʒer, umgelautete Nebenform von sloʒʒer ‚Schlosser‘; entsprechend das Appellativ lb. Schlässer. Das Vorkommen der entrundeten Form Schlesser konzentriert sich überwiegend auf Luxemburg und Ostlothringen. Mit der Graphie ‹oe› erscheint der Name vor allem in Luxemburg. In Deutschland, insbesondere im mittleren Westen, gilt die Entsprechung Schlösser (siehe Karte 10).59

3.1.4.2 Mhd. ü > i

Prim (51) vs. Prum / Prüm (16), Herkunftsname zu Prüm (mda. Prim) für eine Ortschaft in der gleichnamigen Gemeinde im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Prim ist überwiegend in Luxemburg und dem Moseldepartement anzutreffen, während auf deutscher Seite Prüm dominiert, das in Luxemburg als Prum / Prüm auftritt.

3.1.4.3 Mhd. ȫ > e

Flener (30) vs. Floener (24), Übername zu mhd. vlȫhenen ‚flüchten, durch Flucht entfernen, in Sicherheit bringen‘ (Lexer), nhd. flöhnen ‚bewegliches Gut flüchten, d.h. in Sicherheit bringen‘ (DRW). Beide Varianten des Namens sind fast nur in Luxemburg zu finden.

3.1.4.4 Mhd. ǖ > eu > ei, ey

Ney (173), Nei (9) vs. Neu (136), Übername zu mhd. nǖwe ‚neu‘ für den Neusiedler.60 Das Hauptverbreitungsgebiet von Ney liegt in Luxemburg, dem Saarland und Moseldepartement. Nei ist überall sehr selten, am häufigsten jedoch in Luxemburg. Neu begegnet überall sehr häufig mit großflächigen Nestern.

Feiereisen (74), Feyereisen (44), Berufsübername zu mhd. vǖrīsen ‚Feuereisen‘ für den Hersteller und Verkäufer von Feuereisen, also Spezialeisen zum Feuerschlagen. Feiereisen gilt fast ausschließlich in Luxemburg, Feyereisen außer in Luxemburg häufiger in Belgien, besonders dem Areler Land. Feuereisen ist insgesamt selten und erscheint ausschließlich in Deutschland, besonders im Raum Trier und Saarbrücken (siehe Karte 11).

← 51 | 52 → Ein Beispiel, das lediglich Tendenzen aufzeigt, ist u.a. Breyer (32), Breier (4) vs. Breuer (47), Berufsname zu mhd. brǖwer ‚Brauer‘ für den Bierbrauer, da die nicht entrundete Form häufiger ist als die entrundete.61

3.1.4.5 üe > ie

Kieffer (496), Kiefer (45), Berufsname zu mhd. küefer ‚Böttcher‘.62 Kieffer ist die dominierende Form in Luxemburg, aber auch in Lothringen und dem Elsass. In der deutschen Nachbarregion gilt überwiegend Kiefer.

Krier (341), Krieger (14) vs. Kruger / Krüger (5). Krier zeigt ein klares Hauptverbreitungsgebiet: Luxemburg, allerdings kaum im Norden, Areler Land und übriges Wallonien, Ostlothringen, Saarland. Im übrigen Deutschland bildet diese Variante keine größeren Nester. Die in Deutschland dominierende Form ist überall Krüger. Eine weitere Variante mit Entrundung ist Krieger (14), doch besteht Konkurrenzetymologie zu mhd. krieger ‚Streiter, Kämpfer‘ (siehe Karte 12).63

Plier (31), Plyer (4), Berufsname zu mhd.-wmd. *plüeger (normalmhd. phluoger) ‚Pflugmacher‘. Plier ist überwiegend in Luxemburg (mit dem höchsten Vorkommen im Kanton Redingen) und dem Areler Land verbreitet. Sehr selten und auf den Süden Luxemburgs beschränkt ist die Schreibvariante Plyer. Plieger und Plüger kommen in Luxemburg überhaupt nicht vor und sind auch in Deutschland sehr selten. Die dort mit großem Abstand dominierende Form ist Pflüger.64

3.1.5 Verdumpfung: mhd. ā > lb. o, oo [oː]

Die Verdumpfung von mhd. ā ist seit dem 12. Jh. in vielen hochdeutschen Mundarten zu beobachten.65 Im Luxemburgischen gilt o, oo [oː], sowie speziell vor Nasal ou [ou]: mhd. blāwe > lb. blo; mhd. strāʒe > lb. Strooss; mhd. mānōt > lb. Mount.

Sichere Beispiele für die Verdumpfung in Familiennamen sind sehr rar. Eines davon ist: Schrobiltgen (10), Übername zu lb. Schrobiltgen (Vianden) ‚streitsüchtiger Mann‘ (LWB). Beim Appellativ handelt es sich um ein Kompositum mit lb. schro ‚boshaft, bösartig, rücksichtslos; ungezogen, unartig‘ (LWB) < mhd. schrāch, schrōch ‚mager, dürr, rauh, grob‘ (Lexer) und einer pejorativen Diminutivbildung von mhd. buole ‚naher Verwandter, Geliebter, Liebhaber‘. Der Familienname zeigt die größte Verbreitung im Areler Land. In der Schreibvariante Schrobildgen ist er vereinzelt um Saarbrücken zu finden (siehe Karte 13).66

← 52 | 53 → 3.2 Konsonantismus

Ein Hauptmerkmal im Konsonantismus des Mittelfränkischen besteht darin, dass westgerm. ƀ, đ, ǥ in althochdeutscher Zeit nicht – über die Mediae b, d, g als Zwischenstufe – zu Tenues verschoben wurden. Sogar die frikativische Aussprache von ursprünglich westgerm. ƀ und ǥ blieb im Inlaut außer nach Nasal sowie im Auslaut, wo Verhärtung eintrat, nachweislich lange bewahrt.67 Dieser Zustand gilt im Wesentlichen bis heute, nur dass ǥ und in manchen Fällen auch ƀ in intervokalischer Stellung geschwunden ist. Beispiele für das Luxemburgische: westgerm. *ǥraƀan ‚graben‘ > ahd.-mfrk. *graƀan > lb. gruewen; westgerm. *ǥraƀa- ‚Grab‘ > ahd.-mfrk. *graf > lb. Graf; westgerm. *ǥeƀan ‚geben‘ > ahd.-mfrk. *geƀan > lb. ginn; westgerm. *đaǥa- ‚Tag‘ > ahd.-mfrk. *dach > lb. Dag; westgerm. *waǥōn ‚Wagen‘ > ahd.-mfrk. *waǥo > lb. Won.

Ein weiteres, dem Mittel- und Rheinfränkischen gemeinsames Merkmal ist die unterbliebene Verschiebung von westgerm. p im Anlaut sowie im Inlaut nach m, vornehmlich im Ripuarischen auch nach Liquid. Auch westgerm. pp bleibt unverschoben.68 Beispiele für das Luxemburgische: westgerm. *pīpan ‚pfeifen‘ > ahd.-mfrk. pīffan > lb. päiffen; westgerm. *đorpa- ‚Dorf‘ > ahd.-mfrk. dorp > lb. Duerf; westgerm. *appla- > ahd.-mfrk. appul > lb. Apel.

Ein Vorgang, der jedoch nicht die 2. Lautverschiebung betrifft, ist die althochdeutsche Frikativenschwächung, die Folgendes besagt: Die Reihe der stimmlosen Reibelaute germ. f, þ, x, s wurde seit etwa 750 in stimmhafter Umgebung lenisiert.69 Während im Standardneuhochdeutschen die Lenisierung bis auf jene von s rückgängig gemacht wurde, bleibt sie in einzelnen neuhochdeutschen Mundarten auch in anderen Fällen erhalten. Im Luxemburgischen gilt der Erhalt der Stimmhaftigkeit auch bei w [v] < f in stimmhafter Umgebung im Inlaut. Beispiel: westgerm. *ofna- ‚Ofen‘ > ahd. ovan > lb. Uewen.

Ein weiteres, jedoch rezenteres und kleinräumig auftretendes Phänomen, das in dieser Form überwiegend auf das Luxemburgische beschränkt ist, betrifft die Velarisierung von mhd. n nach langem Hochzungenvokal oder fallendem Diphthong im Inlaut: mhd. schīnen > lb. schéngen, mhd. meinen > lb. mengen.

Untenstehend nun Beispiele für die genannten regionalsprachlichen Phänomene in den Familiennamen.

3.2.1 westgerm. ƀ > lb. w [v]

Groff (29), Grof (11), Übername zu mhd.-wmd. grof = normalmhd. grop ‚an Masse groß, dick, stark; unfein, ungebildet‘; entsprechend lb. graff ‚grob‘. Das Vorkommen von Groff beschränkt sich auf die südliche Hälfte Luxemburgs und das Elsass, wo jedoch aus lauthistorischen Gründen eine andere Etymologie zu erwägen ist. Seltener und ebenfalls nur in der südlichen Hälfte des Großherzogtums, dagegen etwas häufiger in Deutschland, ist ← 53 | 54 → Grof zu finden. Insgesamt ist jedoch in Deutschland Grob am häufigsten, das punktuell auch in Lothringen (Moseldepartement, Vogesen) vorkommt (siehe Karte 14).

Ewert (69), vs. Ebert, Patronym zum gleichlautenden Rufnamen als kontrahierte Form von Eberhard. Das Hauptverbreitungsgebiet von Ewert liegt eindeutig in Luxemburg, während auf deutscher Seite Ebert dominiert. Eine sehr klare Verteilung zeigen entsprechende flektierte Bildungen: Ewertz (19) konzentriert sich in Luxemburg, um Prüm und Wittlich und streut vereinzelt u.a. im Saarland. Ebertz ist dagegen im moselfränkischen Sprachgebiet nicht zu finden.

3.2.2 westgerm. đ > lb. d

Sadler (51), Sadeler (16) vs. Sattler (3), Berufsname zu mhd.-wmd. *sadeler ‚Sattler‘. Sadler ist überwiegend in Luxemburg und dem Moseldepartement anzutreffen, die nicht synkopierte Variante Sadeler in Luxemburg und dem Areler Land. Auf deutscher Seite dominiert Sattler (siehe Karte 15).

Sondag (10) vs. Sonntag (28), Sontag (3), Übername zu mhd.-wmd. sundach, sondach = normalmhd. suntac ‚Sonntag‘ wohl für einen Menschen, von dem man sich Glück und Segen erhoffte. Anders als beim vorigen Namen liegt der Schwerpunkt der Verbreitung der unverschobenen Formen im Areler Land, das somit in diesem Fall als Rückzugsgebiet zu interpretieren ist (siehe Karte 16).

3.2.3 westgerm. ǥ > lb. Ø in intervokalischer Stellung

Beispiele hierfür sind Krier (341) und Plier (31) / Plyer (4), die unter 3.1.4.5 behandelt wurden. Dabei sind die g-losen Formen fast nur außerhalb Deutschlands zu finden.

3.2.4 westgerm. p > lb. p

Peiffer (166), Peifer (2), vs. Pfeiffer (26), Pfeifer (6), Berufsname zu mhd.-wmd. pīfer ‚Pfeifer, Spielmann‘, entsprechend das Appellativ lb. Päifert (mit sekundärem Agens-t). Die Variante Peiffer mit unverschobenem p dominiert mit großem Abstand überall außerhalb Deutschlands. Außerdem treten in Luxemburg Formen mit einfachem f im Inlaut seltener auf (siehe Karte 17)70.

Peffer (87), Peffer (1), Berufsübername oder Übername zu mhd.-wmd. peffer = normalmhd. pfeffer ‚Pfeffer‘ am ehesten für den Pfefferhändler, allgemein den Gewürzkrämer oder -liebhaber; vgl. auch das Appellativ lb. Peffer. Peffer kommt fast ausschließlich in Luxemburg vor, während Pfeffer dort nicht zu finden ist (siehe Karte 18).

Putz / Pütz (181), Wohnstättenname zu mhd.-md. pütze = normalmhd. pfütze ‚Brunnen‘; vgl. entsprechend lb. Pëtz ‚Schöpf-, Ziehbrunnen‘. Formen mit verschobenem pf sind in Luxemburg überhaupt nicht anzutreffen.71

← 54 | 55 → 3.2.5 westgerm. f > ahd. v > lb. w [v]

Munhoven (28), Munhowen (19), Herkunftsname zu Monhofen (lothr. Monuewen, frz. Monom) für eine Gemeinde im Moseldepartement. Munhoven und Munhowen kommen ausschließlich in Luxemburg vor, Letzteres besonders im Süden. Munhofen erscheint nur sehr vereinzelt im angrenzenden Saarland (siehe Karte 19).

3.2.6. Velarisierung von n

Hengen (109), vs. Heinen (213), Heynen (33), flektiertes Patronym zu Heng, Heine als Kurzform von Heinrich. Die Variante mit velarisiertem n kommt fast ausschließlich in Luxemburg vor, wenngleich auch dort die unvelarisierte Form dominiert (siehe Karte 20).72

4 Konklusion

Die Regionalismen in den Luxemburger Familiennamen treten auf mehreren grammatischen Ebenen zu Tage. In diesem Beitrag wurde die Untersuchung der Regionalismen auf die Graphie und Phonologie beschränkt, wobei nur jene Namen ausgewählt wurden, deren Etymologie weitestgehend eindeutig ist.

Für die Graphie lässt sich allgemein festhalten, dass in der Maas-Rhein-Region Archaismen auf nichtdeutschem Staatsgebiet öfter anzutreffen sind, was sich am konsequentesten am Digraph ‹ff› zeigt. Dies ist gewiss als Ausdruck einer größeren Normierungsresistenz als in Deutschland zu werten. In der Phonologie lässt sich eine Reihe von westmitteldeutschen Merkmalen beobachten. Doch ist die Zahl jener Familiennamen, die diese Merkmale nicht zeigen, weitaus höher. Speziell exklusiv mittelfränkische, moselfränkische oder gar luxemburgische Merkmale lassen sich dagegen äußerst selten feststellen. So finden sich zwar Beispiele für die Entrundung wie mhd. Küefer > Kiefer, mhd. Krüeger > Krier. Doch auf der Stufe Kiefer, Krier sind diese Namen stehen geblieben, und die luxemburgische Weiterentwicklung zu Kéifer, Kréier wurde nicht mehr mitgemacht. Kéifer und Kréier gelten nur im überwiegend mündlichen luxemburgischen Kontext. Im Konsonantismus hingegen zeigt sich die größte Normierungsresistenz beim unverschobenen p. Dies könnte daran liegen, dass die Affrikate pf dem Westmitteldeutschen völlig fremd ist.

Eine regelrechte Systematik bei den Regionalismen lässt sich nicht erkennen, oft sind diese einzelwortbasiert und zeigen lediglich Tendenzen auf. Zudem sind die Regionalismen in den seltensten Fällen auf das Territorium des heutigen Luxemburgs beschränkt. Vielmehr weisen sie eine von Osten herreichende Kontinuität auf, die zum Teil auch noch im Areler Land und in Deutsch-Lothringen anzutreffen ist, allerdings in höherer Konzentration im nichtdeutschen Teil der Maas-Rhein-Region.

← 55 | 56 → Literatur

Ahd. Gr. I = Braune, Wilhelm: Althochdeutsche Grammatik I, Laut- und Formenlehre, 15. Auflage, bearbeitet von Ingo Reiffenstein, Tübingen, 2004.

Bruch, Robert: Das Luxemburgische im westfränkischen Kreis, Luxemburg, 1954 (= Publications Littéraires et Scientifiques du Ministère de l’Éductaion Nationale 2).

Bruch, Robert: Grundlegung einer Geschichte des Luxemburgischen, Luxemburg, 1953 (= Publications Littéraires et Scientifiques du Ministère de l’Éductaion Nationale 1).

DFA I = Deutscher Familiennamenatlas, Herausgegeben von Konrad Kunze und Damaris Nübling, Band 1, Grafematik/Phonologie der Familiennamen, I: Vokalismus von Christian Bochenek und Kathrin Dräger, Berlin / New York, 2009.

DFA II = Deutscher Familiennamenatlas, Herausgegeben von Konrad Kunze und Damaris Nübling, Band 2, Grafematik / Phonologie der Familiennamen, II: Konsonantismus von Antje Dammel, Kathrin Dräger, Rita Häuser und Mirjam Schmuck, Berlin / New York, 2011.

Dräger, Kathrin / Kunze, Konrad: Umlautzeichen in deutschen Familiennamen. In: Zunamen. Zeitschrift für Namenforschung 5, 2010, 8–39.

DRW = Deutsches Rechtwörterbuch, Herausgegeben von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Heidelberg, 1914ff. URL: http://woerterbuchnetz.de

Frühnhd. Gr. = Ebert, Robert P.: Reichmann, Oskar / Solms, Hans-Joachim / Wegera, Klaus-Peter, 1993: Frühneuhochdeutsche Grammatik.

Gilles, Peter: Dialektausgleich im Lëtzebuergeschen, Zur phonetisch-phonologischen Fokussierung einer Nationalsprache, Tübingen, 1999.

Gilles, Peter: Die Emanzipation des Lëtzebuergeschen aus dem Gefüge der deutschen Mundarten. In: Zeitschrift für Deutsche Philologie, Nr. 117, 1998, 20–35.

Gniffke, Andreas: Die Personennamen der Stadt Luxemburg von 1388–1500, Namenbuch und namenkundliche Analyse auf Basis der Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg, Unveröffentlichte Dissertationsschrift, eingereicht an der Universität Luxemburg, 2010.

Les Annuaires du Luxembourg, Édition, 2009.

Lexer = Lexer, Matthias 1872–1778: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 3 Bände, Leipzig, Nachdruck Stuttgart, 1970. URL: http://woerterbuchnetz.de

LWB = Luxemburger Wörterbuch, Herausgegeben von der Wörterbuchkommission, 5 Bände, Luxemburg, 1950–1975, Ergänzungsband, 1977. URL: http://infolux.uni.lu/worterbucher/

Klees, Henri: Geographie der Luxemburger Familiennamen (nach der Volkszählung von 1930), Herausgegeben vom Institut grand-ducal, Section de Linguistique, de Folklore et de Toponymie, Luxemburg, 1989 (= Beiträge zur luxemburgischen Sprach- und Volkskunde Nr. 18).

Kollmann, Cristian: Schrobiltgen, Biltgen (und Schreibvarianten), Rubrik „Wuert vum Mount“ (September 2010) auf http://infolux.uni.lu

Kollmann, Cristian: Vergessener Ortsname: Wo liegt Engeldingen? Rubrik „Wuert vum Mount“ (August 2011) auf http://infolux.uni.lu

Kollmann, Cristian: Neues zu Engeldingen, Rubrik „Wuert vum Mount“ (September 2011) auf http://infolux.uni.lu

Kollmann, Cristian: Schmadd – Schmëdd – Schmidd-s, Haff – Huef: Senkung und unterbliebene Senkung von i und o zu a im Luxemburgischen. In: Deutsche Dialekte, Konzepte, Probleme, Handlungsfelder, Tagungsband des 4. Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen vom 13. bis 15. September 2012 an der Universität Kiel, Herausgegeben von Michael Elmentaler, Markus Hundt, Jürgen Erich Schmidt, Stuttgart, 2013. Im Druck.

Mhd. Gr. = Mittelhochdeutsche Grammatik, Von Hermann Paul, 25. Auflage, neu bearbeitet von Thomas Klein, Hans-Joachim Solms, Klaus-Peter Wegera und Heinz-Peter Prell, Tübingen, 2007.

Moulin, Claudine / Pauly, Michel (Hgg.): Die Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg, Erstes Heft 1388–1399 2007, Zweites Heft 1400–1430 2008, Drittes Heft 1444–1453 2009, Viertes Heft 1453–1460 2010, Fünftes Heft 1460–1466 2010, Luxemburg, 2007–2010 (= Schriftenreihe des Stadtarchivs Luxemburg Bd, 1–5).

← 56 | 57 → Müller, Nik: Die Familien-Namen des Grossherzogthums Luxemburg, Luxemburg, 1887.

PfWB = Pfälzisches Wörterbuch, Begründet von Ernst Christmann, fortgeführt von Julius Krämer, bearbeitet von Rudolf Post unter Mitarbeit von Josef Schwing und Sigrid Bingenheimer, 6 Bde, Wiesbaden / Stuttgart, 1965–1997. URL: http://woerterbuchnetz.de

Ravida, Fausto: Graphematisch-phonologische Analyse der Luxemburger Rechnungsbücher 1388–1500, Ein Beitrag zur Historischen Stadtsprachenforschung, Heidelberg, 2012.

RhWB = Rheinisches Wörterbuch, Herausgegeben von Josef Müller, Heinrich Dittmaier, Rudolf Schützeichel und Mattias Zender, 9 Bände, Bonn / Berlin 1928–1971. URL: http://woerterbuchnetz.de

WLM = Wörterbuch der luxemburgischen Mundart, Luxemburg, 1906. URL: http://infolux.uni.lu/worterbucher/

Internet

http://deltgen.com

http://infolux.uni.lu

http://lfa.uni.lu

http://mambra.lu

http://woerterbuchnetz.de

Kartenanhang

image

Karte 1: Glesener, Glaesener, Gloesener (s. 2.1.1 und 2.1.3)

← 57 | 58 → image

Karte 2: Kaiser, Kayser, Keiser, Keyser (s. 2.1.5)

image

Karte 3: Funk, Funck, Fonk, Fonck (s. 2.2.1 und 3.1.3.3)

← 58 | 59 → image

Karte 4: Kiefer, Kieffer (s. 2.2.3 und 3.1.4.5)

image

Karte 5: Bäumchen, Bemtgen (s. 3.1.1.3)

← 59 | 60 → image

Karte 6: Diederich, Diderich, Diderrich (s. 3.1.2)

image

Karte 7: Schmitten, Schmoetten (s. 3.1.3.1)

← 60 | 61 → image

Karte 8: Schimmel, Schammel (s. 3.1.3.1)

image

Karte 9: Schultes, Scholtes, Scholtus (s. 3.1.3.3)

← 61 | 62 → image

Karte 10: Schlosser, Schlösser, Schloesser, Schlesser (s. 3.1.4.1)

image

Karte 11: Feuereisen, Feiereisen, Feyereisen (s. 3.1.4.4)

← 62 | 63 → image

Karte 12: Krüger, Kruger, Krieger, Krier (3.1.4.5 und 3.2.3)

image

Karte 13: Schrobiltgen, Schrobildgen (s. 3.1.5)

← 63 | 64 → image

Karte 14: Grob, Grof, Groff (s. 3.2.1)

image

Karte 15: Sattler, Sadler, Sadeler (s. 3.2.2)

← 64 | 65 → image

Karte 16: Sonntag, Sontag, Sonndag, Sondag (s. 3.2.2)

image

Karte 17: Pfeifer, Pfeiffer, Peifer, Peiffer (s. 2.2.3 und 3.2.4)

← 65 | 66 → image

Karte 18: Pfeffer, Peffer (s. 3.2.4)

image

Karte 19: Munhofen, Munhoven, Munhowen (s. 3.2.5)

← 66 | 67 → image

Karte 20: Heinen, Heynen, Hengen (s. 3.2.6) ← 67 | 68 →

________________

1 Zur Sprachgeschichte des Luxemburgischen vgl. bes. Bruch 1953 und Bruch 1954, wobei manche Thesen überholt sind.

2 Zur genauen Absteckung der Maas-Rhein-Region siehe den Beitrag von Peter Gilles in diesem Band.

3 Der Sprachkontakt wird untersucht von Claire Muller in diesem Band.

4 Vgl. hierzu bes. Gilles 1998 und Gilles 1999.

5 Genaueres siehe 2.1.4.

6 Genaueres siehe 3.1.2.

7 Ediert von Müller 1887.

8 Die Ausnahmen sind Bäcker (7), Bäker (13), Flöner (25), Flörchinger (11), Flöschinger (11), Frölich (1), Hungershöfer (1), Knörze (1). Die Zahl in Klammern bezieht sich auf die Anzahl der Namenträger.

9 Reproduziert in Klees 1989.

10 Zu den Umlautgraphien in Deutschland, vgl. Dräger / Kunze 2010: 8–39.

11 Vgl. Frühnhd. Gr., § L 27.

12 Die Angaben in Klammern hinter den Namen beziehen sich im Folgenden auf die Anzahl der Festnetzanschlüsse in Luxemburg aus dem Jahr 2009. Diese werden, wie die Volkszählungsdaten von 1880, mit der Datenbank und Kartierungssoftware des Luxemburgischen Familiennamenatlasses (LFA) verwaltet. Auch die Etymologien in diesem Beitrag folgen jenen des LFA, dessen Online-Version unter http://lfa.uni.lu zu finden ist.

13 Zum Tonvokal in Kramer, Krämer, Kremer in Deutschland, siehe DFA I, Karte 24.

14 Mit resegmentiertem Suffix -ner nach dem Muster von Berufsbezeichnungen wie Hafener, Wagener.

15 Im angrenzenden deutschen Gebiet gelten dagegen Glaser und Glasmacher (Letzteres überwiegend um Aachen und am Niederrhein). Speziell zum Tonvokal in Glaser, Gläser, Gleser in Deutschland, siehe DFA I, Karte 1. Siehe auch 2.1.3.

16 Wobei bereits im Mittelhochdeutschen mitteldeutscher Prägung ǟ und ē nicht mehr unterschieden werden, indem diese meist als ‹e› erscheinen (vgl. Mhd. Gr., § L 38).

17 Wobei speziell der Zusammenfall des Primär- und kurzen Sekundärumlauts bereits für das Mittelhochdeutsche mitteldeutscher Prägung gilt (vgl. Mhd. Gr., § L 30).

18 Ein potenzieller Kandidat wäre Schlechter (39), Berufsname zu mhd. *slähter, umgelautete Form von mhd. slahter ‚Schlachter‘, wobei das LWB als Appellativ nur umlautloses Schluechtert anführt.

19 Zur Entrundung siehe 3.1.4.4.

20 Zum Tonvokal in Meier und Seiler in Deutschland, siehe DFA I, 464–477.

21 Zur Senkung u > o siehe 3.1.3.3.

22 Zur Verbreitung von ck, ckh, gk nach n, l, r in Deutschland, siehe DFA II, 628–641.

23 Zur Senkung u > o siehe 3.1.3.3.

24 Zur Varianz t / tz in Deutschland, siehe DFA II, 494–507.

25 Zur Entrundung siehe 3.1.4.5.

26 Zu p vs. pf siehe 3.2.4.

27 Zur Varianz f / ff in Namen mit Wolff, Dorf, Senf u.a. in Deutschland, siehe DFA II, 168–181.

28 Vgl. Mhd. Gr., § L 45.

29 Doch siehe auch 3.2.6.

30 http://deltgen.com. Hierbei handelt es sich um eine genealogische Online-Datenbank. Das Zeichen => drückt einen Generationswechsel aus.

31 http://deltgen.com.

32 Vgl. Mhd. Gr., § L 46.

33 Vgl. Mhd. Gr., § L 47.

34 Vgl. Mhd. Gr., § E 34 und § L 48–50.

35 http://deltgen.com.

36 Zur Entrundung üe > ie siehe 3.1.4.5, zum g-Schwund siehe 3.2.

37 Es gilt nämlich zusätzlich zu beachten, dass für éi und ou in der frühen Orthographie ‹e’› und ‹o’› galten: de Ro’de Le’w ‚der rote Löwe‘.

38 Zur Quantität des Tonvokals in Dietrich in Deutschland, siehe DFA I, 636–641.

39 Das Ergebnis von i2 vor h und r ist dagegen ii [iː], das speziell vor r bei der jüngeren Generation mit einem Schwa-Nachschlag zu hören ist: ahd.-mfrk. *gisïht ‚Gesicht‘ > lb. Gesiicht, ahd.-mfrk. *wïrd ‚Wirt‘ > lb. Wiirt, Wiert. Das Ergebnis von i2 vor sch ist wie bei i1 der Zentralvokal ë [ə]: ahd.-mfrk. *dïsk ‚Tisch‘ > lb. Dësch.

40 Genaueres zur Senkung von frühahd. i sowie von mhd. o im Luxemburgischen, siehe Kollmann 2013 (im Druck).

41 Ediert von Moulin / Pauly 2007–2010. Des Weiteren liegen eine personennamenkundliche Analyse (Gniffke 2010) sowie eine graphematisch-phonologische Analyse (Ravida 2012) vor.

42 Z.B. 1455/56 clais van lampach (Gniffke 2010: 358).

43 Z.B. 1448/49, zaimerman, 1452/53 tzaymerman (Gniffke 2010: 509–513).

44 Z.B. 1477/78 smot (Gniffke 2010: 477–78).

45 Z.B. 1467/68 smyt, 1478/79 smit (Gniffke 2010: 476).

46 1472/73 goltsmot (Gniffke 2010: 443).

47 http://mambra.lu.

48 Z.B. 1427/28 vasbender, 1445/46 vaßbender, 1480/81 faßbender 1499/1500 fasbender (Gniffke 2010: 425–427).

49 Zum Tonvokal in Binder, Binner, Bender, Benner und -binder, -bender in Deutschland, siehe DFA I, Karte 43 und 44.

50 http://deltgen.com.

51 Genaueres siehe Kollmann 2011.

52 Z.B. 1461/62 apperer (Gniffke 2010: 412f).

53 1499/1500 kaich (Gniffke 2010: 452f).

54 Vgl. Mhd. Gr., § L 26 und § L 35.

55 Zum Tonvokal in Schulte vs. Scholten in Deutschland, siehe DFA I, Karte 98.

56 Zur Schreibvarianz ‹k› vs. ‹ck› siehe 2.2.1.

57 Vgl. Mhd. Gr., § L 25.

58 Vgl. Fnhd. Gr., § L 36.

59 Zur Verteilung Schlosser vs. Schlösser in Deutschland, siehe DFA I, Karte 80.

60 Zur Schreibvarianz ‹ei› vs. ‹ey› siehe 2.1.5.

61 Zum Tonvokal in Brauer, Bräuer in Deutschland, siehe DFA I, 506–513.

62 Zur Schreibvarianz ‹f› vs. ‹ff› siehe 2.2.3.

63 Zum Tonvokal in Krüger in Deutschland, siehe DFA I, 274–279.

64 Zum g-Schwund in Krier und Plier/Plyer siehe 3.2.3. Hingegen zur Verteilung Pflüger vs. Plöger in Deutschland, siehe DFA II, Karte 36.

65 Vgl. Mhd. Gr., § L 37.

66 Genaueres siehe Kollmann 2010.

67 Vgl. Mhd. Gr., § E 39 und § L 62.

68 Vgl. Ahd. Gr. I, § 131; Mhd. Gr., § E 39 und § L 61.

69 Vgl. Ahd. Gr. I, § L 63.

70 Zur Schreibvarianz ‹f› vs. ‹ff› siehe 2.2.3. Zur Varianz p / pf / f(f) in Namen mit Pfeifer und Pfeffer in Deutschland, siehe DFA II, 62–71.

71 Hingegen zum Tonvokal in Pütz, Pfitzner in Deutschland, siehe DFA I, Karte 67.

72 Zur Velarisierung von n siehe auch den Beitrag von Ann Marynissen in diesem Band, wo das Thema ausführlich und grenzübergreifend behandelt wird.