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Familiennamen zwischen Maas und Rhein

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Edited By Peter Gilles, Cristian Kollmann and Claire Muller

Die Familiennamen im Gebiet zwischen den Flüssen Maas und Rhein stellen infolge der komplexen politisch-historischen Grenzziehungen und durch ihre Lage in der Kontaktzone zwischen Germania und Romania eine besonders vielfältige Quelle für die Namenforschung dar. Der Band umfasst komparative und systematische Beiträge zu den Familiennamenlandschaften in den Grenzregionen von Luxemburg, Belgien, Deutschland und Frankreich, die aus sprachhistorischen, kontaktlinguistischen und kartographischen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Artikelsammlung richtet sich damit sowohl an Sprachhistoriker wie auch an Kulturhistoriker.
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Auf der Schnittstelle zwischen Germania und Romania: Die Familiennamen in Belgien

← 156 | 157 → Auf der Schnittstelle zwischen Germania und Romania: Die Familiennamen in Belgien

Ann Marynissen

Abstract

In diesem Beitrag werden die Bildung und Verbreitung der flämischen und wallonischen Familiennamen miteinander verglichen. Obwohl sie zu verschiedenen Sprachräumen gehören (germanisch bzw. romanisch), weisen die Familiennamen auf beiden Seiten der Sprachgrenze in Belgien sowohl in lexikalischer als auch in grammatikalischer Hinsicht beträchtliche Parallelen auf. In Flandern kommt der alte Kontrast zwischen dem fränkischen und dem ingwäonischen Gebiet zum Ausdruck. In Wallonien setzt sich das Wallonische im Osten vom Pikardischen im Westen ab.

Was die Produktivität der Namengebungsmotive betrifft, kontrastieren im Osten der beiden belgischen Landsteile die Rufnamen als frequenteste Kategorie mit den frequenteren Wohnstättennamen und Übernamen im Westen.

Auch das grammatische Erscheinungsbild der germanischen bzw. romanischen Familiennamen in Belgien ist geprägt von einem Ost-West-Gegensatz, der die Sprachgrenze überschreitet. Die germanischen und die romanischen Wohnstättennamen in Belgien sind nach ähnlichen Mustern gebildet. Die Genitivierung von Ruf- und Berufsnamen, im Germanischen entweder mit den Endungen -s oder -en, im Romanischen mit der lateinischen Endung -i / -y, markiert onomastisch ein großes rhein-maasländisches Areal, das sich über Belgien, die Niederlande und Deutschland erstreckt.

Auch die rheinische Velarisierung n > ng hat in den rhein-maasländischen Familiennamen ihre Spuren hinterlassen.

1 Einleitung

Belgien liegt auf der Bruchlinie der germanischen und romanischen Kultur. Die quer durch Belgien verlaufende germanisch-romanische Sprachgrenze teilt das kleine Land in eine flämische und eine französische Sprachgemeinschaft und sorgt somit für linguistische Diversität. In der zweisprachigen Region der Hauptstadt Brüssel sind sowohl das Niederländische als auch das Französische die offiziellen Sprachen. Das Deutsche ist, als dritte offizielle Sprache Belgiens, in der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Osten Belgiens anerkannt. Im Areler Land, das offiziell Französischsprachig ist, wird neben dem Französischen ein mit dem Luxemburgischen eng verwandter moselfränkischer Dialekt gesprochen. Die germanophone Gemeinschaft im Areler Land, das historisch zum deutschen moselfränkischen Sprachraum gehört, ist im Gegensatz zur Deutschsprachigen Gemeinschaft von Belgien nicht offiziell anerkannt.

In diesem Beitrag wird die Bedeutung der Sprachgrenze für die Bildung der Familiennamen aus dem germanischen Norden und dem romanischen Süden Belgiens bewertet. Zudem wird die sprach- und ggf. staatsgrenzüberschreitende Verbreitung einiger Namentypen, die typisch Rhein-Maasländisch sind, behandelt.

← 157 | 158 → 2 Die Produktivität der Namengebungsmotive

Familiennamen haben eine historisch-etymologische Bedeutung, anhand welcher sie verschiedenen Benennungsmotiven zugeordnet werden. Hinsichtlich ihrer Namensgebungsmotive werden die Familiennamen traditionell in fünf lexikalische Motivgruppen eingeteilt (siehe Goossens 2011a für eine Taxonomie der niederländischen Familiennamen):

1. Familiennamen aus Rufnamen (Patronyme, Metronyme), z.B. Janssens, Peeters, Gérard, Léonard.

2. Berufs-, Amts- und Standesnamen, z.B. Smets, Lefèvre, De Koninck, Leroy.

3. Wohnstättennamen, z.B. Vandenbosch, Dubois.

4. Herkunftsnamen, z.B. Van Brussel, Halleux, Liégeois, Lallemand.

5. Übernamen, z.B. De Jong, Dewitte, Lejeune, Leblanc.

Die unterschiedlichen Namengebungsmotive sind nicht gleichmäßig über den Sprachraum verteilt: Es gibt erhebliche geographische Unterschiede bezüglich ihrer Produktivität, die im Folgenden erst anhand von Familiennamendaten aus dem Jahr 1987 (Belgien) bzw. 1993 (Niederlande) für den niederländischen Sprachraum und dann anhand von Daten aus dem Jahr 2007 für Belgien illustriert werden (siehe Anhang).

2.1 Die Produktivität der Motive im niederländischen Sprachraum (Material: 1987 / 1993)

Die geographische Verteilung der fünf lexikalischen Motivgruppen im niederländischen Sprachraum wurde in einem früheren Aufsatz untersucht (siehe Marynissen 2010, 17–24). Methodisch wurde dabei wie folgt vorgegangen: Den 100 häufigsten Namen pro flämischer und niederländischer Provinz wurde das jeweilige Benennungsmotiv zugeordnet. Konnte ein Name auf zwei Motive zurückgeführt werden (z.B. Moors als Patronym oder als Übername), so wurden beide Motive je zur Hälfte gezählt, im Falle dreifacher Bedeutungskonkurrenz zu je einem Drittel. Anschließend wurde der prozentuale Anteil der fünf Motivgruppen an den 100 häufigsten Namen berechnet. Für Flandern wurde die Namensliste des belgischen Melderegisters von 1987 benutzt (Eintrag ab 5 Namensträgern pro Gemeinde), für die Niederlande stand mir die Liste mit den Namen der Telefonanschlüsse von 1993 zur Verfügung (Eintrag ab 2 Namensträgern pro Gemeinde).

Auf Karte 1 wird die frequenteste Motivgruppe pro Provinz abgebildet. Im niederländischen Sprachraum kommen erhebliche regionale Unterschiede zum Vorschein.

In Flandern ist die Bezeichnung der familiären Verwandtschaft das frequenteste Namensgebungsmotiv. In gleich vier der fünf flämischen Provinzen (Limburg, Antwerpen, Brabant und Ost-Flandern) bilden die Patronyme die größte Motivgruppe. Absolute Spitzenreiter sind die Provinzen Limburg (56 %) und Brabant (50 %), in denen (mehr als) die Hälfte der 100 frequentesten Namen auf den Vornamen des Vaters (ggf. auch der Mutter, insbes. in Limburg) zurückgehen. Auch die Provinz Antwerpen weist einen besonders großen Anteil an Rufnamen auf (43 %). In Ost-Flandern ist der patronymische Typus ebenfalls stark vertreten, jedoch ist er mit 32 % weniger dominant als in der östlichen Hälfte Flanderns. Der Anteil an Rufnamen nimmt in Flandern von Ost nach West ab: In ← 158 | 159 → West-Flandern gewinnt eine andere Motivgruppe die Oberhand, nämlich jene der Wohnstättennamen (35 %).

In den Niederlanden ist das Bild um einiges variierter. Die südöstlichen Provinzen Limburg und Gelderland schließen sich dem ausgedehnten östlichen flämischen Gebiet mit einer starken Präsenz an Rufnamen an (Limburg: 56 %, Gelderland, 35 %). Auffallend ist, dass die niederländische Provinz Limburg eine ebenso hohe Prozentzahl an Rufnamen aufweist wie das belgische Limburg (56 %): Dieses Ergebnis verdeutlicht die historische Einheit dieser Region innerhalb des niederländischen Sprachgebietes.

Nord-Brabant hat einen speziellen namenkundlichen Charakter: Es ist die einzige Provinz, in der Herkunftsnamen als das frequenteste Namensgebungsmotiv auftreten (30 %). Da diese Provinz dialektgeographisch deutlich in einen westlichen und einen östlichen Teil auseinanderfällt, kann vermutet werden, dass bei einer entsprechenden Zweiteilung der Provinz die Dominanz der Herkunftsnamen im Osten noch schärfer ausgeprägt wäre, während der Westen sich vermutlich in das größere niederländische Ganze einfügen würde (Goossens 2011b, 178).

In allen anderen niederländischen Provinzen führen entweder die Berufsnamen oder aber die Wohnstättennamen die Rangordnung an: Beide Motivgruppen erreichen überall Werte von mindestens 30 %. In Süd-Holland (33 %), Utrecht (34 %), Flevoland (33 %), Overijssel (34 %) und Friesland (39 %) dominiert der Verweis auf die Wohnstätte des ersten Namensträgers als Benennungsmotiv; in Groningen (36 %), Drenthe (30 %), Nord-Holland (36 %) und Zeeland (30 %) ist ein Familienname am häufigsten durch die Referenz an den Beruf, das Amt oder den Stand des Namenträgers entstanden.

2.2 Die Produktivität der Motivgruppen in Belgien (Material: 2007)

Meine Untersuchung zur Häufigkeit der lexikalischen Motivgruppen im niederländischen Sprachraum habe ich für ganz Belgien anhand von neuerem Material – die Familiennamen des vollständigen belgischen Melderegisters vom 31.12.2007 – wiederholt. Die Liste des Melderegisters, die mir von der Generaldirektion Statistik und Wirtschaftsinformation Belgiens zur Verfügung gestellt wurde, enthält die Familiennamen aller Personen, die ihren Wohnsitz in Belgien haben, und die Frequenz jedes Namens pro Gemeinde. Das Material von 2007 wird der gegenwärtigen belgischen föderalen Staatsstruktur gerecht: Die ehemalige Provinz Brabant wurde in Flämisch- und Wallonisch-Brabant aufgeteilt, und die Familiennamen, die in der Region Brüssel-Hauptstadt vertreten sind, sind separat aufgelistet. Für jede belgische Provinz und für Brüssel wurden der prozentuale Anteil der fünf Motivgruppen an den 100 frequentesten Familiennamen berechnet und die am häufigsten vertretene Motivgruppe abgebildet (Karte 2).

2.2.1 Rufnamen

Im Vergleich zur Karte mit den Zahlen zum niederländischen Sprachraum von 1987 (Belgien) bzw. 1993 (Niederlande) hat der Anteil der Rufnamen an den 100 häufigsten Familiennamen in den flämischen Provinzen 20 Jahre später noch etwas zugenommen: von 56 % auf 61 % in Limburg, von 43 % auf 45 % in Antwerpen, von 32 % auf 34 % in Ost-Flandern. West-Flandern bleibt die einzige Provinz, in der ein anderes Motiv die ← 159 | 160 → Oberhand hat: Hier dominieren die Wohnstättennamen (32 %). Die Rufnamen schneiden in West-Flandern mit 23 % an zweiter Stelle ab.

Die Dominanz der Rufnamen im Osten von Flandern setzt sich bis nach Wallonien fort. Der Anteil der Rufnamen bei den 100 frequentesten Namen liegt in Lüttich (mit 62 %), Namür (mit 63 %) und in Luxemburg (mit 66 %) sogar noch höher als in Limburg. Auch in Hennegau bildete die Namensgebung nach dem Vater das produktivste Motiv (41 %), jedoch nähert sich der Prozentanteil der Rufnamen mehr an den ostflämischen Prozentsatz (34 %) an als an die Zahlen für die östlichen wallonischen Provinzen.

Die lexikalische Motivierung der germanischen bzw. romanischen Rufnamen in Belgien wird von einem Ost-West-Gegensatz geprägt. In Flandern zeichnet sich eine Grenze zwischen dem ingwäonischen und dem fränkischen Gebiet ab; in Wallonien zeigt sich eine Trennlinie zwischen dem pikardischen und dem wallonischen Gebiet.

2.2.2 Wohnstättennamen und Übernamen

Den Rufnamen folgen anteilsmäßig die Wohnstättennamen und die Berufsnamen. Erstere nehmen sowohl in Flandern als auch in Wallonien von Ost nach West zu (Karte 3).

Auch die Übernamen weisen einen Ost-West-Gegensatz auf: In den drei westlichsten belgischen Provinzen erreichen sie Werte von 14 % (Hennegau), 15 % (Ost-Flandern) bis 18 % (West-Flandern). In allen anderen östlicher gelegenen Provinzen wird ein Anteil von 10 % nicht überschritten (Karte 4).

2.2.3 Berufsnamen

Die Berufsnamen sind mit Prozentzahlen, die in allen Provinzen zwischen 12 und 22 liegen, geographisch ziemlich gleichmäßig über Belgien verteilt (Karte 5).

2.2.4 Herkunftsnamen

Die Kategorie der Herkunftsnamen ist am wenigsten vertreten: mit Ausnahme der Provinz Antwerpen (9 %), wo Herkunftsnamen häufiger sind als Übernamen, steht sie in der Rangordnung ganz unten. In Brüssel und Wallonisch-Brabant fehlen in der Liste der 100 häufigsten Namen die Herkunftsnamen völlig (Karte 6).

2.3 Die Familiennamen in der Hauptstadt Brüssel

Die zweisprachige Satzung der Hauptstadt Brüssel spiegelt sich in den Familiennamen wider.

Top-20 der häufigsten FN in Brüssel, 31.12.2007:

Peeters(ndl.)
Janssens(ndl.)
Dubois(fra.)
Jacobs(ndl.)
Mertens(ndl.)
Nguyen(ausl.)
Diallo(ausl.)
← 160 | 161 → Maes(ndl.)
Michiels(ndl.)
Martin(fra.)
Lambert(ndl.)
Dupont(fra.)
Simon(fra.)
Dumont(fra.)
Goossens(ndl.)
Leroy(fra.)
Willems(ndl.)
Benali(ausl.)
Laurent(fra.)
Leclercq(fra.)

Von den 20 häufigsten Brüsseler Namen sind acht niederländisch (alle Patronyme), neun französisch (4 Patronyme, 3 Wohnstättennamen, 2 Berufsnamen) und drei sind ausländischer, nicht-europäischer Herkunft: Nguyen (vietnamesisch), Diallo (guineisch), Benali (arabisch). Die gleichen Verhältnisse trifft man bei den 100 frequentesten Brüsseler Namen aus dem Jahr 2007 an: Davon sind 45 französisch, 39 niederländisch und 16 sind ausländische, außereuropäische Namen.

Die Vielfalt der Namen spiegelt den multikulturellen Charakter der Hauptstadt Brüssel wider. In den letzten Jahrzehnten haben sich große Gruppen nicht-westlicher Migranten in Brüssel niedergelassen. Zum Vergleich: 1987 gab es noch keine ausländischen Familiennamen in der Top-100-Liste von Brüssel; die 100 häufigsten Familiennamen verteilten sich dafür jedoch ziemlich gleichmäßig über 53 flämische und 47 romanische Familiennamen (Herbillon / Germain 1996: 878).

Außerdem geben die Familiennamen die weitgehende Französierung von Brüssel wieder. Auf Grund der Brüsseler Namensliste könnte man vermuten, dass Brüssel derzeit eben so viel niederländischsprachige wie französischsprachige Einwohner zählt, jedoch ist dies überhaupt nicht der Fall. Nur eine kleine Minderheit der Brüsseler Bevölkerung (9,3 %) ist in einer rein niederländischsprachigen Familie aufgewachsen, 51,5 % dagegen wurden ausschließlich auf Französisch erzogen (Janssens 2001, 34). Viele ursprünglich niederländischsprachige Brüsseler tragen zwar noch einen niederländischen Familiennamen – den sie gesetzlich nicht wechseln konnten –, aber haben im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die niederländische Sprache gegen das Französische getauscht (cfr. Janssens 2001, 43).

3 Die grammatikalische Bildung der Familiennamen

Appellative und Rufnamen konnten auf verschiedene Weisen zu Eigennamen umgeformt werden. Zur grammatikalischen Bildung der Familiennamen gibt es beiderseits der germanisch-romanischen Sprachgrenze ähnliche Möglichkeiten.

1. Juxtaposition: Der Name wird in einer Beiordnung hinter den Vornamen gestellt, z.B. Dekker, Jong, Lambrecht, Put, Amsterdam; Marchal, Petit, Pierre, Fontaine.

← 161 | 162 → 2. Voranstellung des Artikels, z.B. De(n) Dekker, De Jong, Den Uyl; Lejeune, Lafontaine.

3. Genitivierung mit der Genitivendung -s, -i oder -en, z.B. Deckers, Jongen, Lambrechts, Puts; Petri, Fabry. In manchen Fällen wird im Niederländischen außerdem ein Genitivmorphem vorgefügt, z.B. Smeyers, Slangen.

4. Bildung von Derivationen bzw. Kompositionen durch Suffigierung bzw. Zusammensetzung, z.B. Gysseling, Bekaert, Haanstra; Willemsen, Broekmans, Aertgeerts, Langenberg; Collin, Collard, Pierret, Grandjean, Petitfrere.

5. Voranstellung einer Präposition, ggf. mit dem Artikel kombiniert, z.B. Van Acker, Vandeputte, Ter Horst, Aendekerk; Dumont, Deprez, Delafontaine, Delcroix, Desruelles.

Wie die Beispiele zeigen, treten die unterschiedlichen Bildungsmöglichkeiten in mehreren lexikalischen Motivgruppen auf (cfr. Goossens 1995).

Nicht nur die lexikalische Motivierung, sondern auch der morphosyntaktische Aufbau der Familiennamen weist geographische Unterschiede auf. Im Folgenden wird die Verteilung der grammatikalischen Namentypen bei den Rufnamen, den Berufs- und Übernamen und den Wohnstättennamen dargestellt, sowohl im niederländischen Sprachraum, zu dem Flandern gehört, als auch in Wallonien.

3.1 Die Bildung der Rufnamen: Nominativ oder Genitiv

3.1.1 Der niederländische Sprachraum

Karte 7 stellt die Verteilung der Patronymtypen im niederländischen Sprachraum dar (cfr. Marynissen / Nübling 2010, 331–337). Die Karte wird von Genitivnamen dominiert. Bei der großen Mehrheit der niederländischen Patronyme setzt sich der Rufname im Genitiv durch das Suffix -s fort: z.B. Peeters, Janssens, Willems, Jacobs, Hendrickx, Mertens. Bei Metronymen oder bei Patronymen, die aus schwach flektierten männlichen Rufnamen entstanden sind, tritt – vor allem in Limburg – die schwache Genitivendung -en hervor, z.B. Baeten, Heylen, Rutten, Vrancken.

Darüber hinaus gibt es im Zentrum des Sprachraums ein Gebiet, wo neben den Namen mit -s-Endung die volle Verbindung -sone ‚Sohn‘ tradiert wird, im Niederländischen geschwächt zu -sen: Namenspaare wie Willems / Willemsen, Hendrickx / Hendriksen, Jacobs / Jacobsen treten hier als Varianten nebeneinander hervor.

Familiennamen aus juxtaponierten Patronymika beschränken sich in Flandern auf den Südwesten. Sie treten vorwiegend bei alten, zweisilbigen Rufnamen germanischer Herkunft auf, z.B. Lambrecht, Geeraert, Rombout. Auch im Westen von Flandern sind Genitivpatronyme wie Pieters, Willems, Martens, Roels usw. frequent vertreten.

3.1.2 Die romanischen Patronyme in Belgien
3.1.2.1 Nominativ

Die Rufnamen in Wallonien erscheinen prototypisch im Nominativ, siehe z.B. die Verbreitung des Namens Gérard in Belgien (Karte 8).

Die romanische Form des ursprünglich germanischen Namens Gerard ist in ganz Wallonien weit verbreitet. Bei Namen wie Simon, Michel, Guillaume, Louis, Lambert, ← 162 | 163 → Mathieu, Georges, Bernard, Bertrand und vielen anderen Patronymen sind ähnliche Verbreitungsbilder anzutreffen. Viele Wallonen haben einen Familiennamen, der formal identisch mit einem Vornamen ist, z.B. Louis Michel oder Michel Louis.

3.1.2.2 Genitiv

Nur bei den lateinischen Formen von christlichen Heiligennamen ist eine Genitivierung der Rufnamen möglich. Im Osten von Wallonien kommen neben den üblichen Nominativbildungen auch Varianten mit der Genitivendung -i / -y vor, z.B. Hubert / Huberty, Jacob / Jacobi, Nicolas / Nicolay, Paul(us) / Pauly, Petrus / Petri, Robert / Roberti, Gérard / Gerardy, Bernard / Bernardy, Bartholomé / Barthélemy.

Der Umfang der Verbreitung der Namen auf -i ist zwar pro Rufname verschieden, aber die lateinischen Genitivformen situieren sich in jedem Fall im Osten von Wallonien, in den Provinzen Lüttich, Luxemburg und Namür.

Auf Karte 9, mit der Verbreitung der Varianten von Jacob in Belgien, zeichnen sich drei Gebiete ab. Die niederländische Form mit dem -s-Genitiv (Jacobs) ist in ganz Flandern belegt, sie ist jedoch in der östlichen Hälfte Flanderns wesentlich frequenter als im Westen. Die niederländische Variante Jacobs ist außerdem im ganzen Norden von Wallonien ziemlich weit verbreitet. Hier wird die beträchtliche Migration von Flamen nach Wallonien im 19. und 20. Jahrhundert ersichtlich. In Wallonien ist der Nominativ Jacob die prototypische Form: Er wird in vielen wallonischen Gemeinden vorgefunden, aber bekommt im Osten von Wallonien Konkurrenz vom lateinischen -iGenitiv: Jacobi/Jacoby, dessen Formen sich in den Provinzen Lüttich und Luxemburg konzentrieren. Der lateinische Nominativ Jacobus ist einige Male an der Nordseeküste anzutreffen. Die Genitive Huberty, Nicolay / Nicolai / Nicolaij haben eine ähnliche Verbreitung wie Jacobi/Jacoby. Die Varianten von Bartholomy sind in Lüttich und im Süden von Luxemburg, aber auch in der Provinz Namür, gut vertreten.

Auf Karte 10, die die Morphemvarianten von Paul darstellt, konkurrieren die Nominativvarianten Paul und Paulus mit dem Genitiv Pauli / Pauly, der sich von der Provinz Lüttich bis zum Süd-Limburg erstreckt. Auch im Osten der Provinz Namür gibt es einige Träger des Namens Pauli / Pauly. Bei den Namen Petri / Petry, Roberti / Roberty und Gerardi / Gerardy liegt der Schwerpunkt der Genitivformen in der Provinz Lüttich; Sie erstrecken sich aber sowohl bis nach Süd-Limburg als auch bis in den Norden von Luxemburg.

Obwohl in Flandern und Wallonien ein unterschiedlicher grammatischer Typ vorherrscht, nämlich Genitiv- bzw. Nominativformen, stimmen die beiden Landesteile geographisch in dem Sinne überein, dass die seltenen niederländischen Nominativpatronyme, die nur in der westlichen Hälfte von Flandern bei alten zweistämmigen germanischen Namen wie Rombout, Geeraert, Lambrecht usw. vorkommen, sich in südlicher Richtung an die zahlreichen romanischen Nominativformen anschließen. Umgekehrt setzt sich die Verbreitung der seltenen romanischen Genitivpatronyme, die nur bei lateinischen Formen von christlichen Heiligennamen möglich sind und nur im Osten von Wallonien vorkommen, im östlichen flämischen Gebiet mit einer zahlenmäßigen Überlegenheit der -s-Genitivpatronyme fort.

← 163 | 164 → Die vielen französischen Rufnamen, die in Wallonien Familiennamen geworden sind, wie z.B. Georges, André, Mathieu, François, Etienne, Pierre, Jacques, Antoine usw. eignen sich nicht zur Genitivierung.

3.1.2.3 Hypokoristika und Diminutiva

Der wallonische Rufnamenschatz wird von einer Vielzahl an hypokoristischen und diminutivierten Patronymen ergänzt, z.B. Collard, Collin, Collignon, Collinet (< Nicolas), Pierlot, Piron, Pirard, Pierson (Hypokoristika von Pierre) und Pirkin, Piret, Pierret, Pierrot (Diminutive von Pierre). Von dem französischen Rufnamen Jacques sind Hypokoristika wie Jacquard, Jacquemin, Jacquemard, Jacquemotte, Jacquerez, Jacquot und Diminutiva wie Jacquet und Jacquemet abgeleitet (Debrabandere 1993, 262–263; 968–969; 649). Die Verbreitung einige dieser Suffixe ist schon von wallonischen Namenkundlern kartiert und kommentiert worden (Herbillon / Germain 1996: 899–904). Derartige, mit hypokoristischen Suffixen oder Diminutivsuffixen gebildete Patronyme kommen zwar auch in Flandern vor, aber in viel beschränkterem Maße als in Wallonien. Einige Beispiele sind Wuytack, Wuytens, Ghyssels, Reyntiens, Drieskens.

3.2 Die Bildung der Berufs- und Übernamen: Artikel oder Genitiv

3.2.1 Der niederländische Sprachraum

Karte 11 stellt die Morphemstruktur der Berufsnamen im niederländischen Sprachraum dar. Es lässt sich eine globale Dreiteilung des Sprachraums erkennen. In der nördlichen Hälfte des Sprachraums herrscht der artikellose Nominativtyp vor, z.B. Dekker, Bakker, Kuiper, Visser, Mulder usw. Im Südwesten zeichnet sich ein Gebiet mit vorangestelltem Artikel ab, z.B. De Backer(e), De Cuyper(e), De Meyer(e), De Ridder(e), De Poorter(e). Der Artikel erscheint nördlich des de-Gebiets bei manchen Namen, konditioniert durch den Anlaut, im Akkusativ: z.B. Den Bakker, Den Dekker, Den Hartog, Den Ridder (siehe Marynissen 2005, 110–111). Im Südosten des Sprachraums stehen Berufsnamen in der Regel im Genitiv: z.B. Deckers, Cuypers, Beckers, Slegers, Winnen. Eine auffällige Subkategorie des Genitivtyps bilden Namen mit sowohl präfigiertem als auch suffigiertem Genitivmorphem wie Smulders (< ‚des Müllers‘), Smeyers (< ‚des Meiers‘), Spaepen (< ‚des Papen‘). Das anlautende s, das vor m, p, w, l, g und vor Vokalen bis heute erhalten blieb, ist ein Rest des Genitivartikels, wie er auch in den niederländischen Zeitangaben ’s avonds, ’s ochtends konserviert ist (siehe auch Marynissen/Nübling 2010, 329–331).

Die niederländischen und flämischen Übernamen zeigen die gleichen Morphemtypen wie die mehrsilbigen Berufsnamen (Karte 12).

Auch die Verbreitung der Morphemtypen stimmt weitgehend mit der Verbreitung der mehrsilbigen Berufsnamen überein. Der einzige Unterschied zu den Berufsnamen ist, dass die einsilbigen Übernamen im Nominativareal in der Regel einen Artikel erhalten haben: z.B. De Lange, De Bruin, De Groot usw. Nur im Nordwesten, in der Randstad ← 164 | 165 → Holland, zeichnet sich ein Mischgebiet ab, in dem Übernamen mit und ohne Artikel alternieren: De Jong / Jong, De Rooij / Rooij (siehe auch Marynissen / Nübling 2010, 338–340).

3.2.2 Die romanischen Berufs- und Übernamen in Belgien
3.2.2.1 Genitivierung

Ebenso wie bei den Rufnamen eignen sich nur lateinische Formen von romanischen Berufsnamen zur Genitivierung mit -i / -y. Das einzige Beispiel für einen lateinischen Berufsnamen mit einer guten Verbreitung ist der Name Faber und seine Varianten (Karte 13).

Der Typ mit dem französischen Artikel Le (Lefè(b)vre) kommt in ganz Wallonien und in der westlichen Hälfte von Flandern, dem Gebiet mit vorangestelltem Artikel, vor. In West-Flandern erscheint der Artikel auch in niederländischer Form: Defever, Defevere. Die Genitivform Fabri / Fabry und ihre Varianten kontrastieren im Osten von Wallonien mit den Le-Formen: In den Provinzen Lüttich, Wallonisch-Brabant und Namür gibt es eine erhebliche Dichte des Namens Fabri. Ebenso wie bei den genitivierten Rufnamen Pauli, Jacobi und anderen erstreckt sich der Genitiv bis zum Norden von Luxemburg und bis nach Limburg. In dem pikardischen Teil von Wallonien fehlen die Genitivformen erwartungsgemäß. Der Ost-West-Gegensatz in Flandern zwischen Nominativformen mit vorangestelltem De im Westen (z.B. De Smet) und Genitivformen auf -s im Osten (z.B. Smets) setzt sich in Wallonien fort, mit dem Unterschied, dass die Formen mit dem französischen Artikel Le in ganz Wallonien vertreten sind.

3.2.2.2 Mit oder ohne Artikel

Bei den Berufsnamen und Übernamen, die auf ein französisches Etymon zurückgehen und dementsprechend nicht genitiviert werden können, ist die Silbenstruktur ausschlaggebend für die An- oder Abwesenheit eines Artikels. Einsilbigen Namen wie Lemaire, Lecomte, Leroy; Lejeune, Lebrun, Legrand, Lemoine, Legros, Leblanc, Lenoir usw. wird in der Regel ein Artikel vorangestellt. Bei mehrsilbigen Berufs- und Übernamen ist das in der Regel nicht der Fall, z.B. Mar(é)chal, Meunier, C(h)arlier, Parmentier, Brasseur, Barbier, Boulanger; Petit, Bruneau, Rousseau, Rosset, Noiret, Joly.

Familiennamen, die mit den Antonymen grand und petit gebildet wurden, sind in fast allen wallonischen Gemeinden präsent (Karte 14).

In grammatischer Hinsicht unterscheiden sich die großen Leute aber von den Kleinen. Bei dem einsilbigen Etymon grand ist so gut wie immer der Artikel Le vorangestellt worden, also Legrand, parallel zum niederländischen De Groot. Dahingegen fehlt bei den Familiennamen Petit der Artikel völlig. In West-Flandern erscheint der sprachlich hybride Name Degrand(e), mit niederlandisiertem Artikel de, ähnlich wie die ebenfalls westflämischen Berufsnamen Defever / Defevere.

Die Karte mit den Varianten von marchal und comte illustriert romanische Berufsnamen, die mit oder ohne Artikel gebildet werden können (Karte 15).

← 165 | 166 → Dem einsilbigen Etymon comte wird fast immer der Artikel Le vorangestellt, parallel zu Niederländisch De Graaf; beim zweisilbigen Etymon marchal fehlt dagegen der Artikel fast immer.

3.3 Die Bildung der Wohnstättennamen beiderseits der Sprachgrenze

In der Kategorie der Wohnstättennamen findet man an beiden Seiten der romanisch-germanischen Sprachgrenze eine große Menge von Namen, die sowohl in lexikalischer als auch in grammatischer Hinsicht auf analoge Weise gebildet wurden. Beispiele für flämische und wallonische Familiennamen mit demselben Grundwort und denselben grammatischen Elementen sind Vandenbosch / Dubois, Verbrugge / Dupont, Duprez / Vandermeersch, Verplaetse / Delplace, Verstraete / Delarue, Vandercruyssen / Delacroix, Vandecapelle / Delachapelle und viele andere.

3.3.1 Präposition

Bei Wohnstättennamen und Herkunftsnamen, die entweder den Wohnsitz oder die Herkunft des Namensträgers zum Ausdruck bringen, ist der Lokativ der prototypische Kasus, z.B. Vande(n)berg(h)(e)(n) / Dumont, Van Aken, De Roubaix. Sowohl in Flandern als auch in Wallonien werden Wohnstättennamen in der Regel mit vorangestellter Präposition und einem Artikel geformt. Die gegenseitigen Entsprechungen Vandenberghe bzw. Dumont kommen in fast ganz Flandern bzw. Wallonien vor, auch in flachen Gegenden (Karte 16).

3.3.2 Mit oder ohne Suffix / Endung

Weniger frequent, aber ebenso in den beiden belgischen Landesteilen vertreten, sind juxtaponierte Wohnstättennamen, z.B. Fontaine (in Flandern Fonteyne), Ruelle; Berg, Put, Beke. Im Niederländischen können Wohnstättennamen darüber hinaus im östlichen Genitivgebiet eine Genitivendung bekommen, z.B. Berg(h)s, Puts, Beeckx, eine Möglichkeit, die es im Französischen nicht gibt. Suffigierung ist in beiden Sprachgruppen möglich, z.B. Bergman(s), Broekaert; Bosquet, Croiset.

3.3.3 Mit oder ohne Artikel

Wohnstättennamen mit vorangestelltem Artikel ohne Präposition sind nur im Romanischen bekannt, z.B. Laruelle, Lacroix, Lafontaine. Eine Auswertung der vielfältigen Formen des Artikels und der Präposition in den wallonischen Familiennamen findet man in Herbillon / Germain 1996, 37–40. Als Beispiel für die mögliche Variation gelten die Varianten von Ruelle (Karte 17). Ruelle, Laruelle und Delaruelle sind die wichtigsten Varianten; Nebenformen sind Deruelle, Druelle, Desruelles und Delruelle.

Die germanischen und die romanischen Wohnstättennamen in Belgien sind größtenteils nach ähnlichen Mustern gebildet worden. Ein Ost-West-Gegensatz lässt sich in dieser Kategorie in Wallonien nicht nachweisen, da sich die französischen Etyma dieser Namen nicht zur Genitivierung mit einer Endung eignen. In Flandern ist der Gegensatz zwischen östlichen Genitivformen und westlichen Nominativformen zwar vorhanden, aber schwerer sichtbar als bei den Ruf-, Berufs- und Übernamen, da der Lokativtyp in dieser Kategorie allgemein vorherrscht, sowohl im Norden als auch im Süden von Belgien.

← 166 | 167 → 4 Staats- und Sprachgrenzen überschreitende rhein-maasländische Merkmale

4.1 Die Genitivierung mit -s, -en oder -i / -y

Die Genitivierung von Familiennamen überschreitet sowohl die romanisch-germanische Sprachgrenze als auch die Staatsgrenzen zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland. In einem großen rhein-maasländischen Areal haben zahlreiche Namen eine Genitivendung bekommen: entweder eine der germanischen Endungen -s oder -en oder die lateinische Endung -i / -y.

4.1.1 Die starke Genitivendung -s

Das starke Genitiv-s tritt im Südosten des niederländischen Sprachgebiets in allen Namenkategorien hervor, z.B. Peeters, Mertens; Cuypers, Custers; Molemans, Puts; Sterckx, Donckers; Vugts.

In Deutschland sind mit starkem Genitiv gebildete Patronyme (z.B. Derks, Peters, Wolters, Melchers) und Berufsnamen (z.B. Küppers, Kösters, Deckers, Beckers) vornehmlich im Westen des Bundeslandes anzutreffen. Patronyme im starken Genitiv dominieren im Nordwesten Deutschlands bis zum Emsland, während südlich davon, im Münsterland, am Niederrhein und im Rheinland bis zur Mosel, vor allem entsprechende Berufsnamen überwiegen (siehe Karte 6 in Heuser / Nübling 2010, 45).

In Belgien konzentrieren sich genitivierte Berufsnamen germanischer Herkunft wie Beckers und Deckers im Osten von Flandern, in Wallonien erstrecken sie sich bis zur angrenzenden Provinz Lüttich (Karte18).

Sie sind einerseits Zeugen der historischen Migration von Flamen in die wallonischen Industriegebiete ab dem 19. Jahrhundert, andererseits weisen sie auf die historischen Verbindungen zwischen der Grafschaft Loon und dem Fürstbistum Lüttich hin.

4.1.2 Die schwache Genitivendung -en

Die Genitivendung -en, mit der im Niederländischen vor allem Ruf- und Übernamen der schwachen Flexion (z.B. Rutten, Otten, Heynen; Haenen) und Übernamen aus substantivierten Adjektiven (z.B. Jongen, Langen, Kleinen, Grooten) flektiert werden, erreichen im niederländischen Sprachgebiet ihre höchste Frequenz in den beiden Provinzen Limburg (siehe Marynissen 2010, 27–29, Karten 10–11).

Dieser Namentyp setzt sich im deutschen Rheinland fort: Die stärkste Verdichtung zeigen die mit schwachem Genitiv gebildeten Familiennamen des Typs Rufname + -en (z.B. Otten) am Niederrhein im Raum Heinsberg, Erkelenz und Viersen. Ebenso ballen sich Berufsnamen mit schwachem Genitiv am Niederrhein, z.B. Scholten (Heuser / Nübling 2010, Karten 8 und 9, 47–48).

Auch in Wallonien ist bei bestimmten Familiennamen, die auf ein germanisches Etymon zurückgehen, die schwache Genitivendung vertreten.

Auf Karte 19 wird die Verbreitung der Patronyme Otten und Heinen / Heynen und der Übernamen Jongen und Ha(e)nen dargestellt. Ebenso wie bei den Berufsnamen auf -s setzen sich diese Namen von Limburg in der Provinz Lüttich fort. Der germanische ← 167 | 168 → Rufname Heinen ist außerdem in den zwei germanophonen Gebieten Walloniens, den Ostkantonen und in der Gegend von Arel, verbreitet.

4.1.3 Die lateinische Genitivendung -i / -y

Genitivierung mit der lateinischen Endung -i / -y ergibt sich nur bei lateinischen Formen von Berufsnamen und christlichen Heiligennamen als Möglichkeit: z.B. Fabri, Huberty, Jacobi, Nicolay, Pauly, Petri, Roberti, Gerardy, Bernardy, Barthélemy, Corneli, Philippy, Conradi. Die Verbreitung der einzelnen Genitivnamen auf -i in Belgien wurde unter 3.1.2 und 3.1.3. beschrieben. Lateinische Genitive kommen in Lüttich, Luxemburg und Namür, den drei östlichen Provinzen Walloniens, vor. Manche Namen erstrecken sich außerdem bis in den Süden von Limburg. Erwartungsgemäß ist dieser Namentyp auch im mittleren Westen von Deutschland und im Großherzogtum Luxemburg vertreten.

4.2 Die rheinische Velarisierung n > ng

Die rheinische Velarisierung n > ng, die vor allem im Ripuarischen und in den angrenzenden Gebieten verbreitet ist (Besch / Knoop 1983, 1132), hat im Rhein-Maas-Gebiet bei den Familiennamen ihre Spuren hinterlassen.

Die Widerspiegelung dieses Dialektmerkmals in deutschen Familiennamen ist vor kurzem im Band Konsonantismus des Deutschen Familiennamenatlas dokumentiert worden (Kunze / Nübling 2011, 786–797). Karte 354 stellt die Verbreitung der velarisierten Varianten Frings, Krings, Brings und Rings dar. Frings und Brings sind velarisierte Formen der patronymischen Kurzformen Fri(e)ns, Bri(e)ns, die auf den lateinischen Rufnamen Severinus zurückgehen. Krings, aus den Kurzform Kri(e)ns, geht auf den Rufnamen Quirinus zurück. Rings, aus Ri(e)ns, kann von Severinus oder Quirinus abgeleitet sein. Die vier kartierten Familiennamen mit velarem Nasal im Auslaut konzentrieren sich im ripuarischen Gebiet, das von Theodor Frings als Kernzone dieses Phänomens betrachtet wird (Besch / Knoop 1983, 1132). Belege für diese Velarisierung reichen ins 16. Jahrhundert zurück: in Köln Frings ‚Severinus‘ und Krings ‚Quirinus‘ (Besch / Knoop 1983, 1133).

Diese Velarisierung überschreitet die Staatsgrenzen: Velarisierte Kurzformen von diesen lateinischen Heiligennamen sind gleichfalls im Südosten der niederländischen Provinz Limburg, im Osten der belgischen Provinz Lüttich und im nördlichen Teil der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, die allesamt zum ripuarischen Dialektgebiet gehören, zu finden.

Die Karte mit der Verbreitung aller Voll- und Kurzvarianten von Severinus (Karte 20) ortet den Namen Frings im Süden von Niederländisch-Limburg, wo er mit den Varianten der Kurzformen Frijns / Fryns und den Varianten der Vollformen Severeyns / Severijns / Severens konkurriert.

Außerhalb des ripuarischen Gebiets haben sich nur die Vollformen als Familiennamen durchsetzen können. Die vollen Varianten mit der starken Genitivendung -s sind in Belgisch-Limburg und Antwerpen verbreitet, die Varianten Sever(e)ijnen, mit der schwachen Genitiv -en, sind in Nord-Brabant anzutreffen.

← 168 | 169 → Die Verteilung der Varianten des lateinischen Namens Quirinus unterscheidet sich in einigen Aspekten von den Severinus-Formen (Karte 21).

Die velarisierte Kurzform Krings erstreckt sich diesmal vom Südosten der belgischen Provinz Limburg bis in den Osten von Lüttich. Die Kurzformen Krijns, Krijnen und Varianten sind zahlreicher vertreten als die Vollformen Quirijns und Quirijnen, die sich im Großen und Ganzen auf dem Nordwesten der Provinz Antwerpen beschränken. Die Kurzformen mit schwacher Genitivendung (Crijnen, Krijnen, Crynen, Krynen) haben sich von ihrem Ursprungsgebiet Nord-Brabant bis in die Randstad Holland verbreitet.

Der aufgrund der rheinischen Velarisierung entstandene Konsonant -ng ist auch in Wohnstättennamen mit proklitischer Präposition in oder an + Artikel belegt: An den > Angen, an der > Anger, In den > Ingen, In der > Inger. Namen wie Angenendt und Ingenhaag sind nur am deutschen Niederrhein vertreten (siehe Karten 3–4 in Heuser / Nübling 2010, 41–43 und Karte 357 in Kunze / Nübling 2011, 791). Im Niederländischen sind die entsprechenden Wohnstättennamen Aangeveld, Angenent, Ingenbleek, Ingenhut, Ingenhoven, Ingendael, Ingenpas, Ingebos und ihre Varianten in einem südöstlichen Streifen vom Achterhoek bis zum Süden Limburgs beheimatet (siehe Marynissen 2010, Karte 14, 32–33).

Im belgischen Familiennameninventar gibt es eine weitere Reihe von Familiennamen, die in ihrer Orthographie Spuren einer velarisierten Aussprache aufweisen, aber von den germanischen Familiennamen mit rheinischer Velarisierung zu unterscheiden sind. Hierbei handelt es sich um ursprünglich romanische Familiennamen, die mit Suffixen mit einem nasalierten Vokal wie -in, -on, -an, gebildet sind und bei denen der Nasalkonsonant des Auslauts mit ng geschrieben wird. Sie weisen auf Velarisierung dieser romanischen Elemente bei Entlehnung ins Germanische hin, cfr. Limburgisch persóng (prison), sjampeljóng (champignon), charlatang (charlatan) (siehe Belemans 2001, 256–258).

Beispiele für Familiennamen mit -ng sind: Colling < Collin, Bastings < Bastin, Goffings < Goffin, Rasking < Raskin, Verding(h) < Verdin, Tossings < Toussaint, Marting < Martin, Allarding < Allardin, Lordong < Lourdon, Dussong < Duson, Cottong < Cotton, Bertrang < Bertrand, Flammang < Flammand, Bemong < Beaumont. Viele dieser Familiennamen kommen in Süd-Limburg (Goffings, Rasking, Verding(h), Bastings, Bemong) und / oder der Gegend von Lüttich (Collings, Bastings, Tossings) vor. Andere sind nur im germanophonen Teil der Provinz Luxemburg (Gegend von Arel) verbreitet: Allarding, Lordong, Cottong.

5 Schlussfolgerung

Die germanisch-romanische Sprachgrenze in Belgien bildet für die Familiennamen insofern eine Bruchlinie, als die Familiennamen in Flandern hauptsächlich mit niederländischen Appellativen, die wallonischen Familiennamen aber hauptsächlich mit französischen Appellativen gebildet worden sind.

Die Bildungsweise der Familiennamen selbst weist dagegen in beiden belgischen Landsteilen beträchtliche Parallelen auf. Die Ost-West-Gegensätze, die die flämischen ← 169 | 170 → Namen kennzeichnen, setzen sich in Wallonien fort. Sie überschreiten die Sprachgrenze. In Flandern kommt der alte Kontrast zwischen dem fränkischen und dem ingwäonischen Gebiet zum Ausdruck. In Wallonien setzt sich das Wallonische im Osten vom Pikardischen im Westen ab.

Im lexikalischen Bereich kontrastieren auf beiden Seiten der Sprachgrenze mit einer jeweils zahlenmäßigen Überlegenheit die Rufnamen im Osten zu den Wohnstättennamen und Übernamen im Westen.

In grammatischer Hinsicht setzt sich sowohl in Flandern als auch in Wallonien ein westliches Gebiet mit einer überwiegenden Anzahl von Nominativnamen – entweder juxtaponiert oder mit vorangestelltem Artikel – vom östlichen Areal mit einer Dominanz von Genitivnamen ab. Dieser grammatische Ost-West-Gegensatz ist in Wallonien weniger ausgeprägt als in Flandern, da sich nur ein beschränkter Teil des wallonischen Namenpotentials zur Genitivierung eignet. Im Osten von Wallonien konkurrieren die vorhandenen Genitivformen mit Nominativbildungen.

Das grammatische Merkmal der Genitivierung überschreitet nicht nur die germanisch-romanische Sprachgrenze in Belgien, sondern auch die Staatsgrenzen zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland. In einem großen rhein-maasländischen Areal haben verschiedene Familiennamen entweder eine germanische Genitivendung (-s / -en) oder eine lateinische Genitivendung (-i / -y) bekommen.

Auch die rheinische Velarisierung n > ng, ein Dialektmerkmal, das vor allem im Ripuarischen und in den angrenzenden Gebieten vertreten ist, überschreitet die Staatsgrenzen: Sie ist sowohl in niederländischen, belgischen, als auch in deutschen Familiennamen, die im rhein-maasländischem Gebiet beheimatet sind, zu finden.

Literatur

Belemans, R.: Hoe schrijft Jang van Zjier van Zjef de Smeed zich? Over Limburgers die niet naar Jan, Pier of Klaas genoemd zijn. In: De Tier, V. / Marynissen, A. m.m.v. Brok, H.: (red.) Het dialectenboek 6. Van de streek. De weerspiegeling van dialecten in familienamen, Groesbeek: Stichting Nederlandse Dialecten, 2001, 253–271.

Besch, W. / Knoop, U.: Dialektologie: Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, Band II, Berlin: De Gruyter, 1983.

Debrabandere, F.: Woordenboek van de familienamen in België en Noord-Frankrijk, L.J. Veen Amsterdam / Antwerpen, 2003.

Kunze, K. / Nübling, D. (Hrsg.): Deutscher Familiennamenatlas, Band 2: Graphematik / Phonologie der Familiennamen II: Konsonantismus, Verlag Walter de Gruyter Berlin / New York, 2011.

Herbillon, J. / Germain, J.: Dictionnaire des noms de famille en Belgique romane, Band I und II, Bruxelles, 1996.

Goossens, J.: Motiefgeografie van Nederlandse familienamen. In: Naamkunde 27, 1995, 1–31.

Goossens, J.: Namenklassen und ihre Spiegelung in der niederländischen Familiennamengeographie. In: Heuser, R. / Nübling, D. / Schmuck, M. (Hrsg.): Familiennamengeographie: Ergebnisse und Perspektiven europäischer Forschung, Berlin / New York: De Gruyter, 2011a, 43–60.

Goossens, J.: Buchbesprechung von Cornelissen, G. / Eickmans, H. (Hrsg): Familiennamen an Niederrhein und Maas. Von Angenendt bis Seegers / Zeegers. Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie / Academie Nederrijn, Band 9, Bottrop: Peter Pomp Verlag, 2010. In: Niederdeutsches Jahrbuch 134, 2011b, 177–179.

← 170 | 171 → Heuser, R. / Nübling, D.: Von Angenendt über Derix¸ Janssen und Terlinden bis Elspaß. Niederrheinische Familiennamen im Rahmen des Deutschen Familiennamenatlasses. In: Cornelissen, G. / Eickmans, H. (Hrsg): Familiennamen an Niederrhein und Maas. Von Angenendt bis Seegers / Zeegers. Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie / Academie Nederrijn, Band 9, Bottrop: Peter Pomp Verlag, 2010, 37–66.

Janssens, R.: Taalgebruik in Brussel. Taalverhoudingen, taalverschuivingen en taalidentiteit in een meertalige stad. Brusselse Thema’s / Thèmes Bruxellois / Brussels Themes 8, Brüssel, 2001.

Marynissen, A.: Die geographische Streuung der Familiennamentypen im niederländischen Sprachgebiet. In: Niederdeutsches Wort, Band 45, 2005, 105–120.

Marynissen, A.: Ursprung, Motivierung und Bildung von Familiennamen am Beispiel des niederländischen Sprachgebiets. In: Cornelissen, G. / Eickmans, H. (Hrsg): Familiennnamen an Niederrhein und Maas. Von Angenendt bis Seegers / Zeegers. Schriftenreihe der Niederrhein-Akademie / Academie Nederrijn, Band 9, Bottrop: Peter Pomp Verlag, 2010, 11–35.

Marynissen, A. / Nübling, D.: Familiennamen in Flandern, den Niederlanden und Deutschland – ein diachroner und synchroner Vergleich. In: Dammel, A. / Kürschner, S. / Nübling, D. (Hrsg.): Kontrastive Germanistische Linguistik. Themenband der Reihe ‚Germanistische Linguistik‘, Teilband 1, Hildesheim: Olms Verlag, 2010, 311–362.

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Karte 1: Die frequenteste Motivgruppe pro flämischer (1987) bzw. niederländischer (1993) Provinz

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Karte 2: Die frequenteste Motivgruppe pro belgischer Provinz (2007)

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Karte 3: Prozentanteil der Wohnstättennamen (Belgien)

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Karte 4: Prozentanteil der Übernamen (Belgien)

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Karte 5: Prozentanteil der Berufsnamen (Belgien)

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Karte 6: Prozentanteil der Herkunftsnamen (Belgien)

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Karte 7: Morphemstruktur der Patronyme (niederländischer Sprachraum)

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Karte 8: Der Familienname Gérard in Belgien

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Karte 9: Die Verbreitung der Varianten von Jacob (Belgien)

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Karte 10: Die Verbreitung der Varianten von Paul (Belgien)

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Karte 11: Morphemstruktur der Berufsnamen (niederländischer Sprachraum)

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Karte 12: Morphemstruktur der Übernamen (niederländischer Sprachraum)

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Karte 13: Varianten von lat. faber (Belgien)

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Karte 14: Familiennamen mit grand und petit mit oder ohne Artikel (Belgien)

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Karte 15: Die Varianten von marchal und comte mit oder ohne Artikel (Belgien)

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Karte 16: Die Verbreitung der Namensvarianten von berg bzw. mont (Belgien)

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Karte 17: Die Varianten von Ruelle (Belgien)

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Karte 18: Die genitivierten Berufsnamen Beckers, Deckers und ihre Varianten (Belgien)

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Karte 19: Familiennamen mit schwacher Genitivendung –en (Belgien)

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Karte 20: Voll- und Kurzformen von Severinus (niederländischer Sprachraum)

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Karte 21: Voll- und Kurzformen von Quirinus (niederländischer Sprachraum)

← 181 | 182 → Anhang

Prozentualer Anteil der lexikalischen Motivgruppen an den 100 häufigsten Familiennamen pro belgischer Provinz und Brüssel.

Material: Vollständig belgisches Melderegister, Stand 31.12.2007. Die Daten wurden mir von der Generaldirektion Statistik und Wirtschaftsinformation Belgiens zur Verfügung gestellt.

Es wurden fünf Motivgruppen unterschieden: Rufnamen, Berufsnamen, Wohnstättennamen, Herkunftsnamen und Übernamen. Die Kategorie ‚Rufnamen‘ enthält sowohl Vaternamen (z.B. Peeters, Janssens, Claes, Louis, Michel, Martin) als auch (viel seltenere) Mutternamen (z.B. Baeten, Achten, Luyten).

Die Kategorie ‚ausländischer Name‘, die nur in der Hauptstadt Brüssel belegt ist, enthält Namen, die weder flämischer noch wallonischer, sondern ausländischer Herkunft sind (z.B. N’Guyen, Diallo, Benali, Yilmaz, Bah, Hajji).

Herzlichen Dank an Andrea Theissing und Christina Weise für die Hilfe bei der Auswertung der Daten.

Provinz Antwerpen

RufN45.50 %
BerufsN13.00 %
WohnstättenN27.50 %
HerkunftsN9.00 %
ÜberN5.00 %

Provinz Flämisch-Brabant

RufN48.33 %
BerufsN18.33 %
WohnstättenN21.00 %
HerkunftsN4.50 %
ÜberN7.83 %

Provinz Limburg

RufN61.17 %
BerufsN16.67 %
WohnstättenN12.00 %
HerkunftsN2.50 %
ÜberN7.67 %

Provinz Ost-Flandern

RufN34.67 %
BerufsN19.67 %
WohnstättenN26.17 %
← 182 | 183 → HerkunftsN4.00 %
ÜberN15.50 %

Provinz West-Flandern

RufN23.00 %
BerufsN20.83 %
WohnstättenN32.17 %
HerkunftsN6.00 %
ÜberN18.00 %

Region der Hauptstadt Brüssel

RufN46.50 %
BerufsN18.00 %
WohnstättenN9.00 %
ÜberN10.50 %
ausländischer N16.00 %

Provinz Wallonisch-Brabant

RufN58.67 %
BerufsN16.50 %
WohnstättenN14.50 %
ÜberN10.33 %

Provinz Namür

RufN63.67 %
BerufsN12.83 %
WohnstättenN11.00 %
HerkunftsN2.00 %
ÜberN10.50 %

Provinz Hennegau

RufN41.00 %
BerufsN22.00 %
WohnstättenN22.00 %
HerkunftsN1.00 %
ÜberN14.00 %

Provinz Lüttich

RufN62.67 %
BerufsN13.83 %
← 183 | 184 → WohnstättenN11.00 %
HerkunftsN2.00 %
ÜberN10.50 %

Provinz Luxemburg

RufN66.50 %
BerufsN17.50 %
WohnstättenN5.50 %
HerkunftsN1.50 %
ÜberN9.00 %