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Die Politisierung der Oper im 19. Jahrhundert

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Maria Birbili

Gegenstand dieser Studie sind die Auswirkungen der Französischen Revolution auf die Oper des 19. Jahrhunderts. Unter Berücksichtigung der Oper der französischen Revolutionszeit, der neapolitanischen Oper unter französischer Herrschaft und der historischen Opern Rossinis für Paris wird die Grand opéra als Produkt eines Austauschprozesses zwischen Pariser Inszenierungstraditionen und italienischer musikalischer Formgebung interpretiert. Anhand neu aufgefundener Quellen läßt diese Studie eine zentrale Epoche der Operngeschichte des 19. Jahrhunderts in einem neuen Licht erscheinen, indem die häufig aggressive Dramaturgie der Grand opéra wie auch des italienischen Melodramma des Risorgimento als Konsequenz der Schreckenserfahrungen der Französischen Revolution gedeutet wird.
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14. Inzest

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Inzest

Trotz der mehrmaligen Vertonung des Ödipus-Stoffes in der Oper des 18. und des 19. Jahrhunderts588 war die Gattung Oper vor Meyerbeers Robert le Diable (1831) nie dazu gelangt, eine ambivalente, emotionale Beziehung zwischen Vater und Sohn darzustellen. Darstellungen der Liebe zwischen Elternteil und Kind waren vor allem im Bereich der bürgerlich orientierten opéra-comique beliebt. Diese Darstellungen bewegten sich jedoch stets im Bereich einer idealisierten Vorstellung der Familie, und es bestand in diesen opéra-comiques keinesfalls eine Zuspitzung des dramatischen Konflikts in inzestuöse, ambivalente Verhältnisse. Auch die Idee, Titelheld und Sohn als Spielball übersinnlicher Mächte zu präsentieren, steht der Ödipus-Thematik nahe, jedoch in Meyerbeers Robert le Diable wurde sie von der Dramaturgie der Klassik auf eine völlig neue Ebene gerückt und im Ambiente des französischen Romantisme zeitgemäß konkretisiert.

Die Figur des Titelhelden in Meyerbeers Robert le Diable ist weniger interessant, als der Operntitel es erwarten läßt. Roberts Charaktersignum ist die Unentschlossenheit, d.h. die Eigenschaft, die sich derzeitig als gattungseigentümliche Typologie der Grand opéra mit der Gestalt der Tenorpartie als »schwankender Held« etabliert hatte, mit Alphonse in Aubers La Muette de Portici und Arnold in Rossinis Guillaume Tell. Da Robert der von Meyerbeer erste erschaffene »schwankende Held« ist und da er aufgrund der Umstände seiner Entstehung zum Teil noch in der Ästhetik der opéra-comique verankert ist – ursprünglich unterschied sich die Figur dramaturgisch wenig vom Tenor buffo Raimbaud589 –, erscheint er...

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