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Kirche und Aufklärung zwischen Tradition und Aufbruch

Friedhelm Zubke

Der überwiegende Teil der Evangelischen und Katholischen Kirche ist in Formen der Tradition gefangen. Diese rückwärtsgewandte kirchliche Verkündigung erreicht viele Menschen des 21. Jahrhunderts mit ihren Erfahrungen nicht mehr. Auf Religionskritik der Aufklärung hat die Kirche ebenso halbherzig reagiert wie auf Initiativgruppen, die seit Jahrzehnten für eine Veränderung eintreten. Die Institution Kirche muss ihre Funktion als Teil der Gesellschaft annehmen. Diese Themenstellungen greift das Buch auf. Es drängt auf die Umsetzung aktueller Forderungen der Aufklärung und tritt dafür ein, dass Aufklärung zu einem Bestandteil kirchlicher Arbeit wird. Kirche muss prüfen, inwieweit Entwürfe zur gesellschaftlichen Erneuerung und Weiterentwicklung auch von ihr umzusetzen sind.
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1. Aufklärung – ein nicht abgeschlossener Prozess

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„>Es ist fast unmöglich die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen ohne jemandem den Bart zu sengen<“ (Lichtenberg 1971, S. 153 (Mat I 153)).1 Diesen Satz notierte sich Lichtenberg 1778 in sein Materialheft I. Mit einem eindrucksvollen Bild beschreibt Lichtenberg die Wirkung von Aufklärung. Niemand kann sich ihr auf Dauer entziehen. Winkel, in die die Fackel der Wahrheit einmal hineingeleuchtet hat, verändern sich. Nichts ist danach noch so wie vorher. Lichtenberg warnt zugleich davor, dort hineinzuleuchten, „wo es selbst für Dämmerung noch zu früh ist“. Das Vorhaben könnte „leicht Furcht erregen“. Dort jedoch, wo die „Fackel der Wahrheit“ mit Bedacht eingesetzt wird, ist ein Vertrauensvorschuss für Männer angebracht, die sich „einer so schweren Sache“ wie der Aufklärung verschrieben haben. (Lichtenberg 1968, S. 564 (F 741)) Für Aufklärung, versichert Lichtenberg, muss die Zeit reif sein. Das Vertraute, Gewohnte in einem anderen, fremden, bisher ← 1 | 2 →nicht erkannten Sinne darzustellen, müsse mit Bedacht erfolgen. Nach einer weiteren Sudelbucheintragung, wie die unter F 741 1777 verfasst, kann eine zaghafte Form von Aufklärung erkannte Wahrheit behindern: „Das heißt man soll mit dem Licht der Wahrheit leuchten, ohne einem den Bart zu sengen.“ (Lichtenberg 1968, S. 516 (F 404)) Aufklärung dieser Art mutet niemandem etwas zu. Sie hat nicht die Kraft zur Veränderung.

Fünf Jahre nach Lichtenberg hat Kant 1783 so einmalig Aufklärung definiert, dass trotz ihres h...

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