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Kirche und Aufklärung zwischen Tradition und Aufbruch

Friedhelm Zubke

Der überwiegende Teil der Evangelischen und Katholischen Kirche ist in Formen der Tradition gefangen. Diese rückwärtsgewandte kirchliche Verkündigung erreicht viele Menschen des 21. Jahrhunderts mit ihren Erfahrungen nicht mehr. Auf Religionskritik der Aufklärung hat die Kirche ebenso halbherzig reagiert wie auf Initiativgruppen, die seit Jahrzehnten für eine Veränderung eintreten. Die Institution Kirche muss ihre Funktion als Teil der Gesellschaft annehmen. Diese Themenstellungen greift das Buch auf. Es drängt auf die Umsetzung aktueller Forderungen der Aufklärung und tritt dafür ein, dass Aufklärung zu einem Bestandteil kirchlicher Arbeit wird. Kirche muss prüfen, inwieweit Entwürfe zur gesellschaftlichen Erneuerung und Weiterentwicklung auch von ihr umzusetzen sind.
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2. Aufklärung als Religionskritik

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Der nach der Reformation einsetzende Säkularisierungsprozess, also die Ablösung des Weltlichen vom Religiösen, hat nach Dietrich Bonhoeffer zu einer radikalen Veränderung protestantischer Sicht geführt: „Intellektuelle Redlichkeit in allen Dingen, auch in Fragen des Glaubens, war das hohe Gut der befreiten ratio“, schreibt er in seiner „Ethik“. Diese Einsicht ist für Bonhoeffer unumkehrbar. Er bezieht sich dabei auf zwei Denker der Aufklärung: „Hinter Lessing und Lichtenberg können wir nicht mehr zurück“, versichert Bonhoeffer. (Bonhoeffer 1992, S. 102, 106)6 Religion stellt Bonhoeffer in die Nähe von Aufklärung. „Aufklärung ist Religionskritik“, schreibt Herbert Schnädelbach, „beides ist wesentlich dasselbe.“ (Schnädelbach 2009, S. 12)

Unter den Religionskritikern der Aufklärung nehmen Lessing und Lichtenberg eine herausgehobene Position ein. Ihr Leben und ihre Kritik an Religion weisen auffällige Übereinstimmungen auf. Am 22. Januar 1729 wird Gotthold Ephraim Lessing in Kamenz, Lausitz, als drittes Kind des Pastors an der Kamenzer St. Marienkirche, Johann Gottfried Lessing, geboren. Als Lessing 13 Jahre alt ist, erblickt in Oberramstadt, einem kleinen Ort bei Darmstadt, Georg Christoph Lichtenberg am 1. Juli 1942 als siebzehntes und jüngstes Kind das Licht der Welt. Auch der Berliner Aufklärer Moses Mendelssohn, Übersetzer des Pentateuch und der Psalmen, mit dem Lessing seit 1754 eine enge Freundschaft unterhielt, wurde wie er 1729 geboren. Lichtenbergs Vater Johann Conrad Lichtenberg, Pfarrer in Oberramstadt, zieht drei Jahre später, 1745, nach ← 13 | 14 →Darmstadt, wohin er als Erster Stadtprediger berufen worden...

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