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Morgenland und Moderne

Orient-Diskurse in der deutschsprachigen Literatur von 1890 bis zur Gegenwart

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Axel Dunker and Michael Hofmann

Die Ereignisse nach dem 11. September 2001 und die jüngsten gesellschaftlichen Umbrüche im Nahen Osten, der Irak-Krieg, der Bürgerkrieg in Syrien, der fortdauernde Konflikt in Afghanistan, aber auch die interkulturellen Probleme innerhalb Deutschlands machen deutlich, wie wichtig die Bilder und Vorstellungen sind, die sich der «Westen» vom traditionell auf den Begriff des «Orients» gebrachten Nahen und Mittleren Osten macht. Die Beiträge dieses Bandes geben Aufschlüsse über das Verhältnis von Identität und Alterität, von Selbst- und Fremdbildern im Verhältnis der deutschen Kultur und Gesellschaft zum «Orient».
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Dieter Heimböckel: Der Orient-Diskurs in der Kultur- und Zivilisationskritik um 1900

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Meine Ausführungen haben eine Vorgeschichte. Sie fällt in die Jahre zwischen 1897 und 1899 und beginnt mit der Veröffentlichung von Walther Rathenaus antisemitischem Pamphlet Höre, Israel! in Maximilan Hardens Die Zukunft und endet mit dessen Eintritt in das Direktorium der AEG, eines der seinerzeit nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit führenden Elektrounternehmen. Nach heutigen Maßstäben agierte die AEG global, und ihr nachmaliger Präsident war jemand, den man im aktuellen Sprachgebrauch als Global Player bezeichnen könnte. Thomas P. Hughes nannte Rathenau einen „system builder“,1 Wolf Lepenies eine „Megaperson“.2 Wie war es aber möglich, dass einer wie Rathenau, der selbst jüdischer Herkunft war, judenkritisch schrieb, national dachte und global handelte, Engstirnigkeit und Weit- bzw. Weltläufigkeit in einer Person wie selbstverständlich verband? Man hat aus dieser Frage, was seine Persönlichkeitsstruktur anbelangt, einen faustischen Widerspruch konstruieren wollen und dabei lange Zeit Rathenaus eigener Mythenpolitik widerspruchslos Gefolgschaft geleistet.3 Dass er „kulturkritisch die Auswirkungen der Ökonomie wahrnimmt, jedoch nicht deren Logik“, ist aber weder Resultat einer „gespalteten Sehkraft“4 noch sonst wie disparaten Zügen seiner Persönlichkeit zuzuschreiben, sondern folgt im weitesten Sinne einer diskursiven Praxis, die sich in der (ersten) Moderne als ein Modus der Selbstverständigung und Selbstvergewisserung etabliert hat. In schutzzonalen Kategorien zu denken und zu handeln, ist ihr wesentlich und gleichzeitig ein, wenn nicht das zentrale Bestimmungsmerkmal einer jeden Kulturkritik. Dazu aber später im Einzelnen mehr.

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