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Morgenland und Moderne

Orient-Diskurse in der deutschsprachigen Literatur von 1890 bis zur Gegenwart

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Axel Dunker and Michael Hofmann

Die Ereignisse nach dem 11. September 2001 und die jüngsten gesellschaftlichen Umbrüche im Nahen Osten, der Irak-Krieg, der Bürgerkrieg in Syrien, der fortdauernde Konflikt in Afghanistan, aber auch die interkulturellen Probleme innerhalb Deutschlands machen deutlich, wie wichtig die Bilder und Vorstellungen sind, die sich der «Westen» vom traditionell auf den Begriff des «Orients» gebrachten Nahen und Mittleren Osten macht. Die Beiträge dieses Bandes geben Aufschlüsse über das Verhältnis von Identität und Alterität, von Selbst- und Fremdbildern im Verhältnis der deutschen Kultur und Gesellschaft zum «Orient».
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Mirjam Springer: „gewohnter blick durchs okular“ – Thomas Klings wolkenstein. mobilisierun’

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Im Frühsommer 1992 ist die „annäherung an den erfahrenen einäugigen dichter“3 gerade in vollem Gange: Übersetzungsversuche werden gestartet, Kling ‚schafft sich rein‘,4 sucht Spuren in Landschaft, Kunst und Texten, betreibt „exzessive Recherchen philologischer wie journalistischer Art“, die für ihn grundsätzlich „vor dem Schreibakt stehen“.5 In jenem Frühsommer wahrscheinlich wirft sich Thomas Kling vor Oswalds Gedenkstein im Brixener Dom in Positur. 1408 hatte Oswald den Stein aus weißem Marmor fertigen und anbringen lassen – schön beschrieben in Dieter Kühns Wolkenstein-Biographie:

die lebensgroße Selbstdarstellung eines feschen Kreuzfahrers mit gezwirbeltem Schnurrbart, gewelltem Kinnbart, onduliertem Haar, mit Harnisch, Kampfrock, Rittergurt und Langschwert, in der rechten Hand ein Kreuzfahrerwimpel, in der linken ein Helm mit gewundenen Hörnern, aus denen standesübliche Pfauenfedern ragen.6

Die Kreuzzüge waren da freilich schon 117 Jahre vorbei7 (aber natürlich nicht das Gemetzel unter den Heiden, im Osten, in Litauen, etwa, von dem auch Oswald ein Lied zu singen weiß; von seiner Beteiligung in Nordafrika wird noch ← 151 | 152 → die Rede sein). Solche Steine bestellte man vor einer „Pilgerfahrt ins Heilige Land: […] als sichtbares Gelöbnis. Und zugleich als Grabstein für den Fall, daß man nicht zurückkehrte“.8 Oswald als Kreuzfahrer – Selbststilisierung, historisches Rollenspiel, Pose, Inszenierung. 1992 dicht davor: Thomas Kling. Das Motiv ist bekannt, Knipseralltag an solchen Stätten der Verehrung nach dem Motto „Stell Dich mal da hin“, doch Klings komische Oswald-Imitation (wie immer mit arrogant-ironischem Blick) schafft...

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