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Wissenstexturen

Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen

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Edited By Gunhild Berg

Literarische Gattungen sind Wissensformate und -praktiken. Sie form(ul)ieren, organisieren, strukturieren, kurzum: texturieren Wissen. Der Band geht der Frage nach, welches Wissen Gattungen mithilfe der ihnen eigenen Texturen wie arrangieren. Welches Gattungswissen wird tradiert? Welche extratextuellen Objekte, Muster oder Bilder wirken in literarischen Gattungen? Die Beiträge analysieren etablierte ebenso wie originelle, kurzlebige Gattungen des späten 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Entstehung und Veränderung epistemische Brüche markieren. Dazu zählen Idylle, Novelle, Fragment, Rhapsodie, Ansicht, Porträt, Denkmal, Galerie, Panorama, Guckkasten, Daguerreotypie, Zukunftsbild, Experimentalroman, Studie, Dialogroman und Tatsachenroman.
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Das wissenschaftliche Gebirgspanorama und panoramatisches Schreiben um 1800

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← 42 | 43 → Sarah Ruppe

Das wissenschaftliche Gebirgspanorama stellt eines jener Medien um 1800 dar, an denen die Transformationen hin zu modernen Formen von Wissenschaft, Poetik und Gesellschaft manifest werden. Es eignet sich als Beleg für die These, dass Formen von Wissenserwerb und Wissensgestaltung „bestimmte Repräsentationsweisen ausbilde[n]“.1 Literarische Texte können Wissensrepräsentationen aufgreifen, die nicht ursprünglich literarisch sind. Sie transformieren sie in Wissenstexturen, in Textsorten und Schreibweisen, die außerliterarisches Wissen in poetische Strukturen ummünzen. Dieser Vorgang der Fiktionalisierung schafft Modelle neuer Wissensordnungen.

Das wissenschaftliche Gebirgspanorama ist Ausdruck der Faszination für die alpinen Hochgebirge, die um 1700 aufkam und bis um 1800 eine große Zahl an wissenschaftlichen, künstlerischen und poetischen Arbeiten hervorbrachte. Seit dem frühen 18. Jahrhundert entstand die Vorstellung von einer der Natur und dem Naturrecht angemessenen Lebensweise der Schweizer, die narrativ aufs Engste mit der Entstehung und der Form der Alpengebirge verbunden wurde.2 Dieser „Mythos Schweiz“ entstand durch zwei komplementäre Bewegungen: die wissenschaftliche und die ästhetische Erschließung der Gebirge.

Englische Autoren wie Joseph Addison (1672-1719) und Anthony Ashley-Cooper, Earl of Shaftesbury (1671-1713) prägten die erhabene Wahrnehmung der Alpen. Seit den Forschungsreisen Johann Jakob Scheuchzers (1672-1733) und den um 1740 aufkommenden statistischen Beschreibungen einzelner Orte und Regionen3 begann in den zahlreichen privaten Aufklärungssozietäten die Erschließung, Vermessung und Kartierung der Schweiz.4 Im Laufe der statistischen Erforschung bildeten sich spezifische Wissensrepräsentationen heraus, Schreibweisen zur Darstellung von Land und...

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