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Wissenstexturen

Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen

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Gunhild Berg

Literarische Gattungen sind Wissensformate und -praktiken. Sie form(ul)ieren, organisieren, strukturieren, kurzum: texturieren Wissen. Der Band geht der Frage nach, welches Wissen Gattungen mithilfe der ihnen eigenen Texturen wie arrangieren. Welches Gattungswissen wird tradiert? Welche extratextuellen Objekte, Muster oder Bilder wirken in literarischen Gattungen? Die Beiträge analysieren etablierte ebenso wie originelle, kurzlebige Gattungen des späten 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Entstehung und Veränderung epistemische Brüche markieren. Dazu zählen Idylle, Novelle, Fragment, Rhapsodie, Ansicht, Porträt, Denkmal, Galerie, Panorama, Guckkasten, Daguerreotypie, Zukunftsbild, Experimentalroman, Studie, Dialogroman und Tatsachenroman.
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Porträts, Denkmäler, Galerien. Zur Genese bildhafter Denkfiguren in der Biographik um 1800

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Im deutschsprachigen Raum entwickelt sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstmals eine breit gefächerte Debatte um Form und Funktion der Lebensbeschreibung als historisch-psychologischer Gattung. Das Thema ist virulent. Mit Johann Georg Wiggers Ueber die Biographie liegt 1777 die erste Monographie vor, die sich explizit um einen theoretischen Aufriss bemüht. Bereits in den vorangegangenen Jahren war eine Reihe kürzerer Schriften erschienen, die den erkenntnistheoretischen, pädagogischen und anthropologischen Status biographischen Wissens diskutieren.1 Die zeitgenössische Fokussierung auf den Menschen als zentralen Bezugspunkt wissenschaftlichen Fragens hatte das Bedürfnis nach der empirisch-narrativen Erschließung von Lebensverläufen als komplexen Erfahrungsgefügen genährt. Indem das individuelle Bewusstsein nicht nur als Gegenstand, sondern auch als Horizont und Grenze des Wissens verstanden wird, sieht sich die Biographik allerdings vor dem Problem, dass tradierte Figurationen dessen, was über einen Menschen gesagt, mithin auch gedacht und jedenfalls kognitiv vermittelt werden kann, in ihrer zeitlosen Gültigkeit in Frage gestellt werden müssen.

Vordringlich ist es ein Paradigmenwechsel in der Konzeptualisierung von Vergangenheit, der eine diskursive Neuverortung biographischer Schreibweisen erzwingt. Die Vorstellung von Geschichte als „universale[m] Ereigniszusammenhang“2 und eine zunehmende Skepsis gegenüber der „Stetigkeit der menschlichen Natur“3 relativieren den bis dahin unumstrittenen didaktischen Wert der Biographik. Ebenso muss das ambitionierte aufklärerische Programm einer wissenschaftlichen Systematisierung empirischer Gemütserkenntnis schon bald durch die Einsicht in die Komplexität des erschlossenen Wissens und die Erkenntnisgrenzen psychologischer Einfühlung in seinem Anspruch deutlich eingeschr...

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