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Wissenstexturen

Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen

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Edited By Gunhild Berg

Literarische Gattungen sind Wissensformate und -praktiken. Sie form(ul)ieren, organisieren, strukturieren, kurzum: texturieren Wissen. Der Band geht der Frage nach, welches Wissen Gattungen mithilfe der ihnen eigenen Texturen wie arrangieren. Welches Gattungswissen wird tradiert? Welche extratextuellen Objekte, Muster oder Bilder wirken in literarischen Gattungen? Die Beiträge analysieren etablierte ebenso wie originelle, kurzlebige Gattungen des späten 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Entstehung und Veränderung epistemische Brüche markieren. Dazu zählen Idylle, Novelle, Fragment, Rhapsodie, Ansicht, Porträt, Denkmal, Galerie, Panorama, Guckkasten, Daguerreotypie, Zukunftsbild, Experimentalroman, Studie, Dialogroman und Tatsachenroman.
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Wissen vom (Un)Reinen: Zum diskursiven Zusammenspiel von Idylle und Moderne

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← 144 | 145 → Barbara Thums

Folgt man der wichtigen Studie Purity and Danger (1966) der Kulturanthropologin Mary Douglas, stellt sich die Unterscheidung zwischen Reinheit/Reinigung und Unreinheit/Verunreinigung immer in Zeiten kulturellen Krisenbewusstseins ein.1 Dieser Befund bestätigt sich mit Blick auf Kulturen der Moderne. Konzepte der Reinheit und Praktiken der Reinigung sind seit dem 18. Jahrhundert untrennbar verbunden mit der kulturellen Selbstverständigung über Modernisierungsprozesse, an der Literatur und Ästhetik im Austausch mit anderen Wissensformen beteiligt sind. Die kritische Analyse solcher Modernisierungsprozesse stellt der an Technik und Fortschritt orientierten modernen Bearbeitung der Natur häufig das Glücksversprechen der Idylle gegenüber. Moderne und Idylle bilden offenbar die beiden Seiten einer Medaille – dies zeigt der Blick auf die Gattungsgeschichte der Idylle, aber auch der auf die Gattungsdiskussion,2 in der mit dem Postulat einer Reinheit der Gattungen ein Rest an gemischten Gattungen produziert wird: Zu letzteren wird die Idylle gerechnet, da diese Konzepte des Reinen und Unreinen verhandelnde Gattungshybride „zu gleicher Zeit lyrisch, dramatisch und episch sein kann“.3

Die transdisziplinäre Thematisierung dieser diskursiven Verbindung von Reinheit und Moderne, ebenso die dabei reflektierten Mensch-Umweltbeziehungen und organisch-ökologischen Wechselbeziehungen zwischen Natur und Kultur werden zudem organisiert über zeitliche und räumliche Ordnungsvorstellungen: Die Vorstellung von Reinheit ist einerseits untrennbar verknüpft mit Reinigungspraktiken und Prozessen der Ausschließung von all dem, was als unrein wahrgenommen wird. Andererseits wird das Reine stets als abgeschlossener Bezirk gedacht, so dass jede Grenzüberschreitung und alles Transgressive ← 145 | 146 → eine Gefährdung...

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