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Die soufflierte Stimme: Text, Theater, Medien

Aufsätze 1979-2012

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Helga Finter

Ist die Stimme nur Toninstrument für Sprache oder ist ihr Klang selbst signifikant? Wer spricht, was singt in einer Stimme? Welche Rolle spielt ihre Theatralisierung für Subjekt-, Körper- und Sprachkonzepte? Wie schafft Stimme Präsenz? Wie eine Signatur? Wie wird ein Ursprung der Stimme, wie Audiovision dramatisiert? Welchen Einfluss hat der Einsatz von Mikrofon, Lautsprecher, Sound-Design? Was bewirken Aufzeichnungstechnologien? Welche Rolle haben akusmatische Stimmen? Was kennzeichnet eine Ethik der Stimme, eine Stimm-Politik? Wie verhält sich die poetische zur Autorenstimme? Auf solche Fragen antwortet dieser Band mit Analysen der Praxis von (experimentellem) Theater, Oper, Tanz, Medien, wie auch von poetisch strukturierten Texten, die performativ eine Ästhetik der Stimme entwerfen.
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Stimmkörperbilder.

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Ursprungsmythen der Stimme und ihre Dramatisierung auf der Bühne

F.M. Dostojeweskis Bobók. Aufzeichnungen eines Ungenannten, 1873 in der Zeitschrift Grashnadin in Sankt Petersburg veröffentlicht, beschreibt ein Gespräch postmortaler Stimmen, die der Ich-Erzähler im Anschluss an ein Begräbnis auf dem Friedhof seiner Heimatstadt belauscht. Obwohl er sie gedämpft, „als spräche man mit einem Kissen vor dem Mund“,1 vernimmt, sind diese Stimmen für ihn so gut hörbar, dass er eine subtile Aufzeichnung ihrer Eigenschaften zu geben vermag. Die Notationen von Höhe, Rhythmus, Intonation, Melos, Klangfarbe, Timbre, Geräuschen und suggerierten Affekten erlauben dem Leser, die Stimmkörper dieser auditiven Halluzination zu imaginieren und sie Körpern von Personen zuzuschreiben.

In diesem Text wird die Stimme als letzte vitale Manifestation, als Kondensat der Seele und des Bewusstseins präsentiert, welche noch drei bis vier Monate nach dem physischen Ableben sich behauptet. Die letzte Lebensäußerung ist vokal, ihr Verstummen zeigt sich durch eine Lautakkumulation an, als ein Blubbern von sinnlosen Lauten, als bobók, der Transkription einer russischen Onomatopöie, welche den Ton nachahmt, der beim Platzen von Luftblasen an der Oberfläche des Wassers zu hören ist.

Dostojewskis Bobók gehört in die Reihe von Texten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die, wie zum Beispiel Edgar Allen Poes Shadow oder Alfred Jarrys Phonographe, nicht nur die Frage nach einem sinnlich erfahrbaren Überleben der menschlichen Stimme am Vorabend der Erfindung...

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