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Die soufflierte Stimme: Text, Theater, Medien

Aufsätze 1979-2012

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Helga Finter

Ist die Stimme nur Toninstrument für Sprache oder ist ihr Klang selbst signifikant? Wer spricht, was singt in einer Stimme? Welche Rolle spielt ihre Theatralisierung für Subjekt-, Körper- und Sprachkonzepte? Wie schafft Stimme Präsenz? Wie eine Signatur? Wie wird ein Ursprung der Stimme, wie Audiovision dramatisiert? Welchen Einfluss hat der Einsatz von Mikrofon, Lautsprecher, Sound-Design? Was bewirken Aufzeichnungstechnologien? Welche Rolle haben akusmatische Stimmen? Was kennzeichnet eine Ethik der Stimme, eine Stimm-Politik? Wie verhält sich die poetische zur Autorenstimme? Auf solche Fragen antwortet dieser Band mit Analysen der Praxis von (experimentellem) Theater, Oper, Tanz, Medien, wie auch von poetisch strukturierten Texten, die performativ eine Ästhetik der Stimme entwerfen.
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Ubu spricht.

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Ubu als Maske, Marionette und Stimme

Seit den Anfängen des Theaters sind Maske und Marionette eng verbunden. Die Suche nach einem neuen, anderen Theater lässt Dramatiker wie Regisseure seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder auf diesen Zusammenhang stoßen. So versteht Edward Gordon Craig zum Beispiel, der sich gleichermaßen mit Maske und Marionette auseinandersetzt – so in seinem 1908 veröffentlichten Aufsatz „The Actor and the Über-Marionette“1 –, das Puppentheater in Asien wie auch in Ägypten, das er mit Herodots Beschreibung des Tempel-Theaters in Theben zitiert, als sakrale Vorgeschichte des Theaters.2

Doch vor Craig hatte schon Alfred Jarry mit seinem Ubu roi den Zusammenhang von Maske und Marionette auch szenisch exemplarisch erforscht und mit dieser praktischen Kritik des Theaters zugleich auch die epistemischen Implikationen dieser Verbindung zu reflektieren ermöglicht. Seine Politik einer neuen Darstellung sucht so auf der ästhetischen Ebene ein Pendant zur Anamnese willkürlicher Machtausübung auf der Textebene zu schaffen, um der Perzeption des Zuschauers die (Selbst-)Erkenntnis des eigenen Heterogenen oder ‚Bösen‘ zu ermöglichen.

Die Bühnenfigur Ubu ist als eine mechanisierte Maske konzipiert, welche das Heterogene bestimmter Commedia-dell’arte-Masken aufnimmt und weiterentfaltet.3 Diese Struktur konnte jedoch erst bei der Darstellung der Figur durch eine Marionette sichtbar werden. Die Marionette lässt das Verdrängte der Commedia-dell’arte-Maske aufscheinen: Mit Ubu wird so das dem humanistischen Menschenbild Heterogene, das die Maske verbildlichte, als Bühnenfigur kondensiert: Sie zeigt das Böse einer narzisstischen inneren Statue,...

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