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Die soufflierte Stimme: Text, Theater, Medien

Aufsätze 1979-2012

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Helga Finter

Ist die Stimme nur Toninstrument für Sprache oder ist ihr Klang selbst signifikant? Wer spricht, was singt in einer Stimme? Welche Rolle spielt ihre Theatralisierung für Subjekt-, Körper- und Sprachkonzepte? Wie schafft Stimme Präsenz? Wie eine Signatur? Wie wird ein Ursprung der Stimme, wie Audiovision dramatisiert? Welchen Einfluss hat der Einsatz von Mikrofon, Lautsprecher, Sound-Design? Was bewirken Aufzeichnungstechnologien? Welche Rolle haben akusmatische Stimmen? Was kennzeichnet eine Ethik der Stimme, eine Stimm-Politik? Wie verhält sich die poetische zur Autorenstimme? Auf solche Fragen antwortet dieser Band mit Analysen der Praxis von (experimentellem) Theater, Oper, Tanz, Medien, wie auch von poetisch strukturierten Texten, die performativ eine Ästhetik der Stimme entwerfen.
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Vorwort

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Die junge Frau kleidet ein mit Zikaden und Zungen übersätes Gewand aus schillerndem Stoff, ihr Mund ist weit geöffnet. Auf ihrem Haupt nistet eine Schwalbe, die aufrecht im Nest steht und singt. Auf ihrer rechten Hand trägt sie eine Krähe. So bestimmt Cesare Ripas Bilderlehre, seine Iconologia1 in der Ausgabe von 1618, die Attribute einer allegorischen Figur, der Loquacità, Personifikation von „Beredsamkeit“ oder „Geschwätzigkeit“. Gesäumt von Schwalbengezwitscher und Krähenkreischen, von Zikadenschlag und fremden Zungen, ertönt, wie auf dem beigefügten Holzschnitt2 der geöffnete Mund der Figur andeutet, eine aus fremden Quellen gespeiste Stimme. Von Vögeln, Insekten oder fremden Zungen eingeflößt, sind Sprech- oder Gesangsstimme hier dem Animalischen nahe, Glück (die Schwalbe) oder Unheil (die Krähe) an- und herbeirufend. Diese von fremden Stimmen ein- und vorgegebene Stimme ist vom Körper getrennt, doch zugleich konturiert sie diesen, wie ein Gewand. So verdichtet die Darstellung der Loquacità zugleich das Bild einer soufflierten Stimme, weshalb sie als figura für den Umschlag dieses Bandes gewählt wurde.

Sänger haben schon immer gewusst, dass ihre Stimme nicht ihr Eigen ist, auch wissen sie um deren Fragilität, weshalb sie sie pflegen und hegen – „hätscheln wie eine Gemahlin“, sagte jüngst der Tenor Roberto Alagna in einem Interview.3 Womit er nicht nur auf die Trennung der Stimme vom Körper hinwies, sondern auch den Status der Stimme als Objekt des Begehrens anzeigte.

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