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Der Aufruf «An die Kulturwelt!»

Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg- 2., erweiterte Auflage mit einem Beitrag von Trude Maurer

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Jürgen von Ungern-Sternberg and Wolfgang von Ungern-Sternberg

Am 4. Oktober 1914 wurde der von 93 führenden Repräsentanten der deutschen Kunst und Wissenschaft unterzeichnete Aufruf «An die Kulturwelt!» veröffentlicht. Er ist sogleich ein Schlüsseldokument geworden, das bis heute jede Untersuchung des «Kriegs der Geister» im Ersten Weltkrieg entscheidend mit prägt. Diese Studie erhellt in einem ersten Teil ebenso seine Entstehung wie die Motive seiner Verfasser und behandelt dann die spätere Auseinandersetzung mit ihm im In- und Ausland während des Krieges und unmittelbar danach. In einem zweiten Teil wird neues Licht auf die Organisation der deutschen Propaganda im Herbst 1914 geworfen. Die ergänzte Neuauflage wird durch die Darstellung der Rezeption des Aufrufs in Russland durch Trude Maurer in einem bisher unbekannten Aspekt wesentlich bereichert.
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IV. Nachtrag

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IV.Nachtrag zur zweiten Auflage

Es ist mittlerweile ein Allgemeinplatz geworden, dass der Erste Weltkrieg als eine ‚Urkatastrophe’ das ‚lange’ 19. Jahrhundert beendet und das immerhin ‚kurze’ 20. Jahrhundert mit seinen Weltkriegen und totalitären Herrschaften eingeleitet habe. Wie im Abstand von nunmehr hundert Jahren noch deutlicher wird, hatte diese Katastrophe jenseits der unmittelbaren Leiden von Soldaten und Zivilbevölkerung viele Aspekte, sie bedeutete aber vor allem den Zusammenbruch einer zuvor gut funktionierenden internationalen Offenheit, ja Zusammenarbeit.

Gerade im Hinblick auf den Ausbruch des Weltkriegs neigt die rückschauende Betrachtung häufig allzu sehr dazu, den allenthalben grassierenden Nationalismus, ja Chauvinismus hervorzuheben. Fraglos waren diese Kräfte unheilvoll am Werk, es sollte dabei aber nicht übersehen werden, in welchem Maße gleichzeitig auch guter Wille und das Streben nach Verständigung und Zusammenarbeit jenseits der nationalen Grenzen vorhanden war. Symbolisch kann dafür der Friedenskongress der Zweiten Sozialistischen Internationale im November 1912 in Basel stehen, der sich einer schon manifesten Kriegsgefahr entgegenstellte.1 Ebenso ließen sich aber auch Freundschaft und Kooperation von vielen Wissenschaftlern, Literaten und Künstlern aufzählen.

Um so erschütternder ist der Zusammenbruch von alledem, der sich schon in den wenigen Tagen der Kriegserklärungen zwischen dem 1. und dem 4. August 1914 vollzog. Die Leichtigkeit, mit der an die Stelle persönlicher Bekanntschaft und sogar Zuneigung wechselseitig stereotype Feindbilder traten, ist ebenso frappierend wie die Tatsache, dass nur ganz Wenige sich dem entziehen konnten. Gleichzeitig aber stellt sich die bange...

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