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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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XI Gefühlsverlassene Innerlichkeit: Webern und andere Expressionisten

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XI

Gefühlsverlassene Innerlichkeit Webern und andere Expressionisten

1906 beschloss Anton Webern (1883-1945) sein Tagebuch mit folgender Sentenz: „Durch unsere große, tiefe Liebe werden wir zu vollkommenen Menschen werden, die nur ihrer Innerlichkeit leben u. ihre Seelen hüten u. pflegen“250. Viele Jahre danach, frühestens 1940, las er die Hölderlin-Monographie von Kurt Hildebrandt; denkwürdig war ihm besonders eine Passage, die er auf der vorderen Umschlagseite mit dem Stichwort „Übermaß der Innigkeit“ und der entsprechenden Seitenzahl festhielt. Es ist ein Zitat aus Hölderlins Grund zum Empedokles, das Hildebrandt wie folgt kommentiert: „Indem Empedokles das Ziel alles Werdens der Welt erfülle, das All im Individuum darstelle, gleite er zugleich in das Unmögliche, denn in solchem Augenblick würde das All-Ganze sich im Individuum verlieren, das Leben der Welt in dieser Einzelheit absterben. Das Schicksal der Welt kann sich, wohin doch das titanische Wesen der Monade notwendig strebt, ‚niemals sichtbar und individuell auflösen‘. Der Heros und Übermensch kann nicht das All-Ganze selbst werden“251.

Zur Rechtfertigung und zum Verständnis dieses Paradigmenwechsels macht sich Webern „klassische“ Erklärungsmodelle zu eigen, wobei er sich eben auf Hölderlin, nicht selten aber auch auf Goethe beruft. Dessen poetologischer Dreischritt von der „einfachen Nachahmung der Natur“ über die „Manier“ zum „Styl“ mag uns dabei helfen, Weberns Entwicklung begrifflich zu fassen und zu begreifen. „Wie die einfache Nachahmung auf dem ruhigen Dasein und einer liebevollen Gegenwart beruhet, die Manier...

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