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«Seiner Leidenschaften Meister sein» - «In control of the passions»

Zur Reflexion des Gefühls im Musikdenken - Emotion as reflected in musical thinking

Joachim Noller

Was heißt es, wenn Carl Philipp Emanuel Bach vom ausführenden Musiker fordert, er müsse selbst gerührt sein, bevor er seine Zuhörer in Rührung versetzen könne? Der Autor schreibt über die Idee der Emotion, über ihre Rolle im Szenario sogenannter Musikanschauung (von ca. 1750 bis heute). Von Interesse ist dabei weniger die Gefühlshaltigkeit der Musik selbst, als vielmehr die Art, wie das Musikdenken dieselbe be- und verhandelt; nicht Emotionen in tatsächlicher Wirkung, sondern wie sie, als Denkfigur, in musikalischen Zusammenhängen theoretisch bewältigt werden.
What does it mean when Carl Philipp Emanuel Bach demands that a performing musician must himself be moved before he can move his listeners? The author writes about the idea of emotions and their role in the scenario of what is called music appreciation (from about 1750 till the present day). His focus is not primarily on the emotional content of music as such, but rather the way in which it is treated in thinking about music; not on the actual impact of emotions, but the way in which they have been thought about in a musical context, as concepts around which a theoretical discourse crystallizes.
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XIV Katharsis

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XIV

Katharsis

Der Chefredakteur einer deutschen Boulevardzeitung hat sein journalistisches Ziel mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht: es gehe um Verstärkung des Gefühls, man könnte hinzufügen: des Volksempfindens (und der Begriff ist so fragwürdig wie die Aussage selbst). Von den Kritikern werden Methoden dieser Art von Journalismus jedoch ganz anders beschrieben: nicht der Verstärkung, sondern der Manipulation von Emotionen gelte das Bemühen. Wo Gefühle sind, da lauern Gefahren.

Auch manches Kunstwerk zielt auf Verstärkung des Gefühls. Wenn man jedoch Poetologien hinsichtlich der Funktion affektiver Darstellung und Wirkung untersucht, mag die Hypothese angebracht sein, dass niemals die bloße Exposition angestrebt wird; Affekte sollen nicht wertneutral zur Geltung kommen, sondern in klarem Bezug zu ethischen Normen und/oder weltanschaulichen Strukturen. Stets werden positive und negative Aspekte des Gefühlslebens voneinander unterschieden, was in logischer Konsequenz einen Filtrierungsprozess zur Folge hat, verbunden mit einer Modifikation der Affekte, so dass man sagen kann: der ethische Anspruch selbst verlangt nach einer „Affektmanipulation“, welchselbige vor allem dann moralisch abzugleiten droht (siehe der Boulevardjournalismus), wenn der manipulatorische Umgang mit Affekten bestritten und damit auch die ethische Verantwortung ignoriert wird.

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